März 2007, kino arsenal

Happiness is a warm gun - Die Filme von Thomas Imbach

I WAS A SWISS BANKER, 2007

"Happiness is a warm gun" – das sind die Beatles, das ist Pop, Sex und Politik. Und der Titel eines Films von Thomas Imbach. "Kunscht isch geng es Risiko" – das ist Schweizer Liedgut von Mani Matter, das in Imbachs Film LENZ am Fuße des Matterhorns zu Ehren kommt. Pop, Politik (die private und die große), Musik und die Schweiz sind wichtige Bezugspunkte in den Arbeiten von Thomas Imbach (geb. 1962), dem zur Zeit interessantesten und innovativsten Schweizer Filmemacher. Die erste große Werkschau von Imbachs Arbeiten in Deutschland findet im März im Kino Arsenal statt. Wir freuen uns besonders, Thomas Imbach am Eröffnungswochenende (17. und 18. März) persönlich zu Gast zu haben.
"Kunst ist stets ein Risiko" – und Thomas Imbach einer, der die Herausforderung nicht nur annimmt, sondern bewusst und offensiv sucht. Sein Kino ist sehr experimentierfreudig, eigenwillig, immer in Bewegung, auch was die Reflexion des Mediums betrifft. Würde man seine Arbeit seit Ende der 80er Jahre als Entwicklung vom Dokumentar- zum Spielfilm beschreiben, bliebe das zentrale Kennzeichen seiner Filme unentdeckt: die komplexe Kombination von Dokumentarischem und Fiktionalem. Im Spannungsfeld von Dokument und Inszenierung agiert Imbach mit seinen Filmen grenz- und genreüberschreitend. Verantwortlich für Regie, Schnitt und Produktion beharrt er auf umfassender künstlerischer Unabhängigkeit, was ihn zum Autorenfilmer par excellence macht, genauso wie die unverkennbare Handschrift seiner Filme: die Gegenüberstellung von 35mm-Filmbildern und digitalen Videobildern, entfesselte Kamerafahrten, der Einsatz von extremen Nahaufnahmen und die große Bedeutung der Montage gehören zu seinen "Markenzeichen".

Auch für seine spezielle Technik der Schauspielführung in der Arbeit mit professionellen Schauspielern und mit Laiendarstellern ist Imbach bekannt. Die Stoffe seiner Filme sind äußerst vielfältig: von einer Schweizer Telebanking-Firma und Jugendlichen an der Zürcher Goldküste, hin zu Petra Kelly und Gert Bastian, einer Literaturadaption von Georg Büchners "Lenz" und einem modernen Märchen. Ganz unabhängig vom Thema sind Imbachs Filme aufgrund ihrer künstlerischen Strategien und formalen Experimente immer besondere ästhetische Ereignisse.

Wir eröffnen die Werkschau mit Thomas Imbachs aktuellem Film, der seine Premiere soeben im Rahmen des Forums der Berlinale feierte: I WAS A SWISS BANKER (2007), ein modernes Unterwasser-Märchen aus der kapitalistischen Schweiz. Ein jung-dynamischer Banker wird beim Schwarzgeld-Schmuggeln von einem Zöllner erwischt und kann sich (und eine Tasche voller Geld) mit einem Sprung in den Bodensee retten. Damit katapultiert er sich nicht nur aus seiner Karriere als Banker heraus, sondern taucht ein in eine wundersame Welt, bevölkert von Meerjungfrauen in Lara-Croft-Montur, Hexen im Helikopter und listigen Elstern. Er läßt sich durch zahlreiche Schweizer Seen treiben und hat auf seinem Weg verschiedene Proben zu bestehen, um zu seinem Glück und der wahren Liebe zu finden. Ein Sommerfilm, der in unbeschwertem, lyrischem Ton von der Leichtigkeit des Seins erzählt – mit den für Imbach typischen (wenn auch stark reduzierten) Videoszenen sowie der Schweizer Landschaft in zentraler, tragender Rolle. (17.3., in Anwesenheit von Thomas Imbach & 30.3.)

Als komplexe Collage, als Momentaufnahme im Augenblick des Todes, als Trip im Zeitraffer inszeniert Imbach in HAPPINESS IS A WARM GUN (2001) das Leben und die politische Biografie des ungewöhnlichen Liebespaares Petra Kelly und Gert Bastian, beide Ikonen der Friedens- und Ökologiebewegung der BRD der achtziger Jahre, Medienfiguren und kurzfristig Popstars der Politik. Weit entfernt von einer Rekonstruktion des Tathergangs (der ehemalige General erschießt erst seine Geliebte und danach sich selbst), geht es vielmehr um die Dekonstruktion einer Beziehungsdynamik. Die Zeit, die bleibt, ist die auf Spielfilmlänge ausgedehnte Sekunde vom Eindringen der Kugel in Kellys Kopf bis zu ihrem Tod. Das Zwischenreich von Leben und Tod, in dem sie sich befindet, ist der Transitbereich eines Flughafens, ein modernes Fegefeuer. Imbach kombiniert unterschiedlichstes Material: intensives, improvisiertes Schauspielerkino mit historischen Archivaufnahmen und der Einbeziehung des Zürcher Flughafenpersonals. "Eine Tragödie exzessiver, unerfüllbarer und unerfüllt gebliebener Ansprüche ans Leben und an die Liebe." (Vinzenz Hediger) (18.3., in Anwesenheit von Thomas Imbach & 24.3.)

Imbachs experimentelle Arbeit mit Schauspielern (die unter anderem darauf beruht, die Darsteller sozusagen mit den Figuren zu "impfen") verdeutlicht der Essayfilm HAPPY TOO (2002), der auf dem Rohmaterial zu Happiness is a warm gun basiert. Es handelt sich nicht um eine "Making of"-Dokumentation im herkömmlichen Sinn, sondern um einen Blick auf die Beziehungen zwischen Filmemachern, Schauspielern und den Figuren, die sie gemeinsam kreieren. happy too führt hinter die Kulissen der beeindruckenden Darstellerleistungen aus Happiness is a Warm Gun und zeigt, wie die hochexplosive Dynamik der Kelly/Bastian-Beziehung zunehmend das Verhältnis der beiden Schauspieler Linda Olsansky und Herbert Fritsch infiziert. Ein Film, der von der Gratwanderung zwischen Spiel und Wirklichkeit handelt. (24. & 27.3.)

Wie pure Science Fiction musste im Entstehungsjahr 1994 Imbachs Film WELL DONE (1994) über den Alltag und die Angestellten einer Schweizer Telebanking-Fima als exemplarischem Ort postindustrieller Arbeitswelt wirken. In einem High-Tech-Betrieb sind über 1200 Leute damit beschäftigt, die täglichen Milliarden im schweizerischen Geldverkehr in Form von endlosen Datenströmen zu kontrollieren. Aus der Masse von Angestellten – aufgesogen vom labyrinthischen Gebäude, erschlagen von Sprachlawinen – tauchen einzelne Figuren auf: die Goldcard-Sachbearbeiterin, der Product Manager, die Abteilungsleiterin, der PC-Supporter, die Key Account Managerin, der Direktor. Die Kamera folgt den unscheinbaren Gesten, Sprechweisen, Blicken. In der rasanten seriellen Montage zu einem dichten Bild-Ton-Gefüge verwoben, wird eine Welt erfahrbar, in der die subtile Gewalt der elektronischen Technologien die zwischenmenschliche Kommunikation formt und bis in die privaten Räume hinein ihre Spuren hinterlässt. (19. & 29.3.)

In GHETTO (1997) intensiviert Imbach seine Untersuchung postindustrieller Wirklichkeit am Beispiel einer Gruppe desorientierter Jugendlicher von der Zürcher Goldküste. Der Film ist in sechs Kapitel (Ghetto, Auto, Sex, Drogen, Techno, Maroni) mit jeweils eigenem visuellen Stil unterteilt. Den Kids, die kurz vor dem Schulabschluss stehen, folgt er mit einer äußerst beweglichen Videokamera und beobachtet ihren Abschied von der Schule und die ersten Konfrontationen mit der Welt der Erwachsenen. Die Gespräche der Pubertierenden werden in atemberaubenden Montagen zu Sequenzen verdichtet, in denen sich soziale Realitäten manifestieren. Ruhige 35mm-Filmaufnahmen von Landschaften rund um den Zürichsee erweisen sich in der Konfrontation mit dem intensiven, atemberaubend schnell geschnittenen Videomaterial als unwirkliche Idyllen mit beunruhigendem, gespenstischem Potential. (20. & 23.3.)

Auch in NANO-BABIES (1998), der kleine Kinder aus der Krippe der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich beobachtet, stellt Imbach den dokumentarischen Aufnahmen überhöhte Bilder gegenüber: Es alternieren Fragmente des Kinderalltags mit kalten, abweisenden Außenansichten und kunstvollen Sounds, denen ebenso fundamentale Bedeutung zukommt wie der stakkatohaften Montage. Die Kinderkrippe befindet sich im gleichen Gebäude wie die Labors und Büros der Eltern, die zumeist High-Tech-Wissenschaftler sind – ein von modernsten Technologien durchwirktes Universum. NANO-BABIES ist gewissermaßen ein Science-Fiction-Essay mit dokumentarischen Mitteln. (22. & 26.3.)

Als zeitgenössischen Stoff behandelt Imbach Georg Büchners Fragment in seinem gleichnamigen Film LENZ (2006). Lenz, Filmemacher aus Berlin, fährt spontan in die Schweizer Alpen, um seinen Sohn und seine Ex-Frau zu sehen – doch das wieder aufflackernde Familienglück ist nur von kurzer Dauer. Lenz ist rastlos, distanzlos, extrem, hadert mit sich und seiner Künstlerexistenz und der Arbeit an seinem Film. Das Treffen mit der Produzentin in seinem selbstgebauten Iglu gipfelt in ihrem Satz: "Mach wieder Filme und nicht diese Scheiße hier oben!" Über all dem thront das Matterhorn und die Schweizer Berglandschaft, deren Sog sich Lenz zunehmend überlässt und immer mehr abdriftet – durchaus in Entsprechung zum durchgeknallten Après-Ski-Zirkus von Zermatt. Fakten und Fiktion, Film und Video, Inszenierung und Improvisation, Schauspieler und Laiendarsteller, innere und äußere Landschaften – Imbach bringt sie sinnvoll zusammen. Neben Euphorie und Verzweiflung gehören auch Witz und Situationskomik zur Tonlage des Films, ebenso wie ein fulminanter Soundtrack von Volksliedern über Mani Matter bis zu Pink Floyd. LENZ ist ein reicher Film: das Porträt eines Filmemachers in der Krise, eine hochaktuelle Studie über moderne Beziehungen, eine Literaturverfilmung und, nicht zuletzt: ein Stück Pop. (21. & 25.3.)

Während der Werkschau gibt Thomas Imbach ein Seminar zum Thema "Filmische Realität und Schauspielführung" an der dffb/Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin.

Ende Februar ist die Werkschau im Votiv-Kino in Wien zu sehen. Eine Veranstaltung mit freundlicher Unterstützung von Swiss Films. Unser Dank geht an Sabina Brocal (Zürich), Constantin Wulff (Wien) und an die Schweizerische Botschaft (Berlin).