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Kurze Geschichte der "Freunde der Deutschen Kinemathek" und des Kinos "Arsenal"


Ein Kino für öffentliche Vorführungen zu betreiben, gehört zu den unverzichtbaren Aufgaben eines Filmarchivs. Zwar gibt es einen alten und niemals endenden Streit unter Filmarchivaren, was wichtiger sei, Filme zu konservieren oder sie zu zeigen, jedoch wird niemand im Ernst bestreiten, daß die Organisation von regelmäßig stattfindenden Filmvorführungen auch zu den wesentlichen Zielen einer Kinemathek gehört. Einige Filmarchive, so die Pariser Cinémathèque Française, haben sogar über lange Jahre durch ihre Zyklen und Retrospektiven die Filmkultur ihres Landes beeinflußt.

Aus der Erkenntnis der Wichtigkeit von Vorführungen historischer Filme wurden 1963 die "Freunde der Deutschen Kinemathek" gegründet. Sie stellten sich zur Aufgabe, die Bestände der im gleichen Jahr gegründeten "Deutschen Kinemathek", die zunächst über sehr wenig Personal verfügte, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ab Mai 1963 haben die "Freunde" zunächst in der Berliner "Akademie der Künste" regelmäßig Filme gezeigt. Dabei gingen sie von einem zentralen Gedanken aus: der Kombination von Altem und Neuen. Bereits das erste Programm stellte neue deutsche Kurzfilme der "Oberhausener Schule" neben einen Klassiker des Expressionismus, Paul Lenis "Wachsfigurenkabinett". In der Folgezeit präsentierten die Freunde wichtige Klassiker des deutschen, europäischen und amerikanischen Films, die aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden waren, daneben aber auch neue Filme aus den Ländern Osteuropas (Polen, UdSSR, DDR), neue Stile und Genres, so Filme des "New American Cinema" und des "Anderen Kinos". Auch wichtige alte und neue Filme aus den Ländern der Dritten Welt wurden gezeigt.

In den sechziger Jahren, der Anfangszeit der "Freunde", befand sich die Kinokultur in Deutschland noch in einer Art Dämmerschlaf. Zwar gab es die Filmkunsttheater klassischen Typs, aber die sich herausbildenden neuen Filmgenres und neuen utopischen Filmentwürfe aus allen Teilen der Welt hatten noch keinen Ort im Bereich des Kinos gefunden - erst in den siebziger Jahren entwickelten sich neue Kinomodelle wie die Programmkinos oder die Kommunalen Kinos.

Auf die Dauer bot die Akademie der Künste in Berlin für Filmvorführungen nicht genügend Möglichkeiten, so daß die "Freunde" im Januar 1970 ihr eigenes Kino eröffneten, das "Arsenal", wo im täglichen Wechsel ein aus vielen Filmen bestehendes Programm völlig neuer Konzeption gezeigt wurde. Die Programmarbeit der Freunde im Arsenal setzte zwar die Prinzipien ihrer bisherigen Tätigkeit fort, konnte sich nun aber erweitern und eine größere Vielfalt der Themen und Titel herstellen. Das Programm orientierte sich einerseits an Vorbildern wie der Cinémathèque Franšaise in Paris, der Cinémathèque Royale de Belgique in Brüssel oder dem National Film Theatre in London, hatte aber auch immer einen hohen Anteil an zeitgenössischen Filmen, schwierigen und experimentellen Filmgenres. Der Name "Arsenal" wurde gewählt als Hommage an den gleichnamigen sowjetischen Stummfilm von Alexander Dowshenko, aber auch als Hinweis auf den Gebrauch des Kinos zur Aufklärung und Veränderung der Gesellschaft, wie er um 1970 viele Filmemacher inspirierte.

Seither ist das "Arsenal" seinen Weg gegangen und existiert als ein lebendiges Zentrum der Filmkultur, wo regelmäßig Stummfilme gezeigt werden, Retrospektiven, Filme einzelner Länder oder thematisch bestimmte Filmreihen. Häufig organisieren die "Freunde" auch begleitende Filmprogramme zu großen Ausstellungen wie "Jüdische Lebenswelten", "Amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts", "Japan und Europa" oder "Moskau-Berlin/Berlin-Moskau", wobei die Filmvorführungen teilweise im Kinosaal des Ausstellungszentrums "Martin-Gropius-Bau" stattfinden. Das Arsenal bleibt aber weiterhin das Zentrum der Arbeit. Seit 1971 ist auch ein Filmverleih zu den Aktivitäten der "Freunde" hinzugekommen sowie die Organisation des "Internationalen Forums des Jungen Films" als unabhängiger Teil der Berliner Filmfestspiele.

Auch im Zeitalter des ▄berangebots von Fernsehkanälen und der ständigen Verfügbarkeit von Filmen in Form von Videokassetten ist das Kinemathek-Kino "Arsenal" ein Ort, der seine Funktion hat und den es zu erhalten gilt, gerade auch im Hinblick auf den kürzlich vollzogenen Ortswechsel zum Potsdamer Platz und das Zusammenziehen mit dem Filmmuseum Berlin (Stiftung Deutsche Kinemathek) sowie der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin unter ein gemeinsames Dach. Denn filmkulturelle Arbeit ist weiterhin zu leisten. Nicht nur die Klassiker der Vergangenheit, das kinematographische Erbe ist durch Vorführungen präsent zu halten und in immer neuem Licht zu zeigen. Die Geschichte des Films muß fortlaufend neu geschrieben werden. Es gibt neue Bewertungen, neue Erkenntnise und Perspektiven, die auch durch Vorführungen und Programme zu belegen sind. Neue Epochen und Trends treten ins Blickfeld, die Geschichte setzt sich fort und formiert sich neu. Vor allem aber kommt es darauf an, die Institution "Kino" am Leben zu erhalten, das Bewußtsein dafür zu schärfen, daß Filme nur in der Projektion auf der Leinwand richtig gesehen und erlebt werden. Daß die großen Klassiker, die Werke des Stummfilms erst dann ihre Wirkung entfalten, wenn sie im richtigen Bildformat, in der korrekten Geschwindigkeit und in einer guten Kopie gezeigt werden. Ein Kinemathek-Kino muß auch ein Ort sozialer Begegnung sein, wo Menschen sich treffen und über das Gesehene diskutieren können, wo Filme, wenn nötig, mit Einführungen versehen werden. Für alles dies gibt es auch in der Zukunft ein Bedürfnis. Die bisheriegen Möglichkeiten im "Arsenal" im alten Domizil der Welserstraße waren aufgrund von Lage und Gegebenheiten des Kinos sehr begrenzt. Deshalb betrachten die "Freunde" die Neueröffnung im Filmhaus am Potsdamer Platz als eine Herausforderung zu neuem Nachdenken und neuen Erfindungen, als eine Quelle neuer Möglichkeiten und Funktionen. (Juli 2000)


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