Chun nuan hua kai

From Tomorrow on, I Will
Ivan Marković, Wu Linfeng
2019

13.02.2019 19:15 OmEU CineStar 8
14.02.2019 13:00 OmEU Kino Arsenal 1
15.02.2019 22:15 OmEU Cubix 9
17.02.2019 21:30 OmEU Delphi Filmpalast

60 Min. Mandarin.

Li arbeitet bei Nacht und schläft am Tag. Wenn er nach Hause kommt, steht sein Mitbewohner gerade auf. Im schnell wuchernden Peking haben sie sich in einem fensterlosen Verschlag eine provisorische Bleibe eingerichtet.
Immer wieder zeigt das unabhängige chinesische Kino gigantische Skylines, aufgenommen aus der Perspektive von Menschen, für die diese Orte so fern wie unerreichbar bleiben. Man kann nicht sagen, dass Li es dorthin geschafft hat. Er bewegt sich im urbanen Leben und ist doch außen vor. Die Kamera bleibt weitgehend in der Totalen und fängt die Unwirtlichkeit der Schauplätze ein. Auch wenn Menschen über Straßen und Plätze strömen, auf dem Markt Tofu und andere Gerichte angeboten werden, wirken die präzise choreografierten Bildtableaus seltsam leblos. Li arbeitet als Nachtwächter in einem der modernen Gebäude, manchmal muss er Glühbirnen auswechseln. Man bekommt einen Eindruck von den Verrichtungen und unzähligen Tätigkeiten im Hintergrund, die für das Funktionieren des städtischen Alltags notwendig sind. Man freut sich mit Li über den Kauf eines neuen Hemdes, doch wenn er es zum ersten Mal trägt, wird er noch längst nicht vom Rhythmus der Megacity aufgenommen. (Anke Leweke)

Ivan Marković wurde 1989 in Belgrad (Jugoslawien, heute: Republik Serbien) geboren. 2012 schloss er ein Kamerastudium an der Faculty of Dramatic Arts der University of Arts in Belgrad ab. Zurzeit absolviert er ein Masterstudium im Fach Kunst und Medien an der Universität der Künste Berlin. 2015 nahm er am Berlinale Talent Campus teil. Marković arbeitet als Kameramann und Filmemacher in Belgrad und Berlin. Chun nuan hua kai ist sein erster abendfüllender Film.

Wu Linfeng wurde 1989 in Hunan (China) geboren. Zwischen 2009 und 2013 studierte er Film am Lasalle College of the Arts in Singapur. 2013 zog er nach Beijing und gründete eine eigene Filmproduktion. Chun nuan hua kai ist sein erster abendfüllender Film.

Das System der Wanderarbeiter

CHUN NUAN HUA KAI folgt dem gleichförmigen Alltagsrhythmus des Wanderarbeiters Li in Peking, es lotet den Zustand zwischen seiner Sehnsucht und seinen Möglichkeiten aus. Li wohnt in einem Zimmer unter der Erde, das er aus finanziellen Gründen mit einem anderen jungen Mann teilt. Beide haben einen ähnlichen Lebenshintergrund, gehen aber ganz unterschiedlich mit ihrer Situation um. Im Gegensatz zu seinem jüngeren Mitbewohner akzeptiert Li, die Hauptfigur in CHUN NUAN HUA KAI, die untergeordnete Rolle, die er in der Gesellschaft spielt, auch wenn sein Wunsch, ein anderer zu sein, immer größer wird. Wie Millionen anderer chinesischer Wanderarbeiter, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus ländlichen Regionen in die chinesischen Großstädte ziehen, ist auch Li ganz in der täglichen Arbeitsroutine gefangen, ohne eine Perspektive auf Veränderung. Für ihn bleibt die rasant wachsende Stadt ein unerforschtes Terrain von Möglichkeiten, die für ihn unerreichbar scheinen.
Die Wanderarbeiter passen sich den ihnen auferlegten Verhältnissen vollständig an, liefern sich ihnen aus, sind bereit, im Hinblick auf Komfort, Privatsphäre und Privatleben Abstriche zu machen, um Geld zu sparen und später besser leben zu können. Während sich die Oberfläche der Stadt verändert, moderner und homogener wird, gerät die Vorstellung von einem erstrebenswerten Leben für manche ihrer Bewohner immer mehr außer Reichweite. Doch ihr Streben danach geht weiter und bleibt unhinterfragt.
Der Film kombiniert dokumentarische und fiktive Elemente und spielt an realen Drehorten. Die Figuren werden von Laiendarstellern aus dem Umfeld der Wanderarbeiter verkörpert. Indem er sich auf den Hauptprotagonisten Li konzentriert, beschreibt  CHUN NUAN HUA KAI die Beziehung zwischen Individuum, Gruppe und Architektur in einer sich rasant verändernden Stadtlandschaft. (Ivan Marković, Wu Linfeng)

Der Titel

Der Titel des Films ist dem Gedicht „Facing the Sea, with Spring Blossom“ entlehnt, das der chinesische Dichter Hai Zi am 25. Februar 1989, zwei Monate vor seinem Selbstmord, verfasst hat.

From tomorrow on, I will be a happy person
Feed a horse, split logs, travel the world
From tomorrow on, I will care for crops and vegetables
I have a house; it faces the sea, and flowers bloom in spring warmth
From tomorrow on, I will contact every relative
to tell them about my happiness
As that lightning bolt of happiness told me
I will tell each and every person
Give every river and every mountain a warm-hearted name
As for strangers, I wish you happiness too
I wish you a glittering future
I wish you a lover who becomes a spouse
I wish that you obtain happiness in this world
I wish only to face the sea, where flowers bloom in spring warmth

Stadt-Land-Apartheid

Das eklatante Anwachsen der Weltbevölkerung vor allem in städtischen Ballungsräumen und die dort herrschenden sozialwirtschaftlichen Gegebenheiten führen dazu, dass die Menschen unterschiedliche Überlebensstrategien entwickeln. Auch wenn die Situation in den chinesischen Megastädten extrem erscheint, scheinen sie dennoch eine in der Zukunft mögliche Lebensform zu repräsentieren, die auch an anderen Orten der Welt Realität werden könnte.
Der Film beschreibt das Leben eines von mehreren Hundert Millionen chinesischen Wanderarbeitern, die ihre Heimat in der Provinz zurückgelassen haben, um in einer Großstadt finanzielle Sicherheit für sich und ihre Familien zu erlangen. Als Arbeiter mit geringem Einkommen ordnen die Wanderarbeiter ihr Leben den unterschiedlichen Arbeitssituationen unter, suchen alternative Wohnmöglichkeiten, um noch mehr Geld sparen zu können.
Unterirdische Behausungen waren als Wohnmöglichkeit in Chinas größten und teuersten Städten durchaus üblich. Ursprünglich als Keller oder Luftschutzbunker konzipiert, wurden die Räumlichkeiten so umgebaut, dass möglichst viele Menschen darin untergebracht werden konnten. Während jede Art von bezahlbarem Wohnraum normalerweise Stunden vom Stadtzentrum entfernt liegt, befinden sich die Kellerbehausungen in der Regel innerhalb des größeren Stadtkerns, wo die ortsüblichen Mieten mindestens das Zehnfache der unterirdischen Unterkünfte betragen. Meistens passt nicht viel mehr als ein Bett in die Zimmer, die sich zudem oft zwei Menschen teilen. Solche Wohnbedingungen schaffen ein besonderes Gemeinschaftsgefühl: Die Mieter müssen die Räumlichkeiten instandhalten, die Privatsphäre der anderen respektieren und ihren Lebensraum vor der Außenwelt so gut es geht verborgen halten.

Pekings neues Gesicht
Die Möglichkeiten und Perspektiven der Wanderarbeiter werden zusätzlich durch das Registrierungssystem für Wohnsitze, die sogenannte Hukou, erschwert. Die Hukou hindert vom Land zugezogene Menschen daran, sich in Großstädten anzumelden, verzögert die Zahlung von Sozialleistungen an Wanderarbeiter, untergräbt ihre Möglichkeiten, eine geregelte Arbeit zu finden, was ihnen letztlich keine andere Wahl lässt, als weiterhin im Niedriglohnbereich zu arbeiten. Dieses System einer Stadt-Land-Apartheid führt dazu, dass die Wanderarbeiter zum neuen Proletariat der städtischen Ballungsgebiete im heutigen China werden, zu einem Proletariat, das keine Unterstützung erhält und dessen Grundrechte verletzt werden.
2017 wurde ein Gesetz verabschiedet, das unterirdische Wohnungen und ähnliche Behausungen offiziell verbietet. Zusammen mit den darauf folgenden Räumungen durch die Polizei wurden im Zuge der Kampagne „A New Face of Beijing“ ebenfalls die Straßen-Garküchen sowie kleine Läden und Restaurants, Motorradtaxis, kurz: jede Art sich unabhängig entwickelnder Orte und Aktivitäten geschlossen bzw. unterbunden. Während die halblegalen Anstellungsverhältnisse der Wanderarbeiter toleriert werden, um die Wirtschaft der Großstädte zu stärken, werden ihre glanzlose Präsenz und ihre Wohnareale als Schmutzflecken auf dem homogenen, wirtschaftsorientierten neuen Bild betrachtet, das die Stadt von sich vermitteln möchte. (Ivan Marković, Wu Linfeng)

Produktion Ivan Marković, Wu Linfeng, Fang Li. Produktionsfirmen Ivan Marković (Berlin, Deutschland), Wu Linfeng (Peking, Volksrepublik China), Fang Li (Peking, Volksrepublik China). Regie Ivan Marković, Wu Linfeng. Buch Ivan Marković, Tanja Šljivar, Wu Linfeng. Kamera Ivan Marković. Montage Ivan Marković, Wu Linfeng, Gang Hengju. Sound Design Shen Sum-Sum. Ton Zeng Chaopeng. Production Design Gui Zhou. Kostüm Gui Zhou. Mit Li Chuan, Wei Ruguang, A Long, Gu Yueqing, Wang Luying.

Weltvertrieb Ivan Marković
Uraufführung 13. Februar 2019, Forum

Filme

Ivan Marković: 2009: Sve, sigurno / Everything Is Safe (4 Min.). 2014: Night Walks (Multi-Channel Video). 2016: Bai niao / White Bird (29 Min., Co-Regie: Wu Linfeng, Berlinale Shorts 2016). 2017: If and of Any (19 Min., 2-Kanal-Video, Co-Regie: Valentina Knežević). 2018: Centar (48 Min.). 2019: Chun nuan hua kai / From Tomorrow on, I Will.

Wu Linfeng: 2012: Shuang xi / Double Happiness (20 Min.). 2013: Gang Suo / Tightrope (30 Min.). 2015: Bai niao / White Bird (29 Min., Co-Regie: Ivan Marković, Berlinale Shorts 2016). 2019: Chun nuan hua kai / From Tomorrow on, I Will.

Foto: © Ivan Marković, Wu Linfeng