Juni 2014

"Sieniawka"

von Marcin Malaszczak; Kinostart: 5. Juni 2014

In einer unwirklichen Zeit, in einer vom Braunkohletagebau entstellten Landschaft, leben noch Menschen. Alte Männer, mit vom Leben zerfurchten Gesichtern. Ein Kosmonaut mit einer verwitterten Montur inspiziert die entraubte Erde: Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart begegnen sich in dem wortkargen Spielfilm SIENIAWKA. Die Männer in der "Außenwelt" leben in der "Freiheit" einer Zone, die geografisch, politisch, filmhistorisch von einer apokalyptischen Gegenwart geprägt ist. Andere sind in die "Innenwelt" einer Anstalt geflohen, resigniert haben sie sich einem rigiden Alltag ergeben. Doch irgendwann wird es Sommer und das Licht zwischen den Birken wird gleißend hell, wie eine Verheißung. Wie wahr kann das Leben in einer von der Geschichte vergessenen Gegend sein? Sieniawka ist ein kleines Dorf im Grenzgebiet zwischen Polen, Deutschland und Tschechien, bekannt für seinen Grenzübergang – und für eine Psychiatrie. Kaum mehr als eine Autostunde von Berlin entfernt, Leben auf einem fremden Stern. (Forumskatalog, Dorothee Wenner)

Samstag 7. Juni 18h Film und Filmgespräch mit dem Regisseur im fsk-Kino am Oranienplatz, Berlin.

Zum Trailer. Weitere Informationen auf der Homepage des Films.

Preise
FIDMarseille 2013 - Bester Debütfilm
Duisburger Filmwoche 2013 - Arte-Dokumentarfilmpreis

Filmfestivals 2013
Berlinale Forum / WP , FIDMarseille, Int. Wettbewerb / IP , European Film Festival Palic, New Horizons International Film Festival, Split Film Festival, Cambridge Film Festival, Mostra - São Paulo International Film Festival, Duisburger Filmwoche, Lisbon & Estoril Film Festival, Duisburger Filmwoche, Forum Doc Belo Horizonte, Planete + Doc Film Festival

Worüber nicht gesprochen wird - der Regisseur über seinen Film

Dass ich überhaupt Filmemacher geworden bin und das Bedürfnis verspürt habe, mich mit diesem besonderen Ort zu beschäftigen, hat damit zu tun, dass ich viel Zeit dort verbracht habe. Entsprechend habe ich eine sehr enge und emotionale Beziehung zu diesem Ort. Meine Tante hat 40 Jahre lang in dem Krankenhaus gearbeitet (davon 20 Jahre lang als stellvertretende Direktorin); mein Großvater war dort ebenso lange Verwaltungsdirektor. Weil ich mit dem Krankenhaus und dem Ort Sieniawka vertraut war, gab mir der jetzige Krankenhausdirektor quasi Carte blanche, sodass ich mich vor Ort und auf den Stationen frei bewegen und filmen konnte. Das ist normalerweise sehr schwierig, aufgrund des abgeschlossenen Charakters einer solchen Institution. Obwohl das Wort Sieniawka offiziell der Name des Ortes ist, wird es umgangssprachlich als Bezeichnung für das Krankenhaus verwendet. Wenn jemand sagt: "Du wirst eines Tages in Sieniawka enden", dann meint er damit, dass man irgendwann verrückt wird und dort hinkommt. Diese sprachliche Gleichsetzung – durch die die Grenzen zwischen Geisteskrankheit und Gesundheit, zwischen Chaos und Ordnung oder Natur und Zivilisation verschwimmen – inspirierte mich zu diesem Film. Ich wollte mich mit diesen ambivalenten Themen filmisch und im Verhältnis zu einer sich rasant verändernden postkommunistischen Gesellschaft in Polen auseinandersetzen; und ich wollte mich dabei auf das konzentrieren, was fast vergessen ist, worüber nicht gesprochen wird und was wir alle in uns tragen: das irrationale menschliche Unterbewusstsein. Die Gesellschaft ist eine Institution, die permanent versucht, Menschen an Normen anzugleichen. Gibt es wahre Freiheit nur im Tod? Ich wollte einen Film machen, der gewissermaßen eine Reise durch die Erinnerung und das Imaginäre in einer Welt ist, die unserer eigenen ähnelt, aber nicht unbedingt unsere eigene Welt ist.

Marcin Malaszczak, geb. 1985 in Kowary, Polen, studierte Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). SIENIAWKA ist sein erster abendfüllender Spielfilm.

SIENIAWKA
Land: Deutschland, Polen 2013. Format: DCP, BluRay. Länge: 126 Minuten. Sprache: Polnisch. Fassung: OmU. Produktion: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, Berlin; Mengamuk Films, Berlin. Regie, Buch, Kamera: Marcin Malaszczak. Ton: Eric Ménard, Leo Robin Knauth, Tobias Rüther. Sounddesign: Jochen Jezussek. Schnitt: Stefan Stabenow, Maja Tennstedt. Produzenten: Michel Balagué, Marcin Malaszczak, Georg Tiller. Darsteller: Stefan Szyzszka, Stanisław Chęmiński, Ryszard Ciuruś, Tomasz Członka, Kazimierz Duchaczek, Tadeusz Gubała, Robert Gajowy, Jarek Harbart, Jerzy Iwanczewski, Władysław Jarmulak, Ernest Kalbarczyk, Bogusława Kasprzak. Uraufführung: 10. Februar 2013, Berlinale Forum