Unas preguntas

One or Two Questions
Kristina Konrad
2018

20.02. 16:30 OmEU Delphi Filmpalast
22.02. 12:30 OmEU Kino Arsenal 1
23.02. 19:15 OmU CineStar 8

237 Min. Spanisch.

Was bedeutet Frieden für Sie? Und was Gerechtigkeit? Dass Fragen dieser Art Ende der 80er Jahre in Uruguay öffentlich lebhaft diskutiert werden, ist nach zwölf Jahren Militärregime (1973–85) und damit einhergehendem Schweigen keine Selbstverständlichkeit. Zwei Frauen, die mit einer U-matic-Kamera auf öffentlichen Plätzen im Land unterwegs sind, richten sie an unzählige Passanten. Anlass ist das 1986 verabschiedete umstrittene Amnestiegesetz, das Straffreiheit für die während der Diktatur von Militär und Polizei begangenen Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gewährt. Engagiert geführte Gespräche auf der Straße sind das Herzstück dieses mitreißenden Films, der die zivilgesellschaftliche Mobilisierung von der Unterschriftensammlung für ein Referendum bis zum Tag der Volksabstimmung dokumentiert. Zeitgenössische TV-Werbung und Wahlspots ergänzen das bisher unveröffentlichte und klug montierte Videomaterial. Man hört eine Pluralität an Meinungen, erlebt eine Gesellschaft im Umbruch und erkennt die zentrale Bedeutung des öffentlichen Raums für das Austragen politischer Auseinandersetzung. Ein Szenario praktizierter Demokratie, das derzeit vielerorts erneut verteidigt werden muss. (Birgit Kohler)

Kristina Konrad wurde 1953 in Zug (Schweiz) geboren. 1977 schloss sie ein Studium der Geschichte an der Université Paris VII ab. Anschließend arbeitete sie bis 1983 für das schweizerische Fernsehen. 1983 lebte sie vorübergehend in New York und von 1984 bis 1986 in Nicaragua, wo sie gemeinsam mit Gabrielle Baur mehrere Dokumentarfilme drehte. Von 1987 bis 1994 lebte und arbeitete Konrad in Montevideo (Uruguay). Sie ist Mitgründerin der Filmproduktionsfirmen Girasolas und Producciones del Sur. Seit 1994 lebt Kristina Konrad als Autorin, Regisseurin und Produzentin in Berlin. 2002 gründete sie zusammen mit Christian Frosch die Produktionsfirma welt/film.

Uruguay, mit zeitlichem Abstand betrachtet

Ich zog Ende 1986 nach Montevideo/Uruguay. Ich kam in ein Land, das nach 20 Jahren der Unterdrückung und Angst und nach zwölf Jahren Diktatur (1973 bis 1985) „aufatmete“ und dessen redefreudige Bewohner*innen nach jahrelangem Schweigen nun wieder mit lauter Stimme sprachen: Es bedeutete Aufbruch, alles war in Bewegung, vieles schien möglich. Auch Konflikte und Probleme: Viele kehrten aus dem Exil zurück, erkannten ihr in der Fremde so vermisstes Land nicht wieder; die Begegnung mit den Daheimgebliebenen war oft schmerzhaft, die unterschiedlichen Erfahrungen haben auf beiden Seiten Spuren hinterlassen.
Das wichtigste Thema damals war das Amnestiegesetz, das 1986 im Übergang von der Diktatur zur Demokratie im Parlament verabschiedet wurde. Es gewährte Straffreiheit für die während der Diktatur von Militär und Polizei begangenen Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen. Ein umstrittenes Gesetz. Man müsse vergessen, die Demokratie brauche Frieden für den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes, sagten seine Verfechter*innen, während Angehörige von Vermissten und Toten und vom Staatsterror Betroffene ein Referendum erkämpften, um einen Volksentscheid zu dem Gesetz durchzuführen.
Graffitis an den Mauern, Pro und Contra werden diskutiert – auf der Straße, in den Medien, bei jedem Treffen mit Freund*innen und Bekannten.
Ich war neu, noch fremd in Uruguay und als Schweizerin vor allem sehr fasziniert von der Dynamik und Lebendigkeit, die auf den Straßen herrschte. Ich wollte teilnehmen, Land und Menschen näherkommen und die politischen Entscheidungen und deren Hintergrund verstehen.
Gemeinsam mit meinen beiden besten uruguayischen Freundinnen und der U-Matic-Kamera auf der Schulter war ich immer wieder unterwegs, um teilzunehmen und zu erkunden, was die Leute bewegte, wie Demokratie funktioniert, wie Meinungen zustande kommen, wie Wahlen entschieden werden.
Wir waren erstaunt, wie bereitwillig die meisten Menschen sich auf ein Gespräch mit uns einließen. Manchmal waren Angst und vorsichtige Zurückhaltung spürbar, einige der Befragten waren wütend, fast aggressiv, andere taten sehr gerne ihre Meinung kund. Wir hörten und sahen den Menschen dabei zu, wie sie nach jahrelangem Schweigen erstmals Worte für das fanden, was für sie Frieden ist. Die Argumente waren unterschiedlich, die vielfältigen Schattierungen der Meinungen auf beiden Seiten wurden dann in der Abstimmung in einer Stimme für oder gegen das Gesetz zusammengefasst.
30 Jahre später löste ich das Haus in Montevideo auf und stand vor dem Schrank mit
den nie geschnittenen U-Matic-Bändern. Wir hatten damals keinen Weg gefunden, aus den unzähligen Gesprächen einen Film zu montieren, der nach dem Resultat des Plebiszits noch interessiert hätte. Das Material war nicht mehr aktuell und doch zu nah. Nach 30 Jahren muss es nun nicht mehr „tagesaktuell“ sein, um aktuell zu sein. Es ist inzwischen historisch geworden und erzählt auch heute noch viel über demokratische Prozesse.
Gemeinsam mit René Frölke war es mir möglich, das Material mit Distanz zu betrachten. Seine insistierenden Fragen und seine sehr genaue Sicht waren entscheidend für das Entstehen von UNAS PREGUNTAS. Über das Thema des Plebiszits hinaus ist ein fragmentarisches Bild von Uruguay zwischen 1987 und 1989 entstanden. In diesen beiden Jahren wurde mein politisches Bewusstsein nachhaltig geprägt von der Erfahrung, wie Demokratie und Geschichte im Wahlkampf vermittelt wurden, welche Mittel wem zur Verfügung standen und wie die Menschen damit umgingen. (Kristina Konrad)

Gespräch mit Kristina Konrad und René Frölke: „Heute ist kaum noch etwas politisch“

Tobias Hering: Die meisten Gespräche, aus denen der Film besteht, führt María Barhoum. Man merkt ihr an, dass sie sich in der politischen Landschaft Uruguays auskennt und eine eigene Geschichte hat.

Kristina Konrad: María war Anarchistin. Sie ist vor ein paar Jahren gestorben. Ihre Eltern waren syrische Einwanderer. María war die jüngste von vier Töchtern und hatte ein Stipendium bekommen, um Kunst zu studieren. 1974 musste sie praktisch von einem Tag auf den anderen ins Exil gehen. Zunächst lebte sie eine Zeit lang in Schweden, zusammen mit ihrem Sohn. Später ging sie dann nach Frankreich und von dort nach Spanien. Als es 1985 wieder möglich war, kehrte sie nach Uruguay zurück und begann, als Kunstlehrerin zu arbeiten. Wir haben die Dreharbeiten damals Marías Arbeitszeiten angepasst.

Was den Film über weite Strecken trägt, ist die besondere Art, in der María die Gespräche führt und in der ihr euch mit der Kamera und dem Tonbandgerät in die Gesprächssituationen begebt. Man bekommt den Eindruck, dass ihr euch bei diesen Begegnungen teilweise sehr schnell auf die Empfindlichkeiten eures jeweiligen Gegenübers einstellen musstet.

Kristina Konrad: Die Gesprächssituationen waren häufig ambivalent: Einerseits war die Bereitschaft, mit uns zu sprechen, groß. Als Frauen wurden wir vermutlich nicht so ernst genommen, aber aus dem gleichen Grund waren die Leute auch weniger befangen im Gespräch mit uns. Manche hatten aber dann doch Angst, vor der Kamera etwas laut auszusprechen. Von den Militärs wurde ja seinerzeit öffentlich, auch im Fernsehen, gedroht: „Wenn Grün [die Gegner des Amnestiegesetzes] gewinnt, dann wissen wir nicht, was wir machen werden.“ Die Repressionen begannen ja schon Jahre vor der Diktatur, und wer 20 Jahre lang nicht frei reden konnte, der wird die Angst nicht von einem Tag auf den anderen los. Auch María hatte Angst. Ihre Vorgeschichte war bei den Behörden registriert, und es war keineswegs so, dass die Bösewichte nun alle im Gefängnis saßen – sie liefen vielmehr frei herum. Wenn wir jemanden ansprachen, wussten wir nicht, auf welcher Seite er stand: ob er unter der Diktatur gelitten hatte, ob er Militär war, ob er Verwandte vermisste oder Verwandte hatte, die beim Militär waren. Für María war das eine schwierige Situation, aber sie war ein empathischer Mensch und spürte schnell, mit wem sie es zu tun hatte.

Eure Entscheidung, ins Zentrum der Gespräche den Kernbegriff „Frieden“ zu stellen, hat offenbar dazu geführt, dass jeder sich angesprochen und sogar ein bisschen verpflichtet fühlte, seine Definition dieses Begriffs in Worte zu fassen. Beim Stichwort „Frieden“ haben sich die Befragten sichtlich geöffnet – mit Begriffen wie Gerechtigkeit oder Demokratie wäre das vermutlich weniger der Fall gewesen.

Kristina Konrad: Genau das waren unsere Vorüberlegungen. Im Rahmen der Wahlpropaganda war der Begriff „Frieden“ allgegenwärtig. Es wird ja häufig so argumentiert, nicht nur damals in Uruguay: Wir brauchen Frieden, um wirtschaftlich voranzukommen. In den 1950er Jahren gab es diesen Ansatz auch in Deutschland. In manchen gesellschaftlichen Schichten sagt das Wort Gerechtigkeit nicht jedem etwas, aber vom Thema Frieden fühlt sich jeder angesprochen. Es war dann tatsächlich interessant zu erfahren, wie unterschiedlich die Bedeutung dieses Begriffs für die Einzelnen war. Für die Armen heißt Frieden, essen zu können; für die Reichen heißt Frieden vor allem „Ruhe“.
In der politischen Debatte wurden die Themen Frieden und Gerechtigkeit teilweise gegeneinander ausgespielt: Die Rechte argumentierte, dass diejenigen, die nun Gerechtigkeit forderten, den Frieden zerstören wollten, den man mit dem Amnestiegesetz vermeintlich erreicht hatte. Wenn wir da auf dem Begriff Gerechtigkeit herumgehackt hätten, hätten sich wahrscheinlich manche Türen schneller geschlossen.

Obwohl der Film vier Stunden lang ist, hat er keinerlei „Durchhänger“. Man bekommt in langen, weitgehend ungeschnittenen Passagen mit, wie ein Gespräch überhaupt zustande kommt, wie es sich entwickelt und auch, wie es verkümmert, wenn eine Barriere nicht überwunden wird.

René Frölke: Diese Gespräche sind interessant wegen der Dinge, die an ihren Rändern geschehen. Über die Dauer des Films muss der Zuschauer einiges lernen: über das Land, seinen damaligen Zustand, die Zeit davor, die Zeit der Diktatur. Dieses Wissen muss man sich Stück für Stück erarbeiten, und oft ist dabei ein scheinbar unbedeutendes Detail in einer Antwort wichtig, weil es sich einfügt, vielleicht auch erst sehr viel später im Film, im Zusammenspiel mit einer anderen Szene. Jede Szene in UNAS PREGUNTAS hat ihr Gegenstück, mit dem sie sich verhaken kann. Grundsätzlich haben wir jedes Gespräch weniger als ein Interview, sondern viel mehr als selbstständige Szene aufgefasst.

Weil im Bild jeweils transparent wird, wie es entsteht, wirkt es auch schlüssig, dass Unschärfen, manchmal sogar die Kennzeichnungen der Band-Enden, im fertigen Film erhalten geblieben sind. Auf diese Weise versteht man auch in Fällen, in denen Gespräche abrupt enden oder mitten in einem Satz beginnen, dass man wirklich den Anfang und das Ende der Gesprächssituation gesehen hat.

René Frölke: Eine grundsätzliche Entscheidung war es, dass es in dem Film keinen zusätzlichen Kommentar gibt. Alles muss sich aus den Szenen selbst herleiten. Dazu war es notwendig, die Einstellungen in ihrer Form zu belassen. Hätte man klassisch geschnitten und Wert auf saubere Anfänge und Enden gelegt, wäre das nicht möglich gewesen. Es geht hier nicht um die bloße Aneinanderreihung von Monologen oder darum, den Archivcharakter des Materials herauszustellen; er ist eher Mittel zum Zweck. Es braucht die sichtbare Arbeit hinter und neben der Kamera, um das Ganze szenisch zu halten: Kamera und Interviewer sind quasi die Anspielpartner des jeweils Interviewten. Gleichzeitig läuft die Parallelhandlung ab, die die Entstehung des Films miterzählt, ein Making-of, ein Film im Film.

Fast alle Situationen und Gespräche des Films sind auf der Straße gefilmt. Zum einen wird die Straße mit Armut assoziiert; sie ist der Ort, an dem man landet, wenn man ganz unten ist. Sie ist aber auch der Ort, an dem Öffentlichkeit und Demokratie stattfindet. Wer unter der Diktatur gelitten hatte, bringt die Straße mit willkürlicher Gewalt der staatlichen Organe in Verbindung. Für die Rechten dagegen standen hinter allen Gefahren der Straße immer noch Guerillas, die Tupamaros.

Kristina Konrad: Man hat damals kaum ein Gespräch geführt, in dem nicht politisiert wurde. Damals war auch der öffentliche Raum noch viel wichtiger als heute. Und in Uruguay erlaubt es das Klima einfach auch, dass man sich viel draußen und auf der Straße aufhält. Die Behauptung, man könne in Montevideo nicht auf die Straße gehen, wurde von der rechten Propaganda instrumentalisiert. Damit sollte den Leuten Angst gemacht werden, sie sollten sich nicht draußen versammeln, sondern zu Hause bleiben und fernsehen. Aber es war nicht wirklich gefährlich, damals in Montevideo auf der Straße unterwegs zu sein. Auch als Frau alleine habe ich die Straße nicht als bedrohlichen Ort empfunden. Heute ist es viel gefährlicher als früher. Und heute ist kaum mehr etwas politisch. Heute ist alles privat.

(Auszüge aus einem Gespräch mit Tobias Hering, Januar 2018)

Produktion Kristina Konrad. Produktionsfirma weltfilm (Berlin, Deutschland). Regie, Buch Kristina Konrad. Kamera Kristina Konrad. Montage René Frölke. Dramaturgie René Frölke. Interviews María Barhoum, Graciela Salsamendi. Ton María Barhoum, Graciela Salsamendi.

Filme

1986: Cada dia historia / everyday history (89 Min.). 1988: Yo era de un lugar que en realidad no existía (85 Min.). 1989: De la mar a la mesa (38 Min.). 1990: Por centésima vez (75 Min.). 1991: Los vecinos del barrio (34 Min.). 1992: Comuna mujer ( 43 Min.). 1995: Seasick on Solid Ground (15 Min.). 2000: Greater Freedom Lesser Freedom (83 Min.). 2005: Our America (84 Min.). 2008: Far Away From Here (29 Min.). 2011: When We Were Happy and Didn’t Know It (73 Min.). 2015: Diego (45 Min). 2017: Dos días en mayo (58 Min.). 2018: Unas preguntas / One or Two Questions.