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arsenal 3 – neues Konzept

Der Streamingbereich arsenal 3 – www.arsenal-3-berlin.de – wird ab dem 15. August mit einem neuen Konzept fortgesetzt und baut die Aktivitäten des Arsenals im digitalen Raum aus. Mit Beginn des Lockdowns Mitte März wurde das erst letzten Herbst ins Leben gerufene Streaming-Angebot für Arsenal-Mitglieder kurzerhand in ein offen zugängliches virtuelles Kino umfunktioniert: Bis Ende Juni liefen hier sieben Programme mit jeweils rund 20 Filmen aus der Arsenal-Sammlung und ein Festival.

Parallel zum Spielbetrieb der Arsenal-Kinos am Potsdamer Platz präsentiert arsenal 3 jetzt sein neues Konzept: Als Raum für Assoziationen, Reaktionen und Fußnoten bezieht sich das arsenal 3-Programm zukünftig auf die unmittelbaren Aktivitäten der Institution: auf das Kinoprogramm aber auch auf das Verleihangebot oder die Archivarbeit. arsenal 3 ist eine monatliche Einladung zu neuen Exkursionen und Exkursen. Ein Experiment, in dessen Verlauf sich auch das Verhältnis zwischen analogem Kino und digitalem Raum schärfen wird. arsenal 3 wird jedoch nicht mehr gratis zur Verfügung stehen können, die Nutzung kostet künftig 11€ pro Monat. Weitere Informationen und Anmeldung hier: www.arsenal-3-berlin.de

Vom 15. Bis zum 30. September widmen wir das Programm dem Symposium „Recht auf Öffentlichkeit – Arbeit mit TV-Archiven“ und den Filmemacher*innen Navina Sundaram, Harun Farocki und Sohrab Shahid Saless, die vor allem mit NDR, WDR und ZDF eng zusammengearbeitet haben.

ORDNUNG (Sohrab Shahid Saless, BRD 1980, OV 105’) Ein Mann in schwarzem Rollkragenpullover tritt auf die Straße, blickt die Häuserschlucht hinauf. Mit beiden Händen formt er einen Trichter um seinen Mund, der sogleich seinen Ruf verstärken soll, der ein langgezogenes „Aufstehen“ ertönen lassen. Dieses Ritual des Weckrufs tätigt Herbert jeden Sonntag. Während die Arbeitenden sich von der wöchentlichen Arbeitsmühe erholen, will er aktivieren. Obgleich er selbst wochentags kaum zu aktivieren ist: Er lebt in Alltagsmonotonie versunken, während seine Frau arbeitet, ziehen die Tage ohne Struktur der Berufstätigkeit an ihm vorbei. Saless skizziert Herberts Leben in der BRD dumpf, wie eine moderne Elegie der Depression. Identifikation ist nie individuell, sondern immer ausgerichtet an der einer homogenen Gesellschaft, deren Regeln und Pflichten befolgt werden müssen, aber nicht mehr sinnlich wahrnehmbar sind. Der Film skizziert eine Angst vor anderen Menschen und somit vor andersartigem Verhalten. Saless gibt sich dabei in ORDNUNG nicht nur Metaphorik hin, sondern lässt das Bild zum Wort werden: Schonungslos bildet er eine Verdrängungsgeschichte der BRD ab. ORDNUNG wurde 1980 beim Filmfestival von Cannes in der Reihe Quinzaine des Réalisateurs uraufgeführt. Er ist einer von sechs Filmen, die Saless mit dem ZDF produzierte.

EHE MIT AUSLÄNDERN: PANORAMA VOM 13.4.1982 (Navina Sundaram, BRD 1982, 11’ OV) EHE MIT AUSLÄNDERN ist ein Beitrag zu einer Panorama-Sendung von 1982. Das Klingeln der anonymen Anrufe dringt in die Privaträume von Familie Almanasreh und bildet den Hintergrundton der Erzählungen und Berichte über den tagtäglichen Rassismus, dem binationale Familien in Deutschland ausgesetzt sind. Aus der Perspektive von Frauen, die mit irakischen, portugiesischen und nigerianischen Männern verheiratet sind, zeichnet sich das Bild einer Gesellschaft, die Liebe und transkulturelle Bindung als Verrat an einer imaginären Nationalgemeinschaft versteht und in der anonyme Briefe, offene Beschimpfungen und gelöste Radmuttern, als auch Kämpfe um Rechte und Anerkennung zum Familienleben dazugehören.

ZUR ANSICHT: PETER WEISS (Harun Farocki, BRD/Schweden 1979, 44’ OmE) Das detaillierte Gespräch mit Peter Weiss über „Die Ästhetik des Widerstands“, deren zweiter Band gerade erschienen war, wurde von der Redaktion „Literatur und Sprache“ (Christhart Burgmann und Annelen Kranefuss) beim WDR betreut und am 19. Oktober 1979 gesendet. Im Februar 1980 war der Film im „Informationsprogramm TV“ des Internationalen Forum des Jungen Films zu sehen. Farocki im Programmtext dazu: „Weiss hat unvorstellbare Materialforschungen gemacht, das Leben einer Person, die als Modell dient, bis ins kleinste studiert und, was für ihn sehr wichtig ist, fast immer den Schauplatz der Handlung aufgesucht. Der Film gibt eine Vorstellung von dieser Arbeit.“

ZUR ANSICHT: PETER WEISS. DREHARBEITEN IN STOCKHOLM (Harun Farocki, BRD/Schweden 1979, 63’ OmU/OmE) Eine Vorstellung von Farockis Arbeitsweise vermittelt etwa eine Stunde nicht verwendetes Interviewmaterial, das sich im filmischen Nachlass befand, der seit 2015 gemeinsam mit Antje Ehmann vom Harun Farocki Institut betreut wird. 2016 wurde es anlässlich des 100. Geburtstags von Peter Weiss digitalisiert. Wir zeigen das Material so, wie es gefunden wurde: als Reste der Arbeitskopie in schwarz-weiß, roh, teils ohne Ton, mit Klappen, Aussetzern und anderen Spuren der Schnittarbeit.