April 2013

"Bestiaire"

von Denis Côté, Kinostart: 25. April 2013

Bild aus Bestiare

Ein Zeichenkurs, ein Safaripark, die Werkstatt eines Tierpräparators: drei Umgebungen, in denen sich Mensch und Tier begegnen. Im Mittelpunkt der Beobachtung stehen Blick- und Wahrnehmungsverhältnisse, die gleichzeitig oft ungleiche Machtverhältnisse spiegeln. Dabei scheint der Film die Frage mitzudenken, wie man Tiere filmen kann. Vom technisch hochgerüsteten zeitgenössischen Tierfilm, dessen allmächtige Kameras zu Wasser, zu Lande und in den Lüften jede Grenze überwinden und kein Geheimnis der Schöpfung mehr kennen, ist er dabei weit entfernt. Eine kommentarlose nüchterne Betrachtung – die Kamera ist oft unbewegt und beobachtet von einem festen Punkt aus mit feinem Gespür für Formen und Bewegung: Hörner vor einer Betonwand, die Beine nervöser Zebras in der Enge des Stalls, die Sorgfalt in den kundigen Handgriffen des Tierpräparators. Wohlüberlegte Einstellungen lassen Zeit zum Nachdenken über Schönheit und Fremdheit, über die domestizierte Wildnis in der Zivilisation. Orchestriert von den Umgebungsgeräuschen ergibt das eine Choreografie, ein filmisches Bestiarium, in dem sich zu den stoischen, ungerührten, ungeduldigen, wilden und rebellischen Tieren auch der Mensch gesellt. (Forumskatalog, Anna Hoffmann)

Zum Kinostart am 25. April im Berliner fsk Kino wird neben dem Regisseur auch Kameramann Vincent Biron anwesend sein. Das anschließende Gespräch moderiert Christoph Terhechte, Leiter des Berlinale Forum.

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Denis Côté im Interview mit Alexandra Zawia - "Es ist kein Film über einen Zoo"

Dieser Film wirkt wie ein Bilderbuch. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Natürlich handelt es sich hier nicht um Fiktion. Wenn Bestiaire allerdings ein Dokumentarfilm wäre, dann hätte er ein "Thema". Auch der Begriff "Essay" ist zur Beschreibung dieses Films nicht geeignet, denn er impliziert – gemäß der literarischen Definition – eine polemische oder zumindest parteiische Haltung. Ich selbst habe keine eindeutige Kategorisierung parat, aber umso besser, wenn dieser Film schwer einzuordnen und vor allem poetisch ist. Ich bin bei der Arbeit an Bestiaire jedenfalls von der naiven Lust ausgegangen, die speziellen Ener-gien, das Verhältnis von Mensch und Tier oder auch die missglückten Begegnungen zwi-schen ihnen zu erforschen. Letztlich ist es ein Film über Kontemplation – und etwas Undefi-nierbares, etwas Dunkleres, das ich vielleicht erst mithilfe des Publikums und den Diskussionen über den Film genauer definieren können werde.

Wie sah das dramaturgische Konzept für diesen Film aus?

Sicher steht hinter jedem Film eine gewisse Dringlichkeit, die ihn vorwärtstreibt. Nach der Fertigstellung von "Curling" im Jahr 2010 ging es mir ähnlich wie nach der Beendigung von "Elle veut le chaos" 2008: Ich spürte einen gewissen Widerstand gegenüber der Schwerfälligkeit von Dreharbeiten, sogenannter professioneller Produktionen. 2009 realisierte ich Carcasses, einen Film, den ich sehr mag, weil ich ihn undefinierbar finde. Für Bestiaire gilt genau das-selbe: Ich wollte eine große Freiheit spüren beim Finden der Bilder, beim Hören der Töne und beim Durchdenken der Musikalität des Schnitts. Man könnte auf diese Weise auch an einen Film wie Curling herangehen, aber bei 25 Personen am Set kann es passieren, dass man die Lust an der Vision verliert. Dass man Sklave der Logistik oder eines zu festgelegten Drehbuchs wird. Jeder meiner Filme ist eine Reaktion auf den vorherigen. Es gibt keine "Botschaft" darin, und ich möchte auch in Zukunft ein Apostel eines freien Kinos sein, das etwas zeigt statt beweist. Ich möchte Ihnen gerne antworten, dass es für Bestiaire tatsächlich ein dramaturgisches Konzept gab – und zwar in Form von dessen Abwesenheit.

Was antworten Sie jenen, die in Bestiaire ein radikales Pamphlet gegen Zoos sehen?
Dieser Film hat mich Schritt für Schritt in seinen Bann gezogen. Anfangs sollte es lediglich um Kontemplation gehen. Aber dann entwickelte sich immer stärker eine Aufgabenstellung, die die Kadrierung, das Ambiente, die visuellen Ideen, den Erzählrhythmus betraf. Die Form des Films scheint uns etwas sagen zu wollen, aber was? Es gibt weder eine Botschaft noch einen militanten Ansatz. Wir haben uns ganz realen Dingen gewidmet, aber plötzlich scheint diese Realität zu groß für uns zu sein. Sie sagt uns etwas. Das ist gleichzeitig gut und erschreckend.

Inwiefern handelt dieser Film nicht von einem Zoo?
Bei der Arbeit an Carcasses machte ich den Fehler, in der Mitte des Films mit der Erzählung einer Geschichte zu beginnen. Es gab einen Dialog zwischen Realität und Fiktion, aber plötzlich kam ich nicht weiter mit meinem Bestreben, diesen Western in der zweiten Hälfte des Films zu erzählen. In Bestiaire habe ich mich bemüht, nicht mehr zu tun, als die Logik des Films erforderlich machte. Ich betrachte die Menschen, die Tiere, die Jahreszeiten, ich beobachte, wie die Besucher ankommen – das ist alles. Der Themenkomplex "Zoo" interessiert mich relativ wenig. Wenn Zuschauer den Film intellektualisieren möchten, können sie das tun, aber ich für mei-nen Teil wollte einen ganz einfachen, naiven Film über die Interaktionen zwischen Menschen und Tieren machen. Ich erinnere mich daran, wie ich zu meinem Cutter sagte: "Der Film soll wie der Blick eines sechsjährigen Kindes sein, das in einem Bestiarium blättert und begeistert auf jeder neuen Seite ein anderes Tier entdeckt." Wenn die Zuschauer die Absicht des Films oder seine hypnotische Wirkung erkennen, bin ich zufrieden. Sicherlich wirft Bestiaire einen etwas rohen Blick auf die Dinge. Jedenfalls ist es kein Film über einen Zoo, sondern über eine Betrachtungsweise und über die Subjektivität von Beobachtung.

Warum beobachten Menschen eigentlich so gerne Tiere?
Um ganz sicherzugehen, dass sie Menschen sind! Wie betrachtet man ein Tier – und findet dafür die passende filmische Sprache? Kann man Tiere auf andere Art filmen als zu Unterhaltungszwecken, wie auf YouTube zu sehen? Mit einem anderen Ziel als zu Lehrzwecken oder zur Information, wie von National Geographic praktiziert? Da Tiere weder Schauspieler noch Sprecher sind: Können sie als etwas anderes betrachtet und gefilmt werden als das, was sie sind: Tiere? Gleiches gilt für den Zoo: Jenseits seiner ursprünglichen Aufgabe, Menschen zu unterhalten – was bleibt übrig von diesem poetischen Ort? Wer füllt diese Lücke und auf welche Weise? Welche verspielte oder lyrische Rolle spielt die Natur dort?

Was halten Sie von dem Begriff "Guerilla-Filmemachen" als Beschreibung Ihrer Arbeit?
Ich kann mir vorstellen, dass "Bestiaire" wieder in diese Kategorie fällt, weil er nur mit drei, vier Leuten realisiert wurde – eine No-BudgetProduktion. Habe ich daraus meine Spezialität ge-macht? Vielleicht. Es stimmt, dass man den Eindruck bekommt, man habe eine kleine Schlacht gewonnen, wenn man so ein Projekt beendet. Fragt sich nur, wer der Feind ist, den es zu schlagen gilt.

Denis Côté wurde am 16. November 1973 in New Brunswick, Kanada, geboren. Als Produzent und Regisseur realisierte er zunächst rund 15 LowBudget-Kurzfilme. Daneben war er als Rundfunkmoderator und Filmkritiker für die Wochenzeitung Ici tätig. Von 2001 bis 2006 war Côté Vizepräsident der Association québécoise des critiques de cinéma (Quebec’s Film Critics Association). 2005 drehte er seinen ersten Spielfilm Les états nordiques.

Filme (Auswahl):
2005: "Les états nordiques/Drifting States"
2007: "Nos vies privées /Our Private Lives"
2008: "Elle veut le chaos /All that She Wants"
2009: "Carcasses"
2010: "Curling"
2012: "Bestiaire"
2013: "Vic+Flo ont vu un ours/Vic+Flo Saw a Bear"

BESTIAIRE
Land/Jahr: Kanada, Frankreich 2012. Format: DCP. Länge : 72 Minuten. Sprache: ohne Dialog. Regie, Drehbuch: Denis Côté.  Kamera: Vincent Biron. Ton: Frédéric Cloutier. Schnitt: Nicolas Roy. Produzent: Sylvain Corbeil, Denis Côté.