März 2015

"Szenario"

von Philip Widmann und Karsten Krause, Kinostart: 09. April 2015

Eine Frauenstimme und eine Männerstimme sprechen im Chor: »Eine Frau, genannt Monika, und ein Mann, genannt Hans. Hans hält schriftlich fest, dass Monika ihm - ihrem Vorgesetzten, Arbeitgeber und Geliebten - mit dem Entzug körperlicher Liebe droht, sollte sich seine Ehefrau nicht bei ihr entschuldigen.« Der Inhalt eines schwarzen Aktenkoffers führt in das oberflächlich geordnete Leben in Westdeutschland im Jahr 1970 und in eine Stadt, die als Sinnbild für die Bundesrepublik stehen mag. In diesem Koffer: Die peinlich genaue Dokumentation der Affäre zwischen dem mittelständischen Unternehmer Hans und seiner Sekretärin Monika. Rechenschaftsberichte über sexuelle Aktivitäten legen eine Spur in das Feld der unendlichen Möglichkeiten und der endlichen Wahrscheinlichkeiten innerhalb derselben Umstände ein anderes Leben zu führen.

Homepage des Films mit Trailer

Regiekommentar von Philip Widmann
Monika und Hans haben ein Verhältnis, und Hans begreift dieses Verhältnis als dokumentationswürdig. In einem schwarzen Aktenkoffer legt er eine Sammlung an. Die Sammlung ist seine Form der schlüssigen Erzählung, des Tatsachenberichts: Schriftliche Aufzeichnungen werden ergänzt und scheinbar verifiziert durch Kassenbelege, Kalenderblätter, Fotografien und andere Artefakte.
Szenario folgt der Chronologie der Aufzeichnungen, deren Handlung so banal wie haarsträubend ist. Und da der Inhalt des Aktenkoffers mehr über Hans, den Schreibenden, als über Monika, die Beschriebene, verrät, stellt sich bald die Frage: Wer ist diese Monika? Oder besser: Wer könnte sie gewesen sein? Der Film projiziert ein zweites Bild auf das von Hans entworfene, und fügt seinem Tatsachenbericht ein weiteres Szenario hinzu. Eine Verkettung der Wahrscheinlichkeiten der Lebensumstände einer Frau namens Monika, die auch jede andere sein könnte, mit den Möglichkeiten, innerhalb derselben Umstände ein ganz und gar anderes Leben zu führen.
Die Umstände: Räumliche, biologische, soziale und individuelle Determinanten, die Bühne und Figur umreissen. Eine westdeutsche Großstadt namens Köln, Alter und Geschlecht, psychische und körperliche Gesundheit, der eigene Horizont. Die beiden Bilder sind weder vollständig noch deckungsgleich. Zweifel stellen sich ein. Der Film setzt sich zusammen aus einer Kette von Fragen nach der Identität von Zahlen, Worten, Bildern und Tönen – und den mit ihrer Hilfe beschriebenen Personen und Orten. Ist das Gehörte identisch mit dem Gesehenen? Das Foto mit dem Filmbild? Die Schrift mit dem Gesagten? Das Gesprochene mit dem Gedachten?

Festivals
64. Internationale Filmfestspiele Berlin / Perspektive Deutsches Kino
Dokumentarfilmwoche Hamburg 2014
Director's Lounge Berlin 2014
Underdox - Festival für Dokument und Experiment München 2014
Akademie Schloss Solitude Stuttgart
Kasseler Dokumentarfilm- und Videofestival 2014
CPH:DOX 2014
Exposed Film Festival Köln 2014

Szenario
D 2014. Format: DCP. 1:1,33. Länge: 89 Min. Sprache: Deutsch. Buch, Regie, Montage, Bild: Philip Widmann. Bild, Co-Regie, Montage: Karsten Krause. Ton: Tom Schön. Stimmen: Cora Frost, Gustav Peter Wöhler. Darsteller: Lisa Arndt, Kenneth Huber, Odine Johne. Produktion: Works Cited in Koproduktion mit Blinker Filmproduktion. Gefördert durch Kuratorium junger deutscher Film, Film- und Medienstiftung NRW, Medienboard Berlin-Brandenburg, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Filmförderungsanstalt, DEFA-Stiftung, Filmbüro Bremen.