November 2020, living archive

Archive außer sich: monatliche Programme auf arsenal 3

VIDEO GAME, Hongkong 1986

2017 begann das Projekt Archive außer sich. Gemeinsam mit den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, silent green Film Feld Forschung, dem Harun Farocki Institut, SAVVY Contemporary, der pong GmbH und dem Masterstudiengang „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“ an der Goethe-Universität Frankfurt entstand eine Serie von Forschungs-, Veranstaltungs- und Ausstellungsprojekten zum filmkulturellen Erbe und seinen Archiven. Zahlreiche Partner*innen sind im Laufe des Projekts hinzu gekommen, u.a. in Nigeria, Ägypten, Sudan, Libanon, Guinea-Bissau, Indonesien und Indien. Im Fokus steht die Frage, wie eine filmarchivarische Praxis partizipativ und dekolonial gedacht und für die Gegenwart nutzbar gemacht werden kann. Das Abschlussfestival sollte ursprünglich im September diesen Jahres stattfinden. Aufgrund der Pandemie wurde es verschoben. Voraussichtlich vom 9. bis zum 15. Juni 2021 sollen nun im Arsenal, im silent green, bei SAVVY Contemporary und im Haus der Kulturen der Welt eine Ausstellung sowie zahlreiche Filmvorführungen, Präsentations- und Diskussionsveranstaltungen stattfinden. Archival Assembly #1 bildet den Abschluss einer langen Projektphase und ist gleichzeitig die erste Ausgabe eines Festivals, das künftig im Zweijahres-Rhythmus stattfinden soll. Denn Archivarbeit ist eine lebendige Praxis, die Geschichte, Gegenwart und Zukunft stets in ein neues Verhältnis setzt. In Vorbereitung auf die erste Ausgabe von Archival Assembly präsentieren die Projektpartner*innen von Archive außer sich sowie dem Projekt nahestehende Archive und Initiativen im monatlichen Wechsel Programme auf arsenal 3 arsenal 3. Unter dem Titel “Why an Archive?“ stehen im November drei der einflussreichsten unabhängigen Archive aus Guangzhou, Beijing und Hongkong im Fokus: Videotage, Asia Art Archive und Video Bureau prägen seit vielen Jahren den Kulturraum ihrer Region, indem sie langfristiges lokales Engagement mit der Bildung weitreichender Netzwerke der Wissensproduktion und des Wissensaustausches verbinden. In Zusammenarbeit mit dem Times Art Center Berlin wird eine Auswahl zeitbasierter Werke präsentiert, die ausschnitthaft Einblick in Kunstbewegungen Asiens seit den späten 1980er Jahren gibt, und die den jeweiligen Ausrichtungen der Archive eng verbunden sind. Zusätzlich zeigen wir im November anlässlich Sandra Schäfers Buchpräsentation "Moments of Rupture: Space, Militancy & Film" am 1.12. einige ihrer Arbeiten auf arsenal 3.

Programm 1. bis 30. November 2020

Asia Art Archive
Asia Art Archive wurde 2000 in Hongkong mit der Aufgabe gegründet, die vielseitige(n) jüngere(n) Kunstgeschichte(n) der Region sichtbar zu machen. Mit Ablegern in Shanghai, New Delhi und New York entwickelt Asia Art Archive Werkzeuge und Gemeinschaften zur kollektiven Wissenserweiterung durch recherchebasierte Formate sowie Residenz- und Bildungsprogramme. Die Sammlung umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Dokumentationen, darunter beispielsweise die Archive bedeutender Künstler*innen, Kunsthistoriker*innen und Kurator*innen, Ausstellungen und Kunsträume.

OBJECT-ACT-IVITIES: A MULTI-MEDIA REFLECTION IN THE SUBJECT OF OBJECT von Choi Yan Chi, Leung Ping Kwan, Yau Ching, Hongkong 1989,   chinesisch/engl. OF, 34'
DOCUMENTARY OF JOSEF NG'S PERFORMANCE “BROTHER CANE” von Ray Langenbach, Singapur 1994, engl. OF, 14'
LAST WORDS von Zhang Peili, China 2003, OmeU, 6'

Videotage
Videotage hat sich seit seiner Gründung 1986 in Hongkong von einem Künstlerkollektiv hin zu einem Netzwerk zur Förderung der lokalen Medienkunst-Community entwickelt. Seit 1986 wurden Veranstaltungen und Programme organisiert, wie z.B. Ausstellungen, Festivals und ein Residenzprogramm. Von Anfang an hat Videotage Medienkunstwerke über seine Netzwerke und Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Aus diesen Aktivitäten ist 2008 ein öffentliches Offline- und Online-Videokunst-Archiv (VMAC) hervorgegangen.

DIFFERENCES DO MATTER von Anson Mak, Hongkong 1998, OmU, 3'
SONG OF THE GODDESS von Ellen Pau, Hongkong 1992, OmU, 7'
VIDEO GAME von Danny Ning-tsun Yung, Hongkong 1986, OmU 13'
MUTED SITUATION #2: MUTED LION DANCE von Samson Young, Hongkong 2014, OF ohne Dialog 8'

Video Bureau
Video Bureau (Guangzhou und Beijing) öffnete der Öffentlichkeit erstmals 2012 seine Türen. Aufgabe des von Künstlern gegründeten und betriebenen Projekts ist es, zeitgenössische Videokunst überwiegend, aber nicht nur, aus China zu archivieren, um eine umfassende und durchsuchbare Datenbank für Wissenschaftler*innen, Kuratoren*innen, Künstler*innen, Sammler*innen, Studierende und andere Kunstaffine zu schaffen, und mit Veranstaltungen, Bildungsprogrammen und Publikationen die Werke der Sammlung einer interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren.

BOT von aaajiao, China 2017-18, engl. OF, 16'
FORESUNNERS von Shen Xin, UK 2016, engl. OF, 28'
A BRIGHT SUMMER DIARY von Lei Lei, USA 2020, OmU, 27'

Talks
Gespräche mit Akteur*innen der drei Archive über die ausgewählten Werke, ihre institutionellen Ausrichtungen, ihre Geschichte und ihre Vorstellungen von der zukünftigen Archiv-Arbeit werden parallel zum Programm auf arsenal 3 auf der Projektwebseite www.archive-ausser-sich.de veröffentlicht. Neben einem Gespräch zwischen Linda Lai und Angel Leung von Videotage mit Ariane Beyn (auf Englisch) wird ab Beginn des Monats ein Gespräch zwischen Cheng Tong von Video Bureau und Ariane Beyn zu sehen sein (Chinesisch/Englisch, Übersetzung: Zhu Xiaowen). Eine Live-Diskussion mit John Tain, Chuong-Dai Vo und Anthony Yung vom Asia Art Archive (moderiert von Ariane Beyn, in englischer Sprache) findet am Samstag, den 7.11. um 11 Uhr (Berlin) bzw. 18 Uhr (Hongkong) auf dem YouTube-Kanal des Times Art Center Berlin statt. Die Aufzeichnung wird im Anschluss auf der Website von Archive außer sich zugänglich sein.

Das Programm wurde von Ariane Beyn in Zusammenarbeit mit Videotage, Asia Art Archive und Video Bureau kuratiert in Ergänzung zur Ausstellung Readings From Below im Times Art Center Berlin, die bis zum 12. Dezember zu sehen ist.

 

Sandra Schäfer & Moments of Rupture

Räume, Militanz und Filme lautet der Untertitel von Sandra Schäfers Buch „Moments of Rupture“. Die Begriffe sind ebenso Bezugspunkte ihrer künstlerischen Arbeit, die um die Produktion von städtischen und transregionalen Räumen, Geschichte und Bildpolitiken kreisen. Anlässlich der Präsentation ihres Buchs am 1.12. laufen einige ihrer Arbeiten auf arsenal 3.
CONSTRUCTED FUTURES: HARET HREIK (D/A 2017) Haret Hreik in Beirut beherbergt das Hauptquartier der Hisbollah-Partei. 2006 bombardierte die israelische Armee das Viertel, die Hisbollah baute es rasch wieder auf. Dieses Wiederaufbauprojekt ist Teil eines kriegerischen Konflikts und geopolitischen Gefüges, in dem Architektur an der Herstellung von Raum, Landschaft und Erinnerung beteiligt ist. MLEETA (D 2016) 35 km von Israel und 40 km von Syrien entfernt, bot der Berg Mleeta der Hisbollah während der israelischen Besetzung des Südlibanon einen Rückzugsort. Heute befindet sich auf dem Mleeta das „Museum des Widerstands“, ein propagandistisches Reenactment, das landschaftliche und militärische Szenarien wiederherstellt.
ON THE SET OF 1978FF (D 2011) Die iranische Revolution 1978/79 führte zum Sturz des Schah-Regimes. Schäfers Splitscreen-Video geht den Fragen nach, warum der politische Islam damals eine bedeutende Rolle spielte und weshalb die Gründung der Islamischen Republik von vielen Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugungen mitgetragen wurde. PASSING THE RAINBOW (D 2007) Der Film handelt von performativen Strategien, die rigiden Gendernormen in der afghanischen Gesellschaft zu unterlaufen. Zu Wort kommen eine Lehrerin, die gleichzeitig Schauspielerin ist, eine Polizistin, die nebenberuflich Actionfilme dreht und Malek_a, die als Junge lebt und so den Lebensunterhalt für ihre Familie verdient. THE MAKING OF A DEMONSTRATION (D 2006) Im Zentrum steht die Nachinszenierung einer Demonstration von Frauen gegen das von den Taliban eingeführte Arbeitsverbot. Die Aufnahmen entstanden 2002 während der Dreharbeiten zum Spielfilm Osama in den Straßen Kabuls. 1.000 Frauen waren gekommen, um in der Szene mitzuspielen. Ihre persönlichen Erfahrungen sind mit denen der Dargestellten identisch.