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Ossessione

Obsession
Luchino Visconti
Italien 1942

22.02.2020 20:00 OmEU Akademie der Künste
29.02.2020 17:30 OmEU Delphi Filmpalast

140 Min. Italienisch.

Der Drifter Gino trifft im Po-Delta auf Giovanna, die Frau eines Tankstellenbesitzers. Sie möchte ihrem tristen Leben an der Seite des dumpfen Ehemanns entrinnen und verlangt von Gino bedingungslose Liebe. Visconti adaptiert für seinen Film, der als Vorläufer des Neorealismus gilt, den Roman von James M. Cain, reduziert die Elemente der Kriminalgeschichte und konzentriert sich auf das Melodramatische und Existenzielle: Die kargen Landstriche sind Rahmen und Gefängnis der Leidenschaften, die den Menschen weder der materiellen Armut noch der gesellschaftlichen Enge entfliehen helfen. Dem Realismus der Orte setzt Visconti die Künstlichkeit seiner Inszenierungen entgegen, kurze Momente, in denen sich die Figuren aus ihrer Welt lösen. In Italien musste der Film aus moralischen Bedenken um fast 40 Minuten gekürzt werden. Die vorliegende Fassung stellt die bisher umfassendste des Films dar. (ab)

Luchino Visconti wurde 1906 in Mailand geboren. Nach zahlreichen Reisen lebte Visconti 1936 zunächst in Paris, wo er als Assistent von Jean Renoir arbeitete. Ende der 1930er-Jahre zog Visconti nach Rom; dort wirkte er an verschiedenen Filmprojekten mit. 1942 drehte er seinen Debütfilm Ossessione. Daran anschließend inszenierte Visconti Filme, die den italienischen Neorealismus mitbegründeten. Ab den 1960er-Jahren widmete er sich in seinen Werken vor allem der Welt des Großbürgertums und Adels. Zu seinen Filmen zählen Literaturverfilmungen wie Il Gattopardo und die sogenannte ‚Deutschen Trilogie‘ (La caduta degli die, Morte a Venezia, Ludwig). Außerdem inszenierte Visconti zahlreiche Theaterstücke und Opern. Er starb 1976 in Rom.

Luchino Visconti: Mein Weg zu OSSESSIONE

[…] Was den Begriff ‚Neo-Realismus’ angeht, so entstand er aus einer Korrespondenz, die ich mit Mario Serandrei führte, der heute noch mein Cutter ist. Er sah die ersten Muster von OSSESSIONE und schrieb mir einen langen Brief, in dem er unter anderem ausführte: „Dieses Filmgenre, das ich zum erstenmal sehe, ... würde ich ‚neo-realistisch’ nennen.“ Und von dort kam der Ausdruck ‚Neo-Realismus’, er wurde zuerst für OSSESSIONE geprägt. […]

(Giuseppe Ferrara, Entretien avec Luchino Visconti, Paris 1963; zitiert nach Ulrich Gregor, Aspekte des italienischen Films 1, Bad Ems 1969, S. 58)

Das unverstellte Italien

[…] Gerade um das Jahr 1940 begann das Interesse für die zeitgenössische nordamerikanische Literatur unter den italienischen Intellektuellen aufzublühen. Zum erstenmal erschienen italienische Übersetzungen der Werke Faulkners, Hemingways und Steinbecks, italienische Autoren wie Vittorini machten sich selbst an die Übersetzung der amerikanischen Texte oder verfaßten, wie Pavese, Essays über die Literatur der USA.
Von dieser Literatur ging angesichts der sterilen Kunstdoktrin des Faschismus ein Atem der Befreiung aus: Hier spürte man mit einemmal die Gegenwart des realen Lebens, jene Aufrichtigkeit auch in der Darstellung sozialer Gegensätze, deren Erwähnung die faschistische Kunstpolitik tabuiert hatte. In der Welt der amerikanischen Romane entdeckten die Italiener letzten Endes ihre eigene zeitgenössische Wirklichkeit wieder. Diese Umstände muß man sich vor Augen halten, um zu verstehen, welche Gründe, welches literarische ‚Klima’ Visconti mit dazu bestimmten, nach dem Roman „The Postman Always Rings Twice“ von James M. Cain seinen Film OSSESSIONE zu drehen. Nicht so sehr auf die kriminalistische Intrige oder die kaum überragenden stilistischen Qualitäten der literarischen Vorlage kam es Visconti an, sondern auf die durch den Roman gegebene Chance, auf der Leinwand ein veristisches Italienbild zu entwerfen, das sich von dem herkömmlichen, mythischen Italien der weißen Telephone, der Salons und der pünktlich eintreffenden Züge, wie es das offizielle Kino damals propagierte, radikal unterscheiden sollte. […]
Was Visconti in OSSESSIONE vornehmlich gelang, das war, ein veristisches, detailgenaues und milieuechtes Panorama italienischen Provinzlebens zu entwerfen, wie es bis dahin im italienischen Film noch niemals zu sehen war. OSSESSIONE öffnete zum erstenmal den Blick für die zeitgenössische Wirklichkeit eines Italiens, das sich unverstellt, unrhetorisch, fern aller offiziellen Klischees, in geradezu trübseliger Beschränktheit offenbarte. Im Jahre 1942 bedeutete das eine Revolution. Visconti brachte das Dekor der ungepflegten Provinzhäuser, der Landstraßen, der Volksfeste mit ihren Gesangswettbewerben, der Plätze von Ancona und Ferrara, der Sandbänke und Flußdeiche mit einer Intensität und einer dokumentarischen Beobachtungsgabe auf die Leinwand, die von ihrer Kraft bis heute nichts eingebüßt hat. Aber er verwendete diese Dekors nicht als pittoresken Hintergrund, sondern verstand es, Milieu und Natur mit der Persönlichkeit, mit dem Charakter seiner Helden zu verketten.
Viscontis Charaktere in OSSESSIONE sind in der norditalienischen Landschaft verhaftet; sie leben aus ihr. Diese Landschaft entfaltet sich bei Visconti in langen Kamerafahrten und Schwenks, die an die Stelle einer dissoziierenden Montage treten, was er bei den Franzosen, namentlich bei Renoir, gelernt hatte. Mit dieser Technik gelang es Visconti, milieubezeichnende Details, charakteristische Aspekte der Landschaft und bestimmte Momente im psychologischen Verhalten seiner Personen aneinander zu spiegeln und miteinander zu verweben. Bezeichnend übrigens, daß Visconti auf Großaufnahmen von Gesichtern weitgehend verzichtete und die Personen in der Verbundenheit mit ihrem Milieu beließ, woraus großartige Szenen, wahre Anthologiesequenzen der Filmgeschichte resultierten […].

(Ulrich Gregor, Von OSSESSIONE zu LA TERRA TREMA, Kinemathek, Nr. 32, Februar 1967, Infoblatt Nr. 5, 1. Internationales Forum des jungen Films, Berlin 1971, Download PDF)

Produktionsfirma I. C. I. (Rom, Italien). Regie Luchino Visconti. Buch Mario Alicata, Giuseppe de Santis, Antonio Pietrangeli, Gianni Puccini, Luchino Visconti, Alberto Moravia nach dem Roman "The Postman Always Rings Twice" von James M. Cain. Kamera Aldo Tonti, Domenico Scala. Montage Mario Serandrei. Musik Giuseppe Rosati. Mit Massimo Girotti (Gino), Clara Calamai (Giovanna), Juan de Landa (Bragana), Elio Marcuzzo, Vittorio Duse, Dhia Cristiani, Michele Riccardini, Michele Sakara.

Filme

1945: Giorni di gloria / Tage des Ruhms (70 Min., Retrospektive 1990). 1948: La Terra Trema / Die Erde bebt (165 Min., Forum 1972, Retrospektive 1997). 1951: Bellissima (151 Min., Retrospektive 2006). 1954: Senso / Sehnsucht (117 Min., Retrospektive 1988). 1957: Le notti bianche / White Nights / Weiße Nächte (102 Min., Retrospektive 2006). 1960: Rocco e i suoi fratelli / Rocco and His Brothers / Rocco und seine Brüder (177 Min.). 1963: Il Gattopardo / The Leopard / Der Leopard (184 Min.). 1965: Vaghe stelle dell' Orsa... / Sandra (100 Min., Retrospektive 2005). 1969: La caduta degli dei / The Damned / Die Verdammten (156 Min., Hommage 2019). 1971: Morte a Venezia / Death in Venice / Tod in Venedig (130 Min.). 1973: Ludwig / Ludwig II. (238 Min.). 1974: Gruppo di famiglia in un interno / Conversation Piece / Gewalt und Leidenschaft (117 Min.). 1976: L’Innocente / The Innocent / Die Unschuld (129 Min.).

Foto: © 2004 Marzi S.R.L. All rights reserved. Courtesy Viggo S.R.L.