November 2018, kino arsenal

Das lebende Wort – Die Filme von Eugène Green

LE FILS DE JOSEPH, 2016

Die Filme von Eugène Green gehören zu den kühnsten, eigenwilligsten und charmantesten Attraktionen des zeitgenössischen Kinos. Seit seinem Regiedebüt im Alter von 53 Jahren mit TOUTES LES NUITS (2001) hat er seinen persönlichen, unverkennbaren Stil konsequent beibehalten und weiterentwickelt: Geschult an der Filmpoetik Robert Bressons, spielen die Darsteller unpsychologisch und minimalistisch, rezitieren ihre Sätze mit direktem Blick in die Kamera oder in stechender Direktheit ihr Gegenüber fixierend. Den Klang und die Kraft der Sprache ausschöpfend, zelebrieren sie in barockem Genuss jede Silbe, während die Ausdrucksweise als solche der Gegenwartssprache entstammt. Die Bildgestaltung (vom ersten Film an von Raphaël O’Byrne verantwortet) bewegt sich zwischen Fragmentierung und intensiver Körper- und Gesichtspräsenz. Von diesen stilistischen Fixpunkten ausgehend, kam mit LE MONDE VIVANT (2003) ein lakonisch-schelmischer Witz hinzu, der das tragikomische Potential seiner Werke ausmacht. Mit dem zunehmenden Materialismus der Inszenierung ging auch eine Erhöhung des spirituellen Gehalts einher. Den Ursprung seines Kinos und seiner Beziehung zur Sprache bildet ein Verlangen, das die weibliche Haupt-figur Émilie in TOUTES LES NUITS artikuliert: „Ich habe nie nach Glück gesucht, sondern nach Freude.“ Eugène Green, gebürtiger Amerikaner, kam in jungen Jahren nach Europa und ließ sich nach Aufenthalten in der Tschechoslowakei und im München der späten 60er Jahre in Paris nieder. Dort gründete er 1977 das Théâtre de la Sapience, mit dem er barockes Theater neu und gegenwärtig dachte. Ab Ende der 90er Jahre debütierte er auch als Autor von Gedichtbänden, Romanen, Essays und Notizen zu einer „Poetik des Kinematographen“ (2009). In Anwesenheit von Eugène Green an den beiden ersten Abenden zeigen wir sein gesamtes bis heute entstandenes filmisches Werk: acht Langfilme und vier kürzere Arbeiten.

LE FILS DE JOSEPH (Son of Joseph, F/Belgien 2016, 3.11., zu Gast: Eugène Green & 9.11.) Der 15-jährige Vincent, bei seiner alleinerziehenden Mutter Marie aufgewachsen, begibt sich während eines Pariser Sommers auf die Suche nach seinem Vater. Seine Recherchen führen ihn zu einem bekannten Verleger und schließlich zu dessen Bruder Joseph, der zu seinem spirituellen Wegweiser wird. „In einem genuin zeitgenössischen Setting platziert Eugène Green wie selbstverständlich biblische Motive um Abraham und Isaak sowie Maria und Josef, außerdem Kriminalfilm-Elemente, italienische Barockmusik (…). Heiliger Ernst steht hier neben schräger Komik, Theologisches neben Karikaturalem. Ein verblüffender Film, anachronistisch und innovativ zugleich.“ (Birgit Kohler)

A RELIGIOSA PORTUGUESA (The Portuguese Nun, F/Portugal 2009, 4.11., zu Gast: Eugène Green & 11.11.) Julie de Hauranne, eine junge französische Schauspielerin portugiesischer Herkunft, reist zum ersten Mal in ihrem Leben nach Portugal: In der Literaturadaptation eines Briefromans aus dem 17. Jahrhundert über das Leben einer portugiesischen Nonne und deren Liebe zu einem französischen Offizier soll sie die Hauptrolle spielen. Während ihrer nächtlichen Erkundungen der Stadt Lissabon wird sie einer Nonne gewahr, die täglich in einer auf einem Hügel gelegenen Kapelle betet. Damit beginnt eine Reihe schicksalhafter Begegnungen.

TOUTES LES NUITS (Every Night, F 2001, 5. & 9.11.) 1967 im ländlichen Aix-en-Provence: Die zwei Schulfreunde Henri und Jules bereiten sich auf ihre Abschlussprüfungen vor und träumen von einer nur der Kunst gewidmeten Zukunft. Dann verliebt sich Henri in Émilie (Christelle Prot, fortan eine unerlässliche Präsenz in Greens Kino), die Frau seines Nachhilfelehrers, und brennt mit ihr nach New York durch. Jules erlebt in seiner Heimat die Wirren des Jahres 68. Die Freunde verlieren sich aus den Augen, bleiben jedoch über Émilie einander verbunden. Green gestaltet zwölf Jahre im Leben seiner Hauptfiguren als mitreißend-epischen Sog, als faszinierendes Mosaik von Figuren und Lebensentwürfen, die untrennbar mit den Ereignissen ihrer Zeit verwoben sind. Vorfilm: LES SIGNES (The Signs, F 2006) In einer kleinen Hafenstadt wartet eine Frau seit Jahren auf die Rückkehr ihres vermeintlich im Meer verschwundenen Mannes.

LA SAPIENZA (F/Italien 2014, 6. & 12.11.) Am Ufer des Lago Maggiore treffen Alexandre und Aliénor, ein Paar mittleren Alters, auf die Geschwister Goffredo und Lavinia: die einen ermüdet von der Routine ihres Berufes und der Eintönigkeit ihres Zusammenlebens, die anderen voller jugendlicher und ansteckender Begeisterung für Kunst, vor allem für die Architektur Francesco Borrominis. In majestätischen Bildern und immer unvorhersehbar im Wechsel seiner Stilregister erzählt Green von der zunehmenden Versenkung des gehetzten modernen Geistes in die Zeitlosigkeit des Träumens und Denkens. Vorfilm: CORRESPONDANCES (F/Südkorea 2009) Im Auftrag des Jeonju International Film Festival inszeniert Green in seinem „Mini-Film“, der später mit den Beiträgen von Harun Farocki und Pedro Costa zu einem Omnibusfilm zusammengefügt wurde, einen elektronischen Briefwechsel zwischen einer Frau und einem Mann.

LE MONDE VIVANT (The Living World, F/Belgien 2003, 7. & 10.11.) Greens zweiter Spielfilm etablierte seinen Ruf als exzentrischer, formal radikaler und humorvoller Auteur. Vielleicht nie wieder war er so verspielt-anarchistisch wie in diesem Kleinod, das eigentlich im Mittelalter spielt, aber die Illusion stets durch Jeanshosen, moderne Ausdrücke und intellektuelle Insider-Gags wie die „Lacan’sche Hexe“ durchbricht. Der Chevalier au lion und der junge Nicolas wollen das Land von einem kinderfressenden Oger befreien, dessen Frau dem Chevalier aus Liebe im Duell gegen ihren Mann hilft. Als Vorfilm LE NOM DU FEU (The Name of Fire, F 2002), der schon bei der Kinoerstaufführung zusammen mit LE MONDE VIVANT gezeigt wurde: Ein Patient gesteht seiner Ärztin, dass er ein Werwolf ist und schlägt ihr vor, seiner Verwandlung beizuwohnen.

LE PONT DES ARTS (The Bridge of Arts, F 2004, 7. & 10.11.) Sarah singt in einem Barock-Quartett, Pascal studiert an der Sorbonne. Er hört sie singen und macht sich auf die Suche nach ihr. Green gestaltet eine intensive, eindringliche Ode an die Liebe zwischen zwei Menschen, die sich nie begegnen können. „Eine Szene von LE PONT DES ARTS zeigt zentrale Vertreter der jüngeren Regie-Generation, etwa Bertrand Bonello, Mathieu Amalric, Serge Bozon, Axelle Ropert, die konzentriert dem Schauspiel eines japanischen Nô-Stücks folgen: Als wolle Green sagen, dass Rückbesinnung auf Essenzielles nötig ist, abseits schnelllebiger Kino-Moden.“ (Christoph Huber)

EN ATTENDANT LES BARBARES (Waiting for the Barbarians, F 2018, 8. & 14.11.) Greens jüngster Spielfilm entstand als Abschluss eines Workshops für Schauspieler*innen an der renommierten Schauspielschule Les Chantiers Nomades. Sechs Menschen suchen im Haus eines Hexenehepaars nach Schutz vor den Barbaren, deren Ankunft laut sozialen Medien unmittelbar bevorsteht. Vorfilm: COMO FERNANDO PESSOA SALVOU PORTUGAL (How Fernando Pessoa Saved Portugal, Portugal/F/Belgien 2018)In den 20er Jahren entwickelt der Dichter Fernando Pessoa einen Werbeslogan für das Getränk Coca-Louca, der die damalige autoritäre Regierung in Panik versetzt.

FAIRE LA PAROLE (Making the Word, F 2015, 8. & 13.11.) Greens erste dokumentarische Arbeit zeugt von seiner langjährigen Beschäftigung mit der baskischen Kultur und Sprache, der ältesten Westeuropas. Er folgt dabei einen Sommer lang vier Jugendlichen aus dem Baskenland, die ihre Heimat erkunden. Auf ihrer Reise begegnen sie Menschen, die sich gegen das drohende Verschwinden ihrer kulturellen Identität in Zeiten von Tourismus und Globalisierung wehren, und der Lebendigkeit der baskischen Sprache, deren archaische Klangfülle sowohl Trägerin von Geschichte als auch Mittel zur Selbstfindung ist. (gv)

Eine Veranstaltung mit freundlicher Unterstützung des Institut français.