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Leugnung, als Strategie, konstruiert Machtpositionen, indem sie Wahrheit behauptet und negiert, das heißt, indem sie Fakten, historische Ereignisse oder sozialen Kontexte leugnet. Die Produzierbarkeit von Fakten und die Auflösung von Gemeinschaft sind in den heutigen Strukturen biopolitischer Gouvernanz zu operativen und medialen Mitteln geworden. Leugnung löscht sehr effektiv mnemonisches Wissen aus – Wissen, das, einmal verloren, nicht wiederhergestellt werden kann. Die Unfähigkeit zu trauern hat in zeitgenössischen Gesellschaften beängstigende Formen angenommen. Menschen wurden wieder und wieder vertrieben und ihre entwurzelte Erinnerung äußerte sich in Gefühllosigkeit gegenüber den Anderen, den Vorhergegangenen, den zuvor Dagewesenen, den Verlorenen.

Ein Grund, warum wir anfingen, zu graben, als seien wir mnemonische Archäologinnen, ist die Fragmentierung der Geschichte. 

Uns interessieren die miteinander verwobenen Prozesse der Industrialisierung, der Formation des modernen Nationalismus und die gewaltvollen Brüche, die die Moderne in der Bildung von Gesellschaften implizierte. Die Fotografie ist eine moderne Erfindung, die diese Prozesse abbildet. Gleichzeitig ist sie selbst das optisch-technische Mittel der Paradigmenverschiebung. Die Infrastrukturen der Leugnung, wie sie kontinuierlich und rigoros in der Bildung von Nationen implementiert wurden, dienen der Aufweichung kultureller Differenzen. Seit die Moderne uns an diesen Punkt gebracht hat, mussten wir uns diesen konstanten und machtvollen Prozessen der Auslöschung von Differenz widersetzen. Ein Grund, warum wir anfingen, zu graben, als seien wir mnemonische Archäologinnen, ist die Fragmentierung der Geschichte. Wir fingen an nach visuellen Spuren zu graben, nach fotochemischen Resten, die als Nebenprodukte entstanden, während sie ihren eigentlichen Zweck erfüllten: Den Bau von Infrastruktur zu beobachten, genauer des Eisenbahnbaus im Osmanischen Reich; archäologische Funde zu dokumentieren; Territorien in militärischen Operationen des Ersten Weltkriegs zu vermessen; und den Versuch, den Planeten zu „archivieren“. Diese fotografischen Operationen während des Niedergangs des Osmanischen Reichs gerieten in einen Interessenskonflikt mit dem Versuch, das, „was passiert ist“ auszulöschen und zu leugnen. Also wurden sie verboten. Doch viele Bilder existierten weiterhin und überdauerten. Sie wurden veröffentlicht, allerdings ohne umfassende Anerkennung. Trotz ihrer Existenz hatte die Stimme der Leugnung die Fähigkeit, Beweise zu übertönen, zu zensieren, Spuren auszulöschen und mit ihnen die mnemonischen Stimmen der Überlebenden.

Die koloniale Behauptung, dass es „hier kein Volk gegeben hat“ bedeutet für uns im Umkehrschluss, dass wir die fehlenden Menschen betrauern – jene, die von der Geschichte nicht erzählt, die verdeckt wurden. 

Und so hören wir Deleuze, der nach den vermissten Menschen ruft. „In dem Augenblick, in dem der Kolonialherr ausruft: ‚Hier hat es nie ein Volk gegeben‘, verkörpert das fehlende Volk eine Zukunft, es erfindet sich in den Elendsquartieren und Lagern, in den Ghettos und unter neuen Kampfbedingungen, zu denen eine notwendig politische Kunst beitragen muss.“ 

Die koloniale Behauptung, dass es „hier kein Volk gegeben hat“ bedeutet für uns im Umkehrschluss, dass wir die fehlenden Menschen betrauern – jene, die von der Geschichte nicht erzählt, die verdeckt wurden. Wir glauben an Prozesse der Aktualisierung, die Vergangenheit lebendig werden lassen, und an Erinnerung als aktiven Prozess in der „Jetztzeit“ der Gegenwart. Wir versuchen diese Prozesse produktiv zu machen und nutzen das Fotografische als materielles Werkzeug, um eine neue und andere Form der Erinnerung zu schaffen. Solch eine Erinnerung entsteht aus dem Mnemonischen, aus sensorischen Prozessen des Schmeckens, Riechens, aus dem Ort, dem Blick, dem Ton, dem Haptischen, aus der Positionierung des Körpers in der Welt.

Angela Melitopoulos, Kerstin Schroedinger

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