April 2009, kino arsenal

Polish New Wave. The History of a Phenomenon That Never Existed

WIECZNE PRETENSJE, 1974

Das Filmfestival filmPOLSKA 2009, das mittlerweile zum vierten Mal in Berlin stattfindet und sich in den letzten Jahren in erster Linie dem zeitgenössischen polnischen Kino gewidmet hat, expandiert in diesem Jahr nicht nur, was die Anzahl der teilnehmenden Kinos angeht, sondern auch in Bezug auf den Umfang und die Ausrichtung des Programms. Neben aktuellen polnischen Spiel- und Dokumentarfilmen der letzten Monate richtet die im Arsenal stattfindende Retrospektive unter dem Titel „die Polnische Neue Welle“ den Blick auf ein filmhistorisches bzw. -ästhetisches Phänomen, das in der polnischen Geschichtsschreibung bislang als Bezeichnung eines spezifisch filmischen Trends noch nicht existierte. Erst vor kurzem haben die polnischen Kuratoren Łukasz Ronduda und Barbara Piwowarska vom Centre for Contemporary Art in Warschau den Begriff der "Polnischen Neuen Welle" als Überbegriff für eine Reihe polnischer Dokumentar- und Spielfilme eingeführt, die in den letzten 40 Jahren entstanden sind, sich den traditionellen Filmformen kategorisch verweigern, formal radikal neue Wege beschreiten und in der Schnittmenge zwischen zeitgenössischer Kunst und Kino anzusiedeln sind. Diese Initiatoren der Neuschreibung der polnischen Filmgeschichte haben ihre Erkenntnisse in Form der vorliegenden Filmreihe und einer von beiden herausgegebenen Publikation dokumentiert.

RYSOPIS (Identification Marks: None, Jerzy Skolimowski, 1964, 24.4., zu Gast: Łukasz Ronduda und Barbara Piwowarska, & 30.4.) Das radikale, formal innovative, autobiografisch gefärbte Spielfilmdebüt (von Kritikern sofort als Vorbote einer Polnischen Neuen Welle bezeichnet) protokolliert die letzten Stunden eines 24-jährigen Studenten vor seiner Einberufung zum Militär.
"… weniger die Beschreibung eines Charakters als einer Haltung, die sich den Forderungen des Gesellschaft verweigert. Der Film lässt nicht den Helden sich entwickeln, wohl aber die Einsicht des Zuschauers." (Enno Patalas) Skolimowski drehte einzelne Teile des Films im Laufe seines Filmstudiums in Lodz, wobei er das vermeintlich "Amateurhafte" seines Films bewusst als subversives Stilmittel einsetzte.

Einen besonderen Schwerpunkt der Reihe bilden die beiden Filme des Regisseurs und Filmtheoretikers Grzegorz Królikiewicz, in denen er inhaltlich wie formal scharfe Kritik am gesellschaftlichen und politischen Status quo im Polen der 70er Jahre übte und die schwierige Beziehung zwischen dem Einzelnen und einer repressiven Umgebung aufzeigte. Mithilfe seines Konzepts des "extra-frame-space" – Bildraum, den der Zuschauer mit eigenen Wahrnehmungsentscheidungen füllen muss – wollte Królikiewicz Kreativität und Vorstellungskraft der Zuschauer befördern.

NA WYLOT (Through and Through, Grzegorz Królikiewicz, 1972, 24.4., mit Einführung, & 29.4.) Das radikale Filmdebüt zeigt den verzweifelten Kampf eines Paares um einen Platz in der Gesellschaft und ein bescheidenes Auskommen. Als ihre Bemühungen scheitern, sehen sie ihren einzigen Ausweg im Verbrechen. Sie ermorden drei wehrlose alte Menschen, werden umgehend von der Polizei gefasst und vor Gericht gestellt. Der zutiefst pessimistische Film zeichnet eine monströse, absurde und hässliche Welt, in der der Ein zelne scheitern muss.

HYDROZAGADKA (The Hydro-Riddle, Andrzej Kondratiuk, 1970, 25.4., mit Einführung) In dieser parodistischen Mischung aus Komödie, Comic und Detektivfilm versuchen ein Team aus Wissenschaftlern und ein Detektiv das Rätsel um die auf unerklärliche Weise verschwundenen Wasservorräte Warschaus zu lösen. Es ist Hochsommer, und die herrschende Hitzewelle ruft nach schnellem Handeln. Spielerisch werden klassische Filmhelden bzw. andere genretypische Filmheroen dekonstruiert und unverfroren Zitate aus Werken von Shakespeare, Goethe u.a. zusammengewürfelt – kaum zu glauben, dass der Fernsehfilm die Zensur passieren konnte.
Vorfilm: WANDA GOSCIMINSKA. WŁÓKNIARKA (Wanda Gosciminska. A Textile Worker, Wojciech Wiszniewski, 1975) Die filmische Demontage eines Produkts kommunistischer Propaganda: der Arbeiterkämpferin Wanda Gosciminska.

WIECZNE PRETENSJE (Endless Claims, Grzegorz Królikiewicz, 1974, 25.4., mit Einführung) Mittelpunkt des Films ist eine Installation des berühmten Performance-Künstlers Zbigniew Warpechowski (Set-Desiger aller Filme von Królikiewicz), die für den Film realisiert und nur während der Dreharbeiten in der Galerie für Moderne Kunst in Wrocław ausgestellt wurde. Von der Straße aus konnten Passanten die Installation (das Set der Dreharbeiten) beobachten und wurden so Teil des Films.

REWIZJA OSOBISTA (Personal Search, Andrzej Kostenko & Witold Leszczynski, 1972, 27.4., mit Einführung) Eine filmische Parallelführung der westlichen Werbewelt und der Idealvorstellung polnischer Lebensführung in den 70er Jahren. Die unterschiedlichen Lebensentwürfe unterscheiden sich kaum in ihrem Bestreben, von der Wirklichkeit abzulenken. Schauplatz des psychologischen Dramas ist ein Zollamt, wo Konsumgüter und das Schmugglerwesen aufeinandertreffen.

ILUMINACJA (The Illumination, Krzysztof Zanussi, 1973, 28.4., mit Einführung) Das Mosaik einer Lebensbefragung: In raschen Durchgängen, schlaglichtartigen Ausschnitten und abgekürzten Dialogen folgt der Zuschauer den Stationen eines polnischen Naturwissenschaftlers auf der Suche nach der absoluten Wahrheit und dem Sinn von Leben und Tod. Der Filmessay vereint Elemente des Spiel- und des Dokumentarfilms, kontrastiert dabei das idealistische Streben nach philosophischer Erkenntnis mit den Routinen des Alltags. Als Vorfilm läuft SCENY NARCIARSKIE Z FRANZEM KLAMMEREM (Skiing Scenes with Franz Klammer, Bogdan Dziworski, Gerald Kargl, Zbigniew Rybczynski, 1980), ein gelungenes Beispiel der "kreativen" Dokumentarfilme, wie sie an der Filmhochschule in Lodz entstanden. Der Film bearbeitet biografische und visuelle Impressionen aus dem Leben des berühmten österreichischen Skifahrers Franz Klammer.

NA SREBRNYM GLOBIE (On the Silver Globe, Andrzej Zuławski, 1976, 26.4., mit Einführung) Ein früher Science-Fiction-Film: In ferner Zukunft haben Pioniere von der Erde einen fernen Planeten kolonisiert und eine intakte, friedfertige Gesellschaft aufgebaut, die die Fehler der irdischen Zivilisation vermeidet. Doch sie werden von furchterregenden Wesen aus dem All terrorisiert und rufen die Erde um Hilfe an. Der Film beginnt und endet mit einem Off-Kommentar von Zuławski, in dem er die Umstände des Scheiterns der zwölfjährigen Produktion beschreibt, die aufgrund "subversiver Tendenzen" vom polnischen Kulturministerium verboten wurde.

Die Retrospektive Polish New Wave wurde von Łukasz Ronduda und Barbara Piwowarska kuratiert und findet statt in Zusammenarbeit mit dem Centre for Contemporary Art Ujazdowski Castle / Film Form Archive und dem Polnischen Filmarchiv (Filmoteka Narodowa). Das Festival filmPOLSKA ist eine Veranstaltung des Polnischen Instituts, Berlin, kuratiert von Kornel Miglus.

Mit Unterstützung des Polnischen Filminstituts, des Adam Mickiewicz Instituts, der Stiftung für Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit.
Unter der Schirmherrschaft des Medienboards Berlin-Brandenburg.