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Im Bemühen, die vielfältigen Impulse des Weltkinos zu repräsentieren,
ist das diesjährige Forum vor allem in Asien fündig geworden;
der Länderschwerpunkt ist Vietnam gewidmet. Insgesamt zeichnet
sich das Programm durch die Fülle der Berührungspunkte und
Gegensätze der nationalen Kinematografien aus, wobei sich auch
die Grenzen zwischen Spiel-, Dokumentar- und Essayfilm als durchlässig
erweisen.
Ein Schwerpunkt im Programm des Forums sind traditionellerweise die
asiatischen Länder, allen voran Japan.
Das Durchschnittsniveau der japanischen Filme, in der Regel Spielfilme,
ist so hoch, daß das Forum nicht weniger als sieben auswählen
konnte. Ein Film darunter widmet sich der Aufarbeitung der japanischen
Vergangenheit: in Riben Guizi (Japanische Soldaten des Teufels)
untersucht der Dokumentarist Minoru Matsui die Verbrechen der japanischen
Armee in der Mandschurei und in China im Verlauf von Eroberungskrieg
und Besatzungsregime zwischen 1931 und 1945. Schauerliche Geständnisse
werden von den Veteranen der ehemaligen kaiserlichen Armee Japans abgegeben.
Mit China steht auch der Film Fey Ya Fey (Flying, Flying) von
Li Ying in Verbindung. Li, der schon einmal auf dem Forum mit dem Film
2H vertreten war, ist ein in Japan lebender Chinese, und dieser
Film ist technisch gesehen ein japanischer, ansonsten aber ein chinesischer
Beitrag in chinesischer Sprache: zwei Reisende, mit Handschellen aneinander
gefesselt und begleitet von einer uniformierten Bewacherin, übernachten
in einer Hütte; parallel dazu sind Szenen aus einem Theaterstück
eingeschnitten, in welchem zwei Reisende in ein einsames Haus gelangen
und dort ermordet werden sollen. Der Film ist eine philosophisch-politische
Parabel, die vom Regisseur Ying Li in eine faszinierende, ungewöhnliche
Form zwischen Erzählung und Essay gebracht wurde. Love/Juice
von Kaze Shino erzählt eine melancholische, aber auch ironische
und witzige Geschichte von Freundschaft und Liebe zwischen zwei jungen
Mädchen, die sich durch ihre sensible Personenbeschreibung und
den scharfen Blick für den Alltag auszeichnet
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| Love/Juice
von Kaze Shino |
Ein Beziehungsdrama ist auch kaza-hana (Schnee im Wind) von
Shinji Somai: ein Beamter, Bürokrat, und eine Bardame aus Tokyo
sind in einem Auto in Hokkaido unterwegs, vom Zufall zusammengeführt.
Die wechselvolle Geschichte der beiden erhält durch parallele Szenen
und Episoden, die die Handlugn unterbrechen, einen Kontrapunkt; so ist
dieser Film unromantisch, aber dicht und nachdenklich. Soro no ana
(Hole in the Sky) von Kazuyoshi Kumakiri beschreibt die zufällige
Begegnung zwischen einer Frau, die von ihrem Freund in einer Tankstelle
zurückgelassen wird, und einem jungen Mann, der in Abwesenheit
seines Vaters ein daneben gelegenes, bizarres Restaurant verwaltet.
Departure von Yosuke Nakagawa (er zeigte 1998 im Forum Blue
Fish) spielt in Okinawa und porträtiert drei junge Leute, die
die Insel Okinawa verlassen wollen, im Verlauf einer Nacht. Das ergibt
eine facettenreiche Geschichte, ausgestattet mit Ironie und angesiedelt
zwischen Hoffnungen und Realität.Bemerkenswert sind die schöne
und stilisierte Photographie und die ausgeprägte Handschrift des
Regisseurs.
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| Departure von Yosuke
Nakagawa |
Schließlich ist Japan auch im Mitternachtsprogramm des Forums
mit der Komödie Rendan Quartet for two von Naoko
Takenaka präsent, die den Auflösungsprozeß einer Familie
im Stil zwischen Farce und Karikatur beschreibt, alle Klischees auf
den Kopf stellt, Erwartungen nicht erfüllt, Leere und Absurdität
beschreibt und schließlich doch einen Weg andeutet, auf dem Familie
vielleicht wieder zusammenfinden wird.
Zwei zugleich realistische und poetische Filme aus China
hat das Forum im diesjährigen Programm: da ist Zhan Tai
(Platform), der zweite Spielfilm des Regisseurs Jia Zhan-ke, der 1998
mit Xiao Wu im Forum den Wolfgang Staudte-Preis erhielt. Jia
Zhan-ke erzählt in seinem neuen Film eine Geschichte aus der chinesischen
Provinz über zehn Jahre, eine Schauspieltruppe steht im Mittelpunkt,
die ihr Leben und ihre Arbeit den wechselnden Verhältnissen anpassen
muß; damit zugleich zeichnet der Film ein Bild der politischen
und gesellschaftlichen Evolution Chinas. Der zweite chinesische Film
im Forum stammt von der Regisseurin Ning Ying (die ebenfalls schon mehrfach
Gast des Forums war) und heißt Xiari Nuanyangyang (I love
Beijing). Diese Liebeserklärung stammt aus dem Munde eines Taxifahrers,
dessen Hauptsorge darin besteht, jeden Tag 500 Yuan Fahrgeldeinnahmen
zu haben, weswegen er praktisch rund um die Uhr unterwegs sein muß.
Der Film beginnt fröhlich und optimistisch, um am Schluß
immer düsterer zu werden
Stärker vertreten im Forums-Programm ist auch das Filmland Indien
wir zeigen einen Film aus Kerala, Karunam (Pathos) von
Jayaraaj, den Bericht von zwei alten Leuten, die in einem Dorfauf die
Rückkehr ihres Sohnes aus den USA warten, der aber nicht kommt,
umsorgt werden sie von den Vertretern der Kirche, die ein strenges,
autoritäres Regime ausüben. Der Film fasziniert durch seine
ausdrucksvollen Bildern und seine intensive Milieuschilderung.
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| Karunam
(Pathos) von Jayaraaj |
Etwas andere Töne schlagen die indischen Filme im Mitternachtsprogramm
an, Alai Payuthey (Waves) von Mani Rathman ist ein Werk des indischer
Mainstreams, aber ausgeführt mit bemerkenswerter künstlerischer
Meisterschaft, und Gaja Gamini ist der Film des bekannten Malers
Maqbool Fisa Husain, er liefert eine kulturelle Vision Indiens in einer
komplexen Form von Malerei, gesungenem Wort und bewegten Bildern; obwohl
der Film hohe Ambitionen besitzt, ist er zugleich witzig, schillernd
und sehr vergnüglich.
Korea und Taiwan
sind mit zwei Mitternachtsfilmen vertreten, Ban Chik Wang (The
Foul King)von Kim Jee-Won aus Korea (ein schüchterner Angestellter
wandelt sich zum Ringkämpfer) und The Cabbie von Chen Yiwen
und Chang Hua-kun; dieser Film erzählt von den komischen und grotesken
Abenteuern eines Taxifahrers im Taipei von heute.
Zum Kontinent Asien gehört schließlich auch
Iran, dessen Filmkunst sich gegenwärtig eines hohen internationalen
Ansehens erfreut. Das Forum zeigt einen iranischen Film eigenwilliger
Handschrift und wegweisender Bedeutung, Bahman Farmanaras Booye Kafoor,
Atre Yas (Der Geruch des Kampfers, der Duft von Jasmin). Der Regisseur
Farmanara, der im Iran schon längere Zeit keine Filme mehr machen
durfte, spielt selbst die Hauptrolle in diesem Film: die eines Filmregisseurs,
der nach langer Stagnation wieder einen Film drehen soll eine
Untersuchung für das japanische Fernsehen über den Tod. Der
Film ist sarkastisch, zitiert aktuelle Vorgänge aus dem Fernsehen,
zeigt den Lebensstil der Privilegierten, blendet zurück und schaut
voraus, überrascht immer wieder mit neuen Einfällen und entwirft
ein lebendigs und kritisches Bild aktueller Lebensverhältnisse
im Iran.
Seinen diesjährigen Länderschwerpunkt widmet das Forum dem
neuen vietnamesischen Kino. Im Rahmen einer Sonderreihe "Filmland
Vietnam" präsentieren wir acht Filme, die auf beeindruckende
Weise Innenansichten von vietnamesischer Gegenwart und Geschichte bieten.
Eine herausragende Produktion ist Ben khong chong (Das Ufer der
Frauen ohne Männer, 2000) von Luu Trong Ninh. Der Film spielt in
einem kleinen Dorf, das fast ausschließlich von Frauen, Alten
und Kindern bewohnt wird. Frei von propagandistischer Beschönigung
erzählt Ben khong chong, wie die Jahrzehnte dauernde Abwesenheit
von kriegsführenden Männern die zurückbleibenden Frauen
zu den eigentlichen Heldinnen des südostasiatischen Landes macht.
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| Ben khong chong von Luu Trong
Ninh |
Auch Doi cat (Auf Sand gebaut, 1999) von Nguyen Thanh Van erzählt
eine tragische Liebesgeschichte: wie unzählige andere Soldaten
kann der Protagonist des Films nach dem Sieg über die Franzosen
für Jahrzehnte nicht zu seiner Ehefrau in den Süden zurückkehren.
Er verliebt sich neu, wird Vater - und stellt nach Kriegsende verzweifelt
fest, daß im Süden seine Ehefrau auf ihn gewartet hat.
Ai xuoi van ly (Die lange Reise, 1997) von Le Hoang spielt im
heutigen Vietnam: ein Veteran entschließt sich, die Asche seines
Kameraden zu dessen Mutter zu bringen. Die ereignisreiche Reise wird
zu einer subtilen Studie der Mentalität eines Landes, dessen landschaftliche
Besonderheit selten so eindrucksvoll auf der Leinwand zu sehen war.
Für viel Diskussionsstoff sorgt derzeit in Vietnam der Film
Vao nam ra bac (In den Süden und zurück, 2000) des in
Babelsberg ausgebildeten Regisseurs Phi Tien Son. Der Film portraitiert
erstmalig im vietnamesischen Kino einen kriegsmüden, aber lebenslustigen
Deserteur und beruht, so Son, durchaus auf eigenen Erfahrungen.
Mit dem komplizierten Zusammenleben ehemaliger 'Klassenfeinde' in einem
Haus beschäftigt sich Viet Linhs Chung cu (Das Wohnhaus,
1999), wie auch Dang Nhat Minh die Geschichte einer Kolonialvilla in
Mua oi (Die Zeit der Guaven, 2000) erzählt. Beide Filme
kritisieren überraschend offen die habgierige Siegermentatilät
der kommunistischen Machthaber.
In Tro lai ngu thuy (Wiedersehen in Ngu Thuy, 1999) kehrt einer
der bekanntesten Dokumentarfilmer Vietnams, Le Manh Thich, zurück
in das Dorf jener Frauen, deren heldenhafte Kriegsleistungen er bereits
1971 filmte - und dafür auf dem Dokumentarfilmfestival in Leipzig
preisgekrönt wurde. Dreißig Jahre später sind aus den
begeisterten Soldatinnen alte Frauen geworden, deren Lebensrückblicke
beim Anblick der historischen Aufnahmen zu einem bewegenden Plädoyer
für den Frieden werden. Luu Trong Ninhs Nga ba dong loc
(Kreuzung Dong Loc, 1997) zeigen wir als Dokument des vietnamesischen
Kinos, das auf Tatsachen beruhend einem anderen, berühmten Frauenbatallion
ein fast skurriles Denkmal setzt.
Auch in der Reihe "Neue Deutsche Filme"
geht es mit Eislimonade für Hong Li von Dietmar Ratsch um
Vietnam: Ratsch begleitet den ostdeutschen Fotografen Thomas Billhardt
zu den Orten, wo er zu Kriegszeiten unter anderem die Bombardierung
Hanois miterlebte. Bei seiner Recherche trifft Billhardt unter anderem
seinen Freund Nguyen Van Nhiem wieder, der wie Son später in Babelsberg
Film studierte. Son und Nhiem werden wie die Regisseure der anderen
vietnamesischen Filme während der Berlinale als Gäste des
Forums über das gegenwärtige Kinoschaffen in Vietnam ausführlich
berichten.
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| Eislimonade für Hong Li
von Dietmar Ratsch |
Israel ist ein Filmland, aus dem interessante
neue Impulse kommen im Spielfilm ebenso wie im Dokumentarfilm
wird über die Situation des Landes und seiner Menschen reflektiert.
Reshimat Ahavat (Liebes-Inventur) von David Fisher ist ein investigatives
Familienporträt: 5 Geschwister sind nach dem Tod des Vaters auf
der Suche nach älteren Zwillingsgeschwistern. Der Film bildet Beziehungen,
Gefühle, Erinnerungen ab. Stärker politisch ist The Inner
Tour von Raanan Alexandrowicz angelegt: ein Dutzend Palästinenser
aus den Autonomiegebieten, Menschen ganz verschiedener Generationen,
befinden sich auf einer Busreise durch Israel, um dort arabische Erinnerungsstätten
oder ihre frühere Heimat zu besuchen. Bewegende Schicksale und
Erfahrungen, die diese Menschen gemacht haben, werden im Verlauf dieses
Films deutlich, der sich durch eine fast paradoxe Sanftheit des Erzählens
auszeichnet und der gerade dadurch zu einem bemerkenswerten Beitrag
zur aktuellen politischen Diskussion wird.Ergreifend ist auch Hamirpeset
(Auf dem Balkon) von Ruth Walk, ein Film über den Schauspieler
Israel Becker, Co-Regisseur und Protagonist eines der ersten deutschen
Nachkrieegsfilme, Lang ist der Weg.
Osteuropa ist im Forums-Programm mit Filmen
aus Rußland, Polen, Ungarn und Bulgarien vertreten. Aus Rußland
kommen zwei sehr unterschiedliche Filme: Andrej Nekrassow liefert mit
Ljubow i drugije koshmari (Ljubow und andere Alpträume)
eine Phantasie über Traum und Realität, vorgetragen in einer
kraftvollen Filmsprache und eingebettet in eine expressive Kulisse des
St. Petersburgs von heute. Tekst ili apologija komentarija (Text
oder Apologie eines Kommentars) von Jekaterina Charlomova dagegen ist
eine bizarre Satire, die sich gogolscher Stilmittel bedient, der Film
erzählt zwei Kurzgeschichten und mündet in ein surrealistisches
Finale. Njet smerti dlja menja... (Für mich gibt es keinen
Tod) von Renata Litwinowa läßt russische Filmschauspielerinen
(unter anderem Tatjana Samoilowa, unvergessen aus Wenn die Kraniche
ziehen) über ihre Arbeit berichten, durch eine brillante Montagetechnik
entwickelt sich dieser Film zu einer Meditation über Kunst, Politikund
Zeitverhältnisse. Der weißrussische Regisseur Juri Chaschtschewatski,
ebenfalls ein genialer Satiriker und häufiger Gast des Forums,
erzählt in Bogowie sierpa i mlota (Götter von Hammer
und Sichel), einer Produktion des Polnischen Fernsehens, anhand von
Filmausschnitten in seinem unnachahmlichen Stil eine Geschichte des
Kommunismus als einer Ersatzreligion; er spart nicht mit Seitenhieben
auf den Prässidenten Lukaschenko.
Rußland bzw. die frühe
Sowjetunion ist auch der Schauplatz eines kanadischen Films, Eisenstein
von Renny Bartlett, der das Drama des großen Filmregisseurs als
eine Fiktion mit Schauspielern inszeniert und dabei den Konflikt zwischen
Kunst und Macht in den Mittelpunkt stellt.
Aus Ungarn kommt der neue Film von Bela Tarr, Werckmeister Harmóniák
(Die Werckmeisterschen Harmonien), er entfaltet in diesem visionären
Film unnachahmlicher Handschrift eine düstere Vision der Menschheit
und ihrer Verführbarkeit als fortdauernder Kampf zwischen Utopie,
Schöpfertum und Obskurantismus.
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| Werckmeister Harmóniák
von Bela Tarr |
Ferenc Moldovanyi befragt in Deza-Fëmijët (Kinder,
Kosovo 2000) serbische und albanische Kinder nach ihren Erlebnissen
im Kosovo-Krieg - dieser Film ist nachdenklich, fast kontemplativ, gestaltet
in der Art einer Meditation oder Beschwörung.
Bulgarien wartet mit einem originellen, stilistisch ausgefeilten Zeitgemälde
auf: In Pansion za kucheta (Die Hundepension) von Stephan Komandarev
terrorisiert eine pensionierte Opernsängerin ihre Umwelt, in Dialogen
wird eine Phantasiewelt evoziert, und alle warten auf die Sonnenfinsternis.
Ein anderes Bild von Bulgarien entwirft der amerikanische Beitrag The
Optimists von Jacky Comforty: er untersucht, wie 1943 die Deportation
der bulgarischen Juden durch den Widerstand mutiger Bulgaren verhindert
wurde.
Auch diesmal ist das Forum wieder in Finnland
fündig geworden und präsentiert zwei Filme aus dieser Region.
Maa (Das Land) von Veikko Aaltonen ist ein Exposé über
die Umwandlung der finnischen Landwirtschaft nach dem EU-Beitritt und
über das Leben auf dem Land, ein Film jahrelanger Beobachtung,
eindringlich und ohne Schnörkel, der die Dimension einer Saga gewinnt
und nebenbei von hoher Aktualität ist. Klassiko (Classic),
von Aki Kaurismäkis Firma Sputnik Oy produziert, läuft im
Mitternachtsprogramm und erzählt in parodistischem Stil die Geschichte
eines ruhmbessessenen Schriftstellers und seines Doppelgängers,
eines Autonarren.
Einen Drahtseilakt zwischen Groteske, Melodram und sozialer Fabel vollzieht
der schwedische Film Det Nya Landet
(Das neue Land) von Geir Hansteen Jörgensen, in dem ein Perser
und ein junger Somali auf der Flucht vor der Ausländerpolizei ihr
Gastland von seinen häßlichsten Seiten kennen- und allen
Widrigkeiten zum Trotz schließlich lieben lernen.
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| Det Nya Landet
von Geir Hansteen Jörgensen |
Ein weiterer Kommentar zu den fremdenfeindlichen Tendenzen in Europa
ist Ruth Beckermanns Homemad(e), das Porträt einer Wiener
Gasse und ihrer Bewohner, ein Plädoyer für kulturelle Vielfalt
angesichts einer xenophoben Regierungspolitik.
Stark vertreten im Forums-Programm ist, mit Spiel-, Dokumentar- und
essayistischen Filmen (wobei die Grenzen fließend sind),
das deutsche Kino. Unter dem Titel Photographie und jenseits
gibt es drei neue Arbeiten von Heinz Emigholz zu sehen: Filme über
die "Kathedralen des Kapitalismus", Bankgebäude, die
der amerikanischen Architekt Louis H. Sullivan zu Beginn des 20. Jahrhunderts
im Mittleren Westen errichtete; die ingenieurstechnisch wegweisenden
Stahlbetonbrücken und -gewölbe des Schweizers Robert Maillart;
dazwischen eine weitere Serie von Emigholz' reichhaltigen Notiz- und
Skizzenbüchern, eine Herausforderung für das konzentrierte
Auge.
Interdisziplinär arbeitet auch Jürgen Böttcher, der sich
in Konzert im Freien mit Entstehung und Gegenwart des Marx-Engels-Denkmals
im Zentrum Berlins beschäftigt. In der Form eines Jazzkonzertes
vor den stoischen Skulpturen wird daraus so etwas wie ein melancholisch-zorniger
Abgesang auf den deutschen Sozialismus.
Als Sonderaufführung zeigen wir das sechsstündige Mammut-Werk
Die Legende vom Potsdamer Platz von Manfred Wilhelms. Über
Jahre hat der Regisseur die Umwälzung der Berliner Mitte beobachtet;
seine einzigartigen Bildsequenzen werden durch historisches Material
und Interviews mit Zeitzeugen ergänzt, die sich an den Potsdamer
Platz der Vorkriegszeit erinnern.
Den Dokumentaristen Volker Koepp hat es an die Kurische Nehrung
gezogen, das ehemals ostpreußische Gebiet an der Ostsee, das heute
zwischen Litauen und Rußland geteilt ist. Koepps Filme ergründen
fotografisch das Verhältnis von Menschen und Landschaft, eine Beziehung,
die hier von Krieg, Vertreibung und Teilung noch erschwert wurde.
Ein Regiedebüt stellt Karin Jurschicks Danach hätte es
schön sein müssen dar. Mit der Videokamera untersucht
die Filmemacherin das Verhältnis zu ihrem unbeugsamen Vater, entwickelt
eine bestürzende Familiengeschichte, deren Tiefpunkt der Selbstmord
der Mutter ist; eine auch visuell vielschichtige Analyse, die aus der
Intimität zu Distanz und Erkenntnis führt.
Erstmals im Hauptprogramm des Forums vertreten ist nach zwei Spielfilmen
in der Reihe "Neue deutsche Filme" Angela Schanelec. Mein
langsames Leben behält die Methode der abwartenden Beobachtung
bei; die Konstellation der Personen ist komplexer geworden. Im Zentrum
steht eine junge Frau, die mit Alter und Tod des Vaters konfrontiert
wird und den eigenen Platz im Leben noch nicht gefunden hat. Die alltäglichen
Ereignisse hat die Regisseurin mit minimalistischer Genauigkeit und
einem präzisen Blick auf die Einzelheiten menschlicher Beziehungen
wiedergegeben und kann dabei auf ein herausragendes Ensemble von Schauspielern
bauen.
Ein Geistesverwandter ist Thomas Arslan, dessen vierter Spielfilm Der
schöne Tag 24 Stunden eines Berliner Sommertages beschreibt.
Die junge Deutsch-Türkin Deniz trennt sich von ihrem Freund, streift
durch die Stadt, fühlt sich von einem jungen Mann angezogen, sieht
sich am Ende mit einer Enttäuschung konfrontiert. So minimal die
Handlung, so viel Raum öffnet der Film dem Auge des Betrachters,
das sich an Details festhält, die es oft gesehen, aber nie wahrgenommen
hat. Die Schönheit dieses Films liegt in seiner Reduktion.
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| Der schöne Tag
von Thomas Arslan |
Gut vertreten ist im diesjährigen Forum wieder das Filmland
Italien. Commesso viaggiatore (Der Handlungsreisende)
von Francesco Dal Bosco ist eine experimentell gestaltete, metaphysische
Reise in die von Wahnvorstellungen infiltrierte Welt eines Parfumvertreters,
beeindruckend fotografiert in düsterem Schwarzweiß. In krassem
Gegensatz dazu steht die grelle Satire Tutta la conoscenza del mondo
(Alles Wissen der Welt) von Eros Puglielli, der sich auf vergnügliche,
bisweilen phantastische Weise mit esoterischen Neigungen auseinandersetzt.
Nicht nur von filmhistorischem Interesse ist das Videoprogramm Pasolini
oggi mit Episoden von Gianluigi Toccafondo, von Daniele Cipri und
Franco Maresco, und von Davide Ferrario, die das Werk des großen
Regisseurs in einen aktuellen Kontext rücken.
Die Grenzen des dokumentarischen Films überschreitet der griechische
Forumsbeitrag To spiti tou Cain (Im Hause Kains), eine philosophische
Auseinandersetzung mit dem Thema Mord. Das Regiedebüt von Christos
Karakepelis gibt in außerordentlicher visueller Verdichtung Menschen
ein Gesicht, die durch ihre Tat die menschliche Gemeinschaft verlassen
haben.
Die Frage nach den Grundregeln menschlichen Zusammenlebens wirft auch
der Schweizer Film Do It von Sabine
Gisiger und Marcel Zwingli auf, der die Lebensgeschichte des Ex-Terroristen
und heutigen Hellsehers Daniele von Arb in Interviews und Zeitdokumenten
erzählt: Welche Mittel rechtfertigt der gesellschaftliche Umbruch,
und wie befreit sich ein Mensch aus persönlicher Schuld? Im Zuge
der eigenen Vergangenheitsbewältigung der 68er erscheinen immer
wieder Bilder, die einst zur Rebellion anzustiften vermochten und inzwischen
zu Ikonen erstarrt sind: das vietnamesische Mädchen auf der Flucht
vor amerikanischen Napalm-Bomben, der Polizeichef von Saigon, der einen
Vietcong exekutiert.
The American Nightmare von Adam Simon illustriert, wie diese Kamerabilder
eine ganz andere Schule der Subversion anspornten: den amerikanischen
Horrorfilm der Siebziger, Ausdruck der tiefgreifenden politischen Verstörung
einer vom Vietnamkrieg geprägten Generation und für Filmemacher
wie George Romero, John Carpenter oder David Cronenberg das ideale Medium,
soziale, politische und sexuelle Konzepte wider herrschende Tabus zu
artikulieren.
Von einer individuellen Rebellion erzählt der amerikanische
Dokumentarfilm Pie in the Sky: The Brigid Berlin Story von Shelly
Dunn Fremont und Vincent Fremont. "Eine schlanke und respektable
Angehörige der Schickeria" wollten die ultrakonservativen
Eltern aus ihr machen, stattdessen wurde Brigid Berlin "übergewichtig
und eine Unruhestifterin" und fand in Andy Warhols "Factory"
ihr Betätigungsfeld als Künstlerin. Der Film glänzt mit
unveröffentlichtem Archivmaterial, überzeugt jedoch in erster
Linie als intimes Porträt einer zerrissenen Existenz.
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| Pie in the Sky: The Brigid Berlin Story
von Shelly Dunn Fremont und Vincent Fremont |
Zur Ikonografie der Nachkriegs-Protestbewegungen in der westlichen
Welt gehört auch der amerikanische Bomber B-52, dessen Geschichte,
gespenstische Ästhetik und todbringende Wirklichkeit der essayistische
Film des in Amerika lebenden Hartmut Bitomsky zeichnet. Bei dieser Fülle
von Bezügen zum diesjährigen Vietnam-Programm sei daran erinnert,
daß der Skandal um Michael Verhoevens Anti-Vietnamkriegs-Film
"OK" 1970 eine der Initialzündungen zur Entstehung des
Forums lieferte.
Der unentbehrliche "überlange"
Film des diesjährigen Forums ist As I Was Moving Ahead
Occasionally I Saw Brief Glimpses Of Beauty von Jonas Mekas. In
amüsiert-herzlichem Ton resümiert der große Avantgardist
des subjektiven Kinos darin angesichts einer Fülle von filmischem
Material drei Jahrzehnte seines Lebens. Über 288 Minuten macht
Mekas das Private zum Politischen ("Politik ist, wenn man einen
bestimmten Standpunkt über das Leben auf bestimmte Weise vertritt,
um zu zeigen, daß es eine andere Art zu leben gibt") und
zieht den Zuschauer in seinen Kosmos von filmischen Farben und Rhythmen.
I Am Josh Polonski's Brother ist der zweite Spielfilm des in
New York lebenden Franzosen Raphael Nadjari, der die Geschichte eines
unbedarften Textilhändlers erzählt, der nach der plötzlichen
Ermordung seines Bruder in die großstädtische Halbwelt gerät.
Doch weniger die Handlung als die Erzählweise dieses auf Super8-Material
gedrehten Films ist bemerkenswert: die freie Interaktion der Darsteller
erinnert bisweilen an die Filme von John Cassavetes.
Alan Berliners Nobody's Business zählte 1997 zu den Höhepunkten
des Forums. In The Sweetest Sound widmet sich der Filmemacher
abermals seiner persönlichen Genealogie. Der Wohlklang seines Namens
und die Schmach, ihn mit anderen teilen zu müssen, waren der Anlaß
für ein denkwürdiges Bankett, zu dem der Regisseur 13 Menschen
mit dem Namen Alan Berliner zusammenbrachte. The Sweetest Sound
ist abermals ein von absurden Ideen, verblüffenden Erkenntnissen
und amüsanten Montagen überströmender Filmessay.
Last but not least ist als US-amerikanischer Beitrag zum diesjährigen
Forum der Dokumentarfilm Trembling Before G-d von Sandi Simcha
DuBowski zu nennen, der ein ehernes Tabu anrührt: die Homosexualität
im orthodoxen Judentum. Der Film zeichnet ein komplexes Bild dieses
Verbots, beschreibt die verzweifelten Versuche einzelner, ihre Sexualität
mit ihrem Glauben in Einklang zu bringen, während sie ihren Konflikt
zugleich verbergen müssen.
Lateinamerika ist im Forum mit zwei Beiträgen vertreten:
Tocá para mí (Spiel für mich), das Regiedebüt
des Argentiniers Rodrigo Fürth ist eine ins Phantastische spielende,
liebevoll ausgestaltete Hommage an die argentinische Pampa: Den Drummer
einer Punk-Band aus Buenos Aires verschlägt es in die tiefe Provinz,
wo er in einem Nest namens Los Angeles strandet. Der mexikanische Film
Crónica de un desayuno (Chronik eines Frühstücks)
von Benjamín Cann wiederum schlägt schrille Töne an,
wenn er die Konflikte einer bürgerlichen Familie theatralisch auf
die Spitze treibt.
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| Crónica de un desayuno
von Benjamín Cann |
Nur schwer behauptet sich der afrikanische
Kontinent in der Weltkinematografie. Um so glücklicher schätzen
wir uns, einen Spielfilm aus Guinea im Programm zu haben: I.T. -
Immatriculation Temporaire (Befristeter Aufenthalt) behandelt das
schwierige Verhältnis der Einheimischen zu den nach Europa Ausgewanderten.
"Der Weiße" nennen die Protagonisten des Films den jungen
Afro-Franzosen, der einen unfreiwillig verlängerten Aufenthalt
in der Trabantenstadt Fria absolviert, nachdem ihm seine Papiere abhanden
gekommen sind. Ein dokumentarischer Blick und eine Erzählweise
mit Gespür für Details zeichen das Spielfilmdebüt von
Gaité Fofana aus.
Ähnliche Qualitäten brachte im vergangenen Forum der Spielfilm
Fragments de vies von François L. Woukoache mit. In diesem
Jahr ist in Brüssel lebende Regisseur im Videoprogramm mit seinem
politischen Essay Nous ne sommes plus morts vertreten, der das
Wagnis unternimmt, zugleich die Spuren des Genozids in Ruanda festzuhalten
und das Leben danach zu zeichnen, die Zukunft eines afrikanischen Staates.
Ulrich Gregor, Dorothee Wenner, Christoph Terhechte
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