mai 2020, kino arsenal

Latitude – Camera Memory for Human Forgetfulness

Ein Filmprogramm des Goethe-Instituts

29. Mai bis 12. Juni 2020 im arsenal 3

 

Unser Streamingbereich arsenal 3, der während der Schließzeit der beiden Kinosäle in einem wechselnden Programm Werke aus der Sammlung des Arsenals zeigt, öffnet seine Plattform in den nächsten 14 Tagen für das interdisziplinäre digitale Festival Latitude des Goethe-Instituts, das Debatten und künstlerische Beiträge zum Fortwirken kolonialer Strukturen in der Gegenwart präsentiert.

 

Das Filmprogramm reagiert auf den dekolonialistischen Ruf von Latitude mit einer affektiven Antwort aus dem Bauch heraus, bei der Erinnerungserfahrungen im Fokus stehen. Die antiphonischen, visuellen und klanglichen Melodien dieser Filme stimmen nicht mit den eindeutigen Kategorien von Rassismus, Wirtschaft und Wiedergutmachung überein, und zeigen auf, wie diese Themen sich verschränken und an den Nähten unserer Sehnsucht ziehen, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Jeder Film rezitiert einen Refrain des Kreislaufes und der Wiedergutmachung. Sie alle handeln von der Mobilität, von grenzüberschreitender Erfahrung und Bewegung und – in der einen oder anderen kreativen Weise – von der Notwendigkeit, eine nicht nur institutionelle oder wirtschaftliche, sondern auch emotionale Reform durchzuführen.

 

Der Programmtitel, Camera Memory for Human Forgetfulness (Kamera-Gedächtnis für menschliche Vergesslichkeit) entstammt dem Film FORGETTING VIETNAM von Trinh T. Minh-ha. Ihre meditative Ergründung der Wiedergutmachung durch das poetische Schildern der Geschichte bindet die Filme dieser Serie, eine Sammlung subversiver Werke der Künstler*innen Lemohang Jeremiah Mosese, Ng’endo Mukii, Christa Joo Hyun D'Angelo, Wendelien van Oldenborgh, Jessica Lauren Elizabeth Taylor und Thirza Cuthand. Jedes Werk zeigt ein Interesse an einer affektiven Darstellung der ungleichen Machtstrukturen and an der Mühe, diese Machtstrukturen umzudenken.

mai 2020, kino arsenal

arsenal 4 im silent green

Nun dauert es hoffentlich nicht mehr lange, aber noch können die beiden Kinosäle am Potsdamer Platz, die am 13. März geschlossen wurden, um die Ausbreitung des Covid-19-Virus zu verhindern, nicht wieder geöffnet werden.

Als Reaktion auf die Schließung wurde am 20. März der virtuelle Kinosaal arsenal 3 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dort sind in wechselnden Programmen überwiegend Werke aus der Sammlung des Arsenal zu sehen, die im silent green Kulturquartier ihr Zuhause hat.

In der dort ansässigen Betonhalle musste am 13. März auch die Forum-Expanded-Ausstellung „Part of the Problem“ vorzeitig beendet werden. Die schrittweise Wiedereröffnung des Restaurants MARS im silent green nehmen wir nun zum Anlass, das Medium Film erstmals wieder außerhalb der eigenen vier Wände physisch erfahrbar werden zu lassen.

Ab 30. Mai sind in der Betonhalle des silent green jeweils donnerstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr wechselnde installative Arbeiten aus mehreren Forum-Expanded-Jahrgängen zu sehen. Die Auswahl der Werke wurde inspiriert durch 2026, einen Film der Künstlerin Maha Maamoun aus dem Jahre 2010. Der Film wird vier Monate lang in der Betonhalle zu sehen sein, zunächst als Projektion, dann auf einem Monitor.

mai 2020, kino arsenal

arsenal 3 – week 9 & 10

We MUST have music!

 

„Earlier, when I was watching musical films on TV, and then recording them, I would try to re-enact the scenes by myself. And that’s why I know some of those songs by heart.“ (Vaginal Davis)

 

Eine der Teilnehmerinnen des Arsenal-Projekts „Living Archive – Archivarbeit als künstlerische und kuratorische Praxis der Gegenwart“ (2011-2013) war die Queer Performance-Künstlerin Vaginal Davis, die 2006 aus L.A. nach Berlin kam. Als Filmliebhaberin tauchte sie schnell ins Archiv des Arsenal ein und begann 2007 ihre Funde regelmäßig dem Publikum zu präsentieren. Während dieser Zeit trug die Reihe den Namen „Rising Stars, Falling Stars – We Must Have Music!“. Den Trailer zu dieser Reihe haben wir wieder ausgegraben und ins Programm genommen, gemeinsam mit einem weiteren Kurzfilm, den sie 2001 drehte, im Gründungsjahr des CHEAP Collective (mit Daniel Hendrickson, Susanne Sachsse, Marc Siegel und und etwas später Tim Blue, dessen Film SURFACE NOISE ebenfalls Teil des Programms ist).

Eine andere Living-Archive-Teilnehmerin, die Arsenal-Hauspianistin Eunice Martins, trat mit PIECES FOR THE ARCHIVE in einen musikalischen Dialog mit dem Archiv. Dabei entstandene Videoaufnahmen geben Einblick in einen Raum, den wir gerade sehr vermissen: den Kinosaal Arsenal 1.

Im Rahmen unserer jitsi-Filmgespräche (28. und 29.5.) werden wir mit ihr über ihre filmbegleitende Musik sprechen. Zum Abschluss dieser Gespräche spielen wir eine Playlist, exklusiv für diesen Anlass zusammengestellt von Vaginal Davis.

Bis dahin verbringen wir unsere Zeit mit Musik von Margarita Fernández, Blixa Bargeld, Ricky Shayne, dem Schlippenbach-Trio, Kreidler, The Invisible Hands, Genesis P. Orridge, Leila Albayaty, bengalischen Bauls, Puccini, Lena Horne, mit musikalischen Traditionen Palästinas und der Emirate, brasilianischen Soundscapes, einem melancholischen Volkslied aus Kuwait, Versuchen im heimischen Proberaum und mit dem Sound des analogen Filmmaterials.

april 2020, kino arsenal

arsenal 3 – week 7 & 8

Viele haben in den letzten Wochen ihren Arbeitsplatz verloren, andere sind davon bedroht oder in Kurzarbeit und für die allermeisten hat sich die Arbeit und damit ihr Leben durch die Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Corona-Virus fundamental verändert. Für uns ein Anlass, das Programm für die Wochen 7 & 8, das am 1. Mai beginnt, der Arbeit zu widmen.


Arbeit und Arbeitskampf sind Themen, die schon seit vielen Jahrzehnten die Programme von Forum, Forum Expanded und Arsenal durchziehen. Entsprechend groß ist die Zahl passender Filme in unserer Sammlung. Gleichzeitig zeigt sich jedoch auch, wie viele Filme der Filmgeschichte nur analog vorliegen und deshalb für arsenal 3, unser Online-Kino, nicht in Frage kommen.


Dennoch konnten wir zwei Klassiker zum Thema mit aufnehmen: LA REPRISE DU TRAVAIL AUX USINES WONDER (Die Wiederaufnahme der Arbeit in der Fabrik Wonder, États Généraux du Cinéma, 1968) und FÜR FRAUEN - 1. KAPITEL (1972) von Cristina Perincioli sowie die erst kürzlich digitalisierten Filme des ersten feministischen Filmkollektivs in Indien (Yugantar) aus den 1980er Jahren und AMY! von Laura Mulvey (1980) über eine Fliegerin. Die insgesamt 21 Programme strecken sich über die 1960er, 1970er und 1980er Jahre, und dann wieder über die nuller und zehner Jahre (die 1990er Jahre sind in der Sammlung weniger vertreten, ein für die Geschichte des Arsenal sehr bedeutender Film war in dieser Zeit zum Beispiel eine französische Koproduktion aus dem Niger, "Contes et comptes de la cour" von Éliane de Latour, der jedoch nur in einer 35-mm-Kopie vorliegt). Sie führen uns in die allerjüngste Geschichte (EIN PROLETARISCHES WINTERMÄRCHEN von Julian Radlmaier, EINE FLEXIBLE FRAU von Tatjana Turanskyj oder OUT ON THE STREET von Jasmina Metwaly und Philip Rizk) und imaginieren eine Zukunft, die vor dem Hintergrund der Corona-Erfahrung neue Relevanz erhält (THE MACHINISTS’ LAMENT von Jen Liu und LABOUR POWER PLANT von Robert Schlicht und Romana Schmalisch).


Diese und alle nachfolgend aufgeführten Filme können wir nur im arsenal 3 zeigen, weil uns Filmemacher*innen, Künstler*innen und Produzent*innen die Produkte ihrer Arbeit dafür zur Verfügung stellen. Das Arsenal hat durch die Schließung von arsenal 1 + 2, aber auch aller anderen Kinos, die sonst Filme von uns ausleihen, mit erheblichen Einnahmeverlusten zu kämpfen. Dennoch möchten wir den Filmemacher*innen und Künstler*innen, die die derzeitige Krise besonders hart trifft, Lizenzen bezahlen und gleichzeitig das kostenlose Angebot für alle Zuschauer*innen aufrecht erhalten. Deshalb bitten wir alle, denen es möglich ist, weiterhin um Spenden. Die Arbeit der Institution können Sie außerdem durch Fördermitgliedschaften unterstützen. Denn wie schon erwähnt, Kino ist vor allem eins: ein kollaboratives Projekt.

april 2020, startseite

Im Andenken an Sarah Maldoror – MONANGAMBEEE im arsenal 3 und ein Nachruf von Filipa César

Das öffentlich zugängliche Programm des arsenal 3 kam zu Stande, weil wir unsere Kinosäle arsenal 1 und 2 im Zuge der Verbreitung des Corona-Virus vorübergehend schließen mussten. Am 13. April erhielten wir dann die traurige Nachricht, dass Sarah Maldoror, die für viele von uns eine außergewöhnlich wichtige Filmemacherin war, im Alter von 91 Jahren gestorben war, nachdem sie sich mit dem Virus infiziert hatte.


Monangambeee lautete ein Ausruf, mit dem Aktivist*innen des antikolonialen Befreiungskampfs in Angola Dorfversammlungen einberiefen. Sarah Maldorors gleichnamiges Kurzfilmdebut wurde 1971 im ersten Berlinale Forum gezeigt. Die Filmkopie blieb in unserem Archiv und wurde in der Folge häufig verliehen. Viele Jahre später, als sich herausstellte, dass unser Exemplar des Films die einzige noch verfügbare Kopie geworden war, begannen wir unsere Archivarbeit wirklich als kollaborative Praxis zu verstehen.
Zwischen 2011 und 2013 nahm Filipa César mit „Luta ca caba inda“ an unserem Projekt „Living Archive – Archivarbeit als zeitgenössische künstlerische und kuratorische Praxis“ teil. Ihr Projekt befasste sich mit einer kurzen Phase militanten Kinos in Guinea-Bissau und deren Spuren im Archiv des dortigen nationalen Filminstituts (INCA – Instituto Nacional de Cinema e Audiovisual). Gemeinsam mit ihr und in enger Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Sana na N‘Hada, der als Regieassistent für Sarah Maldoror tätig gewesen war, begannen wir unser erstes großes Digitalisierungsprojekt. Unsere Gespräche während dieser Zeit hatten immensen Einfluss auf das Verständnis unseres eigenen Archivs als Ort für politischen Aktivismus.


MONANGAMBEEE wurde für die von Tobias Hering und Catarina Simão heraus gegebene DVD „Specters of Freedom – Cinema and Decolonization“ digitalisiert. 2017 wurde der Film in der Sektion Berlinale Shorts wiederaufgeführt und ein weiteres Mal diesen Februar im Rahmen des Jubliäumsprogramms zum 50-jährigen Bestehen des Berlinale Forums.


Wir haben die Filmemacherin Filipa César eingeladen, einen Nachruf auf Sarah Maldoror zu schreiben, den Sie weiter unten lesen können. Unsere Gedanken sind bei Sarahs Tochter Annouchka de Andrade, die dankenswerterweise zugestimmt hat, MONANGAMBEEE in das Programm von arsenal 3 aufzunehmen (stss).

april 2020, kino arsenal

arsenal 3 – week 5 & 6

Absent Present: Die erste Phase der Schließzeit geht am 19.4. zu Ende. Eine Wiedereröffnung von arsenal 1 und arsenal 2 ist noch nicht absehbar. arsenal 3 hat nun schon vier Wochen Programm hinter sich. An dieser Stelle ein großer Dank ans Publikum, das derzeit weit über die Welt verstreut ist, an alle Filmemacher*innen, die arsenal 3 entscheidend mittragen, und an alle, die schon gespendet haben! Wir begrüßen die neuen Mitglieder des Arsenal sowie des Arsenal Freundeskreis!

Die Filme, die wir im arsenal 3 zeigen, stammen größtenteils aus unseren eigenen Verleihbeständen. Aus einem Pool an Filmen heraus zu kuratieren, der vor einem liegt, ist eine spannende neue Herausforderung. Denn statt Filme für ein Programm oder eine Ausstellung zusammenzutragen, setzen wir die, die schon da sind, in ein Verhältnis zueinander. Das ermöglicht einen neuen Blick auf unsere Sammlung, übrigens auch hinsichtlich der Frage, was digital vorliegt und was nicht, und wie eingeschränkt digitale Programme ohne Zugriff auf analoge Filme sind.

Aber dennoch ungeheuer reichhaltig: Vielleicht sind es gar nicht wir, die kuratieren. Vielleicht sind es die Filme selbst, die sich mal so und mal anders gruppieren (jetzt eben ohne die analogen) und dabei Neues hervor bringen. Und dann sind es wieder wir, die Narrative bilden. Wie immer aus der Gegenwart heraus, die unseren Blick auf das Kino derzeit allerdings auf besondere Weise vereinnahmt.

Umso wichtiger, dass wir gerade jetzt nicht nur unsere eigene unmittelbare Erfahrungswelt in Szene setzen, sondern versuchen, umzusetzen, was wir von einem widerständigen Kino gelernt haben: sichtbar zu machen, was wir sonst nicht sehen.

Wie immer, wenn wir den Kinoraum verlassen, tun wir das übrigens auch, um ihn neu zu begreifen. Das gilt für den Ausstellungsraum wie für das Internet. Von außen betrachtet gibt es immer wieder gute Gründe, in den Kinosaal zurück zu kehren, aber eben auch einen nachhaltig erweiterten Blick auf das Kino und auf die Gesellschaft.

arsenal 3 ist ein Experiment. Es geht zum Beispiel der Frage nach, ob eine zeitliche Begrenzung einen Kinoraum schaffen kann. Mit einem Anfang und einem Ende, an dem Gespräche mit den Filmemacher*innen stehen. Den Rhythmus müssen wir noch justieren: Deshalb machen wir von jetzt an aus dem wöchentlichen ein zweiwöchiges Programm. Denn nicht nur das Kino, auch unser Konzept von Zeit lernen wir gerade neu.

Begegnungen sind derzeit nur sehr eingeschränkt möglich. In Woche 5 & 6 stellen wir ein paar Persönlichkeiten vor, bekannte wie unbekannte, auf die wir bei der Recherche gestoßen sind.

Es geht um Porträts und um die Schwierigkeiten, die mit dem Porträtieren verbunden sind, insbesondere, wenn das Leben der Porträtierten selbst durch die Auseinandersetzung mit Repräsentations- und Darstellungsfragen geprägt war oder ist. Die Gefilmten stehen also ebenso im Mittelpunkt wie die Filmenden. Wir begegnen der Fotografin Abisag Tüllmann (DIE FRAU MIT DER KAMERA von Claudia von Alemann), dem Filmemacher Harun Farocki (HARUN FAROCKI – ZWEIMAL von Ingo Kratisch und Lothar Schuster), dem Künstler und Musiker Tony Conrad (TONY CONRAD DREAMINIMALIST von Marie Losier), dem Performancekünstler Oskar Dawicki, (THE PERFORMER von Łukasz Ronduda und Maciej Sobieszczański), und dem Architekten Louis Sullivan (SULLIVANS BANKEN von Heinz Emigholz). Wir begegnen den Schauspieler*innen Soad Hosni in THE 3 DISAPPEARANCES OF SOAD HOSNI (von Rania Stephan), Frances Framer in COMMITTED (von Sheila McLaughlin und Lynne Tillman), João Carlos Castanha in CASTANHA (von Davi Pretto), sowie der Telenovela-Darstellerin und politischen Aktivistin Bete Mendes und der Funk-Carioca-Musikerin Deise Tigrona (BETE & DEISE von Wendelien van Oldenborgh). Eine weitere Ebene erfasst Marwa Arsanios in HAVE YOU EVER KILLED A BEAR? OR BECOMING JAMILA, in der es um die Schwierigkeiten einer Schauspielerin geht, die algerische Freiheitskämpferin Jamila Bouhired darzustellen.

ABSENT PRESENT: Aber es geht nicht nur um bekannte Namen. Benji wurde 1979 als kleines Kind aus Namibia in die DDR gebracht und 1990 nach der Wiedervereinigung dorthin zurückgeschickt, wo die Filmemacherin Angelika Levi ihn kennenlernte. Als sie ihn später porträtieren will, ist er verschwunden. SUSPENDED FREEDOM von May El Hossamy folgt einer Haushälterin, die in Kairo von Haus zu Haus geht, Hausarbeiten erledigt und dabei über ihr Privatleben spricht. Und Laura Horelli erzählt in JOKINEN die Geschichte des Finnen August Jokinen, Hausmeister, später Bürgerrechtler und Mitglied der Kommunistischen Partei, als historische Recherche und Detektivgeschichte.

Über seinen Film MEIN BRUDER. WE’LL MEET AGAIN sagt Thomas Heise: „Es geht um meinen Bruder und mich. Das Unausgesprochene zwischen uns. Sonst hätte ich diesen Film nicht gemacht.“

Schließlich, dann doch auch wieder um uns selbst kreisend, zeigen wir drei besondere Versuche der Selbstdarstellung: XÉNOGÉNÈSE von Akihiko Morishita, WITH SOUL, WITH BLOOD von Rabih Mroué und TOSS IT, BABY! von Justin Time.

Frau Dr. Mabuse, Chefin eines Pressekonzerns, porträtiert nicht, sondern erschafft sich gleich einen Menschen: Mit DORIAN GRAY IM SPIEGEL DER BOULEVARDPRESSE bringen wir Ulrike Ottingers Berlin-Trilogie zum Abschluss.

arsenal 3 ist entstanden, weil wir arsenal 1 und 2 vorübergehend zur Eindämmung der Verbreitung des Corona-Virus schließen mussten. Leider hat uns kurz vor Programmschluss die traurige Nachricht erreicht, dass Sarah Maldoror, eine nicht nur für uns in herausragender Weise bedeutende Filmemacherin, im Alter von 91 Jahren an der Virus-Erkrankung verstorben ist. MONANGAMBEEE lautete ein Ausruf, mit dem Aktivist*innen des antikolonialen Befreiungskampfs in Angola Dorfversammlungen einberiefen. Ihr gleichnamiger Kurzfilm gehört zu den wichtigsten Werken unserer Sammlung. Wir sind bemüht, ihn zusätzlich in das Programm aufzunehmen.

april 2020, kino arsenal

arsenal 3 – week 4

Coronazeit ist Wartezeit: auf ein Ende warten, ohne zu wissen, woran man es erkennt. Das Warten zum Selbstzweck machen. Vielleicht kommt es gar nicht darauf an, die Welt zu verändern, auch nicht die Erwartungen an die Welt, sondern das Erwartete.

Statt auf den nächsten Kunden zu warten, eignet sich eine Kartenverkäuferin die Umgebung des Pornokinos an, in dem sie arbeitet (VARIETY von Bette Gordon), und die Verkäuferin eines der ersten Onlineshops der BRD den Bildschirmtext (DIE OPTISCHE INDUSTRIEGESELLSCHAFT ODER DARF’S EIN VIERTEL PFUND MEHR SEIN? von Riki Kalbe). Kalbe drehte auch HEXENSCHUSS: Drei Frauen einer Berliner WG wollen nicht länger warten und bauen einen Störsender, um den Sexismus der Medien offen zu legen.

30 Jahre später wartet eine Mutter mit ihren Kindern vor dem Fernseher darauf, dass die Zeit vergeht (ANOTHER COLOR TV von The Youngrrr), in LILY’S LAPTOP (Judith Hopf) dagegen ist die Tochter allein zu Haus. Vielleicht sind ihre Eltern bei der Arbeit und verbringen den Tag mit Konferenzen, Meetings und Sitzungen: BESPRECHUNG von Stefan Landorf führt in die Welt der Phrasen und Rituale.

Chronophobie klingt wie ein Produkt dieser Welt: Es bezeichnet die Angst vor dem Vergehen der Zeit. Die Heilung besteht darin, diesen Prozess zu verlangsamen oder zu stoppen. DIE ZEIT VERGEHT WIE EIN BRÜLLENDER LÖWE von Philipp Hartmann versucht das Unmögliche.

Während das Virus unsere Gegenwart nicht nur ausbremst, sondern gleichzeitig beschleunigt, uns bedroht, aber auch Denkräume öffnet, bringt das Warten unzählige Menschen in akute Lebensgefahr und das nicht erst seit Corona. LE CUIRASSÉ ABDELKARIM (Battleship Abdelkarim von Walid Mattar) inszeniert eine Gruppe junger Menschen, die darauf warten, ein Visum für Europa zu bekommen. NOW: END OF SEASON (Ayman Nahle) macht uns zu Mithörer*innen eines gescheiterten Telefonats, während wir syrischen Geflüchteten beim Warten in der Türkei zusehen: Präsident Hafiz al-Assad wartet in der Leitung auf Ronald Reagan, der beim Reitausflug ist. LES SAUTEURS (Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou Bakar Sidibé) zeigt das Warten auf den nächsten „Sprung“ von Afrika in die EU, vom Berg Gurugu in die spanische Enklave Melilla an der nordafrikanischen Mittelmeerküste.

Meanwhile: THE MERMAIDS, OR AIDEN IN WONDERLAND (Karrabing Film Collective) erzählt von einer Zukunft, in der es Europäer*innen nicht mehr möglich ist, für längere Zeit im Freien zu überleben. Es scheint, als könnten nur indigene Menschen noch existieren.

PHANTASIESÄTZE (Dane Komljen) befragt die Bäume, nachdem die Städte am Fluss vor langer Zeit von einer Seuche befallen wurden.

Aufgrund der hohen Nachfrage haben wir Tamer El Saids IN DEN LETZTEN TAGEN DER STADT noch einmal ins Programm genommen. Auch hier geht es um’s Warten: Auf eine neue Wohnung, einen neuen Film – auf eine Zukunft.

Und schließlich zeigen wir den lang ersehnten zweiten Teil von Ulrike Ottingers Berlin-Trilogie: FREAK ORLANDO.

april 2020, kino arsenal

arsenal 3 – week 3

In dem wöchentlich wechselnden Streaming-Programm präsentiert arsenal 3 in seiner dritten Woche 15 Kurz- und Langfilme, in denen Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns in den Blick genommen werden.

Das Arsenal möchte das Streaming-Programm mit Filmen aus dem eigenen Verleih, darunter viele, die im Forum oder Forum Expanded gelaufen sind, weiterhin kostenlos für alle Interessierten anbieten und trotzdem den Filmemacher*innen Lizenzen auszahlen. Dabei helfen Spenden und Fördermitgliedschaften.

Gemeinsames Handeln


„… in hunderten von Fotosessions, in denen alles in der Wohnung Vorhandene als Draperie und Requisite diente, loteten wir Möglichkeiten von Gestik, Haltung und Mimik aus.“ (Ulrike Ottinger über ihre Arbeit mit Tabea Blumenschein)


Kino ist kollaboratives Arbeiten. Systemverändernde Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns erforschen Minze Tummescheit und Arne Hector mit ihrem Interviewfilm IN ARBEIT (2012) sowie Sandra Schäfer und Elfe Brandenburger mit dem 2007 in Kabul gedrehten PASSING THE RAINBOW. Um gemeinsame Körpersprache und Sinneswahrnehmung geht es Annika Larssons BLIND (2011) und Agnieszka Brzezanskas BLUE MOVIE (2013). Die Filme THE RIGHT (2015) von Assaf Gruber und DIE AUSSTELLUNG (2005) von Juliane Zelwies verhandeln Beziehungsgeflechte in der Kunstwelt. Das gleiche versuchen die Filme A CRIME AGAINST ART (2007) von Hila Peleg und KILLER.BERLIN.DOC (1999) von Jörg Heitmann und Bettina Ellerkamp, in denen reale Figuren aus der Kunst- und Kulturwelt sich selbst spielen, einmal in einer Gerichtsshow und das andere Mal in einem Kriminalspiel.

Zwei Filme entstammen dem Programm des diesjährigen Forum Expanded: Emily Jacir bittet in LETTER TO A FRIEND (2019) die Forschungsagentur Forensic Architecture um die Einleitung einer Untersuchung noch bevor etwas passiert ist. Caitlin Berrigan folgt in IMAGINARY EXPLOSIONS (2019) einer Gruppe transfeministischer Wissenschaftler*innen, die dem Wunsch der Erde nachkommen wollen, alle Vulkane gleichzeitig ausbrechen zu lassen. Diesen ganz neuen Arbeiten stellen wir zwei historische Filme gegenüber, die das Arsenal digital restauriert hat: In RAMDENIME INTERWIU PIRAD SAKITCHEBSE (Einige Interviews zu persönlichen Fragen, UdSSR/Georgien 1978) erzählt Lana Gogoberidse von der Verzahnung des Privaten mit dem Politischen und in den Kurzfilmen von Ibrahim Shaddad, Mitglied der Sudanese Film Group, wird die Frage des gemeinsamen Handelns zu einer Frage von Leben und Tod.

Schließlich freuen wir uns ganz besonders, in den kommenden drei Wochen die Berlin-Trilogie von Ulrike Ottinger präsentieren zu können. Wir beginnen mit BILDNIS EINER TRINKERIN(1979) und erinnern damit an die kürzlich verstorbene Schauspielerin und Künstlerin Tabea Blumenschein.

märz 2020, kino arsenal

arsenal 3 - week 2

Die erste Woche war ein großer Erfolg! Nicht nur das Filmprogramm wurde intensiv genutzt, wir hatten auch tolle Gespräche mit Filmemacher*innen und Publikum. Wir wissen, unser Webauftritt ist nicht perfekt, aber wir lernen gemeinsam und arbeiten daran. Und wir können es gleichzeitig kaum erwarten, Euch alle irgendwann im arsenal 1 und arsenal 2 wiederzusehen!

Wie alle beschäftigt uns im Hintergrund die Frage, wie es weitergeht, deshalb nochmal die Bitte: Spendet, wenn Ihr könnt, damit wir das Programm weiterhin kostenlos anbieten und trotzdem den Filmemacher*innen Lizenzen auszahlen können, und werdet Mitglieder oder Fördermitglieder im Arsenal.

märz 2020, kino arsenal

Arsenal 3 jetzt geöffnet für alle

Am Freitag, den 13. März haben wir – um der weiteren Verbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken – alle Veranstaltungen im Kino Arsenal 1 + 2 bis einschließlich 19. April ausgesetzt und u.a. unser Jubiläumsprogramm zum 50. Berlinale Forum sowie die Forum Expanded-Ausstellung vorzeitig beendet.

Das Forum Expanded-Thema „Part of the Problem“ hat sich plötzlich – weit mehr als erhofft – selbst erklärt: Als Veranstalter*innen sind wir immer Teil dessen, womit wir uns beschäftigen, nicht zuletzt durch die Art und Weise, wie wir das tun. Es geht uns darum, uns nicht nur zu den Filmen, sondern auch zur Welt zu verhalten. Die Orte, an denen wir das verhandeln, das Kino und die Ausstellung, sind uns jetzt zwar vorübergehend abhanden gekommen, aber die Filmemacher*innen und Künstler*innen, die Filme, das Publikum und auch das Arsenal sind noch da, zumindest die Institution mit ihren Mitarbeiter*innen. Und wir machen weiter und gestalten das Kino als sozialen Raum jetzt kurzfristig um.

Nur: Ohne den Schutz von drei Wänden und einer Leinwand gibt es ein Problem: Alle sehen den Film und das ist nicht allen recht. Deshalb haben wir uns an die Filmemacher*innen und Künstler*innen gewandt, deren Filme wir im Verleih haben. Ihre Reaktion hat uns überwältigt: Ohne zu zögern haben sie uns sofort so viele Filme für die Onlinepräsentation zur Verfügung gestellt, dass wir damit wochenlang Programme gestalten könnten. Und nicht nur das: Jede Zustimmung ging einher mit einer bedingungslosen Solidaritätsbekundung. Wir brauchen die Filmschaffenden, aber sie brauchen auch uns. arsenal 3 ist deshalb noch viel mehr das, was Kino eigentlich immer ist: ein kollaboratives Projekt.

kino arsenal: Magical History Tour – 
Der Kammerspielfilm

19:30 Kino 2


Abschied (So sind die Menschen)

Abschied (So sind die Menschen)
Robert Siodmak D 1930 Mit Brigitte Horney, Aribert Mog
DCP 73 min

kino arsenal: Commedia all’italiana

20:00 Kino 1


Una vita difficile

Una vita difficile Ein schweres Leben Dino Risi Italien 1961
Mit Alberto Sordi, Lea Massari, Franco Fabrizi, Vittorio Gassman, Silvana Mangano
35 mm OmE 118 min
Kopie der CSC Cineteca Nazionale