Juni 2011, kino arsenal

Once Upon a Time in the West. Zur Geschichte des Western-Genres

RIO BRAVO, 1959

Lange Zeit gehörte der Western zu den wichtigsten Genres Hollywoods überhaupt: Western machten ein Viertel aller zwischen 1910 und 1960 in Hollywood produzierten Filme aus. Die Filmgeschichte und die Geschichte des Westerns sind dabei in besonderer Weise miteinander verknüpft. "Der Western sitzt an einer Schnittstelle, an der sich Geschichtsschreibung und Mythisierung, tatsächliches Geschehen und massenmediale Interpretation überschneiden und ineinanderfliessen." (Alexandra Seitz)

Nach dem Erfolg von Serials mit Western-Stars in der Stummfilmzeit setzte erst 1939 mit John Fords STAGECOACH wieder eine Renaissance ein. In den 50er Jahren, der Blütezeit des Genres, wurde der Western erwachsener und reifer. Er begann seine eigenen Mythen zu hinterfragen und einer kritischen Neubewertung zu unterziehen. Die Psychologie der nun schon zweifelnden Helden spielte eine Rolle, der Blick zurück in die Geschichte wurde differenzierter, bitterer und introspektiver. In den 60er Jahren schließlich wurde der Westerner alt und müde. Seine Mythen waren endgültig entzaubert und es war nicht mehr zu leugnen, dass die Besiedlung des Kontinents und die Gründung der Nation auf Landraub und Völkermord an den Indianern, Gewalt und Ausbeutung basierten. Erst der Italo-Western mit seiner exzessiven, opernhaften Inszenierung brachte dem Genre neue Impulse. Seit Mitte der 70er Jahre schließlich sank der Western in die Bedeutungslosigkeit – um, wenn auch nur in Einzelwerken, immer wieder aufzuerstehen. Die Reihe wird im Juli fortgesetzt.

RIO BRAVO (Howard Hawks, USA 1959, 8.6., mit einer Einführung von Bert Rebhandl & 30.6.) Ein Western als Kammerspiel: Der Sheriff John Chance (John Wayne) hat den Bruder des Viehbarons Nathan Burdette festgenommen und muss ihn im Gefängnis festhalten, bis der Marshal kommt und ihm der Prozess gemacht werden kann. Währenddessen belagern die Kumpane des Verbrechers das Gefängnis. Chance hingegen hat nur wenige, die ihm zur Seite stehen: einen Säufer (Dean Martin), einen kauzigen Alten, eine Kartenspielerin auf der Durchreise und einen jungen Cowboy. "RIO BRAVO ist eine Liebeserklärung an die Gruppe, in der sich Arbeit, Achtung, Erotik und Witz im Angesicht der Gefahr utopisch (und mit understatement) ergänzen." (Harry Tomicek)

IL BUONO, IL BRUTTO, IL CATTIVO (The Good, the Bad and the Ugly, Sergio Leone, Italien/Spanien/BRD 1966, 10. & 23.6.) Der letzte Teil aus Leones Dollar-Trilogie, die den damals unbekannten TV-Schauspieler Clint Eastwood zum Star machte. Drei Goldjäger konkurrieren auf einer grotesken Schatzjagd um eine verlorene Regimentskasse. "THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY empfiehlt sich als barockes Bankett von Exzessen, als Burleske über Gemetzel, Folter und Tod und als Amoklauf der Gegensätze. Statt dem ruhigen Rhythmus klassischer Western: das Bombardement des Hastigen durch das Gedehnteste. Statt weiten Räumen und Totalen: das Stakkato von long shots und close-ups, in dem Horizont und Bartstoppel unvermittelt aneinander geraten." (Harry Tomicek)

HIGH NOON (12 Uhr mittags, Fred Zinnemann, USA 1952, 11. & 20.6.) erzählt in fast völliger Übereinstimmung von erzählter Zeit und Erzählzeit von Marshall Will Kane (Gary Cooper), den sein Gewissen zwingt, Verantwortung auch dann zu übernehmen, wenn sie nicht mehr von ihm erwartet wird: A man's character is his destiny. In seinem Spannungsaufbau meisterlich inszeniert, wurde HIGH NOON oft als Kommentar zur Atmosphäre der McCarthy-Ära rezipiert.

THE WILD BUNCH (Director's Cut, Sam Peckinpah, USA 1968, 11.6. & 2.7.) Die Bande von Pike Bishop überfällt einen Zug und versucht, die Beute in Mexiko zu verschachern. Wir schreiben das Jahr 1913: Der Wilde Westen ist längst Vergangenheit, die Outlaws sind gealtert und müde geworden. Noch einen letzten Coup will Bishop durchführen und sich dann zur Ruhe setzen. Sam Peckinpahs apokalyptisches Meisterwerk ist der definitive Spätwestern: radikal, komplex, keinen Schmerz und keine Gewalt aussparend. "Einer der reichsten und verwirrtesten Filme aller Zeiten." (Jim Hoberman)

3:10 TO YUMA (Zähl bis drei und bete, Delmer Daves, USA 1956, 14. & 18.6.) Um drei Uhr zehn fährt der Zug nach Yuma ins Gefängnis. Bis dann muss ein verarmter Farmer einen Bandenchef in einem Hotelzimmer bewachen. Vor dem Hotel haben sich die Kumpane bereits für eine Befreiungsaktion postiert. Delmer Daves, der in den 50er Jahren mit einer Reihe von ungewöhnlichen und billig produzierten Western auffiel, schuf ein atmosphärisch dichtes Drama.

WINCHESTER ´73 (Anthony Mann, USA 1950, 15. & 26.6.) Ein Mann mit einer klaren Aufgabe: Lin McAdam ist ein verbitterter, von Rachegedanken getriebener Mann, der den Mörder seines Vaters zur Strecke bringen will. Gleichzeitig verfolgt er die Winchester ’73, ein begehrtes Gewehr, das er bei einem Wettschießen gewinnt und gleich wieder verliert. WINCHESTER ´73 war der erste einer ganzen Reihe von Western, die Anthony Mann mit James Stewart drehte und die vor allem die dunkle, gewalttätige Seite des Genres ausleuchteten.

Mit UNFORGIVEN (Erbarmungslos, Clint Eastwood, USA 1992, 17. & 26.6.) betreibt Clint Eastwood gleich auf mehreren Ebenen Entmythologisierung: Er demaskiert nicht nur die alten Heldenmythen, sondern auch sich selbst als Westernhelden. Der von ihm verkörperte Bill Munny, ein sesshaft gewordener Revolverheld, kann der Versuchung nicht widerstehen, sich als Kopfgeldjäger auf die Spuren zweier Männer zu begeben, die eine Prostituierte missbraucht haben. Mit bitterer Ironie wird die Schäbigkeit des Tötens und die Sinnlosigkeit des Sterbens dargestellt.

THE BALLAD OF CABLE HOGUE (Abgerechnet wird zum Schluss, Sam Peckinpah, USA 1969, 18.6. & 2.7.) Der Goldsucher Cable Hogue wird von seinen Kumpanen ausgeraubt und ohne Wasser und Nahrung in der Wüste zurückgelassen. Nach Tagen des verzweifelten Herumirrens entdeckt er eine Quelle, eröffnet daraufhin eine Kutschstation und kommt so zu Wohlstand. Doch eigentlich ist sein einziges Ziel die Rache an den ehemaligen Freunden. "CABLE HOGUE also ist von vorneherein anders. Voller Überraschungen, eigenartig, merkwürdig, hie und da brillant, nicht selten von einem deliranten Humor durchzogen, dann wieder tieftraurig, ruppig, nicht zuletzt zärtlich und von eigentümlicher Leichtigkeit im Umgang mit dem Material." (Thomas Groh)

RED RIVER (Panik am Roten Fluss, Howard Hawks, USA 1948, 19.6. & 1.7.) Ein Treck der größenwahnsinnigen Art: 10000 Rinder durch 1000 Meilen unwegsames Gelände zu treiben. Tom Dunson (John Wayne) befehligt die monatelange Schinderei mit eiserner Hand und despotischem, autoritärem Gestus. Seine unnachgiebige Strenge führt zu Unmut unter den Cowboys und droht die Unternehmung zu gefährden. "Formal arbeitet Hawks in der Inszenierung mit Finessen, die dem düsteren Film noir jener Jahre entlehnt scheinen. Mehr und mehr wird die Umgebung zum Spiegel der Verfassung der Protagonisten." (Marcus Stiglegger)

STAGECOACH (Ringo/Höllenfahrt nach Santa Fé, John Ford, USA 1939, 22. & 27.6.) Ein Schlüsselwerk des Genres, das den Ruhm John Fords begründete und John Wayne als Westernhelden etablierte. Eine bunt zusammengewürfelte Reisegesellschaft fährt mit der Postkutsche durch feindliches Indianergebiet. "Klassisch ist John Fords Film nicht nur, weil er die klassische Einheit von Ort, Zeit und Raum auf beispielhafte Weise wahrt, und nicht nur, weil er selbst zum Vorbild für viele andere Filme des Genres geworden ist, sondern auch deshalb, weil er so perfekt den Mythos des Westens wiedergibt, als hätte er ihn selbst konstituiert." (Georg Seeßlen)