Kino Arsenal
Texte zum Monatsprogramm
September 1998

 

Die Filme von Rudolf Thome
Great Britain: The Next Generation
A.L. Kennedy zu Gast im Arsenal
Thomas Bernhard und der Film
Buchpräsentation: Blade Runner
FilmDokument: Die letzten Segelschiffe
Baustop.randstadt,-
1973-1998: 25 Jahre Putsch in Chile
Cinema! Italienische Filme auf Tour
Die Aran-Inseln - Ein Filmmythos
Ute Aurand stellt vor: OH! die 4 Jahreszeiten & TERZEN
Buddy Giovinazzo (USA): Lesung und Film

 


Die Filme von Rudolf Thome
 
Im September zeigen die Freunde der Deutschen Kinemathek im Arsenal eine vollständige Retrospektive der Filme von Rudolf Thome. Anlaß ist die Premiere zweier neuer Filme von Thome, die in diesem Jahr - fast gleichzeitig - neu entstanden.

Rudolf Thome ist ein wahrhaft einzigartiges Phänomen der deutschen und Berliner Filmlandschaft. Seine kreative Energie ist in den drei oder vier Schaffensperioden, die er bisher durchgemacht hat, von der frühen münchner Zeit über seine 16 mm-Filme und dokumentarischen Arbeiten bis hin zu seinen heutigen Werken nie erlahmt.

Charakteristisch für Thome ist seine Freude am Erzählen und am eigenwilligen Umgang mit Schauspielern, sein Teamgeist, der sich in den Filmen spiegelt, sein Blick für die Realität, für Landschaften und Architektur, aber auch für die menschlichen Beziehungen, die sich entwickeln wie in einem Kristall oder unter dem Vergrößerungsglas nach den Regeln des Zufalls, des Spiels oder des Experiments. In Thomes Filmen spielt die Spontaneität der Regie und Schauspielerführung eine große Rolle und erklärt das besondere Vergnügen, das diese Filme den Zuschauern bereiten.

Vor allem imponiert an Thome, daß er nicht über die Zustände im deutschen Film lamentiert, sondern sich immer wieder an die Arbeit macht, aus eigener Kraft, und mit den vorhandenen Mitteln Filme realisiert, die gleichwohl Zuschauer mobilisieren und Begeisterung oder manchmal Irritation auslösen, aber niemals indifferent lassen.

Rudolf Thome ist auf besondere Weise mit dem Arsenal und den Freunden der Deutschen Kinemathek verbunden und wir freuen uns über die Gelegenheit, sein gesamtes Oeuvre im Überblick zeigen zu können. Wir wünschen dabei den Zuschauern viele Entdeckungen, Überraschungen und aufregende Begegnungen mit Bekanntem und Unbekanntem.

Wir eröffnen die Retrospektive mit Rudolf Thomes neuestem Film JUST MARRIED über den Off-Kinomacher Friedrich Bär, der Frangipani, die Tochter eines etablierten Berliner Kinobesitzers heiratet und damit zum Kinokönig der Stadt wird. Doch bereits die Hochzeitsreise nach Italien wird eine Katastrophe. Nach einem Jahr Ehe und der Geburt des ersten Kindes scheint die Beziehung auf einem Tiefpunkt angelangt. Im Anschluß an JUST MARRIED läuft der mittellange Dokumentarfilm FILM IS A BATTLEGROUND. RUDOLF THOME DREHT ZWEI FILME (1998) von Petra Seeger. Anders als in den üblichen Drehberichten versucht Petra Seeger den Alltag einer Spielfilmproduktion einzufangen. Nicht die großen Absichtserklärungen des Regisseurs interessieren sie: hautnah tauchen wir ein in den Alltag eines künstlerischen Prozesses. (2.9., In Anwesenheit der Regisseure).

Von Thomes neuestem zu seinem Debütfilm: DETEKTIVE (1968) über Andy und Sebastian, die pleite sind und ein Detektivbüro eröffnen, um bequem an Geld zu kommen. "Wichtig an diesem Abenteuer ist nicht so sehr die Geschichte, sie ist nur ein Weg, der zu überraschenden Abenteuern des Sehens führt. Nicht was diese Geschichte bedeutet, zählt, sondern was sie zeigt und vermittelt. Thomes Film ist vor allem ein Film, in dem Menschen, Gesten, Handlungen, Worte, Licht und Bewegungen für sich selbst zu entdecken sind." (Siegfried Schober) DETEKTIVE läuft gemeinsam mit Thomes erstem Kurzfilm DIE VERSÖHNUNG (1964), der vier alltägliche Geschehnisse beschreibt: Den Gang zum Zeitungskiosk, das Frühstück, das Oktoberfest und die Rückkehr nach Hause. (3.9.)

ROTE SONNE (1970) wurde spätestens bei seinem Zweitstart 1994 der ihm gebührende Erfolg zuteil. Der Film über Peggy, Christine, Sylvie und Isolde, die mit keinem Mann länger als fünf Tage leben, dann muß er sterben, fand bei der FBW zur Uraufführung keine Zustimmung: "Weder das Thema der Emanzipation der Frau ist ernstlich in Angriff genommen, noch läßt sich eine Spur vom gesellschaftlichen Hintergrund erkennen." Der Film läuft zusammen mit JANE ERSCHIESST JOHN, WEIL ER SIE MIT ANN BETRÜGT (1967). (4.9.)

Die männliche Hauptrolle in ROTE SONNE spielte Marquard Bohm; er wurde dafür oft mit Jean Paul Belmondo verglichen. Auch in SUPERGIRL (1971) ist er wieder zu sehen, diesmal neben Iris Berben. Iris Berben spielt das 'Supergirl', eine geheimnisvolle junge Frau, die die Welt vor zukünftigen Gefahren warnen will, die aus dem Weltall drohen. In Marquard Bohm als Schriftsteller Evers findet sie zeitweilig einen Freund und Begleiter, bevor sie genauso spurlos verschwindet, wie sie gekommen ist. "SUPERGIRL ist einer jener seltenen Filme, die sich Zeit nehmen fürs Banale, für das scheinbar Unwichtige, Nebensächliche. Er bringt Elemente ins Spiel, die nicht in erster Linie auf Verstehen, auf 'Lesen' zielen, sondern auf Erleben und Erfahren, auf die Ebenen, die unterbewußt weiterwirken." (Norbert Grob) Im Vorprogramm zu SUPERGIRL zeigen wir GALAXIS, der zu einer Zeit spielt, in der Frauen mit Hilfe eines Computers die Männer unter sich aufteilen (7.9.)

Weniger vorprogrammiert verläuft die Beziehung zwischen Liesel und Karl in MADE IN GERMANY UND USA (1974). Karl fühlt sich von Liesel betrogen, weil sie keine Zeit für ihn hat. Er verläßt sie, reist nach New York, sie reist hinterher. Erst in Amerika scheinen sie sich wieder näherzukommen. "Thome bricht rigoros, aber nie spekulativ, mit allen Konventionen des traditionellen Kinos, um seine minuziöse Studie einer gescheiterten Ehe unmittelbar einsehbar zu machen. Dieser Film zeigt den Konflikt und die Ohnmacht seiner Figuren wie offene Wunden und streut nicht zuletzt Salz in die Wunden, die man selber hat." (S. Schober) (10.9.)

Thomes erste Verfilmung von Goethes 'Wahlverwandtschaften' entstand 1975. TAGEBUCH kreist wie die Romanvorlage um vier Personen. Im Film sind es der Gelegenheitsarbeiter Eduard, der mit der Journalistin Charlotte zusammenlebt, das Universalgenie Otto und Ottilie, die beide zu ihnen ziehen. "Ich habe eigentlich nur die Idee übernommen, die in dem Wort 'Wahlverwandtschaften' steckt; es ist ja ein Begriff aus der Chemie von damals, der heute Affinität heißt. Wenn man zwei chemische Verbindungen zusammenbringt, ergeben sich daraus zwei neue: diese Idee hat mich schon immer fasziniert." (Rudolf Thome) (11.9.)

Nach einer Idee von Rudolf Thome und einem Drehbuch von Max Zihlmann entstand FREMDE STADT (1972), in dessen Mittelpunkt Philipp Kramer steht, der in Düsseldorf eine Bank überfallen hat und mit zwei Millionen im Koffer zu seiner Ex-Frau nach München fährt. Es wäre kein Thome-Film, wenn das Geld damit gerettet wäre. "Rudolf Thome kann diese Geschichte erzählen, einfach, gerade, unprätentiös, wie Hawks oder Walsh. Ein Gebrauchsfilm im Brechtschen Sinne, ein Hollywood-Bildband im handlichen Taschenformat, schwarzweiß, Cinemascope immerhin." (Wolfgang Limmer) (13.9.)

Um einen Millionencoup geht es auch in SYSTEM OHNE SCHATTEN (1983). Vereint durch ihre Liebe zum Spiel schmieden ein Computerfachmann, ein Dealer und eine Schauspielerin einen Plan: Mithilfe eines eingeschmuggelten Programmfehlers sollen einige Millionen einer Bank auf ein Schweizer Konto geleitet werden. Doch der nächtliche Überfall auf die Bank, um den Stromkreislauf lahmzulegen, geht schief. Thomes Erzählen ist "bewußt fragmentarisch, beiläufig, knapp; es gibt dem Zuschauer und -hörer die Mittel in die Hand, sich selbst ins Erzählen einzumischen, einer Liebesgeschichte zu folgen, in einen Thriller einzubiegen, an einem Melodram vorbeizukommen, eine Suspensestory zu ahnen". (Wolfram Schütte) (14.9.)

Rudolf Thomes langgehegtes Südsee-Projekt wurde 1977 endlich Realität. Zusammen mit Cynthia Beatt drehte er BESCHREIBUNG EINER INSEL. Der Dokumentarfilm mit Spielfilmszenen oder Spielfilm mit Dokumentarfilmszenen handelt von einer Gruppe Mitteleuropäer, die ein halbes Jahr auf Ureparapara (Neue Hebriden) leben. Sie beschäftigen sich mit der Natur und erforschen die Riten und Gebräuche der Eingeborenen. Zugleich beschäftigt sich die Gruppe - herausgefordert durch die fremde Kultur - mit sich selbst, mit ihren Schwierigkeiten angesichts einer völlig veränderten Lebensweise. So wird der Film mehr zu einem Dokument der Fremdheit als des Verstehens. (15.9.)

'Beschreibung einer Liebe', titelte ein Journalist in seinem Artikel zu BERLIN CHAMISSOPLATZ (1980). Thome erzählt hier die Geschichte von Anna und Martin. Er ist Architekt und mit der Sanierung ausgerecht des Hauses beauftragt, welches sie als Mitglied einer Mietergruppe, die sich gegen die Sanierung wehrt, vertritt. Trotz entgegengesetzter Interessen, unterschiedlicher Herkunft und vor allem trotz des Altersunterschied von zwanzig Jahren verlieben sich die beiden ineinander. Der Film läuft zusammen mit HAST DU LUST, MIT MIR EINEN KAFFEE ZU TRINKEN? (1980) (16.9.)

Ein weiteres Mal ließ sich Thome von Goethes 'Wahlverwandtschaften' inspirieren und drehte TAROT (1986). Diesmal war der Drehort nicht eine Fabriketage in Berlin , sondern ein Bauernhaus im Chiemgau, wo sich Hanns Zischler, Vera Tschechowa, Rüdiger Vogler und Katharina Böhm vorerst friedlich zusammenfinden. Doch dann wird mit einem Tarotspiel das Schicksal herausgefordert. (17.9.)

DAS MIKROSKOP (1988) ist der erste Teil einer Trilogie moderner Liebesgeschichten bzw. Zustandsbeschreibungen der aktuellen Formen der Geschlechterbeziehungen. Franz und Maria sind fest überzeugt, nicht zusammenzupassen, da er ihren Wunsch nach einer Familie nicht teilt. Durch einen Unfall ans Haus gebunden, kann er sich seinem neuen Hobby widmen: der Mikroskopie und der Untersuchung von Mikrostrukturen. Die Beschäftigung mit den Anfängen des Seins gibt ihm einen neuen Blick auf das Leben. "Die Kamera und das Mikroskop sind identisch. Nur Filme, die versuchen, das nicht-Sichtbare zu zeigen, sind wirklich aufregend." (Rudolf Thome) (18.9.)

Zweiter Teil der 'Trilogie der Liebe' ist DER PHILOSOPH (1988) über Georg Hermes (30), der bisher ein eremitenhaftes Leben geführt hat. In einer Herrenboutique trifft er drei junge Frauen, die seinem zurückgezogenen weltfremden Dasein vorerst ein Ende machen. Vor der PHILOSOPH läuft STELLA (1966), Thomes erster Film in Originalton. (19.9.)

Mit SIEBEN FRAUEN (1989) beendet Thome seine Trilogie 'Formen der Liebe'. Hans Hummel kommt nach langer Abwesenheit in das Haus seines Vaters, das er nach dessen Tod geerbt hat. Im Nebenhaus wohnen sieben Frauen (Großmutter, Mutter und fünf Töchter), die sich bereits um den Vater gekümmert haben und jetzt auch den jungen Mann in ihre Familie aufnehmen. Die Folgen für Hummels Liebesleben bleiben nicht aus. Vor SIEBEN FRAUEN zeigen wir ZWEI BILDER (1984) mit Petra Seeger und Rüdiger Vogler. (21.9.)

Thomes erster Film nach der Wende, LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK (1991), widmet sich einer deutsch-deutschen Liebesgeschichte. Zenon Bloch aus Klein-Machnow, der sich nach dem Tod seiner Frau allein um seine beiden Kindern kümmern muß, und Elsa, eine Futurologin aus Berlin-Zehlendorf verlieben sich auf einem Spielplatz ineinander. Doch dann beginnen die Turbulenzen. "Mit dem Wissen vom Wandel aller Dinge gibt es am Ende von Thomes schönem kleinen Film über eine Liebe in Deutschland einen fast weihnachtlichen Ausblick auf ein Zusammensein. Liebe auf den ersten Blick, das ist auch ein Programm für die letzten Jahre des 20. Jahrhunderts." (Hanns Schifferle) (22.9.)

Rudolf Thomes Faszination für Murnaus Südseefilm Tabu ist in vielen seiner Filme zu erkennen, so auch in die DIE SONNENGÖTTIN (1992). Richard Todd, New Yorker Filmkritiker, reist nach Deutschland, um ein Buch über Murnau zu schreiben. Hier lernt er die junge Malerin Martha kennen, die starke Ähnlichkeit mit einer Statue an Murnaus Grab hat. Durch ihre Identifikation mit der Statue bekommt der Film eine faszinierende mythische Dimension. (23.9.)

Wir schließen die Retrospektive mit Thomes Beziehungskomödie DAS GEHEIMNIS (1995) ab. Karlheinz kehrt von einem Urlaub in Spanien zurück, um in seiner Wohnung, die er mit Lydia bewohnt, Sarah anzutreffen, die seinen Platz eingenommen zu haben scheint. Zusammen mit Walter, einer Neuentdeckung von Lydia, fahren die drei aufs Land. "Thome ist ein kleines Kunststück gelungen. Er gestaltet eine Handlung, die an Woody Allens Mittsommernachtssexkomödie erinnert, mit der warmherzigen Leichtigkeit des französischen Kinos." (Michael Allmaier) (25.9.)

Wir danken Rudolf Thome für seine Unterstützung.


 
 
Great Britain: The Next Generation
 
Die Berliner Festwochen widmen sich in diesem Jahr der jungen Künstlergeneration in Großbritannien, die vor allem im Bereich des Theaters von sich reden macht. Doch nicht nur das britische Theater erfuhr einen neuen Aufschwung, auch auf dem Gebiet des Films gab es bekanntlich seit Anfang der neunziger Jahre in England eine Renaissance. Neben den etablierten Regisseuren des britischen Kinos wie Richard Attenborough, Nicolas Roeg, Ken Loach und Mike Leigh haben sich in den letzten Jahren verstärkt auch junge Regisseure wie Shane Meadows (24/7), Danny Boyle (Trainspotting), Carine Adler (Under the Skin), Mark Hermann (Brassed Off) und nicht zuletzt Peter Cattaneo (The Full Monty) mit ihren Erstlingswerken einem begeisterten britischen und internationalen Publikum vorgestellt.

Weniger beachtet blieb bisher die interessante Vielfalt im britischen Kurz- und Animationsfilm (jenseits von Wallace and Gromit), die wir in vier Programmen anläßlich der Berliner Festwochen im Arsenal präsentieren wollen. Alle vier Programme wurden von der britischen Filmwissenschaftlerin Jayne Pilling (London) zusammengestellt.

Das erste Programm 'Innovations and Collaborations: Arts Films from the Arts Council/England' besteht fast ausschließlich aus Filmen, die vom Arts Council (Film, Video and Broadcasting Department, Rodney Wilson) und von BBC2 unterstützt wurden. Jeder Film ist ein Gemeinschaftswerk von Filmregisseuren und Künstlern aus anderen Kunstsparten, z.B. Choreographen, Tänzern, Komponisten und Musikern. Drei Filme des Programms stammen nicht von britischen Regisseuren, gehen jedoch auf die Initiative eines der interessantesten Produzenten Englands, Keith Griffith, zurück, der Raul Ruiz, Atom Egoyan und Guy Maddin bat, einen Film über ihr jeweiliges Lieblingsbild zu drehen. Auftakt des Programms ist TOUCHED (1995) von David Hinton. Die Choreographie wurde von Wendy Houston entwickelt, die Musik von Adrian Johnstone komponiert. Atom Egoyan ließ sich für Portrait of Arshile (1995) von Arshile Gorkis Gemälde `Porträt des Künstlers mit seiner Mutter' inspirieren. Hauptdarsteller sind der Regisseur, seine Frau Arsinée Khanjian und sein Sohn. In Wind Water (Raul Ruiz, 1995) kommt es zu einem bizarren, humorvollen Dialog zwischen einem chinesischen Maler und Velázquez' Las Meninas. GIFT (1996) entstand in Zusammenarbeit zwischen Regisseur Mike Stubbs und dem ostdeutschen Komponisten Ulf Langheinrich. Ton und Bild verarbeiten die von Umweltkatastrophen gezeichnete postindustrielle Bitterfelder Landschaft. Auch BLIGHT (1997) von John Smith beschäftigt sich mit schonungslosen Eingriffen in Lebensräume. Auf teils rührende, teils komische Art werden hier die Planierarbeiten für eine Autobahn eingefangen. Wie der Titel schon andeutet, beschäftigt sich Guy Maddin in The Eye Like a Strange Balloon mit Odilon Redons gleichnamiger Zeichnung. Die an Figuren bei Poe erinnernden Charaktere scheinen Redons Zeichnung entsprungen. Zwei weitere in Zusammenarbeit mit Choreographen entstandene Filme sind Outside In (Regie: Margaret Williams, Choreographie: Victorie Marks, Musik: Steve Beresford, 1995) und The Snowball Effect (Regie: Brett Turnbull, Choreographie: Mark Murphy 1997). Elemente der Photographie, des Films und Computertechnologie werden in Peter Collis' Staggerings (1997) miteinander vermischt. Wind of Changes (1996) von Phil Mulloy schließt das Programm ab. Der Film basiert auf Erinnerungen des rumänischen Komponisten Alex Balenescu, dessen Musik den Film untermalt. (12.9.)

Die drei weiteren Kurzfilmprogramme (British Short Films in the Nineties I,II,III) geben einen Überblick über die Entwicklung des britischen Kurzfilms seit Anfang der neunziger Jahre. Gezeigt werden sowohl Filme von mittlerweile bekannten Regisseuren als auch von vielversprechenden Regieneulingen und von Schauspielern wie Gary Oldman. Außerdem laufen Kurzfilme, die auf den Festivals von Clermont Ferrand und Cannes Preise erhielten. Natürlich dürfen in diesen Programmen auch die britischen Animationsfilme nicht fehlen, die in den letzten Jahren durch ihre thematische wie auch ästhetische Vielfalt und durch ihre technische Perfektion beeindruckt haben.

Programm I): Ray Gun Fun (Simon Pumell, 1988); The Short & Curlies (Mike Leigh, 1987); Ah Pook (Philip Hunt, 1995); Flames of Passion (Richard Kwietenowski, 1990); Yellow (Simon Beaufoy/Bille Eltringham, 1996); That Sunday (Dan Zeff); Zinky Boys Go Underground (Paul Tickell, 1994); Spotters (Peter Cattaneo, 1989) (13.9.)

Programm II): Secret Joy of Falling Angels (Simon Pummell, 1991); Skin (Vincent O'Connell); Is It the Design on the Wrapper (Tessa Sheridan, 1996); Stille Nacht: Tales from the Vienna Woods (Brothers Quay, 1992); The Saint Inspector (Mike Booth, 1997); The Fridge (Peter Mullan, 1995); Hello Hello Hello (David Thewliss, 1995); Franz Kafka's It's A Wonderful Life (Peter Capaldi, 1993) (14.9.)

Programm III): Little Sisters (Andy Goddard); Beach Blanket Blues (Caz Gorham, 1997); Many Happy Returns (Marjut Rimminnen, 1996); National Achievement Day (Ben Hopkins 1995); Triangle (Erica Russell, 1995); Treacle (Peter Chesholm, 1992); Tales from the Underground (Tim Rolt, 1997); Gasman (Lynne Ramsay, 1997) (15.9.)

Mit Unterstützung des Arts Council of England und des Bristish Council London und Berlin.


 
 

Great Britain: The Next Generation

A.L. Kennedy zu Gast im Arsenal
 

Ebenfalls im Rahmen der Berliner Festwochen stellen wir am 20. September eine Grenzgängerin der britischen Künstlerszene vor: A.L. Kennedy, Schriftstellerin aus Schottland, veröffentlichte 1993 ihren ersten Roman 'Looking for a Possibe Dance', kurze Zeit später folgte ein Band mit Kurzgeschichten 'Now That You're Back' (1994). Aufgrund des Erfolgs bei Kritik und Lesern wurde A.L. Kennedy bereits 1994 als eine der vielversprechendsten jungen britischen Schriftstellerinnen betrachtet. 'So I am Glad' und 'Original Bliss' sind ihre neusten Werke. Stil und Themen sind so vielfältig wie faszinierend: Geschichten von Serienkillern, Frauen mit telepathischen Kräften, sexuelle Erwartungen und Spannungen jeder Art werden mal surrealistisch, mal realistisch, mal phantastisch und doch nie ausufernd detailliert beschrieben. Eine Kostprobe ihres schriftstellerischen Könnens gibt sie am 20.9. in der Festspielgalerie, wo sie Auszüge aus 'Everything You Need' lesen wird.

A.L. Kennedy ist jedoch nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Drehbuchautorin, zuletzt für Coky Giedroyes STELLA DOES TRICKS (1996). Der Film erzählt die Geschichte der 15jährigen Prostituierten Stella, die versucht, dem Teufelskreis aus Haß, Liebe und Abhängigkeit von ihrem Zuhälter zu entfliehen. Gepeinigt von ihren Erinnerungen an ihre Kindheit an Glasgow, flüchtet sie sich immer öfter in Tagträume und Rachegedanken. Gemeinsam mit ihrem neuen Freund Eddie will Stella mit ihrer Vergangenheit brechen.

Wir freuen uns, A.L. Kennedy zur Vorführung von STELLA DOES TRICKS am 20.9. begrüßen zu dürfen.


 
 
Thomas Bernhard und der Film
 

Anläßlich der im September stattfindenden "Thomas Bernhard Tage" in Berlin - einer Gemeinschaftsveranstaltung der Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik, der Freien Universität und des Literaturhauses Berlin - hat das Arsenal eine kleine Reihe von Filme von und über den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard zusammengestellt.

Wir beginnen mit der Verfilmung eines Drehbuchs von Thomas Bernhard, DER KULTERER, welches er 1973 schrieb. Der Fernsehfilm entstand wenig später unter der Regie von Vojtech Jasny mit Helmut Qualtinger in der Rolle des Kulterers. Jasny: "Das ist eine Filmsinfonie in vier Sätzen, die Bernhards Vorlage musikalisch erweitert. Im 1. Satz entwickelt sich die Spannung, was es bedeutet, ein Häftling zu sein - eine Beschreibung dieser extremen Situation. Im 2. Satz wird geschildert, daß der Kulterer mit diesem seinem Leben zufrieden ist, daß er gar nicht weg will. Der 3. Satz bringt die seelische und geistige Auseinandersetzung des Kulterers mit der neuen Situation, mit seinen Erinnerungen und Vorstellungen, mit seiner Verzweiflung, die ihn in eine Krise treibt. Der 4. Satz ist 'die Erlösung', das pessimistische Finale: seine Entlassung." (5. &.6.9.)

Das nächste Wochende ist ausschließlich der Zusammenarbeit zwischen Thomas Bernhard und dem österreichischen Filmregisseur Ferry Radax gewidmet. Im Zeitraum von 1970-1971entstanden zwei Filmprojekte, das Porträt DREI TAGE. EIN MONOLOG VON THOMAS BERNHARD und DER ITALIENER, ein Spielfilm nach einer Erzählung Bernhards aus 'An der Baumgrenze'. In DREI TAGE äußert sich Bernhard "ausführlich über die Voraussetzungen für seine Arbeit: das Schreiben als Geschwür, das Schreiben als Lust. Widerstand als Bedingung, Einsamkeit, Strenge. Dahinter traumatische Kindheitserinnerungen, Obsessionen. Er vergleicht seine Prosa mit einer dunklen Bühne, auf der die beleuchteten Figuren umso deutlicher in Erscheinung treten." (W. Schaffler) Die Arbeiten an DER ITALIENER gestalteten sich ungleich schwieriger. Laut Radax erschien Bernhard in Abwesenheit des Regisseurs "auf dem Drehort Schloß Wolfsegg in Oberösterreich, verwüstete die Dekoration der Küche und telegraphierte dem WDR Köln: 'Aufnahmen sofort stoppen, Regisseur total unfähig, hat nichts begriffen. Schade um jede Mark, die hier verschwendet wird.' Nun ja, ich habe es verkraftet, den Film mit einigem Widerwillen fertiggestellt und dann im Sender Bernhard, dem Redakteur und dem Produzenten vorgeführt. Nach dem Ende folgte eine lange Pause, bis der Autor auf die Frage, wie ihm der Film nun gefallen habe, sagte: 'Schade um jede Mark, die Radax nicht zur Verfügung hatte.'" (12. & 13.9.)

Wir freuen uns, Ferry Radax am 12.9. im Arsenal begrüßen zu dürfen. (Fortsetzung umseitig)

Es gibt nur ausgesprochen wenige Interviewangebote, auf die sich Thomas Bernhard eingelassen hat. Die Journalistin Krista Fleischmann akzeptierte er als einfühlsame Gesprächspartnerin gleich für zwei Projekte: THOMAS BERNHARD - EINE HERAUSFORDERUNG (1981) wurde auf Mallorca aufgenommen, THOMAS BERNHARD - EIN WIDERSPRUCH (1986) entstand in Madrid. 1990, ein Jahr nach dem Tod von Thomas Bernhard drehte Krista Fleischmann THOMAS BERNHARD - EINE ERINNERUNG, in dem sie Menschen zu Wort kommen läßt, mit denen Bernhard lange Jahr befreundet war - abseits seiner schriftstellerischen Tätigkeit. (19. & 20. 9.)

Wir freuen uns, Krista Fleischmann an beiden Tage im Arsenal begrüßen zu können.

Abschließend präsentieren wir am 26.9. zwei Filme, die ebenfalls nach dem Tode Thomas Bernhards entstanden: THOMAS BERNHARD, DER OHLSDORFER: EIN PORTRÄT POSTHUM (1990) und DICHTERZEIT: WAS WIRD VON THOMAS BERNHARD BLEIBEN? (1994). Es gibt viele Zugänge zu Thomas Bernhard. Alfred Pittertschatschers elegischer Fernsehfilm DER OHLSDORFER sucht einen unprominenten Zugang. Ganz 'gewöhnliche' Nachbarn Thomas Bernhards, die mit dem österreichischen Schrifststeller immer wieder zu tun bekamen, erinnern sich an dessen menschliche Qualitäten: Der Nachbar Johann Maxwald, eine ehemalige Kellnerin, der Bürgermeister, der Wirt, Wilhelm Asamer, ein Ohlsdorfer, Gabriele Hermann, eine Leserin. Umrahmt wird diese Aneinanderreihung besinnlicher Interviews durch optische Impressionen ('Holzfällen') nach einem Jahrhundertsturm in Oberösterreich, der auch die Gegend heimsuchte, in der Thomas Bernhards Bauernhaus steht. Neben einer feuilletonistischen Umrahmung werden die Augenzeugen-Interviews durch Fotos von Sepp Dreisiger ergänzt, der Bernhard zu Lebzeiten häufig porträtierte. DER OHLSDORFER läuft zusammen mit DICHTERZEIT, dem Mitschnitt einer Studiodiskussion im ORF Landesstudio Oberösterreich, Linz, zwischen dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und dem Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler über die Bedeutung und das Weiterleben von Thomas Bernhards Werk. Ein prominenter Germanist aus Österreich und der prominenteste Literaturkritiker Deutschlands liefern sich einen Schlagaustausch in Sachen Bernhard.


 
 
Buchpräsentation: Blade Runner
 

Seit einigen Jahren gibt das British Film Institute die mittlerweile vielbeachtete Publikationsreihe 'BFI Modern Classics' heraus. In unterschiedlichen zeitlichen Abständen erscheinen ausgezeichnet recherchierte, großzügig bebilderte und ausgesprochen lesbare Studien einzelner zeitgenössischer Filmklassiker. Vor einigen Monaten kam in dieser Reihe endlich der langerwartete Band zu BLADE RUNNER heraus. Der amerikanische Filmwissenschaftler und Professor an der Universität von Stanford, Scott Bukatman, der sich bereits als Autor des Buches 'Terminal Identity: The Virtual Subject of Postmodern Science Fiction' als hervorragender Kenner des Science Fiction-Film-Genres erwiesen hat, liefert in 'Blade Runner' eine innovative und nuancierte Analyse des Kultfilms. Obwohl BLADE RUNNER die fundamentalen Spannungen der von verwirrenden technologischen Umbrüchen gekennzeichneten postmodernen Ära sondiert, beruht der Film in der Interpretation Bukatmans auf der essentiell modernen Großstadterfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts. Nach Scott Bukatmans Buchpräsentation zeigen wir BLADE RUNNER von Ridley Scott, eine Zukunftsvision, die in Los Angeles 2019 angesiedelt ist. Deckard, der 'Blade Runner', hat die Aufgabe, fünf Replikanten zu eliminieren, die sich unerlaubt auf der Erde aufhalten. Dekor und Design, Gestaltung der futuristischen Stadt, aber auch die viele Interpretationen zulassende, ethische Fragen berührende Geschichte haben BLADE RUNNER zu einem der wichtigsten Science Fiction Filme der achtziger Jahre gemacht. (5.9.)


 
 
FilmDokument: Die letzten Segelschiffe
 

Anfang 1930 segelte der Berliner Schriftsteller Heinrich Hauser (1901-1955) 110 Tage lang auf der Viermastbark 'Pamir' der Reederei F. Laeisz von Hamburg nach Südamerika. Von dieser Reise brachte er nicht nur eine spannende Buchreportage, sondern auch den einstündigen Dokumentarfilm DIE LETZTEN SEGELSCHIFFE (1930) mit - ein "Dokument von seltener, photographischer Schönheit" (Hans Sahl). Hauser dokumentiert das alltägliche Leben der Matrosen, ihre harte Arbeit, die immer gleichen Handgriffe, die kleinen Freuden und die Augenblicke der Muße; er heroisiert nicht, auch nicht, als bei Kap Horn ein heftiger Sturm das Schiff erschüttert. Hausers einziger Held ist die 'Pamir', die dunklen Maste und das helle Segelwerk. Sie bilden auch das Leitbild einer Sinfonie, die das Thema der existentiellen Erfahrung dieser Seereise variiert. Das Leben an Bord erscheint als ein seltsames Stadium außerhalb jeder Zeit, als eine Gegenwart ohne Anfang und ohne Ziel. - Im Anschluß an DIE LETZTEN SEGELSCHIFFE zeigen wir die Kulturfilmfassung MÄNNER, MEER UND STÜRME. EIN FILM VON DER ROMANTIK UND DEM LEBEN AN BORD EINES SEGELSCHIFFES, die 1942 vom Oberkommando der Kriegsmarine erstellt wurde. Diese auf 20 Minuten gekürzte, neumontierte und zum Teil kommentierte Tonfassung setzt mit der Betonung des Volkstümlichen und des Führerprinzips deutlich andere Akzente als Hausers Originalfilm. (9.9.) JpG
Einführung: Jeanpaul Goergen
Eine Veranstaltung von Cinegraph Babelsberg.


 
  Baustop.randstadt,-
 

Am 29.8. beginnt in der NGBK eine Ausstellung mit dem Titel Baustop.randstadt,-, die sich mit den sozialen wie räumlichen Veränderungen in Berlin auseinandersetzt. Das von einer Ausstellungsgruppe kollektiv erarbeitete Projekt der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst versteht sich als argumentative Ausstellung zur sozialen Stadtentwicklung.

Aus diesem Anlaß zeigen wir im Arsenal Filme, die sich mit Homosexualität in städtischen Räumen befassen. Wir beginnen am 3.9. mit ROME DESOLEE von Vincent Dieutre (Frankreich 1995): Bilder von Rom, dazwischen Nachrichten und Werbung aus Berlusconis Fernsehsendern oder von CNN, begleiten die Stimme des Erzählers, der die erbarmungslose Chronik eines jungen, drogenabhängigen Mannes darlegt. hustler white (Regie: Bruce LaBruce, Produzent: Jürgen Brüning, 1995) beschreibt eine Reise durch das schwule Sex Business von Los Angeles. (6.9.) In einem Kurzfilmprogramm am 7.9. präsentieren wir Filme von Chantal Akerman, Ela Troyano, Stefanie Jordan, Claudia Zoller, Stefanie Saghri, Nathalie Percillier und Ebba Jahn, in denen Frauen und Lesben aus städtischen Räumen herausgedrängt werden oder darin Platz einnehmen, in denen sie öffentlichen Räumen ausgeliefert sind, im Schutz des eigenen Autos (oder der eigenen Flugkraft) Orte besetzen, sich die Enge der Sozialwohnung zu eigen machen (oder darin untergehen) und schließlich für ihre Inanspruchnahme öffentlichen Raums im Gefängnis landen. (7.9.) Ergänzend zeigen wir im Spätprogramm Filme von Derek Jarman: THE LAST OF ENGLAND (1987) über die postindustriellen und der Thatcher-Ära ausgelieferten Städte London, Liverpool und Newcastle (4. & 18.9.) und THE GARDEN (1990) über sein Haus in der Arbeitergegend Dungeness, die zugleich sehr idyllisch und industriell geprägt ist. (12. & 19.9.)


 
 
1973-1998: 25 Jahre Putsch in Chile
 

Am 11. September 1973 beseitigten Militärs den ersten und einzigen Versuch in Amerika, ein sozialistisches System mit demokratischen Mitteln durchzusetzen. In den Ruinen der Moneda wurde auch die älteste Demokratie Lateinamerikas begraben. Das Pinochet-Regime, das sich dabei für siebzehn Jahre an die Macht brachte, vernichtete mit seiner Tabula rasa-Politik alle künstlerischen Ausdrucksformen, die an die Zeit der Unidad Popular, an die Regierung Salvador Allende erinnerten. Sämtliche politischen Organisationen wurden für Jahre verboten, das ganze Land gleichgeschaltet und die Gesellschaft durch eine neoliberale Radikalkur in allen Bereichen so fundamental verändert, wie es keine andere lateinamerikanische Diktatur jemals vermocht hat. Mit Hilfe der Kultur versuchten viele Chilenen die Diktatur von Militär und Kapital zu beantworten. Und wenn es seit 1990 wieder eine Demokratie in Chile gibt, eine vom Militär nach wie vor kontrollierte, dann haben die kleinen Schritte des kulturellen Widerstands daran einen bedeutenden Anteil. Das Filmprogramm des Arsenals will zum 25. Jahrestag des Putsches daran erinnern, wofür sich die Chilenen engagierten und wogegen sie kämpften. (Peter B. Schumann)

Den Auftakt der Filmreihe bildet der Spielfilm VOTO MAS FUSIL (Stimmzettel und Gewehr, 1970) von Helvio Soto über die Geschichte der chilenischen Linken von 1935 bis zur Machtübernahme durch die Linke am 4. November 1970. Es ist die Vision eine Mannes der Linken angesichts sozialer und politischer und auch dramatischer Ereignisse wie der Ermordung von Schneider, des Oberkommandierenden der chilenischen Armee, am 24. Oktober 1970. (4.9.) Der nächste Film der Reihe stammt bereits aus der Zeit nach dem Putsch: CHILE, NO INVOCO TU NOMBRE EN VANO (Chile, ich rufe Deinen Namen nicht vergebens) entstand 1983 unter der Leitung der chilenischen Gruppe Cine-Ojo. Der Film dokumentiert die Entwicklung von Dezember 1982 bis zum September 1983. Die Aktivitäten der Gewerkschaften, der Studenten, Frauen und kirchlicher Gruppen zeigen, welche Bevölkerungsgruppen einbezogen waren. Die Chronologie zeigt den zunächst friedlichen Charakter der Demonstrationen, der unter dem massiven Einsatz von Schlagstöcken, Tränengas und Schüssen der Polizei und des Militärs gewalttätige Formen annahm. Trotzdem blieben solche kulturellen Formen wie Musik und Theater wichtige Elemente des Kampfes. Es wird deutlich, wie wichtig Allende und Pablo Neruda für den Widerstand waren und sind. (5.9.)

Das wichtigste historische Zeugnis dieser Zeit sind ohne Zweifel die drei Teile des Films LA BATALLA DE CHILE (Die Schlacht um Chile), in dem das letzte Regierungsjahr der Unidad Popular unter Salvador Allende in Chile 1973 beschrieben wird. Eine Team von Regisseuren unter Patricio Guzmán drehte auf den Straßen und Arbeitervierteln von Santiago, in den Kupferbergwerken und Salpeterminen. Zum ersten Mal war es in Lateinamerika möglich, eine revolutionäre Situation Tag für Tag zu filmen und so die Politik der Volksregierung wie die faschistischen Methoden der Imperialisten und der einheimischen Bourgeoisie gegen diese Politik aufzuzeichnen. Herausgekommen ist ein politischer Dokumentarfilm, der Elemente der Reportage, des gefilmten Diskurses, der soziologischen Untersuchung, der journalistischen Chronik und auch des Spielfilms miteinander vereint. (6.9.)

Ein Beispiel eines Spielfilms, der unter der Pinochet-Regierung gedreht wurde, ist IMAGEN LATENTE (Das latente Bild, 1986-88) von Pablo Perelman. Der Film beschreibt die Suche eines Fotografen, Pedro, nach seinem Bruder, der vor zehn Jahren verschleppt wurde. Pedro ist ein Anti-Held, eine gebrochene Gestalt mit vielerlei Konflikten, in Ehekrise und Arbeitsnot, angeschlagen von den Jahren der Repression, verfolgt vom Trauma der Folter, isoliert in vielem. IMAGEN LATENTE gehört nicht zu den chilenischen Filmen, die emotional überrumpeln oder durch Fakten Betroffenheit erzeugen. Er zwingt durch kühle Distanziertheit zur Reflexion und darf als das wichtigste Beispiel für die Überlebenskraft des chilenischen Kinos unter der Pinochet-Diktatur angesehen werden. (8.9.)

Für viele Chilenen blieb nach dem Putsch nur ein Ausweg: die Emigration. Das Leben der chilenischen Exilanten in Ost- und Westdeutschland wird in den Filmen AUS DER FERNE SEHE ICH DIESES LAND (1978) von Christian Ziewer und BLONDER TANGO (1985) von Lothar Warneke beschrieben. Christian Ziewers AUS DER FERNE... basiert auf einer Erzählung von Antonio Skármeta und erzählt die Geschichte einer chilenischen Familie im westberliner Exil. "Wir sind das Thema mit unseren eigenen Erfahrungen und mit den Erfahrungen underer Landsleute angegangen. Wir haben unsere objektive Beobachtung hineingebracht, aber auch schöpferische Phantasie und eine Parteilichkeit, die entsteht, wenn man sich selbst und sein Herz in die Abenteuer einbringt." (A. Skármeta) (10.9.) Im Mittelpunkt von Warnekes BLONDEM TANGO steht der chilenische Emigrant Rogelio, der bereits seit fünf Jahren in der DDR lebt und keine Aussicht hat, in seine Heimat zurückzukehren. Trotz Unterstützung, Anteilnahme und Sicherheit fühlt er sich als Außenstehender. Um seiner Familie keinen Kummer zu bereiten, läßt er in den Briefen nach Hause eine Traumwelt entstehen. (10.9.)

Zum 25. Jahrestag der Putsches in Chile gibt es am 11.9. einen Abend mit Gesang und Texten, zusammengestellt, komponiert und arrangiert von Patricio Padilla und dem Ensemble Sol del Sur. Im Anschluß daran zeigen wir den neusten Film von Patricio Guzmán CHILE MEMORIA OBSTINADA (1998). "Ich fühle eine große Einsamkeit." schrieb Guzmán während der Dreharbeiten in Santiago, wohin er zwanzig Jahre, nachdem er Chile verlassen mußte, mit der Kamera zurückkehrte. Wie und bis zu welchem Grad konnte das von Pinochet verordnete Vergessen die Erinnerung und die Energie eines Volkes zerstören? Der Film wird von Peter B. Schumann eingeführt. (11.9.)

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Kulturellen Vereinigung Gabriela Mistral.


 
  Cinema! Italienische Filme auf Tour
 

Italienische Filme gehören ohne Frage zu den Grundklassikern unserer Filmbildung - da gibt es den Neorealismus mit seinen Bannerträgern Rossellini/de Sica/Visconti und anderen, da sind die großen Autoren des modernen Films wie Antonioni und Fellini, da sind Pasolini, Rosi, Bertolucci und Bellocchio, die Komödianten und Autobiographen, in neuerer Zeit Moretti, Benigni und Martone und, und...

Gleichwohl ist in unserem Land, was die Kinospielpläne angeht, ein Defizit an neueren italienischen Filmen zu beklagen. Der Kontakt über die Alpen scheint zeitweilig fast unterbrochen.

Daher begrüßen wir eine Initiative wie die jetzt anlaufende italienische Filmwoche, die zusammengestellt wurde von Francesco Bono ('Made in Italy'). Die Kommunalen Kinos können hier eine aktuelle und wichtige Aufgabe erfüllen (der auch die italienischen Kulturinstitute in Deutschland nachkommen), nämlich für italienische Filme ein Umfeld, einen Kontext sichtbar zu machen, den einzelnen Film in Relation zu anderen zu setzen, zu einer ganzen Filmkultur, vielleicht auch das spezifische einer nationalen Filmschule oder Filmhandschrift anzudeuten, die Bedingungen zu erklären, unter denen in Italien Filme gemacht und Filme gesehen werden. Welche Genres, welche Stile populär sind, wie das Verhältnis zur Kritik, zu den Festivals beschaffen ist. Und das, wenn möglich, in Anwesenheit der Filmemacher.

Es ist auch wichtig zu demonstrieren und immer wieder darauf hinzuweisen, daß es neben dem US-Film in Europa und der Welt nationale Filmschulen und Filmtraditionen gibt, die über einen reichen Fundus an möglichen Entdeckungen verfügen, die unser Weltbild erweitern und komplettieren, uns für andere Schwingungen und Sprachen sensibel machen.

Die gegenwärtige Auswahl italienischer Filme aus den Jahren 1996 bis 1998, die ab September durch die Kommunalen Kinos touren wird, gibt einen guten Querschnitt durch die gegenwärtige italienische Filmszene - mit ihren Dimensionen wie soziale Blickschärfe, Sinn für Aktualität, Engagement, Spielfreude, Phantasie und Erfindungskraft. Silvio Soldini, ein Regisseur aus Mailand, ist uns seit seinem Erstlingsfilm Giulia in Ottobre (gezeigt im Forum 1985) ein Freund und Bekannter, ihm geht es in seinen Filmen (so auch in Le acrobate, am Beispiel zweier Frauenfiguren) um den Gegensatz zwischen Italiens Norden und Süden. (25. &. 26.9., in Anwesenheit des Regisseurs und der Hauptdarstellerin Licia Maglietta) Le mani forti von Franco Bernini ist ein politischer Thriller über die Beziehungen zwischen einer Psychologin und einem mutmaßlichen Attentäter (27.9.), Luna e l'altra von Maurizio Nichetti zeigt die unnachahmliche Starschauspielerin Iaia Forte aus Neapel in einer Doppelrolle (sie selbst und ihr Schatten) in einem Ambiente der 50er Jahre. (26. & 29.9.)

Maurizio Zaccaro erzählt in Il carniere (Die Jagdtasche) von drei Freunden, die zur Jagd nach Kroatien aufbrechen und dort in den Bürgerkrieg hineingezogen werden. (28.9.) Armando Manni schildert in Elvijs & Merilijn, wie zwei Emigranten aus Jugoslawien in Italien zu reussieren versuchen, indem sie die Rollen von Elvis Presley und Marilyn Monroe spielen; der Film ist ein Debut und wurde in Italien von der ausländischen Kritik zum besten italienischen Film des Jahres gewählt. (27. & 29.9., in Anwesenheit des Regisseurs) Stefano Realis In barca a vela contromano (Gegen den Wind segeln) spielt in einem Krankenhaus und sucht betrügerische Manipulationen mit freien Krankenhausbetten aufzudecken, aber auch ,,die ungewöhnlichen Widerstandsformen der Patienten gegen ihre äußerliche und innerliche Unbeweglichkeit zu erklären" (Stefano Reali). (30.9.) Darüber, daß auch der Film BESAME MUCHO (Küß mich, küß mich, küß mich) von Maurizio Ponzi in das Programm aufgenommen wurde, freuen wir uns besonders, weil Ponzi zu den interessantesten Vertretern des neuen italienischen Films gehört sowie zu den wenigen Filmregisseuren, die sich mit dem Werk von Robert Musil befaßt haben: 1968 drehte er unter dem Titel I visionari eine experimentelle Bearbeitung von Musils 'Die Schwärmer'. Anhand von verschiedenen Episoden beschreibt Ponzi in seinem neuen Film sein Heimatland mit all seinen Problemen und Widersprüchen, mit seinem Egoismus und seiner Großzügigkeit. (26.9., in Anwesenheit des Regisseurs und des Drehbuchautors Piero Spila) Ulrich Gregor

"Cinema! Italienische Filme auf Tour durch Deutschland" wird veranstaltet vom Bundesverband Kommunale Filmarbeit e.V. (Frankfurt/Main) und MADE IN ITALY (Rom) mit Förderung vom Dipartimento dello Spettacolo Presidenza del Consiglio dei Ministri (Rom) unter der Schirmherrschaft der Ambasciata d'Italia (Bonn), Cinecittà Holding (Rom) und in Zusammenarbeit mit dem Consulato Generale d'Italia, Berlin und dem Istituto Italiano di Cultura, Berlin.


 
 
Die Aran-Inseln - Ein Filmmythos
 

Robert Flaherty gilt mit seinen Filmen Nanook of the North (1922), Moana. A Romance of the Golden Age (1926) (17.9.) und MAN OF ARAN (1934) (19.9.) als der 'große alte Mann' des Dokumentarfilms. MAN OF ARAN, auf Inishmore, der größten der drei Aran-Inseln an der irischen Westküste gedreht, wurde schon von den Zeitgenossen kontrovers diskutiert: die einen lobten seinen dokumentarisch-poetischen Blick, andere kritisierten, daß er die sozialen Ungerechtigkeiten auf den Inseln ignoriert hätte. Seit Ende der siebziger Jahre reisen immer wieder Filmemacher auf den Spuren Robert Flahertys auf die Aran-Inseln, auf der Suche nach einem Filmmythos. Sie bestätigen, daß Flaherty Anfang der dreißiger Jahre weniger an der rauhen Insel-Realität interessiert war als vielmehr an der Umsetzung seiner romantischen Vorstellung eines ewigen Kampfes zwischen Mensch und Natur. So führten ihre Reisen fast zwangsläufig auch zu Rückfragen an das Genre des Dokumentarfilms. Die Dokumentaristen von heute haben zwar Flahertys poetischen Blick übernommen, verlieren aber nie ihre Chronistenpflicht aus den Augen und berichten über aussterbende Berufe, beinahe leergefischte Meere, Auswanderung und Überalterung, aber auch über die Liebe zur Heimat, die Rückbesinnung auf fast vergessene Traditionen und die ständige Präsenz eines alten Films, der die Wahrnehmung der Aran-Inseln bis heute bestimmt. George Stoney gab 1978 mit HOW THE MYTH WAS MADE den Anstoß, sich genauer mit Flahertys Film, seiner Deutung des Dokumentarischen und der Insel-Realität zu beschäftigen. (20.9.) Zur gleichen Zeit suchte der Berliner Helmut Kopetzky auf Aran DAS GOLD DER ELFEN und entdeckte einen unspektalulären und beschwerlichen Alltag. Beide Autoren fanden aber auch Zeitzeugen wie Flahertys Hauptdarstellerin Maggie Dirrane, die sich noch gut an die Dreharbeiten erinnern konnten. (22.9.) Ebenfalls 1978 erforschte der schweizer Dokumentarist Jean-Blaise Junod in RETOUR À ARAN (1978) die besondere Faszination der kargen Inseln. (20.9.) Sebastian Eschenbach beobachtete 1995 in LOOKING FOR THE MAN OF ARAN, wie der Insel-Tourismus den durch Flaherty definierten Aran-Mythos aufgreift. (22.9.) In THE ISLAND WHERE THE WIND WAS BORN (1995/96) blickt der in Lettland arbeitende schwedische Dokumentarist Carl Biörsmark vor allem auf die Kultur und die Schönheiten der abgelegenen Inselgruppe, während Axel Engstfeld in DER ZWEITE BLICK, TEIL II: ARAN - VON VIEHHÄNDLERN UND ANDEREN IREN (1997) in detailgenauen Einzelporträts den Lebenskampf der Inselbewohner festhält. (24.9.) Bereits vor Robert Flaherty hatte 1928 der deutsche Schriftsteller Heinrich Hauser mit seinem auf Aran geborenen Kollegen Liam O'Flaherty auf den Inseln gedreht. Dieser Film, offenbar als Teil eines größeren Irland-Films gedacht, konnte jetzt im Bundesarchiv-Filmarchiv wiederentdeckt werden. Ein Gegenstück zum traditionellen Kulturfilm bildet Heinrich Bölls Filmessay IRLAND UND SEINE KINDER (1961, Regie: Klaus Simon). (18.9.)

Diese Filmreihe bietet auch die Gelegenheit, mit den Aran-Inseln und ihren Bewohnern ein Stück Irland kennenzulernen - eine kleine, fast vergessene europäische Region mit einem ganz eigenen Gesicht, in das sich Flahertys 'klassischer Dokumentarfilm' MAN OF ARAN wohl für immer eingezeichnet hat. Jeanpaul Goergen


 
 

Ute Aurand stellt vor

OH! die 4 Jahreszeiten & TERZEN
 


In den letzten fünf Jahren habe ich immer wieder gefilmt: auf Reisen, in der Wohnung, im Winter, Freunde, meine Nichten, Tanja und Xenia in der Ukraine, blühende Kastanien, Paris, New York, auf Orkney... Entstanden ist TERZEN, eine Anthologie kurzer Filme, die entsprechend ihrer verschiedenen Stimmungen verschieden klingen: - kleine Terz - zu Hause - Mama singt auf Hiddensee - Salut - Corinne.

Dazu zeige ich "OH!", den ich zusammen mit Ulrike Pfeiffer 1988 drehte, eine filmische Improvisation auf vier berühmten Plätzen im Winter in Berlin, im Frühling in Moskau, im Sommer in Paris und im Herbst in London... Ute Aurand (24.9.)


 
 

Buddy Giovinazzo (USA)
Lesung & Film
 


Nach der Sommerpause nehmen wir die zur schönen Tradition gewordene Vorstellung der DAAD-Stipendiaten des Berliner Künstlerprogramms wieder auf und beginnen mit dem amerikanischen Regisseur und Schriftsteller Buddy Giovinazzo. Giovinazzo wurde 1960 geboren und wuchs in Staten Island, New York auf. Bereits mit 25 Jahren drehte er seinen ersten Film Combat Shock, mit einem Budget von $ 25.000. Seitdem hat er zahlreiche Musikvideos und Kurzfilme gedreht, Drehbücher geschrieben und an der New Yorker Filmhochschule gelehrt. Sein erstes Buch, 'Cracktown', veröffentlichte er 1995. Sein zweiter Spielfilm, den wir am 28.9. präsentieren, NO WAY HOME (Unter Brüdern, 1996), entstand ein Jahr später. Erzählt wird die Geschichte von Joey, der sechs Jahre für seinen Bruder Tommy eingesessen hat. Nach Vollendung der Haftzeit macht er sich auf die Suche nach seinem Bruder. Wie Kain und Abel befinden sich auch Joey und Tommy auf Kollisionskurs.

Vor der Aufführung von NO WAY HOME wird Buddy Giovinazzo aus seinem neuen Roman 'Poetry and Purgatory' (dt. Titel: Poesie der Hölle) lesen, einer Großstadtsinfonie der schrillen, aber auch melancholisch-depressiven Töne.