November 2015, kino arsenal

L.A. Rebellion: Creating a New Black Cinema

AS ABOVE, SO BELOW, 1973

Am Ende von "Los Angeles Plays Itself", Thom Andersens monumentalem Essayfilm über die filmische Repräsentation seiner Heimatstadt, wendet sich der Voice-Over-Kommentar von den Hollywoodfilmen ab, die vorher meist im Zentrum standen: "Another city, another cinema: a city of walkers, a cinema of walking." Es folgen Ausschnitte aus Haile Gerimas BUSH MAMA (1975) und Charles Burnetts KILLER OF SHEEP (1978) – Beispiele für "eine neorealistische Bewegung in Los Angeles, die von jungen, schwarzen, aus dem Süden stammenden Filmemachern angeführt wurde". Historisch wurde diese Bewegung, auf die Andersens ganze Kino-Stadtgeschichte zuläuft, als "L.A. Rebellion" bekannt. Deren Ausgangspunkt war ab Mitte der 60er Jahre die Film School der UCLA, wo sich eine Gruppe schwarzer Studenten zusammengefunden hatte, die nach ästhetischen und politischen Alternativen nicht nur zu Hollywood, sondern auch zu den geläufigen Formen des Independent- und Autorenkinos ihrer Zeit suchten. Das Kino der L.A. Rebellion entstand einerseits in direktem Anschluss an die sozialen Kämpfe jener Jahre – die Civil Rights Bewegung, die Watts-Unruhen 1965 –, andererseits in (kritischer) Auseinandersetzung mit den avancierten Strömungen der nationalen wie internationalen Avantgarden.

Soweit sie überhaupt noch ein Begriff ist, wird die L.A. Rebellion heute zumeist auf einige wenige Namen – Burnett, Gerima, Julie Dash – verkürzt. Ein umfangreiches filmhistorisches Projekt der UCLA hat es nun möglich gemacht, die L.A. Rebellion dem Friedhof der vergessenen Avantgarden zu entreißen. Dabei wird der Blick frei auf eine sehr viel größere Gruppe komplett vergessener Filmemacherinnen und Filmemacher; auf ein filmästhetisches Spektrum, das sich keineswegs im Neorealismus erschöpft, das auch wütende Agitation und hochreflexive Introspektion umfasst; und auf einen diskursiven Raum, der weit über die Grenzen dessen hinaus weist, was heute gemeinhin unter "Indiekino" verstanden wird. Man stößt dann zum Beispiel auf die Genre-Extravaganzen Jamaa Fanakas oder auf Meisterwerke der kurzen Form wie Julie Dashs Anti- und Meta-Hollywoodminiatur ILLUSIONS (1982). Eine der größten Wiederentdeckungen stellt das ebenso schmale wie faszinierende Werk des Regisseurs Larry Clark dar: Sein erster mittellanger Film, das erstaunliche Formexperiment AS ABOVE, SO BELOW (1973), galt bis vor Kurzem als verschollen, der politische Jazzfilm PASSING THROUGH (1977) bildet so etwas wie das heimliche Zentrum der Bewegung. Das Programm L.A. Rebellion: Creating a New Black Cinema präsentiert diese und fast alle anderen Filme als neu gezogene 35-mm-/16-mm-Kopien.

L.A. Rebellion: Creating a New Black Cinema ist Teil des Projekts Kino-Atlas, das das Österreichische Filmmuseum seit September 2015 präsentiert. Kino-Atlas geht von der Idee aus, dass Kino etwas mit Gruppierung zu tun hat: So wie ein einzelner Film für gewöhnlich nur zustande kommt, wenn eine Gruppe von Menschen sich über einen begrenzten Zeitraum an einem spezifischen Ort versammeln, gruppieren sich die Filme selbst um soziale Konstellationen: Als "Neue Wellen" in Paris, Tokio oder Taipeh, aber auch als Freundschaftszusammenhang an einer Filmhochschule, als politische Zweckgemeinschaft oder als Produktionseinheit in einem Studiosystem.

PASSING THROUGH(Larry Clark, USA 1977, 17.11., Einführung: Hannes Brühwiler und Lukas Foerster & 20.11.) Der Musiker Eddie Warmack sucht, gerade aus dem Knast entlassen, seinen Mentor Poppa Harris. Bald schließt er sich einer Gruppe Aktivisten an, die eine unabhängige Plattenfirma gründen wollen. Aus gutem Grund: Die weißen Gangster haben den Jazz schon seit Jahrzehnten okkupiert, stromlinienförmig und mainstreamkinotauglich gemacht; jetzt reklamiert Larry Clarks Film die musikalische Tradition zurück: für die schwarze Gemeinschaft, für radikale Politik, für eine entfesselte Filmpoetik, die sich nicht den Relevanzkriterien der Regeldramaturgie unterwirft, sich immer wieder vom Free Jazz des Soundracks zu eruptiven Montagefeuerwerken hinreißen lässt. Für einmal – und das macht PASSING THROUGH zu einem Schlüsselfilm nicht nur der L.A. Rebellion, sondern des gesamten radikalen amerikanischen Kinos der 70er Jahre – fällt der ästhetische Widerstand der Künstler mit dem politischen der Aktivisten in eins. Zum Auftakt: FOUR WOMEN(Julie Dash, USA 1975), eine Tänzerin, vier Ideen schwarzer Weiblichkeit, Nina Simones Stimme. Eine filmische Geste.

BLESS THEIR LITTLE HEARTS (Billy Woodberry, USA 1984, 18. & 28.11.) Nach einem Drehbuch Burnetts inszenierte Billy Woodberry 1984 seinen ersten und bis heute einzigen langen Spielfilm. Er erzählt die Geschichte eines Familienvaters in South Central Los Angeles, dem die Deindustrialisierung die Existenzgrundlage zu entziehen droht. Ein wunderschön fotografierter Film über die innerstädtischen Verwüstungen der 80er Jahre, über verwundete Männlichkeit, auch über die kleinen Schönheiten des Alltags, die die Schmerzen nicht erträglicher machen, sondern nur umso klarer artikulieren. "Poesie des Strebens nach Glück, Realismus der blank liegenden Nerven: Billy Woodberrys bis heute einzige Spielfilmregie verleiht dem Moment, da eine proletarische afroamerikanische Kultur zerbrach, eine letzte Gestalt von ganz rarer Würde und Wahrhaftigkeit. Kein Aufbegehren mehr, alles ist Verlust." (Rui Hortênsio da Silva e Costa) Davor THE POCKETBOOK(USA 1980), Woodberrys Erstling, eine Langston-Hughes-Verfilmung.

EMMA MAE (Jamaa Fanaka, USA 1976, 19. & 25.11.) Als unbeschriebenes Blatt kommt die junge Emma Mae aus der Provinz nach Los Angeles, um dort bei Verwandten unterzukommen. Staunend steigt sie aus dem Bus, schnell scheint sie sich in eine urbane Gemeinschaft einzufügen, die schon längst nicht mehr heil, an ihrer Oberfläche aber noch quicklebendig ist. Und verführerisch. Bald verliebt Emma sich, und als ihr neuer Freund im Knast sitzt, plant sie, um die Kaution aufbringen zu können, einen Banküberfall. EMMA MAE, bekannter unter dem irreführenden Alternativtitel "Black Sister's Revenge", ist Jamaa Fanakas reifster, kompaktester, kontrolliertester Film; organisch fügt sich aus dokumentarisch anmutenden Straßenszenen und Standardsituationen des Genrekinos ein fast Brecht'sches, im Kern allerdings melancholisches Lehrstück um kollektiven Verrat und individuelle Emanzipation. Unter den zahlreichen Entdeckungen, die man im Archiv der L.A. Rebellion machen kann, ist Fanakas agile Hauptdarstellerin Jerri Hayes, für die diese desillusionierende "éducation sentimentale" bis heute die einzige Filmrolle geblieben ist, eine der eindrücklichsten. Davor: A DAY IN THE LIFE OF WILLIE FAUST, OR DEATH ON THE INSTALLMENT PLAN (Jamaa Fanaka, USA 1972), Fanakas erster Film, eine wütende, energetische Skizze.

MY BROTHER'S WEDDING(Charles Burnett, USA/BRD 1983, 21. & 30.11.) Pierce Mundy schlägt sich gemeinsam mit seinem Kumpel Soldier durchs Leben, beziehungsweise durch eine Handvoll Straßenzüge in South Central Los Angeles, die von Burnett mit viel Liebe zum amüsanten Detail ausgestaltet werden. Größere Ambitionen oder auch nur einen Begriff von Zukunft hat Pierce nicht, anders als sein Bruder Wendell, der als Anwalt arbeitet – und jetzt auch noch die Tochter einer Mittelklassefamilie heiraten möchte, die, davon ist Pierce überzeugt, noch nie in ihrem Leben auch nur einen Tag lang arbeiten musste. In seinem zweiten langen Spielfilm greift Burnett einerseits den neorealistischen Stil seines Debüts KILLER OF SHEEP wieder auf; andererseits wird die Erzählhandlung stärker konturiert. Herausgekommen ist einer der faszinierendsten Filme der Bewegung: MY BROTHER'S WEDDING ist gleichzeitig sonnendurchflutetes südkalifornisches Zeitbild, warmherzige neighborhood comedy und hellsichtige moralische Untersuchung. "Wenn es einen besseren Film über das Leben im Ghetto gibt, habe ich ihn noch nicht gesehen". (Jonathan Rosenbaum)

TO SLEEP WITH ANGER(Charles Burnett, USA 1990, 22. & 29.11.) Gideon und Suzie führen ein bürgerliches Leben in South Central Los Angeles. Ihre Söhne sind erwachsen und haben mittlerweile selbst Familien. Zwar gibt es immer wieder Scherereien mit dem jüngeren Sohn und das Dach tropft beharrlich, aber sonst verläuft das Leben in geordneten Bahnen. Doch dann kommt Harry, ein alter Freund aus dem Süden der USA, zu Besuch. TO SLEEP WITH ANGER erzählt vom Leben einer Gemeinschaft, deren Mitglieder mehrheitlich in den Südstaaten aufgewachsen sind und nun in Los Angeles leben. Fortschritt und Tradition liegen noch nah beieinander, ganz selbstverständlich besitzt man – trotz der urbanen Annehmlichkeiten – einen Hühnerstall im Garten. Rassismus und Gewalt waren die Themen, die das (kommerzielle) New Black Cinema zu Beginn der 90er Jahre prägten. Burnetts dritter Spielfilm ist die Antithese zu diesem Kino, ein Filmjuwel, das nicht in Pessimismus verfällt, sondern sich mutig optimistisch gibt. Als Vorfilm Burnetts erster Kurzfilm: SEVERAL FRIENDS(USA 1969), ein richtungsloser Tag in South Central Los Angeles.

Kurzfilmprogramm(23.11., Einführung: Hannes Brühwiler & 27.11.) Die L.A. Rebellion war keine zufällige Zusammenkunft einer Handvoll potentieller Meisterregisseure, sondern ein inklusiver, weit aufgefächerter Arbeitszusammenhang. Das zeigt sich vor allem, wenn man sich der reichhaltigen Kurzfilmproduktion zuwendet. Julie Dash zum Beispiel, die bekannteste Filmemacherin der Bewegung, drehte mit ILLUSIONS (USA 1982) eine filigrane Miniatur über soziale Rollenspiele in einer zutiefst rassistischen Filmindustrie – und nimmt in einer erstaunlichen Szene die berühmte Vorhangsequenz aus David Lynchs "Mulholland Drive" vorweg. Eine der zentralen Wiederentdeckungen des L.A.-Rebellion-
Projekts der UCLA ist Larry Clarks mittellanger AS ABOVE, SO BELOW(USA 1973), der in freier Form und stilisierten Bildern über die Bedingungen einer sozialen Revolution nachdenkt. Das revolutionäre Subjekt verortet der Film kompromisslos im Untergrund. Kaum zu glauben, aber bezeichnend für die popkulturelle Scharnierfunktion der L.A. Rebellion: Der Hauptdarsteller Nathaniel Taylor (später auch in PASSING THROUGH) amüsierte in der NBC-Sitcom "Sanford and Son" 1972 bis 1977 ein weißes Millionenpublikum. Ben Caldwells Werk gehört ebenfalls zur politisch wie ästhetisch radikalen, dem revolutionären Dritten Kino Lateinamerikas nahe stehenden Flanke der L.A. Rebellion. In seinem hypnotischen Montageexperiment MEDEA (USA 1973) wird einem noch ungeborenen Kind politisches Bewusstsein eingeimpft: "If you know who you are, you’ll know who your enemy is".

BUSH MAMA (Haile Gerima, USA 1975, 24. & 26.11., Einführung: Lukas Foerster) "Everything starts at home. Everything." – die von der unnachahmlichen L.A.-Rebellion-Ikone Barbara O. Jones verkörperte Hausfrau Dorothy hat genug von ihrem von Armut und Polizeigewalt geprägten Alltag. Langsam aber sicher beginnt sie, ihre Frustration zu einem politischen Programm umzuformen, das sich unter anderem in einem Plakat konkretisiert, das zum Widerstandskampf in Angola aufruft. BUSH MAMA ist einer der rauesten, wütendsten Filme der Bewegung. Außerdem schließt Gerimas alptraumartig verzerrter Naturalismus an das internationalistische antikoloniale Kino von Filmemachern wie Glauber Rocha oder Solanas/Getino an. Immer wieder bricht die Realität schockartig in die nur kursorisch skizzierte Fiktion hinein. Selbst eine Szene, die Aufnahmen der Verhaftung von Teilen der Crew zeigt, hat es in den Film geschafft.

KILLER OF SHEEP (Charles Burnett, USA 1978, 28.11.) "Here's a camera, go out and do it" fasste Burnett das Motto der UCLA zusammen. KILLER OF SHEEP ist dessen Resultat: ein Meilenstein des amerikanischen Kinos. Der titelgebende Killer ist Stan, ein Familienvater, der seinen Arbeitsalltag im Schlachthaus nur schwer verkraftet. Um ihn herum gruppiert Burnett Bekannte, Freunde und Nachbarn, deren Existenzen wie die seine ständig von Armut und Arbeitslosigkeit bedroht sind. KILLER OF SHEEP, dessen dokumentarische Herangehensweise zuweilen ethnografische Dimensionen annimmt (und das, obwohl Burnett mit Storyboards arbeitete), ist unverkennbar vom italienischen Neorealismus geprägt, findet aber einen eigenen, hypnotischen Rhythmus. Eine "heroische Demystifikation" (David E. James) der Arbeiterklasse, fern jeglicher romantischer Klischees, getragen von Jazz- und Blues-Klängen. (lf/hb)

Die Retrospektive L.A. Rebellion: Creating a New Black Cinema ist eine Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum und Teil des Projekts Kino-Atlas. Das Programm in Berlin wurde in Zusammenarbeit mit dem UCLA Film & Television Archive und der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen organisiert. Dank an Martin Koerber.
L.A. Rebellion: Creating a New Black Cinema is a project by the UCLA Film & Television Archive developed as part of Pacific Standard Time: Art in L.A. 1945-1980. The original series took place at UCLA Film & Television Archive in October – December 2011, curated by Allyson Nadia Field, Jan-Christopher Horak, Shannon Kelley and Jacqueline Stewart.