Juli 2019, kino arsenal

Zwei oder drei Dinge, 
die ich über 
Lateinamerika weiß

ISM, ISM, 1979

Das unscharfe und wechselnde Verständnis von Filmformen in Lateinamerika hat sich fortwährend mit anderen unbeständigen Kategorien wie etwa „Avantgarde“, „experimentell“, „militant“, „dokumentarisch“ und „Drittes Kino“ vermischt. Glauber Rocha, Filmemacher und Theoretiker des Cinema Novo, schrieb 1971 in einem Manifest, dass ein Werk revolutionärer Kunst nicht nur unmittelbar politisch wirken sollte, sondern auch ein philosophisches Nachdenken fördern und somit eine Ästhetik von ewigem menschlichem Bestreben nach „kosmischer Verbundenheit“ schaffen sollte. Wie dieses ehrgeizige Vorhaben umsetzbar wäre, blieb (und bleibt) allerdings eine offene Frage. Mit diesem Programm bieten die beiden Kuratoren, Jesse Lerner und Luciano Piazza, mögliche Antworten auf Rochas Aufruf zu einem revolutionären, spekulativen Kino an. Die Filmauswahl wurde angeregt durch die umfangreiche Sammlung lateinamerikanischer Filme im Archiv des Arsenal und eine vorangegangene Zusammenarbeit, „Ism, Ism, Ism“, der beiden Kuratoren.

22 DE MAYO (Jacobo Borges, Venezuela 1969) entwickelt eine revolutionäre Perspektive auf die sozialen Umstände mittels einer kritischen Montage, wobei er programmatische Ziele des militanten Kinos absichtlich nicht thematisiert. In COTORRA 2 (Rolando Peña, Venezuela 1976) wird inmitten einer lärmigen Baustelle der Metro von Caracas ein unmöglicher Dialog inszeniert, in dem sich die komplexe Beziehung zwischen intellektuellen Debatten und dem Lärm des „Fortschritts“ spiegelt. Dieses Programm wird bei b_books im Rahmen der Serie „(Mittwochs-)Praxis“ präsentiert und begleitet von der Buchpräsentation zu „Ism, Ism, Ism“. (10.7.)

ORINOKO, NUEVO MUNDO (Diego Rísquez, Venezuela 1984) verbindet dokumentarische Auf-nahmen mit Nachstellungen des europäischen Eroberungszugs. Der Film verbindet den Blick eines Yanomami-Schamanen auf die Kolonialisierung Lateinamerikas und die Faszination europäischer Künstler*innen von der „Neuen Welt“. AMÉRIKA, TERRA INCÓGNITA (Diego Rísquez, Venezuela 1988) ist als eine Reihe von Tableaux vivants aufgebaut und kehrt die Perspektive des europäischen Kolonialismus mittels der Geschichte eines sich in spanischer Gefangenschaft befindenden Indios um. (11.7.)

In CARACAS: DOS O TRES COSAS (Ugo Ulive, Venezuela 1969) werden Fragmente des täglichen Lebens und Visionen des neuen, vereinigten Lateinamerikas während der Befreiung experimentell verhandelt. Dies ist auch der Fall bei LAVRA-DOR (Ana Carolina, Paulo Rufino, Brasilien 1968), einem meisterhaften Versuch, die Grenzen des Dokumentarischen auszuloten. LA HORA DE LOS HORNOS (Santiago Álvarez, Kuba 1968), eine verspielte Wochenschau, dokumentiert den Kulturkongress von Havanna 1968. FOUND CUBAN MOUNTS (Adriana Salazar Arroyo, Costa Rica/D 2010) ist eine meditative Wiederbegegnung mit den frühen Jahren der Revolution anhand von Monumenten in der heutigen kubanischen Landschaft. (15.7.)

LA ZONA INTERTIDAL (El Salvador 1980) der „Grupo Los Vagos“ ist eine poetisch-erzählerische Bearbeitung der politisch motivierten Hinrichtung eines Lehrers durch ein Tötungskommando. Der Film ist der letzte einer Reihe, in der politische Konflikte neue Formen annehmen und anstelle von Antworten neue Fragen formulieren. In BLUES TROPICAL (Poli Marichal, Puerto Rico 1982) wird die Emulsion eines Super-8-Films bemalt, um einen neokolonialen Konflikt zu erforschen. In UMBRALES (Marie Louise Alemann, Argentinien 1980) choreografiert die Filmemacherin eine melancholische Performance queerer männlicher Körper zur Zeit der letzten Diktatur Argentiniens. Im Geist des situationistischen „Détournement“ dokumentiert ISM, ISM (Manuel DeLanda, USA 1979) die „Umgestaltung“ von Werbetafeln in Manhattan. In ESPLENDOR DO MARTÍRIO (Sérgio Péo, Brasilien 1974) präsentiert Péo seine Theorie von Super 8 als Träger der Sprache, welche auch später in seinem Gedicht/Manifest „Super 8 as an Instrument of Language“ eine Rolle spielen sollte. (16.7.)

Das Programm findet statt im Rahmen des Arsenal-Projekts „Archive außer sich“. (jl/lp)

„Ism, Ism, Ism: Experimental Cinema in Latin America“ (Ismo, Ismo, Ismo: Cine experimental en América Latina) wurde vom Los Angeles Filmforum im Rahmen von Pacific Standard Time: LA/LA organisiert, eine kollaborative Initiative verschiedener Institutionen in Süd-Kalifornien. Im Zentrum steht die Erforschung lateinamerikanischer Kunst und Werke von Künstler*innen lateinamerikanischer Herkunft und diese in einen Dialog mit Los Angeles zu setzen. „Ism, Ism, Ism“ legt dabei den Fokus auf die pulsierende experimentelle Filmproduktion von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart.
Im Rahmen von „Ism, Ism, Ism“ wurde die zweisprachige Publikation „Ism, Ism, Ism / Ismo, Ismo, Ismo: Experimental Cinema in Latin America“ herausgegeben (Jesse Lerner und Luciano Piazza, Herausgeber, University of California Press, 2017). Die Publikation erforscht unterschiedliche Phasen der Filmproduktion, kulturelle Kontexte, Modelle der Bildproduktion und Überlegungen der Filmemacher*innen und setzt diese in Zusammenhang mit dem weltweiten Filmschaffen. Die Publikation ist weltweit erhältlich.
„Ism, Ism, Ism” wird maßgeblich durch die Getty Foundation gefördert, sowie durch weitere Unterstützung von der Andy Warhol Foundation for Visual Arts, der National Endowment for the Arts und der Mike Kelly Foundation for the Arts ermöglicht. Pacific Standard Time ist eine Initiative von Getty und wird von der Bank of America gefördert. Pacific Standard Time ist eine Initiative von Getty und wird von der Bank of America gefördert.