Syn

The Son
Alexander Abaturov
2018

18.02. 19:30 OmEU CinemaxX 4
20.02. 21:30 OmEU Akademie der Künste
22.02. 14:00 OmEU CineStar 8
23.02. 22:15 OmEU Cubix 9

71 Min. Russisch.

2013 starb Dima Ilukhin, Cousin des Regisseurs und Soldat der russischen Armee, im Einsatz in der nordkaukasischen Republik Dagestan. Er war 21 Jahre alt.
Das Ereignis markiert den Ausgangspunkt für Abaturovs Reflexion über das Militär. In Sibirien begleitet er die Ausbildung neuer Rekruten: Man verabschiedet sich von Müttern und Freundinnen, lernt die Funktionen einer Kalaschnikow, übt das Granatenwerfen und Erste Hilfe.
Während Dimas Eltern versuchen, die Leere zu überwinden, müssen seine ehemaligen Kameraden weiter ins Gefecht ziehen. Auch sie haben erlebt, dass der Krieg Verluste bringt. Manche träumen von dem toten Freund.
Die Anwärter auf neue Plätze hingegen sind noch dabei, sich ihre Stärke zu beweisen. Die Härtesten bewerben sich um Aufnahme in die „Speznas“, die Spezialeinheiten des russischen Militärs. Von 112 Rekruten, die sich der brutalen Prüfung stellen, erhalten 34 schließlich das Recht, die ikonische rote Mütze zu tragen. Wenn sie und ihre Kameraden am Ende von einem riesigen Flugzeugbauch geschluckt werden, der sie an die Front bringen soll, dann erst sieht man, ganz kurz nur, die Besorgnis in ihren Gesichtern aufblitzen. (Marie Kloos)

Alexander Abaturov wurde 1984 in Novosibirsk (ehemalige Sowjetunion, heute Russland) geboren. Nach einem Studium der Kommunikationswissenschaft an der Staatlichen A.-M.-Gorki-Universität in Jekaterinburg war er zunächst als Journalist tätig. 2010 schloss er ein Filmstudium an der L’École documentaire im französischen Lussas ab. 2013 drehte Abaturov den mittellangen Dokumentarfilm Sleeping Souls. Syn ist sein erster abendfüllender Dokumentarfilm.

Ein kurzes Soldatenleben

Wie filmt man Abwesenheit, oder Leere?
Die Handlung von SYN setzt einige Monate nach Dimas Tod ein. Wir erleben weder das Ereignis selbst noch die darauffolgende Trauerphase, sondern das „Danach“ – ein Danach, das Tag für Tag, Schritt für Schritt aufgebaut werden muss. Der Film spielt in der Gegenwart und wendet sich einer ungewissen Zukunft zu – für die Eltern wie für die Kinder. Sie alle sollten zusammen sein, zuhause vereint. Stattdessen bringt man den Söhnen bei, wie man tötet. Indem ich das Alltagsleben dieser Menschen dokumentiere, mache ich durch die Lücken das Leben Dimas sichtbar, der nicht mehr unter uns ist. In einer Sekunde kann alles vorbei sein: Der Film zeigt die Gefahren eines Alltags, der permanent vom Tod überschattet ist.  
Der Prozess der Montage macht es möglich, die verschiedenen Teile des Films miteinander zu verbinden. Indem ich divergierende Bilder nebeneinanderstelle, lade ich die Soldaten aus Dimas Einheit gewissermaßen zu ihm nach Hause ein – in eine Wohnung, in die er nicht mehr zurückkehren wird. Auf diese Weise zeigt sich uns etwas bildlich, was man auf andere Weise nicht mehr zeigen könnte, nämlich Dimas Erlebnisse in der Armee. Parallel dazu zeigt der Film das Leben seiner Eltern zu Hause: Sacha sieht fern, und Natalia eilt geschäftig hin und her. Wenn gleichzeitig die jüngeren Brüder beim Training zu sehen sind, könnte genauso gut Dima beim Trainng sein, aber der lebt nicht mehr. Natalia wird metaphorisch zur Mutter all dieser vom Tode gestreiften jungen Männer.
Dima ist nicht länger einer von Hunderten getöteter Soldaten; er ist ein Sohn, ein „bratischka“, ein jüngerer Bruder. Der Film wendet sich gegen die Entkörperung der Armee, um im Zuschauer ein Gefühl von brüderlicher Verbundenheit mit Dima und den anderen Soldaten zu erzeugen.
Das letzte Mal, als ich Dima sah, kurz bevor ich wieder außer Landes ging und er zu seiner letzten Mission aufbrach, sahen wir uns THE THIN RED LINE von Terrence Malick gemeinsam an. Ich fragte ihn, was er von dem Film hielt. Nein, er mochte ihn nicht. Der Off-Kommentar, die ständig den Tod beschwörende Melancholie. „Er ist jung, er existiert und ist noch am Leben. Warum redet er über den Tod? Er sollte das Beste aus der kurzen Zeit machen, die er hat“, sagte Dima zu mir. „FULL METAL JACKET, das verstehe ich, sowas nenne ich einen Film, das ist mein Lieblingsfilm.“ – Jetzt kann ich keinen „ernsten“ oder anrührenden Film mehr machen, auch wenn mir das schwerfällt. (Alexander Abaturov)

Produktion Rebecca Houzel, Marina Silvanovich, Boris Carré. Produktionsfirmen Petit à Petit Production (Paris, Frankreich), Studio IDA (Novosibirsk, Russische Föderation), Siberiade (Paris, Frankreich). Regie, Buch Alexander Abaturov. Kamera Artiom Petrov. Montage Luc Forveille. Ton Alexander Kalachnikov.

Weltvertrieb Andana Films

Filme

2013: Sleeping Souls (53 Min.). 2018: Syn / The Son.

Foto: © Petit à petit productions