September 2016, kino arsenal

Filmmusik: Krzysztof Komeda

DANCE OF THE VAMPIRES, 1967

Der polnische Jazz-Musiker und Komponist Krzysztof Komeda (1931–1969) zählt zu den herausragenden europäischen Filmkomponisten der 60er Jahre. Zwischen 1957 und 1968 komponierte er die Musik zu mehr als 60 kurzen und abendfüllenden Filmen, Spiel-, Dokumentar-, Animations- und Fernsehfilmen. Wir zeigen als Hommage 14 seiner Arbeiten, darunter Werke von Roman Polanski, Jerzy Skolimowski, Jerzy Stefan Stawiński, Andrzej Wajda und Henning Carlsen. Komeda war unter seinem bürgerlichen Namen Krzysztof Trzciński als HNO-Arzt tätig, ehe er 1956 durch den Auftritt seines Sextetts beim ersten Jazzfestival in Sopot zum populärsten Musiker Polens wurde. Das Festival markierte den Beginn einer Liberalisierung gegenüber dem staatlich geächteten Jazz und der Auftritt Komedas den Anbruch eines neuen jazzmusikalischen Selbstverständnisses. In keinem anderen Land erlangte Jazz eine so große politische Bedeutung wie in Polen, wo er nicht nur Ausdruck einer westlichen Jugendkultur, sondern auch zum Symbol für Freiheit wurde. Durch Roman Polanski, der Komeda bat, die musikalische Gestaltung seines an der Filmschule in Łódź entstandenen Kurzfilms "Rozbijemy zabawę" (Break Up the Dance) zu übernehmen, begann Krzysztof Komeda 1957 auch als Filmkomponist zu arbeiten. Es war der Auftakt zu einer der fruchtbarsten Kooperationen zwischen Regisseur und Komponist in der Geschichte des Films. Bis zu seinem frühen Tod schrieb Komeda, mit Ausnahme von Repulsion, für den er keine Arbeitserlaubnis in England erhalten hatte, alle Filmmusiken zu Polanskis Spielfilmen sowie zu zahlreichen seiner Kurzfilme. Zur Charakteristik von Komedas Filmkompositionen zählt eine präzise Koordination von Handlung und Musik, die nur dann Verwendung fand, wenn sie dramaturgisch notwendig erschien: "Lieber zu wenig, als zu viel." (KK) Komeda, der meist bereits zu einem frühen Zeitpunkt in die Filmplanung einbezogen war, verzichtete auf vordergründiges Illustrieren und akzentuierte eher das Atmosphärische als das Dramatische. Die Basis seiner facettenreichen Filmkompositionen war der Jazz, ab Mitte der 60er Jahre verwendete er zunehmend Elemente klassischer, experimenteller und populärer Musik. "Seine Musik war kühl und modern, aber in ihr schlug ein warmes Herz. Er war der Filmmusiker par excellence. Er gab meinen Filmen Wert. Sie würden wertlos sein ohne seine Musik." (Roman Polanski)

DANCE OF THE VAMPIRES (Tanz der Vampire, Roman Polanski, GB/USA 1967, 7.9., Einführung: Ulrich Kriest & 17.9.) Professor Abronsius (Jack MacGowran), Fledermausexperte und Vampirologe, hat wegen des Spotts seiner Kollegen seinen Lehrstuhl an der Universität Königsberg aufgegeben und begibt sich Ende des 19. Jahrhunderts mit seinem treuen Schüler Alfred (Roman Polanski) ins Zentrum seines Forschungsgebiets, die winterlichen Südkarpaten. In der Herberge des jüdischen Wirts Shagal verliebt sich Alfred in die Wirtstochter Sarah (Sharon Tate), die kurz darauf entführt wird. Die Spur führt die Vampirjäger zum Schloss des Grafen von Krolock. Der erklärte Lieblingsfilm von Roman Polanski war seine erste aufwendige Großproduktion in Farbe und im Breitwandformat: eine Horrorkomödie mit märchenhafter Farbdramaturgie und viel Liebe zum Detail, die romantische, komische und gruslige Elemente ebenso intelligent wie elegant miteinander verknüpft. Mit einem dem Genre angemessenen Score mit Cembalo, Oboe, Flöte und Chorgesang entfernte sich Komeda vom Jazz und bewies eindrucksvoll die Vielseitigkeit seiner Filmkomposition. DANCE OF THE VAMPIRES wurde als erster kompletter Komeda-Soundtrack auf LP veröffentlicht.

NIEWINNI CZARODZIEJE (Die unschuldigen Zauberer, Andrzej Wajda, PL 1960, 8. & 12.9.) "Da muss Boxen drin sein und Jazz, ein cooler Typ mit Roller, der hübsche Mädchen trifft und auch mal übers Leben sinniert", riet der 21-jährige Jerzy Skolimowski dem zwölf Jahre älteren Andrzej Wajda, der nach seinen filmischen Bearbeitungen der Weltkriegsvergangenheit einen Gegenwartsfilm über das Lebensgefühl junger Menschen drehen wollte. Skolimowski schrieb das Drehbuch Jerzy Andrzejewskis entsprechend um und empfahl Wajda, einen Jazzmusiker für den Soundtrack zu engagieren. Der handlungsarme Plot kreist um Bazyl, einen jungen Warschauer Arzt, der einen staatlichen Boxverein medizinisch betreut, und dessen Leben richtungslos und innerlich leer zwischen Job, Jazzclub und flüchtigen amourösen Begegnungen verläuft, bis er eine Zufallsbekanntschaft macht, die ihm den Glauben an die Liebe (wieder)geben könnte. Die eigentliche Hauptrolle spielt der Jazz, der den Lebensstil einer jungen polnischen Bohème zum Ausdruck bringt und im On wie im Off sehr präsent ist. Der Protagonist ist selbst Teil einer Jazzband, der auch Polanski und Komeda angehören. Direktes Vorbild für die Figur des Bazyl in Kleidung und Habitus sowie mehreren Details, wie dem Lam-bretta-Roller, war Krzysztof Komeda, der zur Entstehungszeit für einen Teil der polnischen Jugend Idolcharakter besaß.

Ż W WODZIE (Das Messer im Wasser, Roman Polanski, PL 1962, 10. & 14.9.) Polanskis einziger abendfüllender polnischer Spielfilm ist Parabel und psychologisches Kammerspiel zugleich: Der arrivierte Sportredakteur Andrzej, Besitzer eines Segelboots und eines Wagens aus dem kapitalistischen Ausland, wird mit seiner jüngeren Frau Krystyna auf dem Weg zu einem Segeltrip auf den Masurischen Seen von einem jungen Anhalter zum Stoppen gezwungen. Andrzej lässt sich auf die Kraftprobe ein, nimmt den Studenten mit und schlägt ihm vor, das Wochenende mit ihnen auf dem Boot zu verbringen. In dieser Modellsituation auf engstem Raum eingeschlossener Menschen entwickelt sich ein spannungsgeladenes, erotisches Beziehungsdreieck zwischen dem saturierten ehemaligen Kämpfer für eine bessere Welt und der ungestümen jugendlichen Virilität des Studenten, dem Krystyna abschließend voraussagen wird: "Du wirst genauso werden wie er!". Krzysztof Komedas sinnlicher Jazz-Soundtrack, von John Coltrane inspiriert und vom überwiegend improvisierten Saxophonspiel Bernt Rosengrens geprägt, drückt die Volatilität des Wetters und der Gruppendynamik aus und trug nachhaltig zu Komedas Bekanntheit und Reputation bei.

Kurzfilmprogramm Roman Polanski(10. & 15.9.): DWAJ LUDZIE Z SZAFĄ (Zwei Männer und ein Schrank, PL 1958) Die zweite Zusammenarbeit von Polanski und Komeda wurde mehrfach international ausgezeichnet und darf zu den berühmtesten Studentenfilmen der Filmgeschichte gerechnet werden: Zwei Männer entsteigen mit einem Kleiderschrank dem Meer, schleppen den Spiegeltürschrank über den Strand und durch die Straßen der Stadt. Weil sie überall auf Verständnislosigkeit und Ablehnung stoßen, bleibt ihnen nur der Weg zurück ins Meer. LE GROS ET LE MAIGRE (Der Dicke und der Dünne, F 1961) Auf einer Wiese vor einem Haus lässt sich der Dicke (André Katelbach) von seinem mageren Diener (Roman Polanski) versorgen. Eine Slapstick-Groteske und Parabel über das Verhältnis von Herr und Knecht in drei Teilen. SSAKI (Säugetiere, PL 1962) Zwei Männer und ein Schlitten. Anfangs wechseln sich die Herren freundschaftlich im Ziehen und Gezogenwerden ab, bald aber versuchen sie immer schneller, in die bequemere Position zu gelangen. Der Abschluss der Kurzfilmtrilogie vereinigt Motive von DWAJ LUDZIE Z SZAFĄ und LE GROS ET LE MAIGRE um Macht und Abhängigkeit. GDY SPADAJĄ ANIOŁY (Wenn Engel fallen, PL 1959) Polanskis Diplomfilm in Łódź: Eine alte Frau arbeitet in einer Herrentoilette im Keller eines öffentlichen Gebäudes. Während sich in der Toilette kleine Dramen abspielen, lässt sie ihr Leben Revue passieren, das die bewegte polnische Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. LA RIVIÈRE DE DIAMANTS (F/I/J/NL 1964) Eine junge Französin lässt sich durch Amsterdam treiben und nutzt die Lüsternheit eines älteren Diplomaten, um in den Besitz eines Diamantcolliers zu kommen, das sie kurz darauf spontan bei einem Vagabunden gegen einen Papagei eintauscht. Die subversive Komödie, die so respektlos wie spielerisch die patriarchale Klassengesellschaft vorführt, ist der Höhepunkt des selten gezeigten Omnibusfilms Les plus belles escroqueries du monde. Die weiteren, in Tokio, Neapel und Paris spielenden Episoden stammen von Hiromichi Horikawa, Ugo Gregoretti und Claude Chabrol. Der Beitrag Jean-Luc Godards wurde vor der Uraufführung vom Produzenten entfernt.

PINGWIN (Penguin, Jerzy Stefan Stawiński, PL 1964, 8. & 20.9.) Der schüchterne Student Andrzej findet nicht den Mut, der Kommilitonin Barbara seine Liebe zu offenbaren und wird von den Wortführern am Institut als "Pinguin" gehänselt. Als der selbstgefällige Anführer der Clique sich bei einer Party für einen Korb von Barbara rächt, indem er ihre Liebesbriefe an ihren Exfreund vorlesen lässt, wird Andrzej vom passiven Beobachter zum Handelnden. Die zweite Regiearbeit des (Drehbuch-)Autors Jerzy Stefan Stawiński (1921–2010) wird aus subjektiver Perspektive durch einen distanziert vorgetragenen inneren Monolog des Außenseiters Andrzej erzählt. Auf der Suche nach Vertrauen in die Menschheit projiziert er den Wert auf Barbara, den er in seiner materialistisch orientierten Umwelt am meisten vermisst: Integrität. Anders als zur Zeit des wenige Jahre zuvor entstandenen NIEWINNI CZARODZIEJE, war Jazz Mitte der 60er Jahre nicht mehr die angesagteste Musikrichtung unter polnischen Studenten. Jazz war zur Nische geworden, wer hip sein wollte, hörte "Big Beat", eine polnische Umschreibung für Rock'n'Roll. Komedas Soundtrack trägt dem Rechnung, indem er für die im Film sichtbar präsente Musik "Big Beat", Rock bzw. Beat wählt, während das Andrzej zugeordnete Thema ein auf J.S. Bachs Konzert in C-Dur für zwei Klaviere basierendes Jazz-Motiv ist, das seine Außenseiterrolle unterstreicht.

CUL-DE-SAC (Wenn Katelbach kommt …, Roman Polanski, GB 1966, 9. & 18.9.) Der Titel (dt.: Sackgasse) beschreibt einen für Polanski typischen "huis clos": Zwei Gangster suchen nach einem missglückten Coup verletzt Unterschlupf auf einem Schloss vor der nordenglischen Küste, das nur bei Ebbe zu erreichen ist. Während sie auf ihren Boss Katelbach warten, entspinnt sich ein Spiel um Macht und gegenseitige Abhängigkeiten mit den bürgerlichen Inselbewohnern, dem ungleichen Paar George (Donald Pleasance), einem ehemaligen Fabrikbesitzer, und seiner deutlich jüngeren zweiten Frau, der kapriziösen Teresa (Françoise Dorléac). CUL-DE-SACwurde bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, Komedas Soundtrack als EP veröffentlicht.

SULT (Hunger, Henning Carlsen, DK/N/S 1966, 11. & 19.9.) Henning Carlsen, der vier Filme mit Krzysztof Komeda realisierte, schildert nach Knut Hamsuns Roman die Geschichte eines jungen Schriftstellers (Per Oscarsson), der im Jahr 1890 mittel- und obdachlos in Oslo lebt. Zentrales Thema ist neben der Einsamkeit und der flüchtigen Liebe zu einer Frau aus bürgerlichen Verhältnissen (Gunnel Lindblom) der titelgebende Hunger und die Ausgrenzung des Protagonisten: "Man ist doch nicht gleich verrückt, nur weil man ein empfindsamer Mensch ist!" Per Oscarsson wurde für seine Darstellung des Eigenbrötlers in Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet. Krzysztof Komeda übersetzt das Innenleben des unter Halluzinationen leidenden Autors in eine traumähnliche, schwebende Stimmung mit sparsam eingesetzten musikalischen Miniaturen: Klaviertöne wie Tropfen, ein monoton sirrender Ton, Streicher, die wie Synthesizer klingen. "Komeda hatte die Gabe, Stille hörbar zu machen." (Henning Carlsen)

BARIERA (Barriere, Jerzy Skolimowski, PL 1966, 14. & 16.9.) Skolimowski setzt in seinem dritten Spielfilm die Suche nach einem Platz in der Welt fort. Ein namenloser junger Mann bricht sein Medizinstudium ab, um schneller zu Wohlstand zu kommen. Bald stößt er an verschiedene der im Titel anklingenden Barrieren, überkommene Traditionen und Hierarchien einer anderen Generation. Er verliert das Interesse an seiner Idee von der reichen Ehefrau mit Villa und Sportwagen und wendet sich zunehmend angewidert von der auf materiellen Gewinn bedachten Umwelt ab. Mit BARIERA ließ Skolimowski traditionelle narrative Konventionen hinter sich. Realistische Szenen verbinden sich mit traumartigen Sequenzen, romantische Momente mit satirischen Attacken auf Militär und Unternehmenskultur. Krzysztof Komedas kongeniale Übertragung in einen innovativen Jazz-Score zählt zu seinen schönsten Filmmusiken.

LE DÉPART (Der Start, Jerzy Skolimowski, B 1967, 13. & 16.9.) Der Brüsseler Friseurlehrling Marc (Jean-Pierre Léaud) träumt von seinem ersten Autorennen und trainiert heimlich mit dem Porsche 911 S seines Chefs. Immer unter Hochspannung, kann er an nichts anderes als an schnelle Autos denken, bis er am Vorabend des Rennens der Liebe begegnet. Skolimowski übernahm für seinen ersten außerhalb Polens gedrehten Film einen Teil des Teams von Godards "Masculin féminin" und gab Jean-Pierre Léaud die Gelegenheit, körperbetonter als in den Filmen von Truffaut, Godard und Eustache zu agieren. Für den Soundtrack hatte Skolimowski, der mit Komeda eine Vorliebe für sportliche Autos teilte, eine zentrale Rolle reserviert. Er betrachtete LE DÉPART als Testfall für die Frage: Wie viel Musik verträgt ein Film? Die Musik sollte der experimentellen Form des Films entsprechen und Komeda konnte seiner Vorstellung, nicht nur die Musik zu komponieren, sondern den ganzen Sound des Films zu gestalten, Raum geben. Er verband Free Jazz mit Elementen experimenteller klassischer Musik, benutzte Jump Cuts im Soundtrack und integrierte Lärmelemente wie Léauds Schreien in den Dialog zwischen Don Cherrys Trompete und Gato Barbieris Tenorsaxophon.

ROSEMARY'S BABY (Roman Polanski, USA 1968, 9. & 17.9.) Das junge Paar Rosemary (Mia Farrow) und Guy Woodhouse (John Cassavetes) bezieht eine Wohnung im altertümlichen Bramford-Haus in New York, in dem ein Satanisten-Zirkel aktiv gewesen sein soll. Nach dem Verzehr eines von der Nachbarin vorbeigebrachten Desserts fällt Rosemary in Ohnmacht und sieht sich in einem halbbewussten, alptraumhaften Zustand von einem Ungeheuer vergewaltigt. Die erste Hollywood-Produktion von Roman Polanski und Krzysztof Komeda, eine Umkehrung der christlichen Marienlegende nach dem Roman des Broadway-Autors Ira Levin, wurde Polanskis kommerziell erfolgreichster Film. Komedas Score zwischen Hexensabbatgesängen und Popsong mit Ohrwurmqualität erhielt eine Golden-Globe-Nominierung für die beste Musik. Das hypnotische "Lullaby", die wohl bekannteste Komposition Krzysztof Komedas, wird von der Hauptdarstellerin Mia Farrow gesungen. (hjf)

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Polnischen Institut Berlin.

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