April 2018, kino arsenal

Magical History Tour: 
Land in Sicht – Landschaften im Film

SWEETGRASS, 2009

Landschaften sind aus Filmen nicht wegzudenken. So vielgestaltig die realen oder virtuellen Szenerien, so umfassend und divers das Potential dieser Topografien und ihrer Funktionen: Landschaften im Film erzählen Geschichten, kreieren oder spiegeln Stimmungen, greifen ihnen vor oder lassen sie ausklingen, sie übernehmen die Hauptrolle, werden zu Seelenlandschaften oder dienen als symbolreiche Kulisse, oft statisch-ruhend im rasanten Fluss der Handlung. Filmische Landschaften sind das „freieste Element des Films, das flexibelste, um Stimmungen, Gefühle und spirituelle Erfahrungen zu vermitteln.“ (Sergej Eisenstein) Vom Anbeginn der Kinematografie übten Landschaftsaufnahmen – sowohl Darstellungen exotisch-fremder Gegenden als auch der heimatlichen Gefilde – große Faszination auf das frühe Publikum aus. Später konstruierten Filme der landschaftsintensiven Genres, Berg-, Heimat-, Kriegsfilm oder Western, spektakuläre Panoramen einer meist übermächtigen Natur. Jenseits der Genrekonventionen eröffnet sich im Dokumentar-, Spiel- und Experimentalfilm ein weit verästeltes Feld von Landschaftsdarstellungen, ihrer Konstruktion und Infragestellung, welches wir mit zwölf Filmen im April ansatzweise beleuchten möchten.

LUST FOR LIFE (Vincente Minnelli, USA 1956, 1. & 17.4.) Mit Blüten übersäte Bäume, von der Frühlingssonne beschienene Ackerflächen, Kornfelder, Olivenhaine, Strahlen, Farben, Formen – fast unmerklich gehen reale Landschaften in van Goghs berühmte Landschaftsbilder über, fungieren seine Gemälde wie Fenster, die sich auf die Drehorte an Originalschauplätzen öffnen. Als Amalgam aus Biopic und Melodram zeichnet LUST FOR LIFE die letzten zehn Lebensjahre Vincent van Goghs (Kirk Douglas) nach. Das eigentliche Thema des Films sind jedoch die Farben wie auch die van Gogh’schen Szenerien, die Minnelli farbdramaturgisch und kompositorisch beeindruckend umsetzt.

L’ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD (Last Year in Marienbad, Alain Resnais, F/I 1961, 2. & 7.4.) Ein Film, in dem innen und außen, Zimmerfluchten eines Barockschlosses und die Landschaft eines geometrisch angelegten Parks nahtlos ineinander überzugehen scheinen. In diesem abgeschlossenen Universum ohne Verbindung nach außen agieren zwei Männer und eine Frau (Delphine Seyrig), die einander zu kennen scheinen. Während einer der Männer die Frau mit Fragmenten aus der Vergangenheit konfrontiert, versucht sie sich zu erinnern. Resnais lässt in diesem außergewöhnlichen Formexperiment (nach dem Drehbuch von Alain Robbe-Grillet) die Zeiten verschwimmen und kreiert ein faszinierendes erzählerisches Labyrinth.

JOHANNA D'ARC OF MONGOLIA (Ulrike Ottinger, BRD 1989, 3. & 10.4.) Der Film beginnt in der Eisenbahn, dem klassischen Fortbewegungsmittel, wenn es um das Betrachten von Landschaften geht. Eine Reisegesellschaft (vier Frauen, drei Herren: unter ihnen Delphine Seyrig, Irm Hermann und Peter Kern) macht sich zunächst mit der Transsibirischen, dann mit der Transmongolischen Eisenbahn in Richtung Innere Mongolei auf. Kurz hinter der Grenze zur Mongolei werden die Frauen unter den Reisenden von einer geheimnisvollen Prinzessin und ihren Reiterinnen entführt. In der Folge ziehen sie mit einer Nomadenkarawane über die endlosen Steppen und werden mit einer überwältigenden Landschaft, mit archaischen Ritualen und jahrhundertealten Geheimnissen vertraut gemacht.

U SAMOWO SINEWO MORJA (Am blauen, blauen Meer, Boris Barnet, UdSSR 1936, 4. & 19.4.) Der erste aserbaidschanische Tonfilm ist eine clowneske, tragikomische Märchenkomödie, die vor der atemberaubenden Szenerie einer Insel im Kaspischen Meer spielt. Umgeben vom endlosen Horizont herrscht hier ein Leben ohne Grenzen, befindet sich ein utopisches Eiland der Glückseligen. So scheint es auch den beiden schiffbrüchigen Matrosen Aljoscha und Jusuf, bis sie sich beide in die schöne Brigadeführerin Mascha verlieben und zu Erzrivalen werden. Das Meer wird zum Spiegel der Gefühlswelt der Protagonisten und ihrer stürmischen Dreiecksbeziehung.

KURISCHE NEHRUNG (Volker Koepp, D 2000, 5. & 22.4.) Kiefern und Birken, Sand und Wanderdünen, Wasserflächen, wohin das Auge blickt und ein ewig wehender Wind: die Kurische Nehrung – eine Landzunge, die Ostsee und inneres Küstengewässer voneinander trennt, in die das Memel-Delta mündet. Auf dieser heute halb russischen, halb litauischen, fast 100 km langen und an ihrer breitesten Stelle knapp 4 km breiten Halbinsel haben sich Menschen und Landschaften gegenseitig geformt, hat sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts in die Biografien der Bewohner wie auch in den mythischen Landstrich eingeschrieben.

PINE FLAT (Sharon Lockhart, USA 2005, 6.4.) Angesiedelt in einem kleinen Dorf in den Ausläufern des kalifornischen Gebirgszugs der Sierra Nevada zeigt der Film saisonale Aktivitäten einer Gruppe von dort lebenden Kindern und Jugendlichen. An der Grenze zur Wildnis entwirft Lockhart ein meditatives Porträt der engen Beziehung der Kinder zu ihrer natürlichen Umgebung, der beeindruckenden Landschaft der Sierra Nevada. Ein anthropologischer Blick – ohne Team gedreht und über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren entstanden – auf die Jugend, ausgeführt in Totalen und statischen Kompositionen, eingebettet in überwältigende Landschaften und leise Soundtracks.

SUNA NO ONNA (Die Frau in den Dünen, Teshigahara Hiroshi, Japan 1964, 16. & 20.4.) Sand überall: in jeder Ritze der Hütte und sich auftürmend zu riesigen Sanddünen davor. Ein Insekten-kundler hat nach einem Ausflug den Bus zurück nach Tokio verpasst und kommt in der Hütte einer Witwe unter, die in den Dünen wohnt. Am nächsten Morgen versperren ihm unglaubliche Sandmassen den Weg zurück in sein normales Leben und werden zum lebensbedrohenden Gegenspieler. Atemberaubende Schwarzweißbilder der unbezwingbaren Dünen und des fließenden Sandes verschwimmen mit den Körpern der sich langsam näherkommenden Eingeschlossenen.

NANOOK OF THE NORTH (Robert L. Flaherty, USA 1922, 18. & 26.4.) Unendliche weiße Weiten, ein Meer von Eisschollen, die kleine Kanäle freigeben, sich auftürmende Schneemassen: Im nördlichen Kanada entstanden die Aufnahmen für Flahertys dramatisierende und zum Teil romantisierende Alltagsbeschreibung des Inuit Nanook und seiner Familie. Vor dem Hintergrund arktischer Szenerien geht Nanook auf Walross- und Robbenjagd, baut ein Iglu, kämpft gegen die Kälte. In einer Mischung aus dokumentarischen und inszenierten Aufnahmen skizziert Flahertys dynamische Kamera gleichzeitig die Härte des Lebens in der Hudson-Bay-Region wie die Schönheit der dortigen Eislandschaft.

FATA MORGANA (Werner Herzog, BRD 1969–71, 18. & 24.4.) Aufnahmen afrikanischer Landschaften zwischen zivilisatorischer Entweihung, Apokalypse und Trugbild: Herzog selbst bezeichnete seinen essayistischen, in die drei Kapitel „Schöpfung“, „Paradies“ und „Das Goldene Zeitalter“ unterteilten Abgesang auf einen sterbenden Planeten als „Landbeschau“. Die alptraumhaft-flirrenden Wüstenaufnahmen sind unterlegt von guatemaltekischen Erschaffungssagen, gelesen von Herzogs Mentorin Lotte Eisner, sowie einer Musikcollage mit Songs von Johnny Cash und Leonard Cohen.

SUD PRALAD (Tropical Malady, Apichatpong Weerasethakul, Thailand/D/F/I 2004, 21. & 29.4.) Ein Film in zwei Teilen und zwei Welten: Was als unbeschwert mäandernde Romanze zwischen dem jungen Soldaten Keng und seinem Freund Tong beginnt, öffnet sich im zweiten Teil nach einer langen Schwarzblende in ein so rätselhaftes wie hypnotisierendes Zwischenreich. Im nächtlichen Dschungel, wo Keng seinen plötzlich verschwundenen Freund sucht, lösen sich die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Natur allmählich auf. Eine grandiose, vielstimmige Tonspur lässt die fremd-flirrende Landschaft im Halbdunkel hör- und fühlbar werden.

SWEETGRASS (Lucien Castaing-Taylor, Ilisa Barbash, USA 2009, 25.4.) Die Anthropologen und Filmemacher Lucien Castaing-Taylor und Ilisa Barbash haben drei Sommer lang in den Absaroka-Beartooth Mountains die Schafzucht auf einer der letzten Ranches in Familienbesitz dokumentiert. Entstanden ist eine so unsentimentale wie monumentale Elegie auf den (untergehenden) amerikanischen Westen, auf die letzten Schafhirten und ihre Herden, die die Sommermonate auf den Wiesen der Beartooth-Berge in Montana verbringen. Dieser großartige Western im Dokumentarfilmformat zeigt, wie Natur und Kultur, Tiere und Menschen, Klima und Landschaft, Verletzlichkeit und Gewalt an diesem Ort und während dieser Zeit aufs Engste miteinander verbunden sind.

11 x 14 (James Benning, USA 1977, 30.4.) Kürzlich vom Filmmuseum Wien in Zusammenarbeit mit dem Arsenal restaurierte, frühe filmische Auseinandersetzung Bennings mit amerikanischen Landschaften. Amy Taubin schrieb 1977: „Mit einem brillanten Blick, der geformt ist von Pop-Art und minimalistischer Malerei der letzten zehn Jahre, aber auch durch die Erfahrung des Mittleren Westens (dem die Bildwelt dieser Malerei viel verdankt), hat Benning einen amerikanischen Landschaftsfilm gemacht – einen Film über Landschaften, die von den Autobahnen und Hochspannungsleitungen, die sie durchqueren, zunächst beherrscht und dann geradezu erdrückt werden. Seine Hauptdarsteller sind Autos, Züge und Flugzeuge. Ihren Schuss bekommen sie an der Tankstelle; ihr Lesestoff sind Reklametafeln und Straßenschilder.“ (mg)