Januar 2007, kino arsenal

Kino im Kopf

ANNIE HALL, 1977

Unsere Reihe "Kino im Kopf", mit der wir die gleichnamige Ausstellung zu Psychologie und Film seit Sigmund Freud im Filmmuseum Berlin begleiten, findet im Januar ihren Abschluss mit drei Filmen von Woody Allen, einer Abschlussveranstaltung der Deutschen Kinemathek zu "Erinnerung im Film" und einer Lesung von Monika Rinck.

Woody Allens Filme sind ohne Psychoanalyse nicht denkbar, und die Couch ist gewissermaßen ihr Leitmotiv. Als sein Alter ego schuf er die Figur des jüdischen, neurotischen New Yorker Intellektuellen, die er in seinen Filmen stets variiert. Typischerweise hat diese Figur jahrzehntelange Psychoanalysen hinter sich, die den Zustand des Analysanden zwar nicht wirklich verbessert haben, aber für ständigen Gesprächsstoff sorgen.

"Das Leben ist voller Elend, Leid und Kummer – und dann ist es auch noch viel zu schnell vorbei", resümiert die Hauptfigur in ANNIE HALL (USA 1977, mit dem passenden deutschen Verleihtitel „"Der Stadtneurotiker" bedacht). Alvy Singer steckt in einer Krise und denkt über seine vergangenen Beziehungen nach. Nach zwei gescheiterten Ehen und 15 Jahren Psychoanalyse lernt er seine große Liebe Annie Hall kennen, die nach einer kurzen Zeit des glücklichen Zusammenlebens aber wieder eigene Wege geht. (1. & 2.1.)

Im Mockumentary ZELIG (USA 1983) erzählt Woody Allen die Geschichte von Leonard Zelig, einem Mann ohne eigene Identität, der sich chamäleonartig seiner Umgebung so perfekt anpasst, dass er zum Indianer, zum schwarzen Jazzmusiker, zum Rabbiner oder zum Psychoanalytiker mutiert, je nachdem, wie es die Situation erfordert. Woody Allen jongliert bravourös mit Archivbildern, gestellten Kommentaren (unter anderem von Susan Sontag und Bruno Bettelheim) und auf "alt" getrimmtem Pseudo-Dokumentarmaterial. (5. & 7.1.)

"In DECONSTRUCTING HARRY (USA 1997) beschwört der Autor Harry Block dadurch das Unheil über sich herauf, dass er in einem auf "vage Fakten" basierenden Buch sein Umfeld allzu exakt wiedergibt. Das bringt ihn buchstäblich in die Hölle und – was beinahe noch schlimmer ist – auch wieder zurück. Der Film lehnt sich in seiner fantastischen Konfrontation von Vergangenheit und Gegenwart vage an Ingmar Bergmans Wilde Erdbeeren an, zitiert aber auch zahlreiche Motive aus Allens eigenem Schaffen." (Filmarchiv Austria) (4. & 6.1.)

Am 7. Januar um 12 Uhr findet im Filmmuseum Berlin eine Podiumsdiskussion zum Thema "Errettung der Erinnerung? Der mediale Blick auf die Vergangenheit" statt. Im Anschluss zeigen wir CHOICE AND DESTINY (Israel 1993), Tsipi Reibenbachs Porträt über ihre Eltern, in Israel lebende Holocaust-Überlebende. Während Tsipi Reibenbach ihre Eltern in ihrem Alltag beobachtet, werden nach und nach die Erinnerungen zur Sprache gebracht und bricht schließlich auch die Mutter ihr langes Schweigen. "Essen und Erinnerung, Essen und Überleben, Essen und Tod sind die Figuren dieses Films. Der Vater zerkleinert Fleisch und Fisch mit einem alten Fleischwolf, rührt Eier mit einem alten Schneebesen, backt Chalot und erzählt Geschichten. Die Mutter, eine stumme Zuhörerin, mischt sich nicht ein. Die Kamera aber, die in das Schlafzimmer eindringt, findet heraus, dass sie nicht schlafen kann." (Jerusalem Press).

Zum Abschluss der Filmreihe findet eine Lesung von Monika Rinck statt (siehe hier) (7.1.)

Die Ausstellung wird bis zum 25. Februar verlängert.
www.filmmuseum-berlin.de. Veranstaltungen der Psychoanalytischen Fachgesellschaften: www.dpg-psa.de/150freud/. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.