April 2020, startseite

Im Andenken an Sarah Maldoror – MONANGAMBEEE im arsenal 3 und ein Nachruf von Filipa César

Das öffentlich zugängliche Programm des arsenal 3 kam zu Stande, weil wir unsere Kinosäle arsenal 1 und 2 im Zuge der Verbreitung des Corona-Virus vorübergehend schließen mussten. Am 13. April erhielten wir dann die traurige Nachricht, dass Sarah Maldoror, die für viele von uns eine außergewöhnlich wichtige Filmemacherin war, im Alter von 91 Jahren gestorben war, nachdem sie sich mit dem Virus infiziert hatte.
Monangambeee lautete ein Ausruf, mit dem Aktivist*innen des antikolonialen Befreiungskampfs in Angola Dorfversammlungen einberiefen. Sarah Maldorors gleichnamiges Kurzfilmdebut wurde 1971 im ersten Berlinale Forum gezeigt. Die Filmkopie blieb in unserem Archiv und wurde in der Folge häufig verliehen. Viele Jahre später, als sich herausstellte, dass unser Exemplar des Films die einzige noch verfügbare Kopie geworden war, begannen wir unsere Archivarbeit wirklich als kollaborative Praxis zu verstehen.
Zwischen 2011 und 2013 nahm Filipa César mit „Luta ca caba inda“ an unserem Projekt „Living Archive – Archivarbeit als zeitgenössische künstlerische und kuratorische Praxis“ teil. Ihr Projekt befasste sich mit einer kurzen Phase militanten Kinos in Guinea-Bissau und deren Spuren im Archiv des dortigen nationalen Filminstituts (INCA – Instituto Nacional de Cinema e Audiovisual). Gemeinsam mit ihr und in enger Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Sana na N‘Hada, der als Regieassistent für Sarah Maldoror tätig gewesen war, begannen wir unser erstes großes Digitalisierungsprojekt. Unsere Gespräche während dieser Zeit hatten immensen Einfluss auf das Verständnis unseres eigenen Archivs als Ort für politischen Aktivismus.
MONANGAMBEEE wurde für die von Tobias Hering und Catarina Simão heraus gegebene DVD „Specters of Freedom – Cinema and Decolonization“ digitalisiert. 2017 wurde der Film in der Sektion Berlinale Shorts wiederaufgeführt und ein weiteres Mal diesen Februar im Rahmen des Jubliäumsprogramms zum 50-jährigen Bestehen des Berlinale Forums.
Wir haben die Filmemacherin Filipa César eingeladen, einen Nachruf auf Sarah Maldoror zu schreiben, den Sie weiter unten lesen können. Unsere Gedanken sind bei Sarahs Tochter Annouchka de Andrade, die dankenswerterweise zugestimmt hat, MONANGAMBEEE in das Programm von arsenal 3 aufzunehmen (stss).

Der Fuß des Vulkans
von Filipa César

Meine erste Begegnung mit Sarah Maldoror fand im Juni 2011 vor dem Eingang des Musée du Quai Branly in Paris statt. Sie wartete auf den Beginn des zweiten Teils der Konferenz „Les voies de la révolte: cinéma, images et révolutions dans les années 1960-1970“. Flüsternd, mit gedämpfter Stimme, wunderte sie sich: „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht“, und ich fragte mich, wie ihr fast gelangweilt klingender Kommentar zu verstehen sei. Ich stellte mir vor, dass sie etwas dachte wie: „Diese Kinder wollen mich historisieren – doch weder ich noch der Kampf sind Geschichte.“ Noch werden sie es jemals sein. Einige Monate zuvor hatte ich in Bissau einen ihrer ‚cine-comrades‘ kennengelernt, den Filmemacher Sana na N‘Hada. Dieser erste Tag, den wir miteinander verbrachten, war der Beginn einer lebenslangen Konversation. Fast alles, was ich über Sarah Maldoror weiß, erfuhr ich durch Sana, der mir von seiner Arbeit als Kameramann beim Dreh zu Sarahs Carnaval na Guiné-Bissau (1980) und als Regieassistent ihres in Cabo Verde gedrehten Films Fogo, île de feu (1979) erzählte. Sana erinnerte sich an die Aufnahme der Eröffnungsszene von Fogo, île de feu, die von der Spitze des Vulkans Pico do Fogo aus gedreht wurde. Sarah hatte sich geweigert den höchsten Berg des Archipels zu erklimmen und die Regie des mutigen Drehs am Rande des Kraters an Sana delegiert. Durch diese und andere Anekdoten gab mir Sana zu verstehen, dass Sarah, die als erste „afrikanische“ Filmemacherin gilt, auch die treibende Kraft hinter dem Aufbau eines engen Netzes cinephiler Beziehungen im Bereich des transnationalen militanten afrikanischen Kinos der 1960er und -70er gewesen war.

Sarah und ihr Partner, der angolanische Dichter Mário Pinto de Andrade, wandelten auf parallelen und sich immer wieder kreuzenden militanten Pfaden – er konzentrierte sich auf die Politik, sie auf den Film. Mit Amílcar Cabral gründete er 1951 das erste Zentrum für Afrikastudien in Lissabon. Als Sarah, finanziert durch ein sowjetisches Stipendium, von 1961 bis 1962 im Studio Gorki in Moskau Film studierte, war er Mitgründer der MPLA (O Movimento Popular de Libertação de Angola). Sarahs Filme entstanden parallel zu den afrikanischen Kämpfen. In Algiers, einem der wichtigsten Organisationsknotenpunkte der Befreiungsbewegungen, produzierte Sarah ihren ersten Film, Monangambeee (1968), arbeitete mit William Klein am Dokumentarfilm Festival Panafricain d‘Alger (1965) und assistierte Gillo Pontecorvo bei der Produktion von La Bataille d‘Alger (1965). Nach Meinungsverschiedenheiten mit der MPLA trat Andrade aus der Partei aus. Bald nach der Unabhängigkeit Angolas ging er ins Exil im ebenfalls kürzlich befreiten Guinea Bissau. Dort wurde ihm von der Regierung Luis Cabrals die Position des Ministers für Kultur und Information angeboten. Mit den jungen guineischen Filmemachern, zu denen Sana na N‘Hada und Flora Gomes gehörten, gründete er 1976 das INCA - Instituto Nacional do Cinema e Audiovisual. In diesem Kontext entwickelte Sarah in den späten 1970ern Filmprojekte in Guinea und Cabo Verde. Durch ihre Kontakte kam 1979 Chris Marker nach Bissau, der als Beitrag zum nationalen Kinoprojekt Teile von Sans Soleil (1982) dort produzierte. In der Zwischenzeit hatte Sarah einige Rollen unbelichteten Films in Bissau zurückgelassen, die Sana sich prompt für die Realisation des Films Os Dias de Ancono (1978) aneignete.

Als Sana am Abend des 15. April von Sarahs Tod erfuhr, schrieb er:

Liebe Filipa,

Eine Erinnerung an Sarah Maldoror.

Eines Tages im Jahr 1973, in Dakar, als ich den Filmemacher Ousmane Sembène bereits kannte, mit dem ich bis zu seinem Tod in (guineischem) Kreole Gespräche führte, nahm mich Sarah mit zu dessen Haus in der Nähe des Flughafens Yoff; einfach so, ohne uns anzukündigen. Wir verbrachten einen Großteil des Morgens damit, über die Schreibweise von Sembènes Film zu sprechen, der von Senghor zensiert worden war. Tatsächlich stritten die beiden sich über die Frage, wie das Wort „Rebell“ zu schreiben sei: „Ceddo“, wie Sembène behauptete oder „Cedo“, wie Senghor glaubte – und was dieser als Vorwand nutzte, den Film zu verbieten.

Von Yoff aus fuhren Sarah (die eine im Senegal verbotene Uniform der PAIGC trug) und ich direkt zurück zum Daniel Sorano Theater, wo Senghors Minister den Standpunkt des senegalesischen Präsidenten verteidigen sollte. Unser Aufschrei im Sorano verursachte (so glaube ich) eine solche Panik, dass die Debatte abgebrochen wurde!

Dank Sarah Maldoror schüttelte ich die Hände des berühmten französischen Dichters Louis Aragon und die der nicht weniger berühmten Schauspielerin Simone Signoret, der Partnerin des Schauspielers Yves Montand, der wiederum mit unserem Freund Chris Marker befreundet war. Sarah hatte sie eingeladen, einen ihrer ersten Filme zu schauen, als ich 1978 in Paris war um Os Dias de Ancono im Musée de L‘homme zu schneiden. Sarah und ihr Ehemann Mário Pinto de Andrade ermöglichten es mir außerdem, im Haus des angolanischen Sängers Bonga in der Pariser Vorstadt zu übernachten, während er in Bissau war.

All das soll dir zeigen, liebe Filipa, wie großzügig und hilfsbereit Sarah war und dass sie vor fast nichts zurückschreckte.

Vergib mir meine Halluzinationen, liebe Filipa.

Sei umarmt,
Sana.

Meine zweite und letzte Begegnung mit Sarah war in Berlin, während der 67. Berlinale im Jahr 2017, als Sana und Sarah sich nach vielen Jahren endlich wiedersahen. Sarah präsentierte Monangambeee, Sana und ich feierten die Premiere des kollektiv gedrehten Films Spell Reel. Monangambeee wurde innerhalb von drei Wochen nahe Algiers gedreht, überwiegend mit Laiendarsteller*innen und Aktivist*innen der MPLA. Der Film ist der erste, der von einer afro-französisch-karibischen Frau gedreht wurde und er entstand im Zuge des sich entwickelnden Kampfes. Sie drehte eine der revolutionärsten und wichtigsten Szenen in der Geschichte des militanten Kinos. In einer Einstellung verdichtet sie, begleitet von der Free-Jazz-Band Art Ensemble of Chicago, antikolonialen Kampf, die Emanzipation der Frau, koloniale Ignoranz und die Widerständigkeit der Liebe. Eine Schwarze Frau tauscht mit ihrem eingesperrten Partner Gesten der Zuneigung und des Begehrens aus. Der weiße Wächter des Kolonialgefängnisses überwacht den Austausch von Zärtlichkeiten und missversteht den Ausdruck von Fürsorge als kodierten Akt der Subversion. Sarah Maldoror re-humanisiert die Schwarzen Körper nicht nur, sondern zeigt Liebe als unbezwingbare Waffe, aller Gewalt zum Trotz.

Sarah Maldoror starb am 13. April nach einer Infektion mit dem Coronavirus, doch sie lebt fort in ihren Filmen und in den vielen Erinnerungen, die den fortdauernden Kämpfen und den Kino-Freundschaften, die sie begleiteten, weiter Antrieb geben werden. Ihr magisches Kino ist nur die Spitze des Vulkans, an dessen Fuss umfassende militante Sorge, lebendige Solidarität und cinephile Schwesternschaft liegt.

Filipa César mit Sana na N‘Hada am 24. April 2020