August 2013

"Jaurès"

von Vincent Dieutre, Kinostart: 8. August 2013

Gemeinsam mit einer Freundin, der Schauspielerin Eva Truffaut, schaut der Filmemacher Vincent Dieutre alte Aufnahmen, die er über Monate aus dem Fenster der Wohnung seines (mittlerweile Ex-) Geliebten Simon gemacht hat. Sie zeigen das Geschehen unweit der Pariser Metrostation Jaurès. Die Jahreszeiten vergehen - Winter, Frühling, Sommer. Wir sehen zufällige Straßenszenen, die vorbeifahrende U-Bahn, den Kanal, das aus Plastikplanen und Kartons unter der Brücke gebaute Camp afghanischer Flüchtlinge, die Polizei-Razzien und schließlich die Räumung des Camps.

In fast flüsterndem Ton kommentieren Truffaut und Dieutre die teilweise durch comichafte Übermalung veränderten Bilder. Ihr Gespräch mischt sich mit den Geräusche im Film: denen von draußen und den Alltagsgeräuschen und Gesprächsfetzen aus der Wohnung. Obwohl wir meist mit den beiden aus dem Fenster nach draußen sehen, erfahren wir ebensoviel über das Innen. Für Dieutre war Simon,  Gewerkschafter und Bürgerrechtler, ein Held. „Simon hat mich wieder gelehrt, was Mitgefühl heißt.“ Entstanden ist ein ebenso poetischer, wie persönlicher und politischer Essayfilm über Liebe, Erinnerung und Verlust.

Auf der Berlinale 2012 erhielt "Jaurès" den Teddy-Special Award. Die Begründung der Juroren lautet: "Auf formaler und narrativer Ebene herausragend zeigt der Film den menschlichen Impuls, das persönliche und emotionale mit dem politischen abzugleichen. Die Jury ehrt einen außergewöhnlichen Essay-Film voller Tiefgang und Schönheit."

Zudem wurdeJaurès auf der 10. Dokfilmwoche Hamburg mit dem Klaus-Wildenhahn-Preis ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: „Der Film entwickelt eine philosophierend-politische Ebene, indem er gekonnt Ebenenverschiebungen vornimmt: von Innen nach Außen und von Außen nach Innen. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die virtuose Verwendung sich überlagernder Tonspuren… Jaurès hält das Disparate aus – zwischen dem Autobiographischen und den Geschichten der Anderen, von denen wir nichts als ihr Bild erfahren.“

Vincent Dieutre wurde am 25. November 1960 in  Petit Quevilly, Frankreich, geboren. Von 1983 bis 1986 studierte er Film an der Pariser Filmschule IDHEC. Aus dieser Zeit stammen seine ersten Kurzfilme und Videos. Dieutre arbeitet außerdem als Filmjournalist, Lektor und Übersetzer.

Seine Filme: 1984: Une martyre (Kurzfilm). 1985: Wiener Blut (Kurzfilm). 1986: Arrière Saison (Kurzfilm). 1988: Lettres de Berlin. 1995: Rome désolée (Forum 1996). 2000: Leçons de ténèbres/Lektionen der Finsternis/Tenebrae Lessons (Forum 2000). Entering Difference/Lettre de Chicago(Kurzfilm). 2001: Bonne Nouvelle. 2003: Mon voyage d‘hiver/Meine Winterreise(Forum 2003). Bologna Centrale. 2004: Les accords d‘Alba (Kurzfilm). 2006: Fragments sur la grâce. 2007: Despues de la Revolucion. 2008: EA2: 2ième exercice d‘admiration: Jean Eustache (Kurzfilm). 2012: Jaurès.

Land/Jahr: Frankreich 2012. Format: BluRay, 16:9. Länge: 83 Minuten. Sprache: Französisch. Fassung: OmU. Regie, Drehbuch, Kamera, Ton: Vincent Dieutre. Kamera (Studioaufnahmen): Jeanne Lapoirie. Animation: Guillaume Dimanche. Schnitt: Mathias Bouffier. Mitwirkende: Eva Truffaut, Vincent Dieutre. Uraufführung: 11. Februar 2012, Berlinale Forum.