Dezember 2005, kino arsenal

Geschichte(n) des Kinos – Jean-Luc Godard

Histoire(s) du Cinéma

Histoire(s) du Cinéma, 1988-1998

Wie die Geschichte des Kinos denken? Wie Filmgeschichte(n) schreiben? Was ist Kino, was will es, was kann es? Kein anderer Filmemacher der Moderne hat sich mit diesen Fragen so unab-lässig und intensiv beschäftigt wie Jean-Luc Godard – ausgehend von der Überzeugung, dass „eine wahre Geschichte des Kinos“ nicht zu schreiben, sondern nur vom Kino selbst zu erzählen sei, mit Bildern und Tönen, seinen ureigensten Mitteln, in Gestalt von Filmen. Durch seine filmischen Interventionen hat Godard nicht nur das Gesicht des Kinos verändert, sondern – indem er sich für das kinematografische Unbewusste interessierte – dem Kino auch ein Bewusstsein seiner selbst gegeben, das für den Übergang in die Bild- und Medienkultur des 21. Jahrhunderts unerlässlich war. Godards Projekt einer „wahren Geschichte des Kinos“ manifestiert sich vor allem in seinem legendären, aber in Deutschland kaum bekannten achtteiligen Videoessay Histoire(s) du Cinéma (F 1988–1998). Er ist Höhepunkt und analytische Verdichtung seiner Haltung zum Kino und zur Geschichte. Diese monumentale Arbeit, für deren Fertigstellung Godard zehn Jahre benötigte, wurde hierzulande als Filmgeschichte nicht ernstgenommen (nur die später grundlegend überarbeiteten Kapitel 1A und 1B wurden im Jahr 1990 im Forum gezeigt) und gewissermaßen der Kunst zugesprochen – bis auf die Präsentation als Teil einer Installation im Rahmen der Documenta X sind die Histoire(s) du CinémA in voller Länge bislang nicht zur öffentlichen Vorführung gekommen. Umso mehr freuen wir uns, dank der Unterstützung des Bureau du Cinéma anlässlich des 75. Geburtstags von Jean-Luc Godard die Geschichte(n) des Kinos versuchsweise ins Kino holen zu können.

Wir flankieren Godards Opus magnum mit der von ihm selbst verantworteten kurzen Kinofassung HISTOIRE(S) DU CINEMA – MOMENTS CHOISIS (F 2000) und mit seinem neuesten Film, NOTRE MUSIQUE (F/CH 2004), der ebenfalls die Reflexion über die (Katastrophen-)Geschichte des 20. Jahrhunderts und das Nachdenken über das Kino verschränkt.

HISTOIRE(S) DU CINEMA – MOMENTS CHOISIS (F 2000) entstand als Auftragsarbeit für das Filmfestival in Cannes. Ausgehend von dem über vierstündigen Videoessay erarbeitete Godard eine Fassung neu montierter „ausgewählter Momente“ (so der Titel) im 35mm-Format, mit der kinotauglichen Standardlänge von 80 Minuten (acht Mal je zehn Minuten aus den acht Kapiteln). Der Film ist eine Verdichtung der Histoire(s) du Cinéma, eine vielschichtige Reflexion über die Geschichte des Kinos als Geschichte des 20. Jahrhunderts (und umgekehrt), anhand von Filmausschnitten, Textfragmenten, Gemälden (Picasso, Goya, Manet), dem Einsatz von Schrift, von Überblendungen und mit der Stimme Godards aus dem Off. Bisweilen blinkt in roter Schrift das Wort „Erreur“ auf: so markiert Godard Fehler, die ihm in der langen Version unterlaufen waren. (16.12., Einführung: Hanns Zischler, & 23.12.)

„Denn die Bilder des Kinos sind seit je mehr und anderes als Ab- und Nachbilder einer äußeren, chronologischen Geschichte. Sie sind und signieren die Geschichte nicht weniger, als die Geschichte sich in ihnen konstituiert.“ (Hanns Zischler)

Godards Arbeit an der Geschichte und den Geschichten des Kinos in Histoire(s) du Cinéma (F 1988–1998) geht davon aus, dass Kino aus eigener Kraft Geschichte hervorbringt, dass der Film die Geschichte und das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts verändert hat und dass die große, die einzige Erfindung des Kinos die Montage war. Das Kino ermöglicht – durch Montage von Kinogeschichte(n) mit Geschichte – eine andere Form zu denken, ein filmisches Denken in Bildern. Um diese Form, diese Bilder des Denkens (und nicht etwa um Chronologie) geht es Godard in den Histoire(s) du Cinéma.

Die von Godard entwickelte Form der Montage, die eng verbunden ist mit dem (Film-)Zitat beschreibt sein Verhältnis zur Filmgeschichte und zur Geschichte. „Montage ist Bezug und der Bezug ist da, ehe sich die Einstellung bildet, der eine andere sich anschließt. Sie ist Vergleich, nicht Gleichung zwischen den Dingen. Die Koexistenz der Geschehnisse muss vor Augen geführt werden, (…) die Gleichzeitigkeit, die im Entstehen begriffen ist und von den Bildern mitgeschaffen wird.“ (Frieda Grafe) Montage ist für Godard nicht Schnitt, sondern Kombination, etwas, das aus der Abfolge Gleichzeitigkeit macht und einen Denkanstoß bewirkt, eine Assoziation freisetzt. So verstanden, fördert die Montage Neues zutage, bringt zwei Dinge zusammen, um ein Drittes sichtbar zu machen, das in beiden bereits vorhanden, aber nicht offensichtlich war. Die Geschichte des Kinos wird somit nicht als feststehendes Monument, als lineare Filmgeschichte gedacht, die nach den Regeln eines geordneten Nacheinander verläuft, sondern als unabgeschlossenes Projekt. Irrtümer werden nicht ausgeschlossen. Entsprechend geht es in Histoire(s) du Cinéma um Filmgeschichten, die es geben könnte wie um die, die es gegeben hat.
Das über viele Jahre hinweg für Histoire(s) du Cinéma zusammengetragene Material aus zahllosen Filmen wird mittels der Videotechnik aufgeschlüsselt: Beschleunigen und Verlangsamen der Sequenzen, Ein- und Ausblenden, Wiederholungen, Doppelbelichtungen, Zitieren, Schrifteinblendungen, Kommentare. Der Impuls hierbei ist ein kritischer, ein revelatorischer: Es geht um den Riss durch das 20. Jahrhundert und durch das Kino, um das Schuldigwerden des Kinos, das angesichts der Konzentrationslager scheiterte. Die Thesen aus Histoire(s) du Cinéma über die Bilder des Kinos und ihre Wechselwirkungen mit dem Zeitgeschehen sind häufig ungewöhnlich: Über die Montage kommen z.B. Filmaufnahmen von Überlebenden von Auschwitz mit dem Gesicht Elizabeth Taylors zusammen. „Wenn George Stevens nicht den ersten 16mm-Farbfilm in Auschwitz und Ravensbrück verwendet hätte, hätte Elizabeth Taylors Lächeln sicher nie A Place in the Sun gefunden.“
Der Reichtum der Kinogeschichte(n), das analytische Vermögen des kinematografischen Bildes sowie eine mehrschichtige Musik- und Stimmenspur machen aus Histoire(s) du Cinéma eine sinnliche und intellektuelle Herausforderung, überbordend und überwältigend in der Dichte an Ideen.
„Die Histoire(s) sind immer alles zugleich: Laufbild, Fotografie, Gemäldekatalog, Pixelmutation, Musik, Geräusch, Filmtonfragment, Sprechstimme, Schrift-im-Bild, Literatursteinbruch, Essaytext. Sie sind Empfindung und Wissen, Information und Emotion, Theorie und Praxis des Kinos, Geschichtsschreibung und Geschichtenerzählung. Sie sind weniger und zugleich mehr als ein Gesamtkunstwerk, weil sie nie ‚gesamt‘ und nie ‚nur‘ Kunstwerk sein wollen, sondern ein Fluss, der das Ästhetische hineinreißt in die Bewegungen des Denkens und der Geschichte.“ (Alexander Horwath) (17.12., alle acht Teile)

Wiederholung der Kapitel (auch unabhängig voneinander zu sehen): 1A TOUTES LES HISTOIRES (All the Histories) & 1B UNE HISTOIRE SEULE (A Solitary History) (20.12.)
2A SEUL LE CINEMA (The Cinema Alone) & 2B FATALE BEAUTE (Fatal Beauty) & 3A LA MONNAIE DE L'ABSOLU (The Twilight of the Absolute) & 3B UNE VAGUE NOUVELLE (21.12.)
4A LE CONTROLE DE L'UNIVERS (The Control of the Universe) & 4B LES SIGNES PARMI NOUS (The Signs Amongst Us) (22.12.)

Ebenfalls eine dichte, vielschichtige Collage und wiederum eine Reflexion über die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts, den Krieg, die Bilder, die Literatur und das Kino ist Godards aktueller Film NOTRE MUSIQUE (Unsere Musik, F/CH 2004). Hölle, Fegefeuer und Paradies heißen die Teile dieses Triptychons, in dem Godard Bilder aus alten und neuen Kriegen mit denen aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg konfrontiert. Er reist nach Sarajewo, um an einem internationalen Schriftsteller-Kongress teilzunehmen. Rolle und Identität des Intellektuellen in Zeiten von Krieg, Versöhnung und Frieden stehen zur Diskussion. Godard wird zum wohl hundertsten Mal die Frage gestellt, ob die digitale Technik das Kino auf Dauer zerstöre. Er schweigt und verdreht die Augen. (18. & 19.12.)
Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Bureau du Cinéma der Botschaft von Frankreich.