Weitermachen Sanssouci

Music and Apocalypse
Max Linz
2019

12.02.2019 18:30 OmEU Delphi Filmpalast
13.02.2019 13:45 OmEU CineStar 8
15.02.2019 20:00 OmEU Cubix 9
17.02.2019 19:30 OmEU Colosseum 1

80 Min. Deutsch.

Dem Institut für Kybernetik und Simulationsforschung droht die Schließung – so das Ausgangsszenario dieser Satire über die Verwandlung des Universitätsbetriebs in eine turbokapitalistische Forschungsmaschinerie. Phoebe Phaidon nimmt als hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftlerin wieder einmal einen befristeten Lehrauftrag an. Mit ihren noch nicht ganz verblassten Idealen als progressive Klimaforscherin agiert sie zwischen den frustrierten, aber kampfbereiten Studierenden, die die Bibliothek besetzen. Auf der anderen Seite: der etablierte Lehrkörper, beim Überlebenswillen im Drittmittelbeschaffungssumpf zu eitlen Zynikern verkommen, die sich vor keiner noch so grotesken Verrenkung im Evaluierungswahnsinn scheuen. Max Linz komponiert seinen Film mit feinem Gespür für Berliner Befindlichkeiten, städtische Kulissen, Bürodekor und akademische Kostüme. Und mit Lust an der Überzeichnung der dekadenten Uni-Sprache, die ihre Reizwörter wie Köder in der Verhaltensforschung benutzt. Am Ende entwickelt sich der Film fast zu einem Musical – der Ohrwurm „Warum kann es hier nicht schön sein, warum werden wir nicht froh?“ könnte zu einer postkapitalistischen Revolutionshymne werden. (Dorothee Wenner)

Max Linz wurde 1984 geboren. Er studierte Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin und an der Sorbonne Nouvelle Paris 3 sowie Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Seither lebt er als Filmemacher in Berlin. Daneben ist er als Dozent tätig und publiziert zu filmpolitischen und ästhetischen Themen.

1967 fragt Herbert Marcuse im Vorwort seiner Studie „Der eindimensionale Mensch“: „Dient nicht die Bedrohung durch eine atomare Katastrophe, die das Menschengeschlecht auslöschen könnte, ebensosehr dazu, gerade diejenigen Kräfte zu schützen, die diese Gefahr verewigen?“
Eine dialektische Denkfigur, wie sie für die Kritische Theorie der Frankfurter Schule typisch und die öffentlichkeitswirksame universitäre Philosophie um 1968 charakteristisch ist.
Vergangenheit, könnte man sagen, lange tot. Doch auf seinem Grabstein hat Marcuse den lesenden Lebenden die Aufforderung „Weitermachen“ hinterlassen, die meinem Film eine Hälfte seines Titels gegeben hat. Noch aus dem Grab heraus appelliert der Autor, sich von Ende, Abbruch und Verlust nicht hindern zu lassen. Der Anspruch scheint seltsam und befremdlich, geradezu grotesk – und zugleich erinnert er daran, dass die Utopie eines von Vernichtungsdrohungen befreiten Lebens, das schon im Diesseits „Sanssouci“ wäre, nicht realisiert ist. (Max Linz)

Gespräch zwischen Max Linz und Joseph Vogl

Kurz vor Beginn der Dreharbeiten im Februar 2017 trafen wir Joseph Vogl, Philosoph und Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin, zu einem Gespräch über die Themen des Drehbuchs für den Film WEITERMACHEN SANSSOUCI.
Das Gespräch wird hier in Auszügen veröffentlicht.

Max Linz: In einem Gespräch in der Zeitschrift Merkur zur „Lage der Universität“ haben Sie gesagt, dass das „10-Punkte-Programm“ des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann-Stiftung, das Modularisierung der Lehre, Flexibilisierung der Bezahlung, Digitalisierung der Lehre beinhaltete, die Universität stärker verändert hat als die hochschulpolitischen Reformen nach 1968. Was ist das Centrum für Hochschulentwicklung?

Joseph Vogl: Das CHE ist, wenn man so will, eine Art akademischer Think-Tank der Bertelsmann Stiftung, der eine ganze Reihe von Vorschlägen zur Effizienzsteigerung der Universitäten vorgelegt hat, all das natürlich vor dem Hintergrund eines „Liberalismus mit gutem Gewissen“. Es ging dabei vor allem um die Durchsetzung von Wettbewerb auf allen akademischen Ebenen. Parallel lief der Bologna-Prozess, und beides zusammen hat zu einer Verunkenntlichung des älteren Universitätsbetriebs geführt.

Worin besteht die Verunkenntlichung?

Es sind alle möglichen Formen des Managements zugewachsen, das nun der traditionelle Professor mehr oder weniger dilettantisch zu betreiben hat. Da ist zunächst die Einführung von Wettbewerbslärm, damit verbunden die entsprechenden Evaluierungsprogramme und eine Vervielfältigung unterschiedlichster Kriterien, die fantasievoll oder geradezu fhantastisch sind: also das Zählen von Publikationen, das Engagement in akademischen Gremien, die Betreuung von Arbeiten, vor allem aber Drittmittelstärke.

Was sind Drittmittel genau?

Drittmittel sind im akademischen Betrieb all die Mittel, die nicht durch den Universitätsetat selbst gedeckt werden, die also von dritter Hand eingeworben werden müssen. Das können öffentliche Drittmittel sein, wie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD), oder private Mittel von allen möglichen Stiftungen bis hin zu Unternehmen. Es stellt sich im Augenblick eine Situation dar, die eine kontinuierliche Unterfinanzierung der Universitäten vorführt: Steigenden Studierendenzahlen stehen gleichbleibende oder sogar schwindende Etats gegenüber, die vor allem durch die Schuldenbremsen verursacht werden. Und dann gibt es Drittmittel, die diese Unterfinanzierung kompensieren und daneben gewisse Forschungszentren beliefern sollen. So entsteht die kritische Situation, dass die Universitäten über diese Drittmittel – dazu gehört auch die Exzellenz-Initiative beispielsweise – akademischem Nachwuchs produzieren, für den die Universitäten selbst keine einzige neue Stelle geschaffen haben. Und das führt in der Generation der jetzt Promovierenden oder auch gerade Promovierten zu durchaus krisenhaften Konstellationen.

Wie teilt sich diese Krise mit?

Durch erhöhtes Beäugen der Kommiliton*innen und Kolleg*innen, durch Vorwegnahme von Leistungsanforderungen, die keiner genau definieren kann, und vor allem durch den Versuch, eine überaus kontingente Situation, also Zufallsgeneratoren bei der Stellenbesetzung, durch erhöhte Leistungsbereitschaft zu kompensieren. Dadurch sind ausgesprochen intelligente Leute permanent mit der Überprüfung nicht von Gegenständen, Sachgehalten, Forschung, sondern ihres eigenen Profils beschäftigt. Dieser Einzug einer unmöglichen Karriereplanung in die Karriereplanung erzeugt schräge psychologische Verwerfungen.
Dabei muss man wissen, dass die Teilnehmer*innen sich in einer Situation befinden, in der sie dazu angehalten sind und motiviert werden, sich um winzige Beträge und Vorteile zu streiten. Die Spieleinsätze sind also nicht so hoch wie in der freien Wirtschaft, es geht mehr darum, eine Art Dauerbeschäftigung zu erzeugen, in der das Leistungsprinzip in gewisser Weise tief ins Gedächtnis eingebrannt wird: Ihr befindet euch in diesem Strudel und ihr müsst in diesem Strudel schwimmen.

Wenn nun ein Think-Tank der Mehrheitseignerin des Bertelsmann-Konzerns (zu dem unter anderen die RTL-Gruppe, die Verlagshäuser Gruner + Jahr, Penguin Random House oder die Unternehmensberatung Arvato gehören) diese Wettbewerbsprinzipien durch Beratung und Lobbyismus in die Hochschulpolitik einführt, stellt sich die Frage, ob sich im Zuge dessen kapitalistische Organisationsprinzipien der Hochschulen bemächtigen.

Zunächst ist der Kapitalismus, oder was man immer noch so nennen muss, kein kohärentes System. Vor diesem Hintergrund ist ein chinesischer Kapitalismus etwas anderes als ein amerikanischer; der Kapitalismus einer Drogenmafia funktioniert ganz anders als der Kapitalismus der pharmazeutischen Industrie, auch wenn es durchaus Ähnlichkeiten geben könnte …
Dieses System ist also inkohärent, erzeugt unterschiedliche Zeitdimensionen, es gibt Anachronismen und Hypermodernismen gleichzeitig. Das System leckt und tropft überall und erzeugt dabei Tümpel der Ineffizienz. Das sind Bereiche, bei denen sich eine Bewirtschaftung nicht lohnt und die aus dem Blickfeld der kapitalistischen Leistungsspannung geraten. Es ist ja keine unerfreuliche Nachricht, dass es in diesen Konstellationen zwangsläufig auch immer Formen erfreulicher oder sogar fröhlicher Ineffizienz geben muss.

Das heißt, die vom Aussterben bedrohte Schildkröte, die in einem solchen Tümpel sitzt, muss hoffen, dass dieser Tümpel oder das, was sie darin treibt, nicht als mögliches Feld wirtschaftlicher Betätigung entdeckt wird?

Man ist darauf angewiesen, in sich selbst die Langsamkeit der Schildkröte zu entdecken und Residuen freizuhalten, die sich nicht selbstverständlich in Marktdynamiken übersetzen lassen.
Ich glaube, es ist ein großes Problem unseres eigenen Seelenhaushalts, die Freuden des Markts und des Konsums gegenüber anderen Freuden im Gleichgewicht zu halten. Man sollte so etwas wie seelische Schildkrötenpflege betreiben und vielleicht damit auch entdecken, dass man nicht für Milieus und für Imperative dieser Art geboren wurde, sondern dass man einen langen Erziehungsprozess durchgemacht hat, der irgendwann zu so etwas wie dem Marktsubjekt geführt hat. Dabei hat sich etwas vollzogen, was durchaus mit dem Begriff des wunschlosen Unglücks in Verbindung gebracht werden könnte. Ich glaube, wir sind mit hohen Mengen dieses wunschlosen Unglücks ausgestattet – man könnte es auch begriffsloses Unglück nennen –, weil bereits da, wo wir nur anfangen zu wünschen, der Markt bereits ein Angebot macht. Also wäre die Frage: Wie lässt sich nicht marktförmiges Wünschen organisieren?

Klimaszenarien wie die damals bahnbrechende Studie „Die Grenzen des Wachstums“ („The Limits of Growth“) des Club of Rome scheinen ja so eine Marktferne auf den ersten Blick als zukünftige Überlebensnotwendigkeit nahezulegen, um den Kollaps des Planeten in näherer Zukunft zu verhindern. Auf den zweiten Blick sieht man aber, dass es sich eher um eine Evaluation künftiger Wachstumsperspektiven handelt, also sozusagen Marktforschung vor apokalyptischem Horizont.

Eine kapitalistische Ökonomie funktioniert nur unter der Bedingung knapper Ressourcen. Was im Überfluss existiert, lässt sich nicht oder nur unter sehr erschwerten Bedingungen bewirtschaften. Es ist noch nicht gelungen, die Luft zu bewirtschaften, es ist noch nicht durchweg gelungen, das Wasser zu bewirtschaften, obwohl es entsprechende Anstrengungen gibt. Überall dort, wo keine Knappheit herrscht, gibt es auch keinen Markt. Ein Arbeitsmarkt funktioniert nur unter der Bedingung, dass es Arbeitslosigkeit gibt. Ein Lebensmittelmarkt funktioniert nur unter der Bedingung, dass nicht alle satt werden. Insofern ist der Zusammenhang von ökonomischen Entwicklungen und Knappheitsgrenzen natürlich ein zentrales kapitalistisches Projekt, in das alle Intelligenz investiert wird: Knappheit muss produziert werden. Es geht also nicht um irgendwelche allgemeinen ‚Grenzen des Wachstums‘, um menschengemachte Klimakatastrophen oder ‚Anthropozän‘, sondern um konkrete, ganz unschöpferische Zerstörungen, die sich kapitalistischen Wirtschaftsweisen verdanken. Und hier geraten wir an eine eigentümliche Sklerose unserer politischen Einbildungskraft, dass man sich nämlich – Frederic Jameson hat es einmal so formuliert – eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen kann. Man müsste die gegenwärtige Lage aber nicht vom Weltende, sondern vom Ende der Marktgesellschaften her denken. Und ich glaube, da haben sich im Augenblick Bruchlinien aufgetan.

Tatsächlich?

Trotz aller vehementen Gegenkräfte und Übermächte gibt ja kleine, aber signifikante Beispiele dafür. Den städtischen Rückkauf von Wasserwerken in Berlin etwa; die Einsicht, dass ein ‚freier‘ Immobilienmarkt nicht die beste Allokation bezahlbarer Wohnungen bietet; dass Gemeingüter wie öffentliche Infrastrukturen nur unter Verzicht auf privatwirtschaftliche Geschäftsmodelle erhalten werden können. Es geht also darum, den drohenden Tod von Lebenswelten gegen das Überleben des Kapitalismus zu halten.

(Februar 2017)

Produktion Maximilian Haslberger, Cooky Ziesche. Produktionsfirmen Amerikafilm (Berlin, Deutschland), Rundfunk Berlin-Brandenburg (Berlin, Deutschland). Regie Max Linz. Buch Max Linz, Nicolas von Passavant. Kamera Carlos Andrés López. Montage Bernd Euscher, René Frölke. Musik GAJEK. Sound Design Jochen Jezussek. Ton Andreas Mücke-Niesytka. Production Design Sylvester Koziolek. Kostüm Pola Kardum. Maske Julia Böhm, Ferdinand Föcking. Mit Sarah Ralfs (Phoebe Phaidon), Sophie Rois (Brenda Berger), Philipp Hauß (Julius Kelp), Bernd Moss (Alfons Abstract-Wege), Maryam Zaree (Wendela Wendela), Bastian Trost (Dakkar Prinz), Leonie Jenning (Pepa, die Gewandte), Luis Krawen (Oswald, der Gescheite), Martha von Mechow (Elinor, die Wunderliche), Max Wagner (Gebäudemanagement).

Uraufführung 12. Februar 2019, Forum

Filme

2011: Die Finanzen des Großherzogs Radikant Film / The Finances of the Grand Duke Radicant Film / The Finances of the Grand Duke Radicant Film (33 Min.). 2012: Das Oberhausener Gefühl – Eine Depressentation in zehn Folgen (68 Min.). 2014: Ich will mich nicht künstlich aufregen / Asta Upset (84 Min., Forum 2014). 2019: Weitermachen Sanssouci / Music and Apocalypse.

Foto: © Carlos Andrés Lopéz & Amerikafilm