September 2008, kino arsenal

Kompositionen für den Film – Hanns Eisler

KUHLE WAMPE ODER WEM GEHÖRT DIE WELT?, 1932

"Ich komme aus zwei verschiedenen Klassen: Mein Vater war Philosoph, meine Mutter Arbeiterin, seine Familie war jüdisch, die meiner Mutter christlich." Hanns Eislers Leben und Schaffen bewegte sich zeitlebens zwischen zwei Polen, zwischen Kunst und Politik, zwischen Film und Musik, zwischen Europa und Amerika – für Eisler schien aus diesem Spannungsfeld die originäre Kraft für seine Arbeit zu erwachsen. Einen Teilbereich dieser Arbeit – Eislers Kompositionen für den Film – präsentieren wir im Vorfeld eines internationalen Symposiums der Hanns-Eisler-Gesellschaft exemplarisch anhand von zwölf Programmen. Damit soll ein Einblick in die große stilistische Bandbreite Eislers und seine (film)musikgeschichtliche Entwicklung von fast drei Jahrzehnten (1929 bis 1956) gewährt werden. Wie kaum ein anderer Komponist war Hanns Eisler von den politischen Veränderungen des letzten Jahrhunderts geprägt. Als überzeugter Kommunist und Jude musste der 1898 in Leipzig geborene Eisler 1933 das nationalsozialistische Deutschland verlassen. Sein 16 Jahre währendes Exil führte ihn über Wien, Prag und London nach Los Angeles und New York. Hier entstand Eislers wegweisende filmmusiktheoretische Publikation "Komposition für den Film" in Zusammenarbeit mit Th. W. Adorno. 1947 wurde Eisler wegen angeblicher "kommunistischer Umtriebe" aus Amerika ausgewiesen und kehrte 1949 nach Ost-Berlin zurück. In der 1949 gegründeten DDR sah er eine demokratische Alternative zur geschichtlichen Entwicklung in Deutschland. Seine letzten Lebensjahre waren jedoch von Skepsis und kritischer Distanz zur Staatsführung der DDR geprägt. Hanns Eisler starb am 6.9. 1962 in Ost-Berlin.

Wir eröffnen die Reihe mit Fritz Langs als "Kriegsbeitrag" gegen das faschistische Deutschland konzipiertem Film HANGMEN ALSO DIE (USA 1942), der auf einer Vorlage von Bertolt Brecht basiert. Die dem Film zugrundeliegende Frage nach der Legitimität des Tyrannenmords beeindruckt ebenso wie die überzeugend entwickelte Atmosphäre der Angst und der ständigen Bedrohung, der die Mitglieder der tschechischen Widerstandbewegung nach dem Attentat auf Heydrich am 26. Mai 1942 ausgesetzt sind. Eislers Filmmusik wurde mit einer Oscarnominierung geehrt. (12. & 13.10.)

KUHLE WAMPE ODER WEM GEHÖRT DIE WELT? (1932) ist einer der wenigen kommunistischen Filme der Weimarer Republik. Im Mittelpunkt steht eine Arbeiterfamilie, deren Familienmitglieder auf ganz unterschiedliche und z.T. dramatische Weise mit Arbeitslosigkeit und Armut umgehen. Das Drehbuch stammt von Bertolt Brecht und Ernst Ottwald. Eislers Partitur zu KUHLE WAMPE – unvergesslich sein Solidaritätslied, gesungen in einem Berliner S-Bahn-Tunnel – gilt als mustergültiges Gegenstück zur klassischen filmmusikalischen Praxis in Hollywood. Mit seiner Musik wollte Eisler beim Publikum nicht nur Mitgefühl mit den Protagonisten wecken, sondern auch eine Protesthaltung gegen soziale Missstände vermitteln.(14.10.)

DANS LES RUES (1933) ist die zweite Zusammenarbeit zwischen Hanns Eisler und Victor Trivas. Freddy Buache bezeichnet Trivas' Film als "deutschesten aller französischen Filme", der teilweise Elemente des poetischen Realismus vorwegnimmt. Der Film handelt von einem jungen Arbeiter, der in die Fänge einer Bande gerät. Die Kritik lobt Eislers Filmmusik, die er später zu seiner 5. Sinfonie umarrangiert. Besonders beliebt wird sein Chanson "Mon Oncle a tout repeint", der in Frankreich als Schallplatte herauskommt. (16.10.)

Während seines Londoner Exils entsteht Eislers Partitur zu ABDUL THE DAMNED (1935), einem Film des ebenfalls emigrierten Regisseurs und Schauspielers Karl Grune. Die Haupt- und Doppelrolle spielt Fritz Kortner, dessen Darstellung eines despotischen türkischen Sultans bzw. seines Doppelgängers deutliche Anspielungen an Adolf Hitler enthält. Eisler war mit der Qualität des Films nicht ganz zufrieden, gestand ihm jedoch zu, "politisch anständig" zu sein. (18. & 20. 10.)

Weitaus größeren Stellenwert für Hanns Eisler hatte die Zusammenarbeit mit dem niederländischen Regisseur Joris Ivens, die er 1934 mit seiner Komposition für NIEUWE GRONDEN fortsetzte. Thema des Films ist die Trockenlegung der Zuydersee und die Gewinnung neuen Bodens, der Kampf des Menschen gegen die Natur, aber auch die Weltwirtschaftskrise, Finanzspekulation, Inflation und Hunger. Eisler kann für NIEUWE GRONDEN auf neuartige akustische Verfahren zurückgreifen, die die Aufnahme und vor allem Mischung von Musik, synthetischen Klangeffekten und Originalton erlaubten. NIEUWE GRONDEN läuft zusammen mit THE 400 MILLION (1939) über den chinesisch-japanischen Krieg. (21.10.)

Die Arbeit zu THE FORGOTTEN VILLAGE (Herbert Kline, Drehbuch: John Steinbeck, USA 1941) führt Eisler nach Mexico City, wo er innerhalb von sechs Wochen die Filmmusik zum bereits fertiggestellten Film komponieren sollte. Der halbdokumentarische Film kreist um die Bewohner eines Indianerdorfs, die sich trotz einer grassierenden Seuche der modernen Medizin verweigern. Die in der kurzen Zeit entstandene Filmpartitur arbeitete Eisler später zum "Nonett Nr. 2" um. THE FORGOTTEN VILLAGE läuft zusammen mit WHITE FLOOD (David Wolff, Robert Strebbins, Lionel Berman, USA 1940). (22.10.)

Kurz nach HANGMEN ALSO DIE beginnt Eisler mit der Arbeit an der Musik für Clifford Odets NONE BUT THE LONELY HEART (USA 1944), die ebenfalls als "Beste Filmmusik des Jahres" für einen Oscar nominiert wird. Der Film ist im Londoner East-End angesiedelt und spielt in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Cary Grant als verantwortungsloser Weltenbummler kehrt zu seiner Mutter zurück, nachdem er von ihrer schweren Krankheit erfahren hat. Als der Laden der Mutter nicht mehr genug zum Leben abwirft, entwickeln die beiden kriminelle Energie. (24.10.)

Kurt Maetzigs RAT DER GÖTTER (DDR 1950) war eines der aufwendigsten Prestige-Unternehmen jener Jahre, an dem zahlreiche prominente Künstler beteiligt waren, so auch Hanns Eisler, der erst kurz zuvor nach Ost-Berlin übersiedelt war. Der Film thematisiert die Verstrickung der IG Farben in Rüstungsproduktion und Giftgasherstellung für die Konzentrationslager. Dem Vorstandsvorsitzenden Geheimrat Mauch geht es um Expansion und Gewinn für die Firma um jeden Preis. Maetzig betonte: "Die Musik von Eisler ist ihrer Zeit voraus." (26.10.)

Mitte der fünfziger Jahre komponierte Eisler Filmpartituren für zwei in Österreich produzierte Filme. Louis Daquins Verfilmung des Maupassant-Romans BEL AMI (1954) über den skrupellos ehrgeizigen Verführer (in der Hauptrolle Johannes Heesters) entspricht in seiner betont gesellschaftskritische Haltung weitaus mehr den Intentionen der literarischen Vorlage als die früherer Forst-Verfilmung des Romans. (28.10.)

In Cavalcantis Brecht-Adaption HERR PUNTILA UND SEIN KNECHT MATTI (1955) beeindruckt der großartige Curt Bois in der Rolle des Gutsbesitzers Puntila, der – bekanntermaßen – nur in betrunkenem Zustand charmant und geradezu menschlich sein kann. (30.10.)

Victor Trivas Debüt NIEMANDSLAND (D 1931) beginnt mit einem Blick auf das Privatleben von fünf Männern. Wenig später treffen sie als Soldaten in einem Unterstand an der Westfront aufeinander und solidarisieren sich: ein englischer Offizier, ein französischer Fabrikarbeiter, ein deutscher Tischler, ein jüdischer Schneider und ein schwarzer Varietétänzer. Eisler setzte in seiner Filmmusik für NIEMANDSLAND seine Theorie des "dramaturgischen Kontrapunktes" um. (31.10.)

Eine der beeindruckendsten Filmpompositionen Eislers ist zweifellos seine Arbeit für Alain Resnais' NUIT ET BROUILLARD (Nacht und Nebel, 1956), der mit größter stilistischer Zurückhaltung (und einer äußerst sensiblen deutschen Fassung durch Paul Celan) eine Darstellung des Grauens erarbeitet, in der die zeitgenössische Wirklichkeit von Auschwitz/Birkenau mit den Wochenschau-Bildern der Alliierten konterkariert wird. Der Film läuft als Abschluss der Reihe im Zeughaus-Kino am 1.11.

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft Berlin anlässlich des Symposiums "Kompositionen für den Film. Theorie und Praxis von Eislers Filmmusik" (30.10. – 2.11.). Mit Unterstützung der Deutschen Kinemathek und der DEFA-Stiftung.