Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. > berlinale forum > forum 50 jubiläumsprogramm > Eine Sache, die sich versteht (15x)

Eine Sache, die sich versteht (15x)

Something Self Explanatory (15x)
Hartmut Bitomsky, Harun Farocki
Bundesrepublik Deutschland 1971

27.02.2020 11:00 OmEU Akademie der Künste
28.02.2020 15:00 OmEU Akademie der Künste

64 Min. Deutsch.

In 15 Lehreinheiten wird das marxistische Vokabular von Ware und Arbeit, Lohn und Arbeitskraft, Tauschwert und Gebrauchswert in Bildern durchdacht. Die Vignetten bestechen in ihrer Direktheit, es ist immer unmissverständlich, worauf sie hinauswollen, weil sie nicht nur politische Begriffe präzise ins Feld führen, sondern filmische Denkweisen zueinanderstellen, die das Äquivalent dieser Begriffe sind: Politische Haltung und ästhetische Form gehen ineinander über, das didaktische Verfahren führt zu einer dialektischen Form, die sich in Bildmontagen, Schwenks, der Einteilung des Bildraums, dem Einnehmen einer Perspektive äußert. Es scheint nur konsequent, dass gegen Ende die Form des Lehrfilms verschwindet und der Film sich wie narratives Genrekino anzufühlen beginnt: „Die Absicht ist es, einen Gehenden über das Gehen nachdenken zu lassen, so daß er hinfällt“ (Bitomsky und Farocki). (ab)

Hartmut Bitomsky wurde 1942 in Bremen geboren. 1962 begann er ein Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin, 1966 wechselte er an die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), von der er zwei Jahre später zusammen mit anderen Kommilitonen wegen politischer Aktivitäten relegiert wurde. Ab 1970 arbeitete Bitomsky freiberuflich als Schriftsteller, Regisseur und Produzent. Von 1974 bis 1985 war er Redakteur der Zeitschrift Filmkritik. In seinem filmischen Schaffen konzentrierte er sich vor allem auf Dokumentar- und Essayfilme. Seit Anfang der 1990er-Jahre arbeitete Bitomsky zudem als Dozent an Kunst- und Filmhochschulen. Er war Dekan der School of Film/Video am California Institute of the Arts, Los Angeles, bevor er 2005 eine Professur an der Universität der Künste Berlin übernahm. Von 2006 bis 2009 war er Direktor der DFFB.

Harun Farocki wurde 1944 in Neutitschein (heute Nový Jičín, Tschechische Republik) geboren. Von 1966 bis 1968 studierte er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Er realisierte mehr als hundert Produktionen für Fernsehen oder Kino. Von 1974 bis 1984 war Farocki Redakteur und Autor der Zeitschrift Filmkritik. Seit 1996 wurden seine Filme und Installationen in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen in Museen und Galerien gezeigt. Zwischen 2004 und 2011 war er Professor für Film und Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Farocki starb 2014.

Die Frage nach dem Kräfteverhältnis der Kämpfenden. Eine Art Lehrplan von Hartmut Bitomsky und Harun Farocki

Obwohl heutzutage kaum ein Mensch Waren auf eigene Rechnung herstellt, vielmehr fast jeder Mensch Waren auf fremde Rechnung herstellt, hat das Bewußtsein von der Natürlichkeit der Warenproduktion Herrschaft. Der Austausch von Lohnarbeit ähnelt dem Austausch, den zwei unabhängige Warenproduzenten vornehmen. Diese elende Miniatur, bei der ein Arbeiter 'seine' Arbeitskraft und ein Kapitalist 'sein' Geld austauschen, verlängert den Schein der Natürlichkeit. Der 'gerechte Lohn' ist ein Netz, in dem das Bewußtsein, das über die bürgerliche Produktionsform hinaussollte, hängenbleibt und zappelt. Wie kann man das Netz zerreißen?
Wir sagten, daß man den Einzelheiten folgen kann, daß aber die Summe der Einzelheiten gegen die Evidenz steht. Der Diskurs des Lehrenden kann nur die Teile, aber nicht das Ganze abbilden.
Das kann nur der Kopf der Lernenden.
Wir haben deshalb einen Lückentext produziert und uns der Sache von mehreren Seiten genähert. Wir haben ökonomische Einzelheiten beigebracht, aber wir haben auch Erfahrungen, die die Realität des Wertgesetzes in Kino und Leben ausgeprägt hat, hergeholt.

Kapitel 1: Ist der Lohn gerecht?
Wir sehen, daß einer, der Waren vernutzen will, sie erwerben muß. Erwerben kann er sie nur, wenn er etwas zu verkaufen hat. Zu verkaufen haben die meisten nur ihre Arbeitskraft. Da liegt also ein Tausch vor. Die Ware Arbeitskraft wird gegen Geld (Lohn) eingetauscht, mit dem Geld werden Konsumtionsmittel erworben.
Wir fragen: Wann ist ein solcher Tausch gerecht?

Kapitel 2: Wann überhaupt ist der Austausch von zwei Waren gerecht?
Wodurch ist die Gleichwertigkeit zweier Waren bestimmt? Daß jeweils der andere die Sachen des einen haben will, weil er sie benötigt, ist zwar Voraussetzung des Tauschs, aber nicht Voraussetzung der Gleichwertigkeit. Denn niemand wird ein Paar Schuhe, das er hat und nicht braucht, gegen ein Haus eintauschen können, das er gut brauchen könnte.
In Waren ist nichts Stoffliches enthalten, das zwei Waren zugleich zueigen wäre und deshalb als Basis des gleichen Wertes taugen könnte.
Aber für beide Waren wurde Arbeit aufgewendet. Die Arbeit ist es, was ihnen gemeinsam ist.
Die beiden Römer können das den Waren Gemeinsame nicht finden. Sie arbeiten nicht. Was bei ihnen auf den Tisch kommt, sind keine Waren, sondern Gebrauchswerte, Reichtümer. Waren sind das Resultat von Privatarbeit. Der Schmied und der Bauer vergleichen ihre verausgabte Arbeitszeit.

Erste Lesung:
Ein Tausch zweier Waren ist also dann gerecht, wenn sie gleichviel wert sind, wenn also gleichviel Arbeitszeit auf ihre Herstellung verwendet wurde.

Zweite Lesung:
Marx schreibt, Aristoteles habe das Prinzip, nach dem der Warentausch funktionierte, nicht finden können. Er konnte es nicht, denn die Grundlagen der griechischen Gesellschaft waren nicht die Privatarbeit, sondern der Besitz von Sklaven. Die Römer in unserer Szene sind keine unabhängigen Warenproduzenten, sondern abhängig von der Produktion ihrer Sklaven. Ihre Gesellschaft basiert auf der wirklichen Ungleichheit der Menschen.

Dritte Lesung:
Warum kreuzt sich der Hammer des Schmieds nicht mit der Sichel des Bauern? (…)

(Infoblatt Nr. 18, 1. Internationales Forum des jungen Films, Berlin 1971)

Produktionsfirma Larabel Film Harun Farocki (Berlin-West, Bundesrepublik Deutschland). Regie, Buch Hartmut Bitomsky, Harun Farocki unter Verwendung von Texten von Karl Marx und Friedrich Engels. Kamera Carlos Bustamante, David Slama. Montage Hasso Nagel. Ton Johannes Beringer. Mit Rolf Becker, Herbert Chwoika, Norbert Langner, Kurt Michler, Ingrid Oppermann, Falk Rebitzki, Peter Schlesinger, Angelika Wehbeck.

Filme

Hartmut Bitomsky: 1967: 3000 Häuser (17 Min.). 1970: Die Teilung aller Tage (67 Min.). 1975: Auf Biegen oder Brechen (94 Min.). 1976: Der Schauplatz des Krieges. Das Kino von John Ford (91 Min.). 1981: Highway 40 West (169 Min.). 1986: Reichsautobahn (91 Min., Forum 1986). 1988: Das Kino und der Tod (46 Min.). 1989: Der VW Komplex (93 Min.). 1991: Isaak Babel – Die Reiterarmee (27 Min.). 1992: Die UFA (88 Min.). 2001: B-52 (122 Min., Forum 2001). 2007: Staub (94 Min.).

Harun Farocki – Auswahl: 1967: Die Worte des Vorsitzenden / The Words of the Chairman (3 Min.). 1969: Nicht löschbares Feuer / Inextinguishable Fire (25 Min., Retrospektive 2002). 1978: Zwischen zwei Kriegen / Between Two Wars (83 Min.). 1982: Etwas wird sichtbar / Before your Eyes Vietnam (114 Min.). 1986: Wie man sieht / As You See (72 Min.). 1988: Bilder der Welt und Inschrift des Krieges / Images of the World and the Inscription of War (75 Min.). 1990: Leben – BRD / How to Live in the FRG (83 Min.). 1992: Videogramme einer Revolution / Videograms of a Revolution (mit Andrei Ujica, 106 Min.). 1995: Arbeiter verlassen die Fabrik / Workers Leaving the Factory (36 Min.). 1997: Die Bewerbung / The Interview (58 Min.), Stilleben / Still Life (56 Min.). 2001: Die Schöpfer der Einkaufswelten / The Creators of Shopping Worlds (72 Min.). 2004: Nicht ohne Risiko / Nothing Ventured (50 Min.). 2006: Zur Bauweise des Films bei Griffith / On Construction of Griffith’ Films (Videoinstallation, 9 Min., Forum Expanded 2006). 2009: Zum Vergleich / In Comparison (61 Min.). 2012: Ein neues Produkt / A New Product (37 Min.). 2013: Sauerbruch Hutton Architekten (73 Min.). 2014: Parallele I–IV (2012–2014) (Videoinstallation).