September 2008, kino arsenal

Grenzgänger der Genres – Heinosuke Gosho

BANKA, 1957

Im unerschöpflich scheinenden Reservoir japanischer Filmgeschichte ist Heinosuke Gosho (1902–81) ein weiterer Regisseur, den es zu entdecken gilt. Zeitgenosse Ozus und Mizoguchis, blieb er ein im Westen nur gelegentlich gezeigter Geheimtipp. 1923 trat er als Schützling von Yasujiro Shimazu ins Shochiku-Filmstudio ein, wo er 1925 zum ersten Mal verantwortlich Regie führen durfte. In seiner 43 Jahre umfassenden Karriere drehte er an die 100 Filme. Er arbeitete in vielen verschiedenen Genres, drehte Komödien, historische Filme und Literaturverfilmungen, wurde am bekanntesten aber mit seinen "shomin-gekis", die unaufgeregte und ruhige Betrachtungen des Lebens ganz gewöhnlicher Menschen liefern. Seine Geschichten bestehen aus dicht gewebten Verbindungen von Personen, von denen jeder einzelne in all seinen Facetten und seiner ganzen Komplexität betrachtet wird. Dabei interessiert sich Gosho jeweils auch für Nebenstränge und -motive und zeichnet ein umfassendes und reiches Bild einer jeweiligen Situation. Beziehungen und Probleme zwischen den Geschlechtern und zwischen den Generationen sind seine hauptsächlichen Themen. In den Konflikten zwischen den Bedürfnissen des Einzelnen und denen der Gesellschaft wirbt er stets für Verständnis und Versöhnung. Goshos Filme ermöglichen einen Einblick in die japanische Gesellschaft der 30er bis 60er Jahre und die rasant ablaufenden Veränderungen dieser Zeit, die das Leben vor allem der kleinen Leute beeinflussen und erschweren.

Hervorstechendstes Merkmal ist Goshos durch und durch humanistische Haltung gegenüber seinen Figuren. Mit liebevollem Blick porträtiert er Menschen, deren Dasein von Problemen gezeichnet ist, die sich jedoch mit aller Kraft bemühen, dem Leben Positives abzugewinnen. Dabei kommt sein Verständnis und sein Mitgefühl ohne Beschönigungen der Härten des Lebens und ohne Sentimentalitäten aus.

Stilistisch wurde Gosho sehr von Lubitsch und dessen Montage-Technik beeinflusst, die auf der Auflösung von Szenen mit schnellen, flüssigen Schnitten beruht und somit alle Nuancen von Emotion und Charakter einzufangen vermag. Dass Gosho wenig Bekanntheit erlangte, liegt bestimmt auch daran, dass er keinen eindeutigen, eigenständigen Stil pflegte, sondern sich von den Erfordernissen der Handlung und der moralischen Haltung seiner Figuren leiten ließ. Seine Handschrift besteht genau in dieser Moralität und Humanität.

In OBOROYO NO ONNA (Woman of the Mist, 1936) nimmt der verheiratet Bunkichi seinen Neffen Seiichi – der eigentlich studieren sollte – regelmäßig auf Sauftouren durch verschiedene Bars mit. Dort begegnet Seiichi der Bardame Teruko und beginnt ein Verhältnis mit ihr. Als Teruko schwanger wird, übernimmt Bunkichi nach einigem Zögern die Verantwortung für das Handeln seines Neffen. "Von allen Filmen aus den 30er Jahren, die noch erhalten sind, ist keiner repräsentativer für den Stil, die Themen und Anliegen von Gosho als OBOROYO NO ONNA. Es ist wohl sein reifstes Werk." (Arthur Nolletti) (1. & 5.9.)

MADAMU TO NYOBO (The Neighbour's Wife and Mine, 1931) ist der früheste erhaltene Film Goshos (obwohl es sein 39. war!). Die leichte und spielerische Komödie handelt von einem Bühnenautor, der an einem Stück arbeitet, das bald aufgeführt werden soll. Durch ständige Ablenkungen – der Lärm der Kinder, das Miauen von Katzen, das verlockende Mahjongg-Spiel mit Freunden – stockt sein Schreibfluss und er gerät in Zeitnot. Ermahnungen an sich selbst – "Zeit ist Geld", "Nicht vergessen – 500 Yen" – helfen auch nicht weiter. Zu allem Überfluss gesellt sich auch noch Jazz-Musik aus einer Nachbarswohnung zu dieser Alltagskakophonie. Als der Bühnenschreiber die Urheber des Lärms zur Rede stellen will, öffnet ihm eine junge Frau die Tür, deren Gesang ihn sofort verzaubert. (3. & 6.9.)

AIBU (L'amour, 1933) gehörte zu Goshos Lieblingsfilmen. Er erzählt von einer Familie, in der unterschiedliche Erwartungen an das Leben miteinander in Konflikt geraten. Der Arzt Murata lebt mit seiner Tochter Machiko und seinem Sohn Hideo in einem Provinzstädtchen. Hideo soll einst in die Fußstapfen des Vaters treten und studiert Medizin in Tokio. Um ein Krankenhaus bauen zu können, wünscht sich der Vater eine einträgliche Ehe für seine Tochter Machiko, die das aber ablehnt. Als Machiko Hideo in Tokio besucht, muss sie feststellen, dass dieser wenig Interesse an seinem Studium zeigt und außerdem eine Geliebte hat. Der detailreich erzählte Film thematisiert den Konflikt zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen der Gesellschaft und zeigt eine optimistische Vision davon, wie diese in Einklang gebracht werden können. (4. & 7.9.)

OSAKA NO YADO (An Inn at Osaka, 1954), der 1954 bei den Filmfestspielen in Venedig lief, ist eine melancholische Schilderung der japanischen Gesellschaft, in der die Gier nach Geld alles andere verdrängt hat. Der Film ist in Osaka angesiedelt, der Hauptstadt des Geldes. Ein Versicherungsangestellter wird von Tokio nach Osaka strafversetzt, weil er die Gewerkschaft unterstützt und seinen Chef geschlagen hat. Er nimmt ein Zimmer in einer schäbigen Herberge, die drei Dienstmädchen beschäftigt, mit denen er sich anfreundet: Otsugi, die jeden Cent spart, um ihren Sohn großziehen zu können, Orika, die von ihrem Ehemann ständig um Geld angebettelt wird, und Oyone, die am liebsten mit Herbergsgästen anbändelt. Auch in das Leben und die Probleme von Leuten außerhalb der Pension wird er bald involviert. "Ein extrem starker, sehr trauriger Film und in seinem Understatement eine der allerbesten Anklagen im Nachkriegsjapan." (J. L. Anderson, D. Richie) (9. & 13.9.)

ENTOTSU NO MIERU BASHO (Where Chimneys Are Seen, 1953) ist in einem Arbeiterviertel Tokios in der unmittelbaren Nachkriegszeit angesiedelt und erzählt von den Bewohnern eines armseligen Mietshauses. Eines Tages wird ein ausgesetztes Baby vor der Türschwelle gefunden und von einem Ehepaar aufgenommen. In der schwierigen Anfangszeit mit dem Baby und der Unruhe, die es mit sich bringt, erkennen sie ihre gegenseitige Wertschätzung und nachbarschaftliche Solidarität. ENTOTSU NO MIERU BASHO ist einer der wichtigsten japanischen Nachkriegsfilme, der Gosho auch international viel Anerkennung einbrachte. "Ein perfektes Beispiel für ‚Goshoismus‘, man möchte lachen und weinen zugleich. Wie immer in Goshos Welt ist der Mensch organisch in seine Umwelt eingebunden; Goshos Mitgefühl für seine Figuren enthüllt deren Innenleben." (Arne Svensson) (11. & 15.9.)

Der Stummfilm IZU NO ODORIKO (Dancing Girl from Izu, 1933) ist eine lyrische und romantische Verfilmung eines Kurzromans des Nobelpreisträgers Yasunari Kawabata. Der Student Mizuhura fährt in einen Erholungsurlaub auf die Halbinsel Izu. Dort schließt er sich einer Gruppe von herumziehenden Künstlern an. Bald wird er vom unschuldigen Charme der jungen Tänzerin Kaoru bezaubert, und eine zarte Liebesgeschichte entwickelt sich. Beiden ist klar, dass ihr Liebe aufgrund des Standesunterschieds keine Zukunft hat. Nach den Ferien kehrt er ohne Kaoru nach Tokio zurück. (17.9., am Flügel: Eunice Martins)

TAKEKURABE (Growing Up, 1955) spielt in der Meiji-Zeit (1868–1912), die in der Nachkriegszeit in vielen japanischen Romanen und Filmen als die "gute alte Zeit" beschworen wurde. Für die junge Midori, die im Freudenviertel Tokios aufgewachsen ist, ist die Zeit gekommen, sich dem Beispiel ihrer älteren Schwester folgend der Prostitution hinzugeben. Mit Shinnyo, dem Sohn eines buddhistischen Priesters, verbindet sie eine aufkeimende Liebe. Ihr vorbestimmtes Schicksal kann aber nicht aufgehalten werden und mit einer Narzisse in der Hand, die ihr von Shinnyo geschenkt wurde, macht sie sich auf den Weg zu ihrem ersten Kunden. (19. & 20.9.)

Das in der kargen Landschaft Hokkaidos angesiedelte romantische Melodrama BANKA (Elegy from the North, 1957) ist eines von Goshos Meisterwerken. Die junge und einsame Reiko, die sich wegen ihrer Arthritis von der Welt abgeschlossen fühlt, lernt den verheirateten Architekten Setsuo kennen und verliebt sich in ihn. Auch er fühlt sich einsam: Seine Frau Akiko hat einen jüngeren Liebhaber. Reiko beginnt unter diesen Umständen eine Affäre mit Setsuo, lehnt seinen Vorschlag, sich von Akiko zu trennen, aber ab. Stattdessen sucht sie den Kontakt zu Akiko und gesteht ihr die Affäre. Akiko nimmt das mit großer Fassung auf und behält ihr Leid für sich. "Die Musik, einzelne lange Einstellungen und die Impulsivität seiner Hauptdarstellerin Yoshiko Kuga im Vergleich zur Zurückhaltung der anderen Schauspieler lassen den Film betont melodramatisch erscheinen." (Hubert Niogret) (21. & 23.9.)

RYOJU (Hunting Rifle, 1961) ist eine tragische Geschichte über Betrug und vergebliche Liebe, die gleich mehrere Paare einsam und unglücklich werden lässt. Saiko und Reiichiro sind ein junges Ehepaar, deren Ehe durch die Ankunft der unehelichen Tochter Reiichiros erschüttert wird. Saiko lässt sich scheiden und geht eine heimliche Beziehung mit einem verheirateten Mann ein. Reiichiro hingegen erklärt Saiko, nur sie zu lieben und auf sie warten. Sie erkennt diese wahre Liebe jedoch erst, als es schon zu spät ist. Verzweifelt nimmt sie sich das Leben, während ihr jahrelanger Geliebter von seiner Frau verlassen wird und in die Berge zieht. (22. & 24.9.)

UTAGE (Rebellion of Japan, 1967) war Goshos letzter großer Film und handelt von der unerfüllten Liebe zwischen einem jungen, idealistischen Offizier und einer verheirateten Frau vor dem Hintergrund des gescheiterten Putschversuches im Februar 1936. Für seine politischen Ziele opfert der junge Tate seine familiären Beziehungen und auch seine Gefühle zu Suzuko, der Schwester eines Kameraden. Enttäuscht davon, willigt Suzuko in die arrangierte Ehe mit einem Mann ein, für den sie keine Gefühle hegt. Während der Putsch niedergeschlagen wird, der Japan von der politischen und wirtschaftlichen Korruption hätte befreien sollen, verlässt Suzuko ihren Mann. Tate kann sie aber nur noch im Gefängnis besuchen. (28. & 29.9.)

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Japanischen Kulturinstitut, Köln, der Japan Foundation, Tokio, und dem Kawakita Memorial Film Institute, Tokio. Unser Dank geht an Angela Ziegenbein und Corinne Siegrist-Oboussier.