November 2018, distribution news

"Yours in Sisterhood"

von Irene Lusztig, Kinostart: 6. Dezember 2018

© Irene Lusztig

„Das Private ist politisch.“ Auf den ersten Blick sind es unscheinbare Orte, an denen die Regisseurin auf ihrer zweijährigen Reise durch die USA mehrheitlich Frauen bittet, Leserbriefe vorzulesen und zu kommentieren, die aus dem Archiv der liberal-feministischen Zeitschrift „Ms.“ stammen. Meist von Frauen geschrieben, die in der Zeitschrift erschienene Artikel zum Anlass nahmen, von sich zu erzählen – offenherzig, privat, oft erleichtert, manchmal erbost. In den Briefen geht um Schwangerschaftsabbrüche, lesbische Liebesaffären von verheirateten Frauen, die Ignoranz des Magazins gegenüber Lebenswirklichkeiten schwarzer Frauen und vieles mehr.

Das Wort steht dabei nur vermeintlich im Vordergrund. Mit Yours in Sisterhood gelingt es Irene Lusztig einen Fundus der Frauenbewegung der 70er Jahre in eine vielschichtige Beziehung zur Gegenwart zu bringen. Ihr Dreh fiel in die Zeit der letzten US-Präsidentschaftswahl und überschnitt sich mit dem Beginn der #metoo-Bewegung. Die Frage, auf welche Weise wir heute über Feminismus sprechen wollen, steht drängender denn je im Raum. Yours in Sisterhood  überlasst es dem Publikum, einen feministischen Kosmos zu entdecken, den der Film auf vielen Ebenen zugänglich macht.

Homepage des Films mit Trailer und weiterem Hintergrundmaterial (in Englisch)
Berlinale Forumsseite zum Film
Ms. Magazin online msmagazine.com/

Pädagogisches Arbeitsmaterial auf kinofenster.de

"Yours in Sisterhood schlägt (...) jene Brücke zwischen verschiedenen Generationen von Feministinnen, an der wir dieser Tage oftmals scheitern. Das Erschreckende dabei ist, dass sich an den Themen wenig geändert zu haben scheint. Insbesondere wenn es um sexualisierte Gewalt oder Belästigung geht, ähneln sich die Lebensrealitäten der Frauen* von damals und heute auf bedrückende Weise. ... Das Konzept von Lusztigs Film ist so einfach wie genial, der Ablauf fast immer gleich: Auf den Vortrag des Briefs folgt ein kurzes Interview mit der Sprecherin über ihre Gefühle beim Lesen und eventuelle inhaltliche Anknüpfungspunkte. Die Menschen vor der Kamera sind divers und bilden einen großen Teil des Kaleidoskops von Weiblichkeit* ab. Auch ein Vortrag und Interview in Gebärdensprache ist dabei. ... Und so kommt es, dass dieser immerhin 100 minütige Dokumentarfilm keine Sekunde langweilig ist. Im Gegenteil wollte zumindest ich mir gerne noch stundenlang vorlesen lassen, mehr von diesen zum Teil bedrückenden, zum Teil empowernden Briefen hören. Die einzelnen Interviewsequenzen sind so kurz gehalten und so stimmig und flüssig montiert, dass das Kinopublikum unmerklich von einer Geschichte in die nächste gleitet und dabei das Zeitgefühl verlieren kann." filmloewin.de

„Heute lesen Stars auf Youtube unter allgemeinem Gelächter die schlimmsten Hasskommentare an sie vor, früher waren es die Leserbriefe. In Irene Lusztigs Dokumentarfilm Yours In Sisterhood geht es aber glücklicherweise nicht nur um Hass, sondern auch um jede Menge Respekt und Support. Zwei Jahre lang fuhr die Filmemacherin durch die USA und bat verschiedene Frauen, Leserbriefe aus dem Archiv der liberal-feministischen Zeitschrift "Ms." vorzulesen. Diese nahmen die damaligen Leserinnen zum Anlass, ehrlich und unverfälscht persönliche Geschichten aus ihrem Leben zu teilen. Es geht um Schwangerschaftsabbrüche, um lesbische Liebesaffären, um die Ignoranz des Magazins gegenüber der Lebenswirklichkeit schwarzer Frauen und vieles mehr. So entfaltet sich ein behutsames Panorama weiblicher Erfahrungen und feministischer Statements. Ganz nach dem Motto: Sharing is Caring.“ Katrin Doerksen, Kinozeit

"Wenn die Frauen der Gegenwart ihre ganz persönliche Sicht auf die Vergangenheit erklären, ihre immer nachdenklichen und klugen, selbstbewussten und zuweilen kämpferischen Kommentare zu den Briefen geben, wenn sie sich in die ihnen doch vollkommen unbekannte Verfasserin hineinversetzen, ihr Kraft wünschen oder mit ihr streiten, immer dann sind das große Momente des dokumentarischen Kinos." Zeitgeschichte Online, https://zeitgeschichte-online.de/

"“I think all men are chauvinistic pigs now. I’d like to know what to do about that,” a young woman reads into the camera, one of 27 vignettes in YOURS IN SISTERHOOD an unconventional and provocative documentary featuring women in the present day reading and discussing letters sent by women in the 1970s to the editors of Ms. magazine ... Aside from its relevance, the film is also a fascinating experiment in space and performance. In some ways, the concept is simple, with every reader standing in front of the camera, reading the letter from a teleprompter. Yet each letter turns into an intimate snapshot, revealing details about both the writer and the reader." weiterlesen: Huffington Post, https://www.huffingtonpost.com

Feminismus damals und heute

Eine wütende Frau aus Atlanta berichtet von Belästigungen, denen sie im öffentlichen Raum ausgesetzt ist. Eine aufstrebende Polizistin beklagt, dass die Polizeidienststelle in der Kleinstadt in Iowa, in der sie lebt, sich weigert, qualifizierte Frauen einzustellen. Zögernd bekennt eine 16-Jährige zum ersten Mal öffentlich, lesbisch zu sein. Dies sind nur drei von mehreren Tausend faszinierenden Leserbriefen – viel zu viele, als dass man sie jemals alle veröffentlichen könnte –, die in den 1970er Jahren an die Zeitschrift „Ms.“ (1972 gegründete US-amerikanische feministische Zeitschrift; Anm. d. Red.) gesendet wurden. Die Autor*innen dieser Briefe waren Frauen, Männer, Kinder aller Altersstufen, die aus allen Landesteilen der USA stammten und das gesamte Spektrum sexueller Orientierungen abdeckten, höchst unterschiedliche religiöse oder ethnische Hintergründe hatten, über unterschiedliche körperliche Fähigkeiten und verschiedenste politische Standpunkte verfügten. Diese Leserbriefe enthalten Beschreibungen persönlicher Probleme, Bekenntnisse und politische Argumentationen; sie repräsentieren auf eindrückliche Weise den Slogan der zweiten Welle der Frauenbewegung: „Das Private ist politisch.“ weiterlesen

Irene Lusztig wurde 1974 in Coventry (Großbritannien) geboren. Im Rahmen ihrer Arbeit als Filmemacherin, bildende Künstlerin und Archivforscherin realisierte sie unter anderem das Internetprojekt „Worry Box Project“ (2011). Irene Lusztig ist Lehrbeauftragte für Film und Digitale Medien an der University of California in Santa Cruz. Sie lebt in den Santa Cruz Mountains.
Filme: For Beijing with Love and Squalor (1997). Reconstruction (2001). The Samantha Smith Project (2005). The Motherhood Archives (2013). Maternity Test (2014, Loop, 1-Kanal-Videoinstallation). Forty Years (2016). Yours in Sisterhood (2018)

Yours in Sisterhood
USA/2018. DCP. 101 Min. Englisch. OmdU. Regie, Kamera, Montage, Produktion: Irene Lusztig. Sound Design: Maile Colbert. Produktionsfirma: Komsomol Films (Ben Lomond, USA).