14 Apples

Midi Z
2018

19.02. 21:30 OmEU Delphi Filmpalast
20.02. 13:30 OmEU CineStar 8
23.02. 20:00 OmEU Cubix 9
25.02. 15:00 OmEU Kino Arsenal 1

84 Min. Burmesisch.

Wang Shin-hong leidet unter Schlaflosigkeit. Ein Wahrsager rät zu einer 14-tägigen Kur, während der der Geschäftsmann aus Mandalay – sein Auto, seine gefüllte Geldbörse verraten, dass die Geschäfte relativ gut laufen – sich als temporärer Mönch in einem Kloster aufhalten und täglich einen Apfel essen soll. So etwas geht in Burma, heute.
Wang Shin-hong kommt im zugewiesenen ländlichen Kloster an, wird rasiert und ist in der roten Kutte prompt eine Autorität. Die Frauen im Dorf – man sieht ihrer Kleidung, den Hütten im Hintergrund an, wie arm sie sind – stecken auf der Willkommensprozession mehr als sie haben in seine Almosenschüssel. Wang Shin-hong erfährt wenig später als ihr Berater, der er kurzzeitig geworden ist, von den Versuchen der Dorfbewohner, wie sie als legale oder illegale Arbeitsmigranten in China, Thailand oder Malaysia versuchen zu überleben, ein Auskommen zu finden. Und davon, wie die anderen Mönche im Kloster versuchen, von den zusätzlichen Einkünften zu profitieren. 14 Apples ist ein verstörender Dokumentarfilm über die verführerische Macht eines nicht nur an humanistischen Idealen ausgerichteten Buddhismus im Globalisierungszeitalter. (Dorothee Wenner)

Midi Z wurde 1982 in Lashio (Myanmar) geboren. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr lebt er in Taiwan. Von 2001 bis 2006 studierte er Visual and Graphic Design an der National Taiwan University of Technology and Science. Anschließend absolvierte er an derselben Universität ein Studium des Information and Interactive Design, das er 2010 abschloss. 2006 drehte Midi Z seinen ersten Kurzfilm Bai ge / Paloma Blanca. 14 Apples ist sein dritter Dokumentarfilm.

Mönch auf Zeit

Als ich im März 2017 nach Myanmar reiste, um meine Mutter zu besuchen, erfuhr ich, dass mein Freund Shin-hong dabei war, als Mönch an einen Ort zu gehen, wo ich noch nie gewesen war. Dieser Tempel befindet sich in einem abgelegenen kleinen Ort namens Aungda in der Region Magway in Zentral-Myanmar. Er ist etwa zehn Kilometer von Natmauk entfernt, dem Geburtsort von General Aung San, der als der Vater des heutigen Myanmar gilt.
Shin-hong und ich fuhren gemeinsam dorthin, die Fahrt dauerte einen ganzen Tag und führte uns an kargen Bergen und ausgetrockneten Flüssen vorbei, bevor wir endlich in Aungda ankamen. Der neue Tempel war umgeben von einem Bambuszaun; seine Wände bestanden aus Stroh und Lehm, das Dach aus Wellblech.
Jahrzehntelang hatten die Dorfbewohner sich einen eigenen Tempel gewünscht, damit diejenigen unter ihnen, die von den Goldminen zurückgekehrt waren, wie auch diejenigen, die ihren Heimatort verlassen würden, einen Ort zum Beten hatten. Kaum waren wir angekommen, trat der junge Tempelvorsteher eine Reise an. Unversehens musste deshalb Shin-hong, der just an diesem Tag erst Mönch geworden war, für ihn einspringen. Er war zwar ein Mann aus der Stadt, der sich auf der Suche nach Frieden aufs Land begeben hatte; trotzdem blieb Shin-hong nichts anderes übrig, als den Dorfbewohnern die üblichen Beratungen anzubieten.
In der Zeit bevor die Männer anfingen, zu den Goldminen aufzubrechen und mit ihren aus China stammenden Motorrollern zurückzukehren, waren sie arm, aber unabhängig. Alles, was sie besaßen, auch Kleidung und Nahrungsmittel, stammte aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Heute arbeiten viele von ihnen in den Goldminen oder in China. Genau wie in zahllosen anderen Dörfern auf der ganzen Welt sind überwiegend die älteren Menschen und die Kinder in Aungda geblieben – und ein verrückter Mann, der früher in den Minen gearbeitet hat. Er rannte mit einem MP3-Player in der Hand durch die trockenen Felder und spielte darauf unablässig einen Song mit dem Titel „I Want to Borrow a Scooter to Take My Girlfriend on a Date”.
(Midi Z)

Gespräch mit Midi Z: „Ich verstehe nicht, warum Frauen frömmer sind als Männer“

Dorothee Wenner: Der Protagonist des Films, Ihr Freund Shin-hong, leidet an Schlaflosigkeit. Um Erleichterung zu finden, geht er für 14 Tage als Mönch in einen Tempel. Gilt so ein Verhalten, so eine Therapie in Burma als normal? Unter welchen anderen Umständen entscheiden sich Menschen dort, eine Zeit lang in einem Tempel zu leben?  

Midi Z: Von den 56 Millionen Einwohnern Myanmars bekennen sich 90 Prozent zum Buddhismus. In der burmesischen Kultur werden Jungen in die Erwachsenenwelt aufgenommen, nachdem sie eine Weile als Mönch gelebt haben – das ist gewissermaßen ein Initiationsritual. Auch Mädchen können Nonnen werden, es kommt aber sehr viel seltener vor, dass dieses Ritual von weiblichen Heranwachsenden praktiziert wird. Es gibt viele Männer in Myanmar, die Mönche sind, wobei zwei Arten unterschieden werden: Man wird entweder Mönch auf Lebenszeit oder für einen gewissen Zeitraum, der je nachdem eine Woche, zwei Wochen oder auch ein, zwei Monate dauern kann. Danach kehren die Mönche auf Zeit in ihr normales Leben, in ihre angestammten Berufe zurück.  
Neben den traditionellen Gründen, sich für ein Dasein als Mönch zu entscheiden, gibt es ganz unterschiedliche Motivationen: Manch einer möchte Buddha näherkommen, andere betrachten diese Entscheidung als Akt der Nächstenliebe. Wieder andere suchen nur nach etwas Ruhe und Frieden in ihrem Leben.

Als „Zusatzbehandlung“ zu seinem Aufenthalt im Tempel wird Shin-hong empfohlen, jeden Tag einen Apfel zu essen. Dieser Tipp kommt von einem Wahrsager – auch deswegen nehme ich an, dass dies keine buddhistische Praxis ist; das hört sich eher nach Aberglaube an. Wenn dem so ist: Wie können diese beiden spirituellen Sphären so friedlich koexistieren?

Das Mitbringen von 14 Äpfeln in ein Kloster, von denen man jeden Tag einen essen soll, ist keine buddhistische Tradition, es handelt tatsächlich um eine Art Aberglauben, der in vielfältigsten Formen existiert. Shin-hong hat sich aufgrund seiner Schlaflosigkeit zum Mönchsdasein auf Zeit entschlossen, weil er Ruhe und Frieden suchte. Da es wirklich sehr ruhig auf dem Land ist, bietet sich der Aufenthalt dort als Therapie gegen sein Leiden an. Der Rat des Wahrsagers war nur so ein zusätzlicher Tipp. Außerdem: Selbst für abergläubische Menschen ist es ja völlig unbedenklich, 14 Tage lang täglich einen Apfel zu essen. Ich bin überzeugt, dass sich nicht einmal Strenggläubige an einem solchen Ritual stören würden – das wäre ihnen eher gleichgültig. Tatsächlich existieren in Myanmar diverse Sekten, die den Glauben in vielfältigster Weise auslegen und entsprechend alle möglichen Rituale ausführen.
„Jeden Tag einen Apfel essen“ – das war der harmlose Rat dieses einen Wahrsagers, dem Shin-hong in der Hoffnung auf etwas mehr Glück in der Zukunft folgen konnte. Vielleicht verträgt der Entschluss, Mönch zu werden, sich gerade deshalb mit etwas harmlosem Aberglauben, weil er als gute Tat betrachtet wird.

Ihre Reise führte Sie in das entlegene Dorf Aungda. Wie kam es dazu, dass Shin-hong ausgerechnet dorthin geschickt wurde, so weit weg von seiner Heimatstadt? Wie reagierten die Mönche auf Ihren Vorschlag, diesen Film zu drehen? Gab es Bedingungen, Vorbehalte oder Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten?

Shin-hong lebt in Mandalay. Von dort dauert die Reise in das Dorf Aungda mit dem Auto sieben Stunden. Die Entfernung ist gar nicht so groß, aber die Straßen sind voller Kurven und in schlechtem Zustand. Aber es war eben der Ort, den der Wahrsager empfohlen hatte. Und da Shin-hong ja in ein ruhiges Kloster wollte, folgte er dem Rat.
Als ich mit den Dreharbeiten begann, dachten alle, ich würde Shin-hongs Leben als Mönch dokumentieren. Alle, auch der Dorfvorsteher, der Abt und die Mönche ließen sich gerne von der Kamera beobachten – insofern verliefen die Dreharbeiten ganz unkompliziert. Das Dorf ist sehr abgelegen, die Leute waren freundlich und zuvorkommend.

Ich war überrascht zu sehen, welch großzügige Spenden dem Mönch-Neuling auf der Willkommensprozession im Dorf übergeben wurden. Wie kommt es, dass Menschen, die offenkundig ziemlich arm sind, mehr spenden als sie eigentlich können? Oder anders gefragt: Was für eine wirtschaftliche bzw. finanzielle Rolle spielt ein Kloster in einem kleinen Dorf wie Aungda? Abgesehen von dem spirituellen Gewinn: Was erwarten die Dorfbewohner auf der sozialen Ebene, wenn sie die Mönche eines Klosters unterstützen?

Jedes Dorf in Myanmar, egal, wie abgelegen oder arm es ist, hat mindestens einen Tempel. Je abgelegener und ärmer das Dorf, umso wichtiger ist die Rolle des Tempels. Der Abt hat die Rolle des spirituellen Führers inne, er agiert als Richter bei Streitigkeiten im Dorf und als Mentor in allen Lebensfragen. Darüber hinaus lädt er als Gastgeber zu religiösen Versammlungen ein, die die Dorfbewohner als spirituell bereichernd empfinden. Von vielen Menschen, aber besonders von armen, werden Spenden für Buddha als gute Taten angesehen, für die sie in diesem oder im nächsten Leben belohnt werden.
In Aungda leben etwa zweihundert Familien, die meisten mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von drei US-Dollar pro Haushalt. Bevor in der Nähe des Dorfes Goldminen entdeckt und systematisch abgebaut wurden, lebten 90 Prozent der Bevölkerung als Bauern, zumeist von der Hand in den Mund. Die Spenden für die Mönche sind heute wie schon damals, unabhängig von Armut oder Reichtum der Dorfbewohner, unglaublich großzügig. Alle Tempel und Klöster in Myanmar sind von den Almosen der Gläubigen abhängig. Aber wie arm die Anwohner auch sein mögen: Die Mönche können sich darauf verlassen, dass immer genug für ihr Überleben gespendet wird.

Die Dorfbewohner haben Shin-hong gleich nach seiner Ankunft als Autorität anerkannt und suchten seinen Rat bei weltlichen Problemen. Hat dieses Verhalten Sie überrascht?

Shin-hongs Initiationszeremonie fand am Tag unserer Ankunft im Dorf statt. Am Tag darauf begab der Abt sich auf eine Reise, und Shin-hong vertrat ihn vorübergehend. Die Dorfbewohner wussten, dass Shin-hong aus einer großen Stadt kommt, und waren natürlich sehr neugierig auf seine Meinung in bestimmten Angelegenheiten. Ich hatte mit all dem ganz und gar nicht gerechnet. Ich hatte mir vorgestellt, Shin-hong würde in einem ruhigen Dorf die Heiligen Bücher rezitieren und nach den Unterweisungen eines älteren Mönchs meditieren. Ich konnte kaum glauben, dass er, dem niemals jemand das Mönchsein beigebracht hatte, über Nacht das neue geistliche Oberhaupt des Dorfes geworden war.

Bitte erzählen Sie noch etwas über das visuelle Konzept Ihres Films und über Ihre Idee, den Protagonisten auf sehr langen, ununterbrochenen Gängen zu begleiten. Und was hat Sie dazu bewogen, in einer Sequenz den Protagonisten vorübergehend allein zu lassen, um Frauen beim Wasserholen zu filmen?

Dieser Film entstand ganz unerwartet und zufällig. Ich erfuhr erst im März 2017, als ich meine Mutter in Myanmar besuchte, von Shin-hongs Plänen, und ich habe ihn dann quasi als Tourist begleitet. Als Ausrüstung hatte ich nur eine SLR-Kamera und recht einfaches Aufnahmeequipment dabei. Zunächst richtete ich die Kamera auf Shin-hong und den Tempel, in dem er lebte. Aber schon am zweiten Drehtag in dem Dorf wurde mir klar, dass ich auch andere Menschen in meinem Film zeigen wollte. Die Frauen dort machten mich neugierig, schon allein deshalb, weil sie den Mönchen wesentlich mehr Almosen gaben als die Männer. Ich verstehe nicht, warum Frauen frömmer sind als Männer.  

Darf ich Sie abschließend fragen, ob Shin-hong nach dieser Kur von seiner Schlaflosigkeit geheilt wurde?

Ja. Nein: Shin-hong leidet nach den 14 Tagen, die er im Kloster verbracht hat, immer noch unter Schlaflosigkeit. Das Leben als Mönch verlief für ihn völlig anders, als er es erwartet hatte.

(Interview: Dorothee Wenner, Januar 2018)

Produktion Midi Z, Isabella Ho, Lin Sheng-wen, Wang Shin-hong. Produktionsfirma Seashore Image Productions (Taipeh, Taiwan). Regie Midi Z. Buch Wu Pei-chi, Midi Z, Lin Sheng-wen. Kamera Midi Z. Montage Wu Pei-chi, Midi Z, Lin Sheng-wen. Sound Design Chou Cheng. Ton Li Tsung-tse.

Weltvertrieb Seashore Image Productions

Filme

2006: Bai ge / Paloma Blanca (14 Min.). 2008: Mo tuo che fu / Motorcycle Driver (28 Min.). 2009: Hua xin jie ji shi / Hua-xin Incident (24 Min.), Jia xiang lai de ren / The Man From Hometown (16 Min.). 2010: Cai cai wo shi shui / Guess Who I Am? (15 Min.). 2011: Gui lai de ren / Return to Burma (84 Min.). 2012: Qiong ren liu lian ma yao tou du ke / Poor Folk (115 Min.). 2013: Che mo pi hu / Silent Asylum (15 Min.). 2014: Hai shang huang gong / The Palace on the Sea (16 Min.), Bing du / Ice Poison (95 Min., Panorama 2014). 2015: Wa yu shi de ren / Jade Miners (104 Min.). 2016: Fei cui zhi cheng / City of Jade (99 Min., Forum 2016), Zai jian wa cheng / The Road to Mandalay (108 Min.). 2018: 14 Apples.

Foto: © Seashore Image Productions