Februar 2015, kino arsenal

Kon Ichikawa

YUKINOJO HENGE, 1963

Im Anschluss an die Vorführungen im Forum der Berlinale können wir drei neu restaurierte Filme des japanischen Regisseurs Kon Ichikawa (1915–2008) als DCP im Arsenal wiederholen. Im Verlauf seiner langen Karriere, die Mitte der 30er Jahre begann, drehte Kon Ichikawa über 80 Filme – den letzten 2006 als 90-Jähriger. 1956 gewann er mit "The Burmese Harp" bei den Filmfestspielen von Venedig einen Preis und wurde auch im Westen bekannt. Sein filmisches Schaffen kann nicht in ein Schema gepresst werden. Zu divers waren seine Filme, die viele Genres und Stile in sich vereinten und von sozialen Satiren, Komödien, Dokumentarfilmen und Kriegsfilmen bis zu extravaganten Ausstattungsfilmen reichten. Die Drehbücher stammten oft von Natto Wada, mit der er verheiratet war. Persönliche Projekte wechselten mit Auftragsarbeiten, und Ichikawa selbst teilte seine Filme in "leichte" und "dunkle" ein. Ihm eigen ist auch eine ironische Sicht auf die japanische Nachkriegskultur. Gepeinigte Charaktere, die zu extremen Handlungen getrieben werden, stehen oft im Zentrum seiner Filme.

ENJO (Conflagration, Japan 1958, 24.2.) Goichi Mizoguchi kommt 1944 nach dem Tod seines Vaters als Novize in das berühmte Kloster Shukaku in Kyoto. Als Stotterer leidet der introvertierte junge Mann unter Demütigungen. Nachdem sein einziger Freund im Kloster stirbt, freundet er sich mit einem zynischen Kommilitonen an, der ihn über die Doppelmoral und Geschäftstüchtigkeit der Priester aufklärt. Goichi wird in seinem Bestreben, die "Reinheit" des Klosters vor schädlichen Einflüssen zu schützen, immer einsamer und verzweifelter. Seine Verstörung treibt ihn zu einer Gewalttat: Er zündet das Kloster an. ENJO, den Ichikawa als einen seiner besten Filme bezeichnete, basiert auf dem Buch The Temple of the Golden Pavilion von Yukio Mishima, der sich vom Brand eines nationalen Schatztempels inspirieren ließ.

OTOTO (Her Brother, Japan 1960, 27.2.) Der 17-jährige Hekiro und seine wenig ältere Schwester Gen leben mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter zusammen. Da diese unter schwerem Rheumatismus leidet, obliegt die tägliche Arbeit um die Familie vor allem Gen. Der rebellische Hekiro ist ein Taugenichts, der in ständig neue Schwierigkeiten gerät und von seiner Schwester immer wieder verteidigt wird. Die Mutter, eine streng gläubige Christin, fühlt sich in der Familie wenig akzeptiert und beklagt sich gerne über ihr Unglück. Der Vater, der als Schriftsteller zuhause arbeitet, hat für die Sorgen seiner Familie wenig Gehör. Erst eine schwere Erkrankung Hekiros kann das labile Familiengefüge wieder kitten. Gen schwankt zwischen Anpassung und Aufsässigkeit, aber der Familie, die ihr Leben definiert, kann sie nicht entkommen. Ichikawa kontrastierte das Erdrückende der Wohnung der Familie mit der Schönheit und dem Freiheitsversprechen der Natur.

YUKINOJO HENGE (An Actor's Revenge, Japan 1963, 28.2.) Das Remake eines 1935 gedrehten Films einer im Kabuki-Milieu Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelten Geschichte wird unter Ichikawas Regie zu einem visuellen Spektakel. Er erzählt von Yukinojo, einem bekannten Frauendarsteller des Kabuki-Theaters, der davon besessen ist, den Tod seiner Eltern zu rächen. Das stilisierte Setting der Bühne wird nicht verlassen, die Grenzen zwischen On- und Offräumen verlaufen fließend. Das Spiel zwischen den Gegensätzen Illusion und Realität verwebt Ichikawa zu einem delirierenden Werk voller Farbenpracht im Breitwandformat. Der Soundtrack bewegt sich zwischen traditioneller Musik und suggestivem Jazz. (al)