September 2013

"Hélio Oiticica"

von Cesar Oiticica Filho, Kinostart: 3. Oktober 2013, begleitet von der Caligari-Filmpreis Tournee vom 29.9.-9.10.

Bilder aus "Hélio Oiticica"

Hélio Oiticica (1937-1980) ist einer der bedeutendsten brasilianischen Künstler des 20. Jahrhunderts. In seinem Found-Footage-Dokumentarfilm verzichtet der Filmemacher und Neffe des Künstlers Cesar Oiticica Filho auf Kommentar und Interviews und lässt stattdessen in Film- und Tonarchivaufnahmen seinen Onkel selbst zu Wort kommen. Aus den Zeugnissen des Künstlers erfahren wir so etwas über Oiticicas künstlerische Entwicklung und seine umfassenden politischen und ästhetischen Interessen: über seine modernistischen Gemälde und Skulpturen der 1960er Jahre, die Quasi-cinemas und Dia-Environments der 1970er Jahre, über die Favelas und das urbane Leben von Rio, New York und London, über Samba-Schulen und die Tropicália-Bewegung, die von Oiticica losgetreten wurde, heute aber vorwiegend mit Musikern wie Caetano Veloso und Gilberto Gil in Verbindung gebracht wird. Die rhythmisch montierten Bilder illustrieren die Erzählungen des Künstlers nicht einfach nur, sondern stellen sie in neue Zusammenhänge und gehen weit über sie hinaus. Entstanden ist so das gewagte und komplexe Porträt eines Künstlers, bei dem Arbeit und Leben (Homosexualität und Drogen eingeschlossen) einander bedingen und verwandeln. (Text: Berlinale Forumskatalog, Marc Siegel)

Auf der 63. Berlinale ausgezeichnet mit dem Preis der FIPRESCI Jury sowie dem Caligari Filmpreis.

Termine der Caligari-Filmpreis Tournee in Anwesenheit des Regisseurs

29.09., 20 Uhr, Filmmuseum Frankfurt

30.09., 20 Uhr, Kino Arsenal, Berlin

07.10., 20 Uhr, Caligari Filmbühne, Wiesbaden

09.10., 19 Uhr, Kinemathek Karlsruhe

Zusätzliche Veranstaltung zum Kinostart mit dem Regisseur

04.10., 21 Uhr, filmpalette, Köln

Mehr Fotos, original Film- und Tonmaterial sowie ein Making-Off finden Sie hier.

Cesar Oiticica Filho wurde am 23. Februar 1968 in Rio de Janeiro geboren. Er absolvierte zunächst eine Journalistenausbildung und studierte an der New York Film Academy. Seither ist er als Künstler im Bereich Malerei und Fotografie, als Ausstellungskurator und Filmemacher tätig. Hélio Oiticica ist sein erster abendfüllender Dokumentarfilm.

Meines Onkels innere Stimme
Auf der Suche nach Filmen von Hélio Oiticica stieß ich auf ungefähr 15 Rollen Super-8-Film. Ich war begeistert darüber, dass sie noch unentdeckt waren – immerhin war er einer der be-deutendsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mir kam sofort der Gedanke, dass man mithilfe dieser Filme sowie der Tonbänder, die ich bereits kannte, in der Lage sein müsste, den Blick dieses Künstlers, gewissermaßen seine innere Stimme, sichtbar und hörbar zu machen. Das war allerdings nur der Anfang dieses Projekt und nichts im Vergleich zu dem, was im Verlauf der Arbeit daran noch entdeckt, erforscht, ausgedacht, diskutiert und gelebt werden sollte. Immer wieder entdeckte ich im Rahmen meiner Nachforschungen vergessene künstle-rische Kostbarkeiten, die in Hélio Oiticica in gebührender Weise präsentiert werden. Wenn man einen Film über einen Künstler dreht, der als einer der ersten sensorische und interaktive Elemente in die Kunst einführte, dann besteht die größte Herausforderung darin, dem Zuschauer die Sinnlichkeit dieses Ansatzes zu vermitteln. Entsprechend bedient der Film neben der akustischen Ebene stets auch eine weitere Sinnesebene. Jede einzelne Ebene dieses künstlerischen Werks wahrzunehmen, mit ihr zu experimentieren und filmische Lösungen für diese Herausforderung zu finden, war eine der wundervollsten Belohnungen, die diese Arbeit mit sich brachte. Hélio Oiticicas Philosophie trägt zum Verständnis dessen bei, wie Bilder realisiert werden können, die seinen eigenen zum Verwechseln ähnlich sind; dies kann sich auf unsere Vor-stellung von der Realität auswirken. Die Verwendung von 35-mm-Dias als Fotogramme, die mit einer Geschwindigkeit von 24 Bildern pro Sekunde projiziert und auf diese Weise zu einer Art Film werden, bedeutet einen radikal neuen Ansatz für das Kino, in dessen Zentrum die Fotokamera steht. Fellini sagte: "Es scheint, als würden wir immer ein und denselben Film machen." Für den Film Hélio Oiticica gibt es kein Ende, er ist eine unendliche Begegnung von Kino und Leben. Nach der Vorführung wird er zu etwas anderem, jenseits des Kinos. Er wird Zuschauer zu-sammenbringen und sie in die Ideen von Hélio Oiticia eintauchen lassen, sie können mit ihnen experimentieren und das "Delirium Ambulatorium" erleben. Cesar Oiticica Filho, Rio de Janeiro, Januar 2013

Caligari Filmpreis Jurybegründung (Jurymitglieder: Jutta Beyrich, Lena Martin, Esther Buss)
Ganz im Sinne Jack Smiths muss man Hélio Oiticica einen flammenden Film nennen. Die Found-Footage-Montage von Cesar Oiticica Filho, Neffe des brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica, ist eine rauschhafte Erzählung aus Bildern, Bewegungen und Texturen, aus Farben, Rhythmen und Tönen, die Oiticicas Grenzgängertum – zwischen Kunst und Film, zwischen Malerei, Skulptur und körperlicher Erfahrung – zu ihrem zentralen Gestaltungsprinzip macht. Unterschiedliche, teils heterogene Medien und Materialien treffen aufeinander und werden organisch miteinander verwoben, von Film- und Tonarchivaufnahmen über Fotografien bis hin zu Skizzen und Zeichnungen, vom groben Korn des Filmbildes mit seinen Kratzern und seinem wilden Geflackere bis hin zu den glatten Oberflächen digitaler Bildmedien. Hélio Oiti-cica ist ein musikalischer Film und nicht nur, weil in ihm wunderschöne Musik zu hören ist: Er ist bestimmt von Rhythmen und Tempowechseln, mal fließt er dahin, dann wieder produziert er einen kaum zu bändigenden Überschuss; so werden rasante Schnittfrequenzen aus Standbildern mit fluiden Kamerafahrten durch Räume und Installationen des Künstlers ab-gewechselt. Der schillernde Erzähler des Films ist dabei Hélio Oiticica selbst. Ebenso wie der Künstler die Malerei in den Raum erweiterte und Körper in Skulpturen verwandelte, geht auch seine Erzählung über die Grenzen einer Künstlerbiografie weit hinaus. Die Slums von Rio de Ja-neiro, die Tropicália-Bewegung als Gegenentwurf zur repressiven Politik der Militärdiktatur, künstlerische Produktivität in London und die Kunst des Müßiggangs in New York: Oiticica streift das urbane Leben ebenso wie die brasilianische Musik- und Filmszene und den New Yorker Underground. Und er berichtet mitunter geradezu entfesselt von seinen vielfältigen Interessen, Einflüssen und Begegnungen, von der Schönheit und Gefahr der Straße – eine "sexuelle Initiation" – , von Samba, Kokain, Jimi Hendrix’ intensiver Beziehung zu seiner E-Gitarre, von Karnevalsumzügen, den labyrinthischen Architekturen der Favelas, dem Navigationssinn der Ameisen. Hélio Oiticica ist anti-akademische (Kunst-)Geschichtsschreibung und eine Absage an freudlose kuratorische Verwaltungsarbeit. Seiner kreativen Praxis gab der Künstler zuletzt den Namen "Delirium Ambulatório". Was immer das bedeuten mag: Hélio Oiticica ist eine Einladung, sich davon infizieren zu lassen.

Hélio Oiticica Retrospektive in Frankfurt am Main 
"Das große Labyrinth"
Parallel zum Kinostart zeigt das MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt vom 28. September 2013 bis 12. Januar 2014 die bislang umfassendste Retrospektive des brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica. Die Überblicksschau, die nach Stationen in Brasilien und Portugal in Frankfurt gezeigt wird, präsentiert Arbeiten aus allen Werkphasen des Künstlers. Ergänzt wird die Ausstellung im MMK um drei begehbaren Außenskulpturen, die von Ende August bis Ende Oktober 2013 im Palmengarten präsentiert werden und zur Interaktion einladen. Die Ausstellung ist Teil des Kulturprogramms zum Gastland der Frankfurter Buchmesse 2013.

HÉLIO OITICICA
Land: Brasilien 2012. Farbe & Schwarzweiß. Länge: 94 Minuten. Sprache: Portugiesisch, Englisch. Sprachfassung: OmU. Regie, Buch: Cesar Oiticica Filho. Kamera: Felipe Reinheimer. Musik: Daniel Ayres, Bruno Buarque de Gusmão. Schnitt: Vinicus Nascimento. Produzent: Cesar Oiticica Filho, Felipe Reinheimer, João Villela. Mitwirkende: Estelle Hebron Jones, Carmen Menendez, Camila Mota, Fred Steffen, Acauã Sol, Cassandra Melo, Armando Queiroz, Zé Celso Martinez Corrêa, Ana Tavares, Claudine Franco, Ana Guilhermina, Carlos Nunes.