November 2008, kino arsenal

Buchpräsentation "Wer sagt denn, dass Beton nicht brennt, hast Du's probiert? West-Berlin 80er"

OKAY OKAY. DER MODERNE TANZ, 1980

Im Oktober 2006 wurde eine Gruppe von Zuschauern in die West-Berliner Vergangenheit geschickt: Man versammelte sich im alten Arsenal in der Welserstraße. Die Stühle waren weg, die Wände verputzt, Vorhang und Leinwand hingen noch an ihrem Platz. Auf einem Baugerüst stand ein Projektor. Ein Film wurde eingelegt, auf der Leinwand sah man Zweiräder durch einen Hausflur fahren. Es roch nach Benzin. Die Tür öffnete sich, ein Motorrad fuhr in den Raum, suchte sich zwischen irritierten Kinobesuchern seinen Weg und verschwand. Im Rahmen des 13. Forums der Berlinale war Stiletto bei der Premiere seines Films Formel Super VII (1983) mit einem Zündapp Mokick durch den Zuschauerraum des Arsenals gefahren. Ein Déjà-Vu.

Mit dem Programm Wer sagt denn, dass Beton nicht brennt, hast Du's probiert? präsentierten die Kuratoren Stefanie Schulte Strathaus und Florian Wüst 2006 Filme und Videos, die zwischen dem Ende der 1970er Jahre und der Öffnung der Mauer in West-Berlin entstanden waren, in einer Zeit, in der über den Potsdamer Platz die Mauer lief. Man verschrieb sich nicht länger der Weltrevolution, sondern drang auf die Verwirklichung alternativer Lebensformen zwischen atomarer Endzeit und Häuserkampf, Schwul-/Lesbischsein und Femisismus, Punk, New Wave und Drogen. Die Abkehr von dem, was normal ist, äußerte sich in ästhetischen Experimenten, kostümhaften Inszenierungen oder der Ablehnung einer geschlossenen Narration.

Der Ort des Kinos, an dem man Nächte verbrachte, spielte eine wichtige Rolle. Während eine Vielzahl von Spielstätten in besetzten Häusern entstanden, die mit dem 1970 eröffneten Arsenal einen Gegenpol zur kommerziellen Kinolandschaft bildeten, wurden städtische Räume und Gebäude zu temporären Projektionsorten umfunktioniert, an denen sich Film, Super-8-Installationen, Musik und Performance gegenseitig hervorbrachten.

Jetzt ist bei b_books das Buch zur Filmreihe erschienen, eine Publikation des neuen Arsenal – Institut für Film und Videokunst. Rainer Bellenbaum, Justin Hoffmann, Ines Schaber & Matthias Heyden, Dirk Schaefer, Marc Siegel, Nicole Wolf sowie die Künstlerin Krimo und die HerausgeberInnen Stefanie Schulte Strathaus und Florian Wüst nähern sich den Themen auf unterschiedliche Weise. Wir zeigen eine Auswahl des Programms von 2006, ergänzt durch neu entdeckte Filme.

AS TIME GOES BY (Rosi S.M., 1981/82, 2.11.), entstanden an der DFFB, ist eine poetische Bildergeschichte des Berliner Alltags, ergänzt, kontrastiert und gebrochen durch Textzitate von Christa Wolf. Für die SFB-Produktion CYCLING THE FRAME (Cynthia Beatt, 1988) fuhr Tilda Swinton mit dem Fahrrad den Mauerstreifen entlang. Wir hören sie laut denken: Aus den ebenso traumartigen wie kritischen Beschreibungen dessen, was sie sieht, wurden poetische Texte, die sich durch das nun erschienene Buch ziehen.

OKAY OKAY. DER MODERNE TANZ (Christoph Dreher, Heiner Mühlenbrock, 1980, 3.11.) war für uns eine so bedeutende Wiederentdeckung, dass wir gemeinsam mit der Deutschen Kinemathek die Herstellung einer neuen Kopie veranlasst haben. Der Film unterlegt Stücke von Pere Ubu, Chrome, PIL, Residents, Wire oder Throbbing Gristle mit Bildern von menschenleeren Müllhalden, Parkhäusern und Industrieflächen. Die Kamera heftet sich an die Fassaden moderner Wohn- und Büroblocks und bringt Fabrikschlote und Kühltürme zum Tanzen. Im Gefühlsrhythmus post-apokalyptischer Stadtlandschaften verbinden sich hier Musik und Film auf eine selten exzellente Weise. Zur Vorführung des Films in Anwesenheit der Filmemacher präsentieren wir das Buch gemeinsam mit den Autorinnen und Autoren

Das Programm Ein Beweis von Gefühl (4.11.) mit Filmen von Jürgen Baldiga, Cynthia Beatt, Brigitte Bühler & Dieter Hormel, Andrea Hillen and Rolf S. Wolkenstein widmet sich dem Gefühl des Andersseins und der ungestillten Sehnsucht. Die Geschichte der Stadt hat sich in verrußte Ruinen und in die Nachkriegsarchitektur eingeschrieben. Fragmenthafte Erzählstrukturen und stilisierte Stimmungsbilder veranschaulichen die Erfahrung der inneren Unruhe. Mit dabei der Film, der das Projekt inspirierte: BÖSE ZU SEIN IST AUCH EIN BEWEIS VON GEFÜHL (Cynthia Beatt, 1983), mit Heinz Emigholz und der Filmemacherin selbst.

JESUS – DER FILM (Michael Brynntrup, 1986, 4.11.) ist ein Super-8-Monumentalfilm über den Lebens- und Leidenszweck von Jesus Christus. Er enthält Episoden zahlreicher Protagonisten der 1980er: Anarchistische Gummizelle, Jörg Buttgereit, Die Tödliche Doris, Frontkino / Konrad Kaufmann, Birgit und Wilhelm Hein, intershop gemeinschaft wiggert, Almut Iser, Dietrich Kuhlbrodt, Georg Ladanyi, Merve Verlag, Giovanni Mimmo, padeluun, Robert Paris und Andreas Hentschel, Schmelzdahin, Stiletto, Sputnik Kino / Michael Wehmeyer, Teufelsberg Produktion, Lisan Tibodo, VEB Brigade Zeitgewinn, Werkstattkino München / Doris Kuhn, Andreas Wildfang und Michael Brynntrup selbst.

BILDNIS EINER TRINKERIN (Ulrike Ottinger, 1979, 6. & 20.11.) ist der erste Teil ihrer Berlin-Trilogie. Zwei Texte des Buches beziehen sich auf den Film, der wie CYCLING THE FRAME und OKAY OKAY. DER MODERNE TANZ künftig zweimal im Monat in der Reihe Blickpunkt Potsdamer Platz zu sehen sein wird, erstmalig am 5.11.

DAS ZÖGERN IST VORBEI (MedienOperative Berlin, 1981, 3. & 4.11.) zeigt die Ereignisse des Häuserkampfes von 1981, die zum Tod des Hausbesetzers Klaus-Jürgen Rattay führten. Mit Hilfe von Fernsehbildern und eigenen Videoaufnahmen wird versucht, ein anderes Bild der Geschichte als das der offiziellen Medien zu zeichnen. Wir zeigen das Video in der Black Box im Roten Foyer.

Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds. Mit Unterstützung des Goethe Institut Toronto.