November 2009

Richard Serra zum 70sten

Anlässlich des 70. Geburtstags von Richard Serra:
Serras Filme und Videos in drei Szenarien als Verleihprogramm zu Sonderkonditionen

Skulptur – Mensch – Raum: das sind die Koordinaten, die der amerikanische Bildhauer Richard Serra verhandelt. In seinen Filmen und Videoarbeiten der 60er und 70er Jahre treten ihre Verbindungslinien in den Vordergrund. Der Mensch wird Gegenstand seiner eigenen Wahrnehmung, die Skulptur zum Medium: Kommunikationsstrukturen und Machtverhältnisse werden in ihrer Prozesshaftigkeit erfahrbar. Das Bewegtbild hat eine Materialität: Wie kaum ein filmisches Werk zeigt das von Richard Serra die inzwischen historisch gewordene Besonderheit des Trägermaterials, das Verhältnis von Form und Inhalt vor dem digitalen Bild: Die Filme, in denen seine Hände in Großaufnahme den filmischen Raum gestalten, sowie die dokumentarischen Filme sind im 16mm-Format gedreht. Demgegenüber sind die als Happening oder Performance angelegten Arbeiten über Aufzeichnungsmedien und staatliche Macht im Videoformat. arsenal distribution hat vor Kurzem das Gesamtwerk der Film- und Videoarbeiten von Richard Serra aufgenommen.

Am 2. November 2009 ist Richard Serra 70 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Jubiläums bieten wir die Filme und Videos in 3 Szenarien zu gesonderten Konditionen zum Verleih an. Die Sonderkonditionen für das Gesamtpaket gelten bis zum 31. Januar 2010 (es gilt das Datum der Buchung, nicht der Vorführung): 900€ / für Mitglieder im Bundesverband Kommunale Kinos 750€ anstatt des sonst üblichen Paketpreises von 1500€. Die Filme und Videos können natürlich gerne auch einzeln gebucht werden; hier gelten jedoch andere Konditionen. Für Buchungsanfragen und weitere Informationen kontaktieren Sie uns bitte unter distribution@arsenal-berlin.de.

Szenario 1: Eine Hand versucht, ein herunterfallendes Stück Blei aufzufangen. Ein glühender Stahlblock wird an einem Kran durch die Produktionshalle getragen. Bochumer Stahlarbeiter berichten.

Szenario 2: Zwei Personen vermessen einen Fensterrahmen.

Szenario 3: Zwei Mordangeklagte können durch ein Geständnis ihr Strafmaß und das ihres Mitangeklagten beeinflussen. Die gleiche Situation wird in eine TV-Show übersetzt. Entscheiden wir für uns oder für den Anderen? Und treffen wir die gleiche Entscheidung vor laufender Kamera?

Szenario 1:

HAND CATCHING LEAD 1968 16mm 3’30
Ohne Ton, ohne Schnitt, ohne Kamerabewegung filmt Serra in Echtzeit, wie eine Hand mehr oder weniger erfolgreich versucht, kleine, von oben ins Bild fallende, Bleiplatten zu fangen.

HANDS TIED 1968 16mm 6’
Serra beobachtet ein Paar gefesselte Hände und zeigt, wie sie sich langsam aus der Zwangslage herauswinden.

HAND SCRAPING 1968 16mm 4’
Ein Haufen Bleispäne wird auf dem Fußboden ausgeschüttet; zwei Paar Hände lesen in einer Sisyphusarbeit alles bis auf den kleinsten Rest wieder auf.

HAND LEAD FULCRUM 1968 16mm 2’
Serra zeigt an seinen eigenen Händen physikalische Phänomene wie die Wirkung von Schwerkraft, Zeit und physikalischen Kräften auf.

STEELMILL 1979 16mm 28’
Richard Serra und die Kunsthistorikerin Clara Weyergraf haben diesen Film in der Heinrichshütte in Hattingen gedreht, in der Serra bis zur Schließung des Werks 1987 Stahlskulpturen anfertigen ließ. Ein stummer, eindringlicher Film, der die Kräfte der gewaltigen Maschinen in Relation zum menschlichen Maßstab setzt und die schwere physische Arbeit der Stahlwerker zeigt.

COLOR AID 1971 16mm 33’
Finger als Akteure realzeitlicher Aktivität. Übereinander liegende, monochrome Farbkarten, die den gesamten Bildausschnitt ausfüllen, werden einzeln mit schleifendem Geräusch von jeweils einem Finger weggezogen, so dass die Sicht auf immer neue Farben frei wird.

Szenario 2:

ANXIOUS AUTOMATION 1971 16mm 5’
Der Film konzentriert sich auf zwei Kamera-Ansichten von Joan Jonas, die eine Serie von vier Bewegungen ausführt, während die Kameras in das Bild hinein – und aus ihm heraus zoomen. Die Bewegungen der Akteurin und der Kameras treten in eine wechselseitige Beziehung – unterlegt mit dem Soundtrack von Philip Glas.

FRAME 1969 16mm 21’
FRAME unterstreicht das Missverhältnis zwischen filmischer und realer Wahrnehmung: FRAME zeigt in einer Einstellung ein Fenster mit Rahmen, durch das die Kamera auf eine großstädtische Straßenszenerie blickt. Ein Mann, nur vage erkennbar, vermisst die Länge des Fensterrahmens mit einem viel zu kurzen Lineal. Der Rahmen entpuppt sich nicht als das perfekte Rechteck, als das ihn das menschliche Auge vielleicht wahrnehmen wollte. Die vermeintliche Tiefe des Raums ist lediglich ein verzerrte Fläche.

TINA TURNING 1969 16mm 3’
Tina dreht um sich um sich selbst, bis Sie aus dem Bild verschwindet. Eine Performance. Mit Tina Girouard.

RAILROAD TURNBRIDGE 1976 16mm 17’
13 Einstellungen zeichnen die Bewegung der Brücke in ihren grundlegenden Funktionen auf: Öffnen, Schließen, Drehen Einrasten, Ausrasten. Die Bewegungen der Kamera und die der Brücke sind wechselseitig voneinander abhängig.

Szenario 3:

SURPRISE ATTACK 1973 Video 2’
Wir sehen Richard Serras Unterarme und Hände, die ein Stück Blei von einer Hand in die andere legen – dabei rezitiert er einen Auszug aus Thomas Schellings „Die Strategie des Konflikts“. Der Rhythmus der Bewegung und der Sprache sind synchron, um so die Implikationen der Spieltheorie zu akzentuieren. Der Film ist eine Referenz an Serras ersten Film HAND CATCHING LEAD. (in Szenario 1: 5.10. & 7.10.)

TELEVISION DELIVERS PEOPLE 1973 Video 6’
Serra kritisiert das Medium Fernsehen mittels durch das Bild laufender Sprachbänder, unterlegt von Kaufhausmusik, als ein Instrument sozialer Kontrolle, das unter dem Deckmantel der Unterhaltung die Machtstrukturen derer festigt, die davon profitieren: die Konzerne. Eine seiner Zeit vorausgreifende, intelligente System- und Kapitalismuskritik.

BOOMERANG 1974 Video 10’
„BOOMERANG ist ein Tape, das seinen eigenen Diskurs und seinen Entstehungsprozess analysiert.“ (Richard Serra) Durch Rückkoppelung mittels Kopfhörer erscheinen die Worte der amerikanischen Filmemacherin und Bildhauerin Nancy Holt sowohl akustisch, wie auch in ihrem Sinngehalt nur noch schwer verständlich. Sprache und Bild gestalten und enthüllen sich im Moment ihres Entstehens.

PRISONER’S DILEMMA 1974 Video 40’
Dieser Film bezieht sich auf die innerhalb der Spieltheorie bekannte Stategie des „Gefangenen-Dilemmas“ und überträgt diese mittels ironischer Brechung auf die Machtstrukturen der staatlichen Aufzeichnungsapparate, die zitiert und gleichzeitig ad absurdum geführt werden. Richard Serra und Robert Bell nutzen die Implikationen der Spieltheorie in ihrer Auseinandersetzung mit populären Formen der Fernsehunterhaltung; im ersten Teil des Videos wird der Western, im zweiten die Gameshow zitiert und ironisiert.