Februar 2015, kino arsenal

Asynchron. Dokumentar- und Experimentalfilme zum Holocaust. Aus der Sammlung des Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V.

HABEHIRA VEHAGORAL, 1993

Das Jahr 2015 steht im Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Holocaust – ein Thema, das für unsere Institution von besonderer Bedeutung ist, bildet doch die filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust seit Vereinsgründung 1963 – damals noch als Freunde der Deutschen Kinemathek – eines der Kernanliegen unserer Arbeit. Dies zeigt sich bis heute sowohl im Programm des Arsenals, des Berlinale Forums, als auch im Portfolio unseres Filmverleihs. So war eines der herausragenden Ereignisse des Forums 1986 die deutsche Erstaufführung von Claude Lanzmanns SHOAH im Delphi Filmpalast, ein Film, der seitdem von uns verliehen wird. Weitere Filme zur Thematik, die Teil des Arsenal-Filmarchivs geworden sind, nachdem sie im Forum liefen, sind u.a. DIE FEUERPROBE von Erwin Leiser, HABEHIRA VEHAGORAL (Wahl und Schicksal) von Tsipi Reibenbach oder Lanzmanns "Sobibor, 14 octobre 1943, 16 heures". Diese besonderen Filme laufen Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Zum einen ist der Bestand der Filmkopien durch Zerfalls- und Abnutzungsprozesse bedroht, zum anderen gibt es durch den medialen Wandel der letzten Jahre immer weniger Vorführorte für analoge Filme. Um die filmische Erinnerung auch für kommende Generationen sichtbar zu halten, wurde aus unserer Filmsammlung eine Auswahl von rund 50 Titeln zusammengestellt, von denen im Laufe der nächsten Monate zehn Filme digitalisiert bzw. in digitaler Kinofassung (DCP) angekauft werden. Zu den Werken liegt ein Katalog vor, der die Filme vorstellt und kontextualisiert.

Noch bis zum 4. Februar 2015 findet zum Auftakt des Projekts eine umfangreiche Filmreihe mit Einführungen, Filmgesprächen und Diskussionsrunden im Kino Arsenal statt. Der Schwerpunkt liegt auf Fragen zu Erinnerung, Archiv und Öffentlichkeit. Die gesamte Filmauswahl wird über arsenal distribution bundesweit für öffentliche Vorführungen angeboten.

SHOAH (Claude Lanzmann, F 1974–1985, 1.2., Einführung: Josef Lederle) Die filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist immer auch eine mit der Darstellbarkeit des nicht Darstellbaren. Zu dieser Diskussion hat Lanzmann mit SHOAH einen bis heute radikalen und formal strengen, herausragenden Beitrag geleistet. Er spricht mit Zeugen des Massenmordes in den Vernichtungslagern und Überlebenden des Warschauer Ghettos, mit Tätern, Zuschauern und jüdischen Überlebenden der Sonderkommandos. Den Interviews stellt er aktuelle Aufnahmen der Schauplätze der Verbrechen gegenüber. SHOAH wurde 1986 als erster Film mit dem Caligari-Filmpreis ausgezeichnet.

WE WERE SO BELOVED (Wir waren so beliebt, Manfred Kirchheimer, USA 1981–1985, 2.2., Einführung: Nanna Heidenreich) New York, Washington Heights: Von Amerikanern als das "Vierte Reich" oder später als "Frankfurt on the Hudson" bezeichnet, schlossen sich hier über 20.000 Juden, die vor den Nationalsozialisten geflohen waren, zu einer deutsch-jüdischen Enklave zusammen. In seinem Film fragt Kirchheimer seinen Vater und Freunde der Familie nach ihren Lebensgeschichten. Sie erzählen sehr offen von Verlust, Angst, den Schwierigkeiten eines Neuanfangs im Exil und ihrem heutigen Leben in New York.

HABEHIRA VEHAGORAL (Wahl und Schicksal, Tsipi Reibenbach, Israel 1993, 3.2., zu Gast: Tsipi Reibenbach) Tsipi Reibenbachs Eltern Yitshak und Fruma Grinberg sind beide Überlebende des Holocausts. Während die Regisseurin ihren ritualisierten Alltag in einem Wohnblock in Israel beobachtet, erzählt der Vater vom Leben in den Ghettos und den Todeslagern. Die Mutter spricht zunächst nicht. Sie schweigt, kocht und putzt. Doch ihre Unruhe und Angespanntheit dominieren die Atmosphäre. "Das Alltägliche einer Handlung wird zum Besonderen, wenn es mit den Erinnerungen an die Lager konfrontiert wird, in denen nichts alltäglich war außer der Todesgewissheit – das macht Tsipi Reibenbach in ihrem Film mit Nachdruck deutlich." (Steffen Vogt)

D'EST (Aus dem Osten, Chantal Akerman, F/Belgien 1993, 4.2.) Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs reist Chantal Akerman vom Osten Deutschlands nach Moskau. Eine Reise ins geografisch und auch historisch Unbekannte. Auf der Suche nach Bildern des "fremden" Ostens und den Spuren ihrer jüdischen Mutter, die in Polen geboren wurde und als junge Frau Auschwitz überlebte, findet sie scheinbar zufällig Momente, die sich mit dem kollektiven Bildgedächtnis kurzschließen. Ohne erläuterndes Voice-over, ohne Zwischentitel und Interviews öffnet sich allein durch Akermans sehr konzentrierten, ruhigen Blick auf die Gegenwart ein Portal in die Vergangenheit und ihre Bilder transformieren sich in mahnende Platzhalter einer historischen Tatsache, die sich Darstellbarkeit und Erklärung entzieht.

Im Oktober und November 2015 findet das Projekt mit der Aufführung aller zehn neu digital verfügbaren Filme in einer Reihe mit Einführungen und Filmgesprächen seinen Abschluss.

Das Projekt "Asynchron. Dokumentar- und Experimentalfilme zum Holocaust. Aus der Sammlung des Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V." wird gefördert durch die Lotto Stiftung Berlin.

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