kollektion und distribution

Das Arsenal – Institut für Film und Videokunst pflegt eine Sammlung mit 8.000 Filmen, 2.000 Titel stehen für den Verleih zur Verfügung. Bis zu 15 neue Spiel- und Dokumentarffilme finden jährlich bundesweit den Weg in die Kinos. Weitere 15 Langfilme sowie rund 60 Experimentalfilme, Videoarbeiten und Installationen werden jedes Jahr neu aufgenommen, die bei Festivals, in kuratierten Programmen und Ausstellungen ihren Platz finden.

Entstehung: Vom Festival ins Kino

Die Sammlung hat sich seit 1963 parallel zu den Aktivitäten der Kinoaufführungen entwickelt. Es begann damit, dass ein Mitarbeiter Lionel Rogosins, Jimmy Vaughan aus London, eines Tages seinen Film COME BACK AFRICA (1958) – einen Klassiker über die Apartheid-Politik in Südafrika – bei den "Freunden" deponierte mit dem Wunsch: "Bitte tut etwas für den Film!"

In den späten 60er Jahren fanden vor allem die Kurzfilme lateinamerikanischer Filmemacher, aber auch z.B. Fernando Solanas' Filmtrilogie LA HORA DE LOS HORNOS (DIE STUNDE DER HOCHÖFEN, Argentinien 1968) Eingang in die Sammlung und damit Schutz vor den damaligen Diktaturen in Argentinien und Chile.
Als 1971 erstmals das Internationale Forum des Jungen Films stattfand, machten es sich die Organisatoren zur Hauptaufgabe, die Filme nicht nur für ein zehntägiges Ereignis heranzuschaffen, sondern die ausgewählten, meist untertitelten Filme in Deutschland zu behalten und sie nach Möglichkeit der gewerblichen und nichtgewerblichen Filmarbeit zur Verfügung zu stellen.

Der Filmstock vermehrte sich jährlich um ca. 30–40 Forums-Filme von zunächst noch unbekannten FilmemacherInnen. Jahrelang beherrschten manche dieser Filme die Programme der Kommunalen und Off-Kinos, so z.B. Herbert Bibermans SALT OF THE EARTH, die Filme von Derek Jarman, Ulrike Ottinger, Theo Angelopoulos, Manoel de Oliveira, Andrej Tarkowskij, Nagisa Oshima, Park Kwang-Su, Jonas Mekas, Mrinal Sen, Mani Kaul, Hou Hsiao-Hsien, Ousmane Sembène, Alexander Sokurow – die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen.
Jacques Rivettes Mammutfilm OUT1 – SPECTRE oder die Dokumentarfilmepen SHOAH von Claude Lanzmann, MANUFACTURING CONSENT von Peter Wintonick und Mike Achbar, Filme von Marcel Ophuls, Frederick Wiseman, Robert Kramer, Yvonne Rainer, Raymond Depardon wurden durch die Arbeit der "Freunde" zu Klassikern eines "anderen Kinos".
Noch heute ist die Auswahl des Forums ein nicht geringer Teil des Distributionsangebots, so z.B. die Filme von Guy Maddin, Philip Scheffner oder James Benning. Seit 2008 geht die Arbeit des Verleihs noch einen Schritt weiter: Für jede Kinoauswertung wird ein Verleihkonzept entworfen, das noch stärker als bisher auf einzelne Filme, Vermittlungswege und unterschiedliche Präsentationsorte eingeht.

Seit 2011 vergibt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Rahmen der Berlinale einen Preis, der eine besondere Kinoauswertung beinhaltet. Das Arsenal ist damit betreut, diese in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für Politische Bildung durchzuführen. Bestandteil des Projekts ist die Zusammenarbeit mit bis zu 25 Spielstätten, die ein lokal verortetes Vermittlungsprogramm für den Preisträgerfilm umsetzen.

Experimentalfilm und Videokunst

Bereits in den 70er und 80er Jahren entwickelte sich durch die Arbeit des Forums und durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) eine enge Verbindung zum New American Cinema und damit zu Vertretern des Underground- und Avantgardefilms.
Insbesondere der 1994 verstorbene Arsenal-Mitarbeiter Alf Bold war am Aufbau eines umfassendes Netzwerkes beteiligt, indem er begann, mit Sachspenden zahlreicher Filmemacher eine Experimentalfilmsammlung aufzubauen, die Werke nahezu aller bekannten Vertreter wie Bruce Conner, Michael Snow, Hollis Frampton, Su Friedrich, Joyce Wieland, Ken Jacobs, Kenneth Anger, Jonas Mekas, aber auch unbekannte Juwelen enthielt.
Nach seinem Tod im Jahre 1994 hinterließ Bold der Institution einen Experimentalfilmfonds, mit dessen Hilfe diese Arbeit fortgeführt und kontinuierlich ausgebaut werden konnte: Im Jahre 2003 erhielt das Arsenal – Institut für Film und Videokunst den Innovationspreis des BKM für sein Distributionskonzept für Experimentalfilm und Videokunst, das nicht nur Verleihangebote für Kinos, sondern auch für Ausstellungen und andere mediale und kulturelle Kontexte beinhaltet.
Eine jüngere Generation von FilmemacherInnen und KünstlerInnen findet hier ihren Platz zwischen Filmclub, Microcinema, Galerie und Museum, darunter Matthias Müller, Sharon Lockhart, Ayse Erkman, Florian Zeyfang, Angela Melitopoulos, Harun Farocki. Seit 2006 kommen zahlreiche Arbeiten im Bereich Experimentalfilm- und Videokunst aus dem Berlinale-Programm Forum Expanded.

Living Archive

Fast 50 Jahre nach seiner Gründung hat der Verein Arsenal – Institut für Film und Videokunst nicht nur eine umfassende Filmsammlung vorzuweisen. Er ist damit auch sein eigenes Archiv geworden: Im Gegensatz zu anderen Filmarchiven wurde hier niemals ein Sammlungsauftrag beschlossen, den der Verein anhand definierter Kriterien durchzuführen hatte. Stattdessen wuchs das Archiv aus seiner eigenen kuratorischen und vermittelnden Praxis heraus.
Dazu zählte nicht nur die unmittelbare Programmarbeit, sondern auch das Zusammenspiel aus internationaler Vernetzung und der Verantwortung, die sich daraus ergab: So erwarben Erika und Ulrich Gregor nach dem Mauerfall Teile der filmischen Bestände der Sowjetischen Armee, die sonst vernichtet worden wären. Die Institution rettete eine Privatsammlung mit Hollywoodklassikern im 16mm-Format, die jahrelang die Programme der Kommunalen Kinos in Deutschland füllten und somit ganze Kinogenerationen filmisch sozialisierten.
In den 80er Jahren wurden durch die Arbeit des Forums und des Kino Arsenal über 100 afrikanische Filme für das hiesige Publikum erschlossen, in den 90er Jahren standen das Filmland Indien und das Hongkongkino im Vordergrund.
Dem Arsenal nahestehende FilmemacherInnen übergaben ihre Gesamtwerke, darunter Heinz Emigholz, Birgit Hein, Ulrike Ottinger, Helma Sanders-Brahms. 2008 überließ die Plaster Foundation – Nachlassverwalterin der queeren Undergroundikone Jack Smith – dem Arsenal dessen vollständigen filmischen Nachlass.

Vor dem Hintergrund der lebendigen Geschichte einer Berliner Institution spiegelt die Sammlung des Arsenal einen Blick in die Welt, der sich unaufhörlich im Wandel befindet. Seit 2011 widmet sich das Arsenal deshalb durch eine Reihe von Maßnahmen verstärkt der Aufarbeitung des Archivs. Ein erster Schritt war die Veröffentlichung einer Online-Datenbank.

In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut werden jährlich zwei dreimonatige Stipendien an internationale Kuratorinnen und Kuratoren vergeben, die ausgehend von den Beständen des Archivs Projekte entwickeln. Notwendige Restaurierungen und Digitalisierungen, die dabei festgestellt werden, werden nach Möglichkeit durchgeführt. Dies dient einerseits der Realisierung der Projekte, sichert gleichzeitig aber auch den Fortbestand des Archivs.

Das gleiche Prinzip liegt dem Projekt "Living Archive – Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis der Gegenwart" zugrunde, an dem ab der 2. Jahreshälfte 2011 rund 30 KünstlerInnen und KuratorInnen mitwirken werden. Sie werden geschult und bei der Durchführung ihrer Projekte von Archivaren betreut. In regelmäßig stattfindenden Kolloquien tauschen sie sich aus. Ihre Arbeitsergebnisse werden 2013 der Öffentlichkeit vorgestellt.