April 2008, kino arsenal

Sprache der Liebe. Asta Nielsen, ihre Filme, ihr Kino 1910 - 1933

DIRNENTRAGÖDIE, 1927

Wir zeigen den zweiten Teil unserer umfangreichen Retrospektive des ersten europäischen Stummfilmstars, Asta Nielsen, die wie keine zweite die Filmkunst prägte und formte. Wir freuen uns, die von Karola Gramann kuratierte Retrospektive in Zusammenarbeit mit der Kinothek Asta Nielsen e.V. (Frankfurt) und der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen zu präsentieren. Dank der Kooperation mit zahlreichen europäischen Filmarchiven ist es möglich, sämtliche noch erhaltenen Filme Asta Nielsens zu zeigen. In den 20er Jahren wurde es für Asta Nielsen schwieriger, gute Rollen zu bekommen. Das Filmschaffen änderte sich und mit ihm die Möglichkeiten, als Schauspielerin in dem Maße Einfluss auf alle Herstellungsprozesse nehmen zu können, wie Asta Nielsen es gewohnt war. Sie selber beschrieb die veränderten Bedingungen folgendermaßen: "Der Film im Allgemeinen hatte sich vom Schauspielerfilm zum Regisseurfilm gewandelt und konnte große Schauspieler weder hervorbringen noch vor geeignete oder lockende Aufgaben stellen. Es schien, als hätte der Film bedeutende Schauspieler überhaupt nicht mehr nötig. Der Triumph der Filmtechnik hatte es dahin gebracht, dass man mit Dilettanten arbeiten und große Filme herstellen konnte." 1923 musste Asta Nielsen zudem ihre Produktionsfirma Art-Film auflösen und hatte nicht mehr die Möglichkeit, selber Stoffe zu entwickeln. Mitte der 20er Jahre legte sie eine Pause vom Filmgeschäft ein und kehrte mit großem Erfolg an die Bühne zurück. Derart motiviert, drehte sie wieder einige Filme, bis zu ihrem letzten Film 1932, der gleichzeitig ihr einziger Tonfilm war.

1937 verließ sie Deutschland und die Naziherrschaft endgültig und zog wieder nach Dänemark. 1972 starb sie in Frederiksborg im Alter von 90 Jahren.

Während des 1. Weltkrieges wurde es für Asta Nielsen als Ausländerin schwierig, in Deutschland zu arbeiten. Sie ging auf Reisen. 1916 kam sie wieder nach Berlin und drehte sechs Filme mit der Neutral-Film. Dann zog sie sich für den Rest der Kriegszeit nach Dänemark zurück. Dort drehte sie 1918 MØD LYSET – DER FACKELTRÄGER (Holger Madsen, Dänemark). Darin spielt sie die junge und gefühlskalte Komtesse Isabella, die am Totenlager ihrer Mutter zum Glauben erweckt wird. Durch diese innere Wandlung wird sie zur Laienpredigerin und selbstlosen Helferin der "Fackelträger", die Heimatlosen auf einer Insel ein neues Zuhause schenkt. (1.4.)

ERDGEIST (Leopold Jessner, D 1923) ist eine Verfilmung des "Lulu"-Stoffes frei nach Wedekind, sechs Jahre vor G.W. Pabsts berühmt gewordener Verfilmung Die Büchse der Pandora. Eine Reihe von wichtigen Theaterleuten wirkte in ERDGEIST mit: Leopold Jessner, der Intendant des Berliner Staatlichen Schauspielhauses, führte Regie, und neben Asta Nielsen ist Albert Bassermann in der männlichen Hauptrolle als Dr. Schön zu sehen. In fünf expressionistisch gestalteten Bühnenbildern entfaltet sich, ganz ohne Zwischentitel, eine Geschichte von Eifersucht und Missgunst zwischen der faszinierenden Lulu und ihren Verehrern. "Das Stück? Es gibt hier gar kein Stück. Der einzige Inhalt dieses Films ist, dass Asta Nielsen mit sechs Männern kokettiert, flirtet, liebelt und sie verführt. Der Inhalt dieses Films ist die erotische Ausstrahlung dieser Frau, die uns hier das große, vollständige Gebärdenlexikon der sinnlichen Liebe gibt." (Béla Balázs) (2. & 3.4.)

DIE FREUDLOSE GASSE (G.W. Pabst, D 1925) erzählt von Wien in den Jahren der Inflation, als Not und Hunger alle moralischen Grundsätze des Bürgertums zum Einstürzen bringen. Während findige Geschäftemacher aus dem ökonomischen Niedergang Profit zu schlagen vermögen, herrschen auf der anderen Seite Elend und Verzweiflung. Asta Nielsen verkörpert eine Prostituierte. Neben ihr spielt die junge Greta Garbo, in ihrer ersten großen Rolle. "Keine Gebärde – kein Ausdruck, jedoch die Sprache der Seele erzählte uns von den Leiden und der Not eines lebenden Wesens. Lange hat man Greta Garbo 'Die Göttliche' genannt, für mich war und ist Asta Nielsen 'Die Menschliche'." (G.W. Pabst) (4.4.)

In LASTER DER MENSCHHEIT (Rudolf Meinert, D 1926) ist Asta Nielsen Tamara, eine große, den Drogen verfallene Sängerin. Ihr Manager betreibt einen schwunghaften Kokainhandel und hat auch Tamara fest in seiner Hand. Eines Tages erkennt sie in einer Verehrerin ihrer Kunst ihre eigene Tochter, die sie vor Jahren bei ihrem Gatten ließ, um für die Kunst zu leben. Ihr Manager will das junge Mädchen ebenfalls mit Kokain ins Verderben stürzen, und Tamara setzt all ihre Kraft daran, ihre Tochter dem Verbrecher zu entreißen und sie sicher dem Vater zu übergeben. Ihre Mutterliebe ist stärker als ihre Leidenschaft, für sich selbst sieht sie aber keinen Ausweg mehr. "Ich hatte ein neuartiges Filmsujet angenommen, das mich sehr interessierte, es hieß 'Laster der Menschheit'. Die weibliche Hauptrolle sollte eine Mutter sein, die, durch und durch Kokainistin, alles daransetzt, ihre Tochter vor diesem Übel und den Menschen, die ein Gewerbe damit treiben, zu bewahren. Nach meiner Meinung eine 'tolle Rolle'. Die Nielsen könnte sie ja spielen – die Nielsen ist die einzige –, aber die Nielsen hatte schon lange nicht mehr gedreht." (Rudolf Meinert) (5.4.)

In DIRNENTRAGÖDIE (Bruno Rahn, D 1927) ruiniert eine ältere Prostituierte ihr Leben durch die unglückliche Liebe zu einem jungen Mann. Als Augustine liest Asta Nielsen einen jungen Mann auf, einen Bürgersohn, der nach einem Streit mit seinen Eltern auf der Straße gelandet ist. Sie nimmt ihn mit auf ihr Zimmer und lässt sich auf seine jugendliche Verliebtheit ein, die sie wieder aufleben und aufblühen lässt. Dann spielt ihr Zuhälter ihm Clarissa zu, eine hübsche junge Prostituierte, woraufhin er die ältere sitzen lässt. Sie ist tief verletzt und voller Angst, dass sein Leben durch Clarissa zerstört werden könnte und unternimmt selbstlos alles, um den Geliebten zu retten. "Schweren Schrittes geht sie als die alte Prostituierte ihres Weges, an den grauen Mauern entlang, nachdem in der DIRNENTRAGÖDIE das junge Straßenmädchen ihr den Geliebten ausgespannt hat. Langsam, unendlich müde, schminkt sie sich ab, streicht alle Leidenschaft ab und sinkt zurück ins Nichts. In solchen Augenblicken stehen die Herzen der Zuschauer still – man ist einfach nicht mehr fähig, die einmalige Intelligenz in dieser großen Schauspielkunst zu analysieren, wo jede Geste, jedes Mienenspiel, jede Bewegung des Körpers zusammen die natürlichen, absolut instinktiven Elemente auszumachen scheinen." (Lotte H. Eisner) (6. & 11.4.)

In DAS GEFÄHRLICHE ALTER (Eugen Illés, D 1927) spielt Asta Nielsen eine vereinsamte, resignierte, alternde Professorengattin, die sich in einen Studenten ihres Mannes verliebt. Verbittert muss sie feststellen, dass sie in ihrem Lebensentwurf die falsche Wahl getroffen hat. Während ihre Freundin Lily eine moderne Beziehung führt und in einem leichtlebigen Studenten ihren Freund gefunden hat, hat sie ihrem Mann immer die Treue gehalten. Als sie den Studenten Jörgen trifft, wird sie von einer jugendlichen Leidenschaft erfasst, die sie zu bekämpfen versucht, gibt sie dieser Liebe doch keine Chance. (7.4.)

UNMÖGLICHE LIEBE. VERA HOLGK UND IHRE TÖCHTER (Erich Waschneck, D 1932) war Asta Nielsen erster und einziger Tonfilm und ihr letzter Film überhaupt. Nach fünf Jahren Abwesenheit von der Leinwand kehrte sie für diesen letzten Film zurück. Asta Nielsen ist Vera Holgk, eine Bildhauerin mittleren Alters mit zwei erwachsenen Töchtern. Trotz ihrer Mutterpflichten möchte sie nicht auf ihr eigenes Leben verzichten. Als sie einen berühmten Kollegen kennen lernt und sich in ihn verliebt, rebellieren ihre Töchter gegen die angebliche Vernachlässigung. "So groß ist ihre Kunst, dass sie sich in einer veränderten Zeit ungemindert behauptet. Nicht zuletzt dank der Stimme, deren schmiegsame Herbheit sich den verschiedenen Situationen leicht anpasst und mit dem Gesamtspiel wie selbstverständlich zusammenwächst. Gerade das Ineinander von Sprache und Mimik ist Frau Nielsen wunderbar gelungen. Sie lässt dem stummen Auftritt viel Raum; so dass die Aussage nicht eigentlich durch die Gebärde unterstützt wird, sondern dieser jeweils das Wort entspringt. Noch kaum je ist die Sprache so filmgerecht eingesetzt worden." (Siegfried Kracauer) (8. & 9.4.)

In DER ABSTURZ (Ludwig Wolf, D 1922) spielt Asta Nielsen eine schöne, glänzende Schauspielerin, die aber im Leben schon einiges durchgemacht hat, als sie sich in einen jungen Fischer verliebt. Ihretwegen gerät dieser unter Mordverdacht und wird für zehn Jahre ins Zuchthaus gesteckt. Sie verspricht ihm, auf ihn zu warten, und zehn Jahre lang träumt er im Gefängnis von seiner schönen Geliebten. In den zehn Jahren ist sie aber gealtert und hässlich geworden, und als er entlassen wird, läuft er an ihr, die vor dem Gefängnistor wartet, vorbei, ohne sie zu erkennen. Asta Nielsen bricht zitternd zusammen, und „wir sehen eine Seele sterben“. (Béla Balázs) (13.4.)

Ganz zum Abschluss unserer Retrospektive zeigen wir das Selbstporträt ASTA NIELSEN – EIN FILM ÜBER ASTA NIELSEN, ein 30-minütiger Film aus dem Jahr 1968, in dem Asta Nielsen vor der Kamera die Bilanz ihres Lebens und ihrer Kunst zieht. Zusammen mit dem Schauspieler Poul Reumert, der in ihrem ersten Film Afgrunden mit ihr vor der Kamera stand, erzählt sie von ihrer Karriere und ihren Filmen. (13.4.)

Alle Filme werden mit Musikbegleitung zu sehen sein. Es spielen Eunice Martins, Peter Gotthardt und Jürgen Kurz.

Die Retrospektive wurde gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds. Wir danken der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden, Transit-Film München, dem Frauenreferat der Stadt Frankfurt am Main, dem Filmmuseum München, dem Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund/Köln, Det Danske Filminstitut, Kopenhagen, dem Filmarchiv Austria, Wien, dem Bundesarchiv – Filmarchiv Berlin/Koblenz, dem Filmmuseum Amsterdam, der Cinémathèque Royale de Belgique, Brüssel, dem Deutschen Filminstitut DIF e.V., ZDF/ARTE, dem Gosfilmofond, der Filmoteca Española, Nederlands Fonds voor Podiumskunsten, Den Haag, und dem Hebbel am Ufer.

Unser besonderer Dank für diese Retrospektive gilt der Kinothek Asta Nielsen, Karola Gramann und Heide Schlüpmann.