November 2014

"Castanha"

von Davi Pretto, Kinostart: 06. November 2014

Bilder aus Castanha

"What have I become? Me, a true 80's creature?", fragt die von João Carlos Castanha verkörperte Figur in einem Theaterstück und meint damit ebenso gut ihn selbst: João, 52, Schauspieler und Transvestit, hat seine besten Jahre schon hinter sich. Er ist krank, hat Liebhaber und Weggefährten verloren und wirkt müde, setzt seinen Lebenswandel indes unbeirrt fort. Gemeinsam mit seiner Mutter bewohnt er zwei Zimmer in einer abgeriegelten kleinbürgerlichen Wohnanlage, nachts tritt er in kleinen Theatern und Schwulenbars auf. Mindestens genauso viel Zeit wie für Joãos Performances und sein unvergessliches Gesicht nimmt sich der Film für die einsamen Momente in schäbigen Backstage-Räumen und die präzise Erkundung eines – mal zärtlichen, mal unbarmherzigen und brutalen – Milieus, dessen flüchtiger Glanz billige Oberfläche ist. Auf vielschichtige Weise verbinden sich dokumentarische Beobachtung, Inszenierung und fiktive Elemente zu einer Erzählung über Leben und Tod: Während sich João schon mit einem Bein im Grab wähnt und von den Geistern seiner Vergangenheit heimgesucht wird, feiert er hartnäckig das Leben. "I think I might go to hell. Hell is a rave. An eternal rave." (Forumskatalog, Hanna Keller)

Davi Pretto und João Carlos Castanha im Interview mit Knut Elstermann, Radio 1, während der Berlinale 2014

Davi Pretto, geb. 1988 in Porto Alegre, Brasilien, schloss 2008 ein Filmstudium ab. Nach mehreren Kurzfilmen ist "Castanha" sein erster abendfüllender Film.

Der Regisseur über seinen Film:
Ein Gefühl der Freiheit

Film bedeutet für mich die Begegnung mit Menschen – mit "Castanha" wollte ich diesen Gedanken noch einmal zuspitzen. Mir geht es um die Begegnungen zwischen Menschen mit einer Geschichte, die erzählt werden soll, und anderen, die diese Geschichten erzählen möchten. Wie in meinen früheren Kurzfilmen habe ich bei diesem Film mit einem kleinen Team gearbeitet – meine Filme bauen auf Vertrauen und Freundschaft. Letztlich stand mir für "Castanha" weniger Geld zur Verfügung als für einen Kurzfilm. Ich wollte eine bestimmte Geisteshaltung ergründen und habe dabei in Hinblick auf die Besonderheit des Hauptdarstellers unterschiedliche Genres miteinander verbunden. Zum einen ist "Castanha" ein Schauspielerfilm; die herausragenden Darsteller tragen den Film, ähnlich wie zum Beispiel die Schauspieler in den Filmen von John Cassavetes. Darüber hinaus enthält "Castanha" Elemente des Fantastischen Films, in dem sich die Spannung aus alltäglichen Situationen entwickelt wie bei John Carpenter oder Roman Polanski. Auch als beobachtenden Dokumentarfilm könnte man "Castanha" bezeichnen: Es ist ein intimer Film, der sich von Zufällen, der Stille und den Details des Alltags leiten lässt. Kamera, Schauspieler, Dokumentar- und Spielfilm stehen hier in einer ganz besonderen Beziehung zueinander. "Castanha" erzählt vergessene Geschichten aus einem Land, das man einerseits als globalisiert bezeichnen kann, das aber andererseits in Teilen erzkonservativ geprägt ist und moderne Sichtweisen ablehnt. weiter lesen (PDF) 

"Castanha"
Land/Jahr: Brasilien 2014. Format: DCP, BluRay. Farbe. Länge: 95 Min. Sprache: Portugiesisch. Fassung: OmU. Regie, Buch: Davi Pretto. Kamera: Glauco Firpo. Ton: MarcosLopes. Musik: Diego Poloni. Schnitt: Bruno Carboni. Produzenten: Paola Wink, Sandro Fiorin (Tokyo Filmes); Alex Garcia, (FiGa Filmes). Produktion: Tokyo Filmes, Porto Alegre (Brasilien); FiGa Films, Los Angeles (USA). Darsteller: João Carlos Castanha (Castanha), Celina Castanha (Celina, Mutter), Francisco Jairo da Silva (Jairo, Vater), Gabriel Nunes (Marcelo, Neffe), Zé Adão Barbosa (Zé, Theaterregisseur), Lauro Ramalho (Lauro, Freund), Elizabete Salimen Agrello (Nachbarin), Jorge Maltoni (Toter Exfreund), Mauricio Torres (Freund im Club), Lói Luiz (Lói, Mörder). Uraufführung: 7. Februar 2014, Berlinale Forum.