Oktober 2011, kino arsenal

Akira Kurosawa (II)

KAGEMUSHA, 1980

Im Oktober setzen wir die umfangreiche Retrospektive der Filme von Akira Kurosawa fort und präsentieren sowohl die ersten vier Filme des Regisseurs, die in den letzten Kriegsjahren entstanden sind und in unterschiedlicher Weise – propagandistische Färbung, Zensur, Produktionsmöglichkeiten – von dieser Zeit geprägt sind, als auch Kurosawas Spätwerk, angefangen von Kurosawas erstem Farbfilm DODES'KA-DEN bis zu MADADAYO, seiner souveränen Meditation über den unbedingten Lebenswillen und die Unausweichlichkeit des Todes.

TENGOKU TO JIGOKU (High and Low, Japan 1963, 1.10.) Brillant-stringenter Thriller, der die Mechanik des Genres mal in Gang, mal außer Kraft setzt. Die Spannung entspringt dem zu Beginn des Films ausführlich geschilderten inneren Konflikts eines Produktionsleiters (Mifune), der sich entscheiden muss, ob er den Freund seines Sohnes freikaufen oder seine Karriere retten soll. Das Dilemma zwischen Verantwortung und Korrumpierbarkeit tritt vor dem Hintergrund einer aus den Fugen geratenen modernen Welt umso schärfer in Erscheinung.

SUGATA SANSHIRO (Judo-Saga, Japan 1943, 16. & 21.10.) Nach sieben Jahren als Regieassistent bei seinem Mentor Kajiro Yamamoto entsteht Kurosawas Debüt mitten im Krieg und wird prompt von der japanischen Zensurbehörde um 20 Minuten gekürzt. In der rekonstruierten Fassung sind die eliminierten Szenen durch Texttafeln ersetzt. Die Geschichte entspannt sich um den titelgebenden Jiu-Jitsu-Schüler Sanshiro, der im ausgehenden 19. Jahrhundert die Kunst des Judo erlernen will. Als sein Judo-Meister ihn gegen seinen ehemaligen Jiu-Jitsu-Lehrer Murai antreten lässt, gerät Sanshiro in emotionale Bedrängnis, weil er sich in Murais Tochter verliebt hat. Eine éducation physique wie sentimentale in der Welt der martial arts.

ICHIBAN UTSUKUSHIKU (The Most Beautiful, Japan 1944, 17.10.) Die propagandistischen Züge in Kurosawas Variation des "Durchhaltefilms" sind unverkennbar: Eine Gruppe von Arbeiterinnen einer Fabrik für optische Linsen meldet sich freiwillig, die bereits kriegsbedingt erhöhte Produktionsquote noch weiter zu steigern. Ohne Rücksicht auf körperliche Erschöpfung, Krankheit und persönliche Trauerfälle konzentrieren sich die "Soldatinnen der Produktion" auf ihren Arbeitseinsatz. Vorwiegend an Originalschauplätzen, dem Werksgelände einer Fabrik gedreht, wo die Schauspielerinnen in die Arbeit an den Maschinen eingewiesen wurden, trägt der Film semidokumentarische Züge. Ein nüchternes Zeugnis quasi militärischer Disziplin und zugleich ein aufschlussreicher Blick auf die Kriegsanstrengungen einer Gruppe von Frauen.

ZOKU SUGATA SANSHIRO (Judo-Saga 2, Japan 1945, 18.10.) Der zweite Teil von Kurosawas außerordentlich erfolgreichem Debütfilm kann stilistisch, dramaturgisch und in Bezug auf die Charakterzeichnung nicht an seinen fulminanten Vorgänger heranreichen. Hauptfigur San-shi-ro muss sich erneut gegen verschiedene, teilweise propagandistisch gezeichnete Gegner zur Wehr setzen. Nach einem Kampf gegen einen amerikanischen Boxer stellt er sich der Auseinandersetzung mit den Brüdern seines Hauptrivalen aus Teil 1. Der Judo-Showdown findet in einer wattegleichen Schneelandschaft statt, in der karikierend überzeichnete Bösewichter und Verrückte mit Perücken und Bambusstäben gegen den hoffnungslos gutmütigen Sanshiro antreten.

TORA NO O O FUMU OTOKOTACHI (Those Who Step on the Tail of the Tiger, Japan 1945, 18.10.) Nach denkbar schwierigen Produktionsbedingungen in der letzten Kriegsphase beendet Kurosawa den Film unter amerikanischer Besatzung, die ihn prompt aufgrund vermeintlicher Verherrlichung des japanischen Feudalismus nicht zur Vorführung zulässt. Kurosawas erstes Samurai-Porträt handelt von einer Gruppe von Kriegern, die sich im 12. Jahrhundert auf der Flucht vor feindlichen Truppen als Wandermönche ausgibt. Die Maskierung wird auf die Spitze getrieben, als der anführende Fürst die Kleidung eines einfachen Lastenträgers anlegt, um einen Grenzposten unerkannt zu passieren. Vor dem Hintergrund ihrer scheinbaren Umkehrung treten die sozialen Hierarchien und Gesetze der Samurai umso deutlicher zu Tage. Besonders prominent platziert Kurosawa einen "echten" Lastenträger – gleichzeitig als "comic relief" und Vertreter des "common sense".

DODES'KA-DEN (Japan 1970, 19. & 23.10.) Andere Formen, andere Themen kündigte Kurosawa nach AKAHIGE (1965) für seine künftigen Filme an. Fünf Jahre später – nach zahlreichen gescheiterten Projekten – verstörte Kurosawas Neuausrichtung Publikum und Kritik. Sein erster Farbfilm – expressiv und grell –, in der Rekordzeit von einem Monat und mit geringem Budget gedreht, zeigt ineinander verwobene Episoden aus dem Leben und den Träumen einiger Bewohner eines Slums. Ein Junge lenkt eine imaginäre Straßenbahn über eine Müllkippe, ein kleiner Büroangestellter leidet unter seinen körperlichen Beschwerden und seiner übelgelaunten Ehefrau, ein antriebsloser Vater kann den Tod seines Sohnes nicht verhindern. Reale Lebensumstände und Traum- /Wahnwelten bilden die Klammer, in der die Protagonisten ihre Menschenwürde zu bewahren suchen.

KAGEMUSHA (Japan/USA 1980, 20. & 22.10.) Rollentausch, Doppelgänger, Maskeraden – in KAGEMUSHA (wörtlich: Schattenkrieger) greift Kurosawa Motive aus THOSE WHO STEP … wieder auf. Ein verurteilter Dieb soll die Rolle eines verstorbenen Fürsten übernehmen, dem er frappierend ähnlich sieht, damit der überraschende Tod des ehemaligen Herrschers Vertrauten und Feinden verborgen bleibt. Das Doppelspiel währt über drei Jahre und zahlreiche Schlachten, bis in einem letzten Gefecht Tradition und Moderne gegeneinander antreten. Der Gestus des Prachtvollen, Monumentalen und Erhabenen umgibt die feudale Welt, entwirft dabei "die Epoche nicht als vergangene Wirklichkeit, sondern als ästhetischen Mythos" (Karsten Visarius).

DERSU UZALA (Uzala, der Kirgise, Japan/UdSSR 1975, 21. & 26.10.) Nach Misserfolg und Krise gewinnt Kurosawa mit diesem in der Sowjetunion und mit russischen Schauspielern gedrehten Film nicht nur räumlichen Abstand. Wieder steht das Lehrer-Schüler-Thema im Vordergrund. Ein Forscher und Kartograf trifft auf seinen Reisen durch die Taiga den Jäger Dersu, einen Ureinwohner, der in völligem Einklang mit der Natur lebt. Trotz aller Gegensätze – der Kartograf ist ein Vorbote des technischen Fortschritts, der die Unberührtheit der Natur zerstören wird – entwickelt sich zwischen den beiden eine tiefe Freundschaft. Ein Film über die Dominanz der Natur der Wald-, Schnee- und Traumlandschaften.

KONNA YUME WO MITA (Dreams, Japan/USA 1990, 24. & 25.10.) In acht Episoden taucht Kurosawa in seine eigenen Träume, seine Kindheitserinnerungen, Ängste und Hoffnungen ein und besinnt sich in der visuellen Ausgestaltung der einzelnen Szenen ganz auf seine in der Malerei liegenden Wurzeln. Dem überbordenden Farb- und Kompositionsspektrum stellt er eine streckenweise minimalistische "Geräusch"-spur zur Seite.

HACHIGATSU NO KYOSHIKYOKU (Rhapsody in August, Japan 1991, 25. & 28.10.) Ein Sommer bei Großmutter Kane wird für die gesamte Familie zu einer Reise in die Erinnerung an den Großvater, der beim Atombombenabwurf auf Nagasaki ums Leben kam. Als Kanes amerikanischer Neffe auf Besuch kommt, hilft ihr die gemeinsame Trauer um den Verstorbenen, mit der Vergangenheit fertig zu werden. Ein stiller Film über das Spannungsfeld zwischen Erinnerung, Verständnis, Schuld und Versöhnung.

MADADAYO (Not Yet, Japan 1993, 29. & 31.10.) 1943: Professor Uchida gibt seinen Lehrstuhl auf, um als Schriftsteller arbeiten zu können. In den folgenden unruhigen Jahren führt er ein bescheidenes, aber zufriedenes Leben. Seine ehemaligen Studenten trifft er alljährlich zum Geburtstag, der mit der immergleichen Frage endet, ob Uchida bereit sei, in eine andere Welt hinüberzugehen. 16 Mal antwortet er "Mada da yo!", "Noch nicht!" Ein Jahr später bricht er während der Feier zusammen. Weniger selbstgefälliges Rührstück als souveräne Abhandlung über Zeitläufe und Vergänglichkeit.

In Zusammenarbeit mit der Japan Foundation Tokyo/Köln im Rahmen der Veranstaltungsreihe "150 Jahre Freundschaft Deutschland und Japan". Besonderer Dank an Angela Ziegenbein (Japanisches Kulturinstitut, Köln) und Klaus Volkmer (Filmmuseum München).