Filmosophie

Jean-Luc Nancy zählt zu den bedeutendsten Philosophen der Gegenwart. In seinem vielfältigen Werk finden sich zahlreiche Publikationen zu Ästhetik und den Künsten und insbesondere auch zum zeitgenössischen Film. Ayreen Canastas und Rene Gabri experimentieren seit einigen Jahren mit einer Art des Filmemachens, die sie mit Begriffen wie lebendes Kino und Kino der Gesten beschreiben.

 

Innen / Arsenal Kino 2 / Tag

AYREEN, RENÉ und JEAN-LUC bereiten sich vor, testen für ein Lebenskino, lebendes Kino, Event-Kino, Aktionskino, ein Kino der Gesten, ein Kino reiner Mittel…

JEAN-LUC Fangen wir hier an?

AYREEN Ja

JEAN-LUC Denn ich würde sagen, dass es keine philosophischen Filme gibt.

RENÉ Es gibt keine philosophischen Filme?

JEAN-LUC Nein, nein. Es gibt Filme, in denen Philosophie ist. Das sind zwei Denkformen, verstehst du? Aber ein philosophischer Film, da besteht immer die Gefahr, dass man denkt, es sei ein Film, der einen Inhalt –, eine Art von Reflexionsgehalt hat, der eine bestimmte Botschaft übermittelt, eine bestimmte Lektion. Sicherlich gibt es philosophische Filme, mir kommt jetzt keiner in den Sinn, aber hmm, wisst ihr nicht, solche – uff

AYREEN Weil er sagt, wenn es einen philosophischen Film gibt, dann würde er als etwas Philosophisches missverstanden werden, dass er Ideen veranschaulichen würde oder etwas über die Philosophie erklärt.

RENÉ Ja.

JEAN-LUC Ja, das ist es, das ist es! Das ist genau, was ich nicht verstehe, „philosophischer Film“, denn was ist der Unterschied zwischen einem philosophischen Film und einem anderen, der nicht philosophisch ist? Und so...

RENÉ Naja, das meine ich, aber das trifft auch das Herz von Nietzsche, weißt du. War er ein Philosoph oder ein Anti-Philosoph? In dem Sinne.

JEAN-LUC Ja, genau, genau.

RENÉ Ich meine, was ist ein antiphilosophischer Film?

JEAN-LUC (lacht) Ah, ein antiphilosophischer Film

RENÉ Nein, aber in einem gewissen Sinne, was ist dann Philosophie?

JEAN-LUC Ahhhh

RENÉ Ist sie eine Intensivierung?

JEAN-LUC Jetzt verstehe ich! ich verstehe, wenn du sagst „ein philosophischer Film”, dann ist es auch ein bisschen so, als würdest du von einer Person sagen, sie sei Philosoph, und dann meinst du damit eine bestimmte Art und Weise, Fragen zu stellen, zu antworten, zu analysieren usw. Und die Philosophie ist weder die Religion noch die Wissenschaft noch die Kunst, noch die Kunst! Die Philosophie ist, sie ist der Diskurs, sie ist die Sprache, die …

Ayreen nimmt eine Bürste zum Reinigen der Energie und bewegt sie im Raum.

JEAN-LUC Es ist die Sprache, die versucht, die Bedeutungen zu durchdringen und sie aufzulösen, sie zu ent-machen, sie zu zerlegen und vielleicht andere Bedeutungen möglich zu machen.

Rene nimmt eine der festen Kameras und beginnt sich mit ihr zu bewegen.

JEAN-LUC Aber ein Film, ein Film ist etwas anderes, es ist eine Weise von Präsenz, verstehst du? Ein Modus von Präsenz. Selbst wenn wir es sind, die hier gerade gefilmt werden, aber dieses Bild da – das  für mich jetzt keinerlei Sinn hat, außer dass es Ayreen ist, die gerade einen Versuch macht –, das wird als Bild zu einer Form von Präsenz, von sinnlicher, taktiler Präsenz, es ist, als ob ich Ayreen berühre.

Jean-Luc berührt Ayreen.

JEAN-LUC Da, voilà, da. Und dies, davon kann ich nichts sagen. Ja, ich kann von der Berührung sprechen und ebenso kann ich von, ich weiß nicht, vom Schamanismus, von der Gläubigkeit sprechen. Aber wenn ich davon spreche, ist es etwas anderes als wenn ich es tue. Denn ich kann auch deine … nehmen…. da, siehst du?

Jean-Luc nimmt die Bürste aus Ayreens Hand.

JEAN-LUC Und was geschieht da? Siehst du? Wir können uns auf einen Kampf darum einlassen.

Ayreen klaut sich die Bürste von Jean-Luc zurück.

JEAN-LUC Voilà, aber was tun wir da, wir spielen, wir spielen Streit, Eigentum, Aneignung, alles was du willst. Aber während wir das tun, sind wir ja de facto bereits im Film. Wir tun das ja nicht wirklich untereinander, wir sind im Film, wir spielen. Und zum Teil ist das, was „Zarathustra“ verlangt, glaube ich, eben dies, dass wir spielen. Die Bejahung in „Der Wille zur Macht“ ist eine Bejahung und zugleich ist es spielen, es ist zugleich ganz und gar ernsthaft und zugleich ist es spielen.

Ayreen beginnt, mit der Bürste rhythmische Klänge zu machen.

RENÉ Aber glaubst du?

JEAN-LUC Gut, voilà, und deshalb könnte man sagen, wenn du so willst, ein philosophischer Film ist ein, nun – ja, er wird zu Philosophie insofern er ein Spiel mit der Philosophie wird. Und kein philosophisches Lehrstück.

AYREEN Spiel mit Philosophie. Nicht ein philosophischer Film, es ist ein Spiel mit Philosophie.

JEAN-LUC Voilà. Und mit der Philosophie spielen, das ist auch, was Nietzsche tut. Aber es handelt sich zwangsläufig, wenn es ein Film ist, um etwas anderes als um Bedeutung. Es handelt sich um eine gewisse Qualität von Präsenz. Ich finde immer, das Kino ist eine Kunst der Bewegung, die nicht die Kunst der Bewegung in der Fortbewegung ist, sondern vielmehr die Kunst der Bewegung in den …, das ist es, diese Kamera ist es, die da filmt, es ist die Kunst der Bewegung in der Annäherung.

Jean-Luc nähert sich der Kamera und verdeckt einen Teil des Objektivs mit seiner Hand.

JEAN-LUC Der Filmzuschauer ist mehr oder weniger nah an etwas dran, am Werk, an der Haut der Leute, an der Stofflichkeit, der Materie. Das Kino ist ja Film der Materie.

RENÉ Okay, vielleicht ist das ein guter Moment, um aufzuhören.

AYREEN Zu unterbrechen.

RENÉ Weil sie die Super 8-Vorstellung heute Abend vorbereiten müssen.

JEAN-LUC Jetzt schon?

AYREEN (lacht) Jetzt schon.

Ein Epilog von Jean-Luc Nancy

Ein philosophischer Film? Das gibt es nicht. Genauso wenig wie einen gastronomischen Film oder einen literarischen Film oder einen biologischen Film. Ein Film ist immer ein Film. Kein Attribut kann ihm beigegeben werden. Umgekehrt ist es übrigens dasselbe: Es gibt weder gefilmte Philosophie (denn Philosophie muss exponiert werden), noch gefilmte Gastronomie (denn Gastronomie muss gegessen werden) noch gefilmte Liebe (denn Liebe muss gemacht werden). Es gibt jedes Mal, für jede Praxis, für jeden Bereich oder jeden Typus von Handlung eine irreduzible Singularität. Vielleicht ist sie unmöglich in eine Formel zu fassen, aber sie existiert. Was ist ein Film? Es ist weder ein Diskurs noch ein Foto noch eine Musik noch ein Text noch… noch… – sondern es ist ein Film, es ist eine Kamera, die festhält und die sich bewegt, die heranzoomt und herauszoomt, es ist eine Montage und eine Demontage. Es ist eine Geste und es ist die Geste eines Filmers oder einer Filmerin oder mehrerer zusammen.

Sprechen wir also eher von Filmosophie: Wie die Philo-sophie eine diskursive Liebe zur sophia ist, so ist die Filmo-sophie eine filmische Liebe zur sophia. Was ist die sophia? Es ist gerade etwas, das (wie vieles) durch die Liebe, die man ihm entgegenbringt, zu dem wird, was es ist. Es gibt eine diskursive sophia, eine musikalische sophia usw. und es gibt eine filmische sophia. Es ist die sophia der Annäherung und der Distanz, der Verkettung und des Bruchs, des Erscheinens und Verschwindens gemäß der motion, die dem Film eigen ist – es ist die motion und die Emotion einer Überraschung, die im Schillern und der Variation einer Projektion plötzlich aufkommt, das heißt eines Hervorspringens und einer Übertragung. Das Bild schießt auf der Leinwand hervor, sprudelt auf und schießt immer wieder neu in einem gegebenen Rhythmus hervor – und wir werden davongetragen, in ihm, durch es. Wir sprudeln auf, sprudeln erneut und bespritzen uns selbst mit diesen immer wieder erneuerten Wellen. Triefend, eingetaucht, versunken erkennen wir Sophia im Auf und Ab der Wellen.

Keine gefilmte Philosophie – sondern filmische Philosophie.