April 2013, kino arsenal

No Comfort Zone – Die Filme von Denis Côté

CURLING, 2010

Der in Montréal/Québec lebende kanadische Filmemacher Denis Côté (*1973) zählt zu den eigensinnigsten Vertretern des Gegenwartskinos. Bereits von seinem Langfilmdebüt im Jahr 2005 an fanden all seine Arbeiten große Beachtung bei internationalen Festivals und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seit BESTIAIRE 2012 im Forum der Berlinale lief und sein aktueller Film VIC+FLO ONT VU UN OURS jüngst mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, ist Denis Côté auch in Berlin kein Unbekannter mehr. Eine Betrachtung dieser beiden Titel im Kontext seines Œuvres und eine umfassende Würdigung seiner speziellen Handschrift ermöglicht nun die vom Arsenal präsentierte Werkschau der sieben langen Filme von Denis Côté aus den Jahren 2005 bis 2013. Wir freuen uns besonders, dass Denis Côté dank der großzügigen Unterstützung der SODEC aus Québec persönlich zu Gast sein und auch den Verleihstart von BESTIAIRE durch arsenal distribution (25. April) begleiten wird. Außerdem unterrichtet er während seines Aufenthalts in Berlin an der dffb. Die Filme von Denis Côté lassen sich in keine Kategorie und kein Format einordnen. Sie sind Ausdruck eines kreativen Experimentierens mit Form und Narration, eines Spiels mit den Genres. Neben ungewöhnlichen Kombinationen von dokumentarischen und fiktionalen Elementen, von Improvisation und Komposition, kennzeichnet sie der Einsatz von Genre-Motiven aus Western, Gangster-, Fantasy- oder Horrorfilm. Mitunter macht sich eine latente Beunruhigung breit und das Unheimliche bricht sich Bahn. Im Mittelpunkt stehen Einzelgänger, Außenseiter, Sonderlinge. Das Rätselhafte und bisweilen Verstörende der Figuren und Geschichten wird nicht aufgelöst, Côté lässt ihnen ihre Geheimnisse – und die Erwartungen der Zuschauer durch überraschende Wendungen und abrupte Wechsel der Tonlage gern ins Leere laufen. Psychologie ist Nebensache und erzählerische Zusammenhänge bleiben häufig offen. In gleichem Maße wie von den Menschen, ihren Beziehungen und ihrer Einsamkeit, handeln Côtés Filme aber immer auch von den Orten und Landschaften, in denen sie spielen. Die Schauplätze liegen alle fern der Stadt, in der Peripherie, es sind Orte in der ländlichen Provinz, Randzonen – und immer wieder: der Wald.

VIC+FLO ONT VU UN OURS (Vic+Flo Saw a Bear, Kanada 2013, 12.4., in Anwesenheit von Denis Côté) Victoria quartiert sich nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis forsch in der Hütte ihres gelähmten Onkels ein, die einsam im Wald liegt. Ihre Geliebte Florence, die sie aus der Haft kennt, leistet ihr bald Gesellschaft. Die regelmäßigen Besuche des Bewährungshelfers lassen die beiden spöttisch und sarkastisch über sich ergehen. Während Vic die Ruhe und Abgeschiedenheit genießt, fühlt Flo sich isoliert – was Vic, die Flo auf keinen Fall verlieren will, zunehmend beunruhigt. Die hilfs- und flirtbereite Gärtnerin aus der Nachbarschaft erweist sich als Schatten der Vergangenheit. Dass Unheil droht, tief im Wald, ist bald nicht mehr zu überhören. Ein düsteres Märchen ohne Moral, ein doppelbödiges Beziehungsdrama, ein absolut unberechenbarer Film.

CURLING (Kanada 2010, 13.4., in Anwesenheit von Denis Côté & 18.4.) I think we're alone now: Jean-François lebt extrem zurückgezogen mit seiner zwölfjährigen Tochter Julyvonne in einem winterlichen Niemandsland in der frankokanadischen Provinz. Er schirmt sie besorgt von der Außenwelt ab, untersagt ihr sogar den Schulbesuch, und meidet auch selbst soziale Kontakte, die über seine Jobs in der örtlichen Bowlinghalle und im Motel hinausgehen. Als Julyvonne eines Tages im Wald eine makabre Entdeckung macht, weiht sie ihren Vater nicht ein – genauso wie der eine traumatische Erfahrung für sich behält. Ein Film voller Geheimnisse, Auslassungen und falscher Fährten, depressiv und bunt, frostig und humorvoll gleichermaßen.

NOS VIES PRIVEES (Our Private Lives, Kanada 2007, 13.4., in Anwesenheit von Denis Côté & 23.4.) Nach einer Internet-Affäre wollen sich die aus Bulgarien stammende Milena und der Fotograf Philip persönlich kennenlernen. Da sie seit zehn Jahren in Kanada lebt, reist er aus Sofia an, um drei gemeinsame Wochen in einer abgeschieden im Wald gelegenen Hütte zu verbringen. Zunächst finden sie als Liebespaar zusammen, neben Momenten von Vertrautheit und verliebtem Sex zeigen sich jedoch auch Unterschiede in Bezug auf Intellekt und Temperament. Durch zwei unheimliche Vorfälle, die sie voreinander geheim halten, setzt ein unaufhaltsamer Entfremdungsprozess ein. Eindringlich erkundet dieser minimalistische Film das Verhältnis von Intimität und Einsamkeit, von Begehren und Distanz.

ELLE VEUT LE CHAOS (All That She Wants, Kanada 2008, 14. & 17.4.) Lost souls in the middle of nowhere: Coralie, eine verzweifelte junge Frau, leidet unter der Abwesenheit ihrer Mutter. Sie lebt in der ländlichen Einöde Québecs, umgeben von abgehalfterten Gestalten: ihrem Vater Jacob, dem Ex-Häftling Pierrot, dem alternden Gangster Alain aus dem Nachbarhaus sowie dessen zwei Rowdys Spaz und Pic. Zwei russische Prostituierte bringen nur vorübergehend Bewegung in ihr festgefahrenes Leben. Der Teufelskreis aus finanziellen Schwierigkeiten, aggressiver Männerwelt, enttäuschten Erwartungen und existenzieller Stagnation ist übermächtig. Ein moderner Western in kontrastreichem Schwarzweiß mit stark stilisierten Bildern. 

CARCASSES (Kanada 2009, 16.4., in Anwesenheit von Denis Côté & 23.4.) Jean-Paul Colmor ist leidenschaftlicher Schrottsammler. Sein Haus ist mit ausrangierten Objekten überfüllt und auf seinem Grundstück stehen Hunderte von Autowracks im Grünen. Er lebt und arbeitet in seinem Reich, ordnet, sortiert, repariert und handelt mit Ersatzteilen. Die statische Kamera -beobachtet seine alltäglichen Verrichtungen. Unerwartet bekommt er es mit vier jungen Leuten mit Down-Syndrom zu tun, die seinen Kühlschrank ausräumen und im Garten kampieren. Was wie das dokumentarische Porträt eines exzentrischen Individualisten beginnt, verändert sich durch die Einführung der ungebetenen Gäste und die inszenierten Situationen in eine Reflexion über Außenseiter-Existenzen.

LES ETATS NORDIQUES (Drifting States, Kanada 2005, 16.4., in Anwesenheit von Denis Côté & 21.4.) Nachdem er seiner Mutter Sterbehilfe geleistet hat, verlässt Christian Montréal, um dem Gesetz und seinem Gewissen zu entkommen. Nach langer Autofahrt erreicht er ein Dorf mit nur 400 Einwohnern im Norden Québecs. In dieser nahezu menschenleeren Gegend am Ende der Welt wird er nach und nach heimisch und beginnt ein neues Leben. Denis Côtés dialogarmer, mit Handkamera gedrehter Low-Budget-Debütfilm ist eine atmosphärisch dichte Studie über Einsamkeit, die fiktive und dokumentarische Elemente kombiniert. Die Inszenierung lässt Platz für die Lebenswirklichkeit im Dorf, integriert Statements von Bewohnern und Schulkindern sowie improvisierte Momente bei spontanen Begegnungen.

BESTIAIRE (Kanada/Frankreich 2012, 18.4.) Kopf und Hals einer Giraffe vor einer Aluminiumwand, Büffelschädel, ein neugieriger Vogel Strauß, apathische Lamas, ein Marabu mit nur einem Flügel, Hörner vor nacktem Beton, Felle vor Wellblech, Elefanten, Affen – hinter Gittern, in Baracken, im Freigehege. Pfleger und Besucher. Lange, streng kadrierte, mit statischer Kamera gedrehte Einstellungen aus dem "Parc Safari". Ohne Kommentar wird gezeigt, was in dem Erlebnis-Zoo geschieht: Fütterung, medizinische Behandlung, gesunde und invalide Tiere. Und Tierpräparatoren bei der Arbeit. Im Prolog zeichnet eine Klasse ein ausgestopftes Reh ab. Neben dem Verhältnis von Mensch und Tier steht also das Betrachten selbst im Zentrum. Sich ein Bild vom Tier machen – das ist schön und traurig, witzig und beklemmend zugleich.

 Eine Veranstaltung mit freundlicher Unterstützung der SODEC (Société de développement des entreprises culturelles du Québec) sowie von Telefilm Canada, der Vertretung der Regierung von Québec, der Botschaft von Kanada und der dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin).