November 2018, kino arsenal

Hommage Sergej Paradschanow

SAJAT NOVA, 1969

Der Regisseur und bildende Künstler Sergej Paradschanow (1924–1990) ist eine der faszinierendsten Figuren des Kinos des 20. Jahrhunderts. Als Sohn armenischer Eltern in Tbilissi geboren und aufgewachsen, hat Paradschanow an der Moskauer Filmhochschule WGIK studiert und zu Sowjetzeiten in der Ukraine, in Georgien, Armenien und Aserbaidschan gearbeitet. Seine Filme sind von den Kulturen, Traditionen, Folkloren und Mythen dieser Länder durchdrungen, beeindrucken noch heute mit ihrer singulären Ausdruckskraft, ihrer unverwechselbaren Originalität, ihren komplexen Bildkompositionen sowie mit ihrer radikal freien filmischen Form. Ab Mitte der 60er Jahre auch international als herausragender Filmemacher gefeiert, stieß Paradschanows künstlerischer Wagemut und seine kulturelle Vielstimmigkeit in der Sowjetunion zunehmend auf Ablehnung. Auf Zensureingriffe folgten Gefängnisaufenthalte und Arbeitsverbot, nach dessen Aufhebung Paradschanow nur noch zwei Langfilme realisieren konnte. Die zehn Filme umfassende Hommage vom 20.-30. November ermöglicht erstmals nach langer Zeit eine Wiederentdeckung. Präsentiert werden alle erhaltenen acht Langfilme von Paradschanow, darunter seine selten gezeigten frühen Werke. In Kooperation mit dem Paradschanow-Museum in Jerewan (Armenien) wird ab dem 1.12. im Filmmuseum Potsdam eine Ausstellung mit Arbeiten des bildenden Künstlers Paradschanow zu sehen sein.

SAJAT NOVA (armen.: Nran Guyne, Die Farbe des Granatapfels, UdSSR/Armenische SSR 1969, 20.11., Einführung: Naum Kleiman, Moskau; 30.11., Einführung: Zaven Sargsyan, Jerewan) In einer Reihe von surrealen, poetischen, mystischen, opulent-folkloristischen und minutiös arrangierten Tableaux vivants zeigt Paradschanow Stationen aus dem Leben des armenischen Lyrikers, Dichters, Komponisten und Sängers Arathin Sajadin, der im 18. Jahrhundert zunächst an einem Königshof lebte, später als fahrender Sänger durch die Lande zog, schließlich ermordet und zum Märtyrer wurde. Im Mittelpunkt steht das poetische Universum des Dichters, welches Paradschanow in bewegte Stillleben übersetzt: sorgfältige Kompositionen, die Menschen, Stoffe, unterschiedlichste Objekte, Blumen und Tiere miteinander in Beziehung setzen. SAJAT NOVA gehört heute zu den zentralen Werken der Filmgeschichte. Damals brandmarkten die sowjetischen Filmbehörden den Film und unterbanden dessen Verleih. Erst Jahre später kam SAJAT NOVA in einer bearbeiteten Version in die Kinos. Wir zeigen die restaurierte Fassung von 2014.

ANDRIESCH (UdSSR/Ukrainische SSR 1955, 21. & 25.11.) Für sein im Kiewer Dowschenko-Studio produziertes Langfilmdebüt erweiterte Paradschanow seinen an der Filmhochschule entstandenen Diplomfilm: Der titelgebende junge Hirte Andriesch versucht, mit dem Spiel seiner magischen Flöte den Bann eines bösen Zauberers zu brechen, der das Land verwüstet, Menschen und Tiere in Steine verwandelt. Fliegende Schafe, finstere Hexenmeister, schwarze Wirbelstürme: -Bild-, trick- und actionreich arbeitet Paradschanow hier bereits mit Elementen späterer Filme, so z.B. mit fantastisch-stilisierten Landschaften, feierlichen Ritualen, Musik als Ausdruck des Lebens. Die Form des Märchens gab Paradschanow die Möglichkeit, jegliche Form des Realismus’ zugunsten einer freien Narration mit magischen und wundersamen Momenten hinter sich zu lassen.

PERWIJ PAREN (First Lad, UdSSR/Ukrainische SSR 1959, 21. & 26.11.) Paradschanows frühe, in der Ukraine als Auftragsarbeiten entstandene Filme müssen auch im Kontext ihrer Auseinandersetzung mit den Bedingungen des staatlich verordneten „Sozialistischen Realismus“ gesehen werden. Die im Kolchosmilieu angesiedelte farbenfrohe Musicalkomödie FIRST LAD bedient verschiedenste Genremerkmale und feiert das gute – kollektive – Leben auf dem Land in Zeiten des Fortschritts, der Elektrifizierung und der Landmaschinen. Die Geschichte mutet zuweilen parodistisch an: Juschka liebt die strahlende Komsomolzin Odarka, die nicht nur Wert auf die richtige Gesinnung, sondern auch auf Sportlichkeit legt. Ein Spezialtraining soll Juschka auf Vordermann bringen. Jenseits der Genrezwänge flicht Paradschanow folkloristische Gesänge und Tänze sowie lyrische Momente ein, lassen einzelne Szenen die späteren Tableau-Kompositionen und symbolhaltigen Arrangements erahnen.

UKRAINSKAJA RAPSODIJA(Ukrainian Rhapsody, UdSSR/Ukrainische SSR 1961, 22. & 27.11.) Ein Melodram im ideologischen Gewand der Zeit. In Rückblenden passiert das Leben der berühmten Opernsängerin Oksana Revue: ihre Kindheit auf dem Land voller Musik, der Abschied vom Dorf und ihrem Geliebten Anton, die Ausbildung am Konservatorium, der Beginn ihrer Karriere in Paris. Als der Krieg ausbricht, verliert Oksana Anton aus den Augen. Er gerät in deutsche Gefangenschaft. So sehr die Darstellung des Kriegs und seiner Parteien den staatlichen Vorgaben folgt, so deutlich erkennt man die filmischen und inhaltlichen Freiheiten, die sich Paradschanow nimmt: die geradezu abstrakt wirkenden Studioaufnahmen, die sprunghafte, nicht chronologisch verlaufende Erzählweise sowie die Inszenierung der Musik, des Gesangs und der Kirchen.

TSWETOK NA KAMNE (Flower on the Stone, UdSSR/Ukrainische SSR 1962, 23. & 28.11.) Bevor er mit seinem nächsten Film SCHATTEN VERGESSENER AHNEN andere filmische Wege geht und radikal neue Ausdrucksmittel findet, realisiert Paradschanow mit FLOWER ON THE STONE eine letzte Studio-Auftragsarbeit. Sie kreist um eine religiöse Sekte, die mit missionarischem Eifer versucht, den Frieden einer Bergbaustadt zu stören. Hin- und hergerissen zwischen der Sekte und der Arbeiterschaft ist Kristina, die erst nach einigen Zwischenfällen in die sozialistische Gemeinschaft zurückfindet. Mit einigen an Wertow erinnernden Montagestrecken oder vereinzelten für ihn typischen Motiven stemmt sich Paradschaow gegen die Konventionen des sowjetischen Kinos, die er zwei Jahre später mit einer ästhetischen wie thematischen Neuausrichtung endgültig hinter sich lässt.

TENI SABYTICH PREDKOW (ukr.: Tini sabytich predkiw / Schatten vergessener Ahnen, UdSSR/Ukrainische SSR 1964, 23. & 28.11.) Farbkaskaden, folkloristische Elemente, fantastisch-stilisierte Landschaftsbilder, kühne Ton- und Bildmontagen rahmen SCHATTEN VERGESSENER AHNEN, der als Wendepunkt in Paradschanows Karriere gilt, und mit dem er sich international etablierte. Der Film kreist um Iwan und Marischka, zwei junge Bewohner eines urtümlichen Bergdorfs in den Karpaten, deren Liebe an der Feindschaft zwischen ihren Familien scheitert. Als gleichermaßen poetischer Reigen von Todeserfahrungen, Evokation heidnischer Mythen und Sagen sowie als Beschwörung folkloristischer Traditionen geriet die ukrainische Produktion ins Visier der sowjetischen Zensurbehörde, die den Regisseur des Formalismus’ und Nationalismus’ beschuldigte, sein Schaffen fortan stark behinderte und zeitweise ganz unterband.

Vorfilm: KIEWSKIJE FRESKI(Kiewer Fresken, UdSSR/Ukrainische SSR 1966, 23. & 28.11.) -Fragmente eines Spielfilms über den Zweiten Weltkrieg, der bereits in der Drehphase von staatlicher Seite aufgrund „trügerischer und mystisch-subjektiver Darstellung der Ereignisse des Großen Vaterländischen Kriegs“ verboten wurde. Das wenige nicht zerstörte Material wurde erst 20 Jahre nach dem Verbot des Films -wiederentdeckt.

AMBAWI SURAMIS TSICHISA (russ.: Legenda o suramskoj kreposti / Die Legende der Festung Suram, UdSSR/Georgische SSR 1984, 24. & 29.11.) Fantastische Bilderwelten von erlesener Schönheit eröffnen sich dem Betrachter in den streng kadrierten, dabei prunkvoll gestalteten Tableaus, mit denen Paradschanow eine archaische georgische Legende erzählt: Um feindliche Überfälle abzuwehren, versuchen die Bewohner einer entlegenen Bergregion eine Festung zu errichten. Einer Prophezeiung zufolge kann der Bau erst dann erfolgreich abgeschlossen werden, wenn ein junger Krieger sich lebend einmauern lässt. Der junge Surab meldet sich freiwillig. Paradschanows vorletzter Film – eine Reflexion über die Landschaft, ihre Bewohner und deren Verhältnis gegenüber den Mächtigen – entstand in Georgien, nach 15-jährigem Berufsverbot und langen Gefängnis- und Lagerhaftstrafen.

Vorfilm: ARABESKEBI PIROSMANIS TEMAZE (Arabesken zum Thema Pirosmani, UdSSR/Georgische SSR 1985, 24. & 29.11.) Ausgehend von den Bilderwelten des berühmten Malers Niko Pirosmaniaschwili (1862–1918) evoziert und reflektiert Paradschanow das künstlerische Universum – Stilleben, Porträts und Genre-Szenen – des georgischen Künstlers.

ASHUK-KAREBI (russ: Ashik-Kerib / Kerib, der Spielmann, UdSSR/Georgische SSR 1988, 24. & 29.11.) Paradschanows letzter Film basiert auf einer orientalisch inspirierten Versdichtung des russischen Romantikers Michail Lermontow und erzählt die Geschichte des armen Wandersängers Ashik Kerib, der sich in die Tochter eines reichen Kaufmanns verliebt. Dieser schickt den jungen Poeten erst einmal auf eine tausendtägige Reise, damit er sein Glück mache. Von seiner abenteuerreichen Tour durch Armenien kann er mit Hilfe des Heiligen Georg gerade noch rechtzeitig in seine Heimat zurückkehren, um seine Geliebte zu heiraten. Ein in der Gegend um Baku (Aserbaidschan) gedrehter, vielsprachiger, farbenprächtiger Bilderreigen wie aus 1001 Nacht, reich an Ornamenten, Metaphern und Symbolen, in sorgfältig gestalteten Bildkompositionen, voller Wärme und (Selbst-)Ironie. (mg)

Das Programm wird von einer Diskussionsveranstaltung über Sergej Paradschanow als Grenzgänger zwischen Ländern, Kulturen und Systemen begleitet. Es diskutieren Zaven Sargsyan (Direktor Sergej-Paradschanow-Museum, Jerewan), Walter Kaufmann (Leiter Referat Ost- und Südosteuropa, Heinrich-Böll-Stiftung) und weitere Gäste. Eine Veranstaltung mit freundlicher Unterstützung der Botschaft der Republik Armenien und der Heinrich-Böll-Stiftung.