Breathless Animals

Lei Lei
2019

11.02.2019 19:30 OmEU CinemaxX 4
12.02.2019 12:30 OmEU Kino Arsenal 1
14.02.2019 22:15 OmEU Cubix 9
16.02.2019 20:00 OmEU Werkstattkino@silent green

68 Min. Mandarin.

Nur ihre Stimme ist zu hören – die Frau selbst sieht man nie. Sie erzählt von einem harten Leben, von einer jung verstorbenen Mutter, einem Vater, der während der Kulturrevolution im Umerziehungslager war, und von all den Dingen, die ihre Familie entbehren musste: Bilder von Fahrrädern, Möbeln und Hausfassaden ziehen über die Leinwand; sie stammen von Flohmärkten in ganz China, aus alten Werbeprospekten und Reportagen des Staatsfernsehens. So unterschiedlich die Quellen, so ähnlich die Bilder. Die Fotos bewegen sich, die Filmbilder stehen still, der Bilderstrom versiegt, setzt sich wieder in Bewegung und ändert im Takt mit dem Geräusch zurückgespulter Tonbänder und der lauten, dann wieder verstummenden Musik die Richtung. Die Leerstellen zwischen den Bildern spiegeln die Leerstellen der Erzählung, die sich aus Träumen und Wirklichkeit speist, Träumen von Tieren, die gewaltsam sterben, Erinnerungen ans Einschlummern vorm Fernseher, an ferne flackernde Gestalten, verzerrt vom Schlaf und vom Leben, in einem Wohnzimmer, das einem Kinosaal gleicht. Welche Bilder erzählen die Geschichte eines Landes? Jene, die man sieht, oder jene, die unsichtbar bleiben? (James Lattimer)

Lei Lei wurde 1985 in Nanchang (Provinz Jiangxi, China) geboren. Er studierte Animation an der Tsinghua University in Beijing und schloss sein Studium 2009 ab. Seit 2017 arbeitet er am California Institute of the Arts (CalArts) im Bereich Experimental Animation. Breathless Animals ist sein erster abendfüllender Film.

Die Welt meiner Eltern, die ich mir so nicht vorgestellt hatte

Arbeitsbedingt habe ich viel Zeit fern von meiner Heimatstadt im Süden Chinas verbracht, getrennt von meiner Familie und meinen engsten Verwandten. Selbst am Begräbnis meiner Großeltern konnte ich nicht teilnehmen, weil ich mich im Ausland aufhielt.
Mittlerweile kehre ich mehrmals im Jahr in meine Heimatstadt zurück, um meine Eltern zu besuchen. In unseren Gesprächen wird mir bewusst, dass sie heute viel mehr Ängste formulieren als früher. Ich nehme an, dass sie damals, aus Liebe zu mir, ihren Sorgen und Befürchtungen hinsichtlich meines Lebens einfach keinen Ausdruck verliehen haben.
In sich rasant entwickelnden Ländern wie China verlassen viele junge Menschen wie ich ihre Heimat und ihre Familien, um an entfernten Orten, in Großstädten oder auch im Ausland, die sich dort bietenden Möglichkeiten wahrzunehmen. Faktoren wie die rasch voranschreitende Urbanisierung, ein neuer, moderner Lebensstil und die kulturellen Unterschiede führen bei vielen Neuankömmlingen zu Leid und Verzweiflung. Die jungen Leute geben sich viel Mühe, sich in die Gesellschaft, in der sie leben, einzufügen und die aktuellen Trends mitzumachen. Die Lebenserfahrungen der Generation unserer Eltern bzw. unserer Großeltern werden wiederum für überholt gehalten.
Aber ist dem wirklich so? Jedes Mal, wenn ich mich in einem anderen Land verloren fühle, überkommt mich die Sehnsucht, meine Familie wiederzusehen. Dabei handelt es sich weniger um Heimweh als vielmehr um den Wunsch, dadurch mich selbst und meine Identität besser zu verstehen.
In den letzten Jahren habe ich viele Interviews mit Mitgliedern meiner Familie geführt. Ihre Erzählungen (oral histories) sind wie Teile eines zerbrochenen Spiegels oder Reflexionen auf einer Wasseroberfläche. Zusammengenommen bilden sie eine Welt, die ich mir so nicht vorgestellt hatte.
Diese Welt hat vielleicht nichts mit Geschichte oder Realität zu tun, dennoch ist sie in jeder Beziehung wahrhaftig. Man kann die Feuchtigkeit in der Luft spüren, den Staub in den Räumen, den Gesichtsausdruck einer Person wahrnehmen, den Eindruck haben, einen Gegenstand berühren zu können. Es ist eine Welt, in der sich meine Eltern gerade noch aufgehalten haben, in der die Wärme ihrer Körper noch spürbar scheint.
In BREATHLESS ANIMALS habe ich die zahlreichen Geschichten verwendet, die meine Angehörigen mir erzählt haben. Parallel dazu habe ich mit Bildern und Tönen experimentiert.
Ich hoffe, dass ich mithilfe dieses Films die Generation meiner Eltern und Großeltern besser verstehen kann, ebenso wie die Schatten, die sie auf mich geworfen haben. Mein Wunsch ist es, den Einfluss, den meine Eltern auf mich ausgeübt haben, ebenso erkennen zu können wie auch die Auswirkungen, die bestimmte historische Umstände und gesellschaftliche Veränderungen wiederum auf meine Familie hatten. Aber vielleicht gibt es auch nicht auf alle Fragen eine klare Antwort. (Lei Lei)

Gespräch mit Lei Lei: „Es gibt kein exklusives Privileg, Geschichte darzustellen“

Frage: Wie hat die Arbeit an BREATHLESS ANIMALS begonnen? Was war der Ausgangspunkt?

Lei Lei: In den letzten Jahren habe ich damit begonnen, alte Fotos und Zeitschriften auf Flohmärkten zu kaufen und Geschichten daraus zu entwickeln. BREATHLESS ANIMALS entwickelte sich nicht aus dem Nichts, sondern baute auf der Arbeit der letzten Jahre auf. Seit einiger Zeit faszinieren mich Familiengeschichten. Ich habe den Eindruck, dass sie besonders ausdrucksstark und nah an der Realität sind. Mit BREATHLESS ANIMALS wollte ich weniger die Realität selbst abbilden als vielmehr eine Fiktion entwickeln, in der die Protagonisten nicht für sich selbst stehen. Wenn Bilder und Dialoge gleichermaßen fiktional oder ‚Remakes‘ der Realität sind, entsteht interessanterweise eine Art Spiegel der Realität. Genau so einen Spiegel wollte ich mit meinem Film herstellen. Dass der Zuschauer Realität und Geschichte in der Reflexion dieses Spiegels wahrnehmen kann, ist meines Erachtens ein fruchtbarer Prozess.

Die Geschichte des Films folgt einem Dialog zwischen Ihnen und einer Frau, von der wir erst im Verlauf des Films erfahren, dass es sich um Ihre Mutter handelt. Wie kamen Sie auf die Idee, ihr die Rolle der Erzählerin zu geben?

Meine Gespräche mit meiner Mutter verlaufen einfach und ungezwungen und bedürfen keiner größeren Anstrengung. Solche Voraussetzungen für ein Gespräch lassen sich nicht einfach so herstellen. Dass ich die Identität meiner Mutter am Anfang des Films nicht offenlege, erzeugt einen interessenten Effekt im zweiten Teil: Der Zuschauer kann plötzlich eine andere Perspektive einnehmen und sich die Bilder und Dialoge vor seinem geistigen Auge noch einmal vergegenwärtigen.

Wie verliefen die Gespräche?

Die Gespräche fanden bei einem Besuch von mir im letzten Sommer statt und entwickelten sich auf ganz natürliche Weise. Ich hatte gar nicht die Absicht, ein Interview zu führen. Stattdessen ließ ich lediglich ein paar Stichworte fallen, zum Beispiel „Fahrrad“, „Fernseher“, „Traum“ usw. Die Worte hatte ich einer alten Zeitschrift entnommen. Meine Mutter griff sie auf und nahm sie zum Ausgangspunkt für verschiedene Anekdoten. Die Gespräche dauerten vier Stunden und fanden an zwei Abenden statt.

Warum haben Sie sich für dieses spezifische historische Zeitfenster entschieden?

Eigentlich geht es mir nicht wirklich um eine konkrete historische Zeitspanne. Ich hoffe sogar, dass sich ein paar ‚Fehler‘ in der Chronik eingeschlichen haben. Die Bilder, die ich in BREATHLESS ANIMALS zeige, stammen aus dem Zeitraum von 1950 bis 1980. Sie folgen keiner Chronologie, sondern werden völlig ungeordnet präsentiert. Ich wollte keine ‚reine‘ oder ‚gesicherte‘ Version eines mir unbekannten Teils der Geschichte rekonstruieren. Als Künstler nutze ich die Form der Collage, um Beziehungen zwischen den Bildern herzustellen. Wenn man jeder/jedem Kinozuschauer*in einräumen würde, eine ihr/ihm unbekannte Geschichte zu rekonstruieren, würde jede*r im Publikum seine eigene Version kreieren.
In der Zeit zwischen 1950 und 1980 durchlebte die Generation meiner Eltern den „Großen Sprung nach vorn“, die Kulturrevolution, die Landverschickungs-Aktion „Hinunter ins Dorf, hinauf in die Berge“ und die Wiedereinführung der Hochschuleintrittsprüfung. Diese Ereignisse haben ihr Leben nachhaltig beeinflusst und verändert.
Ich bin 1985 geboren, deshalb sind mir diese historischen Ereignisse eher fremd. Während meiner Ausbildung habe ich wenig historisches Wissen erworben und mich auch später wenig mit den Details der Geschichte beschäftigt. Aus diesem Grund habe ich mich dafür entschieden, auf die Beschreibung der jeweiligen historischen Hintergründe zu verzichten. Mir geht es in erster Linie um die Auswirkungen der Geschichte auf einzelne Menschen und ihre Familien. Es spielt also für die Zuschauer*innen keine Rolle, ob sie Kenntnisse der chinesischen Geschichte haben, da der Film vor allem um Menschen und deren Gefühle kreist und nicht so sehr einem historischen Narrativ folgt.

Wie kann Ihrer Meinung nach eine nicht mehr existierende Realität aus persönlicher oder künstlerischer Perspektive dargestellt werden?

Meiner Meinung nach reichen ein paar Fotos oder Aufnahmen von Interviews nicht aus, um Geschichte abzubilden. Dementsprechend gibt es kein exklusives Privileg, Geschichte darzustellen. Auf der anderen Seite verfügt ein Filmregisseur über gewisse Möglichkeiten der Lenkung. Der Informationsfluss verläuft in einer Richtung: Der Regisseur/die Regisseurin äußert sich, und das Publikum hört zu. In Bezug auf ein historisches Ereignis oder Thema kann der/die Filmemacher*in seine oder ihre Meinung vermitteln. Er oder sie besitzt das Mitteilungsmonopol. Meiner Meinung nach sollten sich zeitgenössische Filmemacher*innen dieser Vormachtstellung verweigern und dem Publikum im Interesse eines demokratischen Kinos das Recht zu sprechen zurückgeben. Bewegte Bilder sind ein Medium der Kommunikation. Das Publikum bildet sich seine eigene Meinung und vervollständigt damit sein Verständnis der Realität. Ich denke, darin besteht der Dialog im Kino. Das sind die Charakteristika eines zeitgenössischen Films.

(Interview: See-Ray Studio)

Produktion Lei Lei. Produktionsfirma See-Ray Studio (Peking, Volksrepublik China). Regie, Buch Lei Lei. Montage Lei Lei. Musik Lei Lei. Sound Design Lei Lei. Ton Lei Lei.

Weltvertrieb Asian Shadows
Uraufführung 11. Februar 2019, Forum

Filme

2009: Pears or Aliens (4 Min.), The Universe Cotton (4 Min.), Magic Cube and Ping-Pong (5 Min.). 2010: Hululu Honglonglong Hualala (6 Min.), This is LOVE (3 Min.). 2011: My... My... (5 Min.). 2012: Big Hands Oh Big Hands, Let It Be Bigger and Bigger (6 Min.). 2013: Recycled (5 Min.). 2014: This Is Not a Time to Lie (4 Min.). 2015: Missing One Player (4 Min.), Books on Books (7 Min.). 2016: Hand-Colored No.2 (5 Min.). 2019: Breathless Animals.

Foto: © Breathless Animals Production