Filmgespräch zwischen Hong Sangsoo und Ulrich Gregor zu „The Day a Pig Fell Into the Well“

im Delphi Filmpalast am 15. Februar 1997

Hong Sangsoo zeigte 1997 seinen Debütfilm The Day a Pig Fell into the Well im Forum. Das Gespräch führte er nach seiner Premiere mit dem Gründer und damaligen Leiter des Forums, Ulrich Gregor, im Delphi Filmpalast, das noch heute Forumskino ist. In diesem Jahr ist sein Film Grass im Forum zu sehen.

 

Willkommen im Forum! Meine erste Frage lautet: Was hat es mit dem Titel des Films auf sich?

Der Titel ist so zu verstehen: Es gibt da diesen Jungen, der auf dem Land lebt, eines sonnigen Tages hört er ein seltsames Geräusch aus dem Brunnen, er geht hin und entdeckt ein Schwein, das darin ertrinkt. Alle Nachbarn versammeln sich und gucken zu, wie das Schwein ertrinkt. Diese Szenerie ist mir irgendwann eingefallen und das Gefühl, das sie in mir ausgelöst hat, wollte ich ich in dem Film evozieren. Daher der Titel.

Und die Figuren? Sind das Menschen, die Sie kennen, denen Sie sich nahe fühlen oder mit denen Sie sich identifizieren können?

Ich würde nicht sagen, dass es eine Figur gibt, mit der ich mich identifiziere oder die es wirklich gibt. Ich habe das Material ganz bewusst so gewählt, dass es sich aus den Erfahrungen anderer Leute speist, nicht aus meiner eigenen. Als ich das Material für die Geschichte durchgegangen bin, habe ich eben auf eine bestimmte Art und Weise darauf reagiert, von meinem ganz persönlichen Standpunkt aus, und so sind dann die Details lebendig geworden. So konnte ich meine persönlichen Vorstellungen zum Ausdruck bringen, anstatt mir die Erfahrung einer Person, die ich persönlich kenne, zu eigen zu machen.

So weit ich weiß, waren außer Ihnen noch andere Drehbuchautoren beteiligt. Wie haben Sie zusammengearbeitet?

Ich schrieb erst allein an einem Drehbuch für meinen ersten Spielfilm, und
mein Problem bestand darin, dass ich nicht so recht wusste, wie ich die Sache angehen soll. Mein erstes Thema war mir zu nah, zu persönlich, mir fehlte die nötige Distanz, sachlich damit umzugehen. Ich wollte bei der Arbeit aber in kreativer Hinsicht möglichst frei sein. Mir wurde klar, dass ich dazu noch nicht in der Lage bin, vielleicht kann ich es erst in ein paar Jahren. Also beschloss ich, mit vier anderen Autoren zusammenzuarbeiten. Die meisten von ihnen sind sehr jung und unerfahren, was das Drehbuchschreiben angeht. Ich fragte sie, ob sie mit mir zusammenarbeiten wollen. Dann fuhren wir aufs Land und sprachen über die Figuren, die einzelnen Geschichten und Beziehungen. Ich bat sie darum, sich Tagesabläufe auszudenken: Was tut diese oder jene Figur am Morgen, am Nachmittag usw. Über die Dramaturgie sollten sie sich keine Gedanken machen. Sie sollten beim Schreiben ganz ihrer Fantasie folgen: Wenn du diese Figur wärst, was würdest du um drei Uhr nachmittags tun, so in der Art. Die verschiedenen Tagesabläufe habe ich dann zu einem Drehbuch verbunden, wobei ich das ein oder andere weggelassen und hinzugefügt habe.

Koreanisches Kino ist in Deutschland vielleicht noch zu unbekannt, als dass man einschätzen könnte, ob Ihr Film im Vergleich zu anderen koreanischen Filmen etwas Neuartiges darstellt bzw. woher Sie Ihre Inspiration beziehen. Beeinflussen Sie Filme aus anderen Ländern? Oder ist es Ihre Erfahrung bzw. Ihre ganz individuelle Art, die Wirklichkeit wahrzunehmen, die zur Wahl des Themas geführt hat?

Ich würde sagen, jeder Filmstudent ist von den alten Meistern inspiriert, aber für mich sind die kreativen Impulse, die ich im Alltag verspüre, noch wichtiger. Zum Beispiel, wenn sich zwei Leute unterhalten und ich den Dialog für einen Film benutzen will, weil ich ihn lustig finde oder kurios. Solche Dinge bilden den Ausgangspunkt, und so werde ich es wohl auch in meinem nächsten Film handhaben – dass ich diese Art von Material benutze, ohne es zu sehr zu verfremden. Aber wie genau das aussehen soll, darüber muss ich noch nachdenken. Ich habe mir den Film gerade nach langer Zeit noch einmal angesehen, ganz hinten im Kino. Mir ist aufgefallen, dass er sehr viel mehr Schwächen hat, als ich ursprünglich dachte – was den Rhythmus angeht, die Einstellungslängen und noch vieles mehr. Aber es soll auch in meinem nächsten Film in diese Richtung weitergehen.

Wie haben Sie die Drehorte gefunden? Wie haben Sie sie ausgewählt?

Die Hälfte nach der Trial-and-error-Methode, die andere Hälfte durch Zufall. Ich hatte keinen konkreten Plan, ich bin einfach nur durch die Gegend gefahren und habe nach ganz gewöhnlichen Orten gesucht, die nicht effektvoll und nicht symbolisch aufgeladen sind. Die Orte sollten so wirken, als würde niemand dort drehen wollen, weil sie mit keiner künstlerischen Tradition in Verbindung stehen.