März 2007,

The Open Road - Schätze aus dem British Film Institute

WE ARE THE LAMBETH BOYS, 1959

Im März präsentiert das Arsenal in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek und dem British Film Institute ein umfassendes Programm aus den Beständen des BFI National Archive in London. "The Open Road – Schätze aus dem British Film Institute" öffnet die Pforten eines der bedeutendsten und ältesten Filmarchive der Welt, das unter anderem zu den vier Gründungsmitgliedern der FIAF (Fédération Internationale des Archives du Film) gehört. Hervorgegangen ist das dem British Film Institute zugehörige Archiv aus der 1935 eröffneten National Film Library, die bis in die siebziger Jahre von Ernest Lindgren geleitet wurde. Lindgren war ein leidenschaftlicher Verfechter von Film als erzieherischem Medium. In einem offenen Brief machte er sich im Jahr 1935 als erster Kurator für die Gründung einer Filmbibliothek zum Schutz des nationalen Filmerbes stark. Heute verfügt das BFI National Archive, so der seit 2006 offizielle Name des britischen Filmarchivs, über eine der weltweit umfangreichsten Filmsammlungen. Trotz seiner nationalen Ausrichtung hat sich das Archiv auch immer wieder um den Erhalt von internationalen Klassikern der Filmgeschichte verdient gemacht. Unsere Reihe "The Open Road – Schätze aus dem British Film Institute" versucht, sowohl einen Einblick in die aktuellen Aktivitäten des BFI National Archive zu geben als auch aus dem reichen Fundus britischer Filmgeschichte zu schöpfen.

Eröffnet wird die Reihe aus gegebenem Anlass mit einem Doppelprogramm. ELECTRIC EDWARDIANS ist eine Reise durch die Zeit, in das England um die vorletzte Jahrhundertwende. 1994 wurden in einem Keller im nordenglischen Städtchen Blackburn 800 Rollen gut erhaltener Kameranegative der Produktionsfirma Mitchell & Kenyon gefunden. Die vergessene Sammlung bestand aus Aktualitäten, Sport- und Nachrichtenfilmen und einminütigen Slapstickeinlagen, die Sagar Mitchell und James Kenyon zwischen 1900 und 1913 produziert und auf Jahrmärkten und Stadtfesten vorgeführt hatten. Historiker bewerten die Mitchell & Kenyon-Filme als bedeutendsten Fund in der britischen Filmgeschichte. Kurzfilme wie MANCHESTER STREET SCENE (1901) oder WHITSUNTIDE FAIR AT PRESTON (1906) sind unschätzbare Dokumente aus der Frühzeit des Kinos und bewegende Zeugnisse des britischen Alltags zur Zeit Edwards VII. Im Jahr 2000 begann das BFI mit der Restaurierung der Mitchell & Kenyon-Sammlung. ELECTRIC EDWARDIANS ist eine thematische Zusammenstellung der schönsten Filme; die Musik wurde von der englischen Gruppe "In The Nursery" eigens für dieses Programm komponiert. (2.3., mit einer Einführung von Nigel Algar, Senior Curator für Fiction Film des BFI)

Im Anschluss daran präsentieren wir eine neue Kopie von OLIVER TWIST (David Lean, GB 1948), dem ersten von acht Restaurierungsprojekten, die das British Film Institute in Zusammenarbeit mit der David Lean Foundation in den kommenden Jahren vornehmen wird. OLIVER TWIST war nach Great Expectations Leans zweite Dickens-Verfilmung, und er etablierte Lean als hoffnungsvollen britischen Regisseur mit einem ungewöhnlich genauen Blick für szenische Details. (2.3., mit einer Einführung von Nigel Algar & 7.3.)

Ein Schwerpunkt unseres Programms ist das britische Kino der Stummfilmzeit. THE RING (Alfred Hitchcock, GB 1927) gehört zu den unbekannteren Frühwerken Alfred Hitchcocks, weist aber schon deutlich die Handschrift des Meisters auf. Hitchcock selbst bezeichnete ihn als "zweiten richtigen Hitchcock-Film" nach The Lodger. THE RING ist angesiedelt im Boxmilieu und überzeugt besonders durch seine authentische Schilderung dieses durch und durch englischen Sujets. Hitchcock gelingt es immer wieder, die Rivalität zweier Kämpfer um die Boxkrone und die Gunst einer schönen Frau mit kleinen visuellen Bonmots zu konterkarieren. (4. & 12.3.)

Mehr Hitchcock als Hitchcock selbst ("a film who out-hitchcocks Hitchcock", wie ein Kritiker schrieb) ist Anthony Asquiths stimmungsvoller Stummfilm A COTTAGE ON DARTMOOR (Anthony Asquith, GB/Schweden 1929), der die Geschichte eines schüchternen Friseurlehrlings und seiner unglücklichen Liebe zu einer Frau erzählt. Ähnlich wie Hitchcock in The Lodger arbeitete Asquith hier mit einer modernistischen Montage, die sich gut zur expressionistischen Ausstattung dieses zu Unrecht wenig beachteten Meisterwerks fügt. (6.3.)

Selbst unter den härtesten Kritikern des oft gescholtenen britischen Stummfilms zählt HINDLE WAKES (Maurice Elvey, GB 1927) zu den rühmlichen Ausnahmen. Elvey erinnerte in vielerlei Hinsicht an die legendären Studioregisseure Hollywoods. So galt HINDLE WAKES weniger als das Werk eines Visionärs, sondern bestach in erster Linie durch seine für damalige britische Verhältnisse ungekannte Professionalität. Die Kritik nahm dies seinerzeit mit großer Genugtuung auf. Die Geschichte einer jungen Fabrikarbeiterin, die sich gegen die Hochzeitspläne ihrer Mutter auflehnt, ist aber auch ein Beleg dafür, dass sich das britische Kino langsam vom Klassendenken der frühen Jahre freimachte und zu einem unvoreingenommenen Blick auf das Leben der einfachen Leute fand. (9.3.)

Ein weiteres Stummfilm-Programm ist dem Schweizer Priester Abbé Joye (1852–1919) gewidmet. Rückblickend könnte man Abbé Joye als ersten Medienpädagogen bezeichnen. Joye sammelte zu Erziehungszwecken über Jahre Filme aus den frühen Tagen des Kinos. Heute befindet sich die Joye-Sammlung, zu der auch viele deutsche Titel gehören, im Besitz des BFI. Wir zeigen im Rahmen von "The Open Road – Schätze aus dem British Film Institute" einige dieser deutschen Titel, wie die Max Mack-Komödie DER STELLENLOSE PHOTOGRAPH (1910), diverse Aktualitäten, den Reisefilm EINE FAHRT DURCH BERLIN (1910) sowie das Drama DÄMONIT (1914). (8.3.)

Ein besonderes Highlight ist die Zusammenstellung THE OPEN ROAD (Claude Friese-Greene, GB 1925), der wir auch den Titel unserer kleinen Werkschau entliehen haben. Im Jahr 1924 reiste Claude Friese-Greene, Sohn des Farbfilmpioniers William Friese-Greene, durch Großbritannien, um, angelehnt an berühmte englische Postkartenmotive, in den verschiedenen Regionen kurze Landschaftsimpressionen zu filmen. Das Farbfilmverfahren, das er hierfür verwendete, war eine Weiterentwicklung des von seinem Vater erfundenen Zwei-Farb-Systems Natural Colour. THE OPEN ROAD ist in zweierlei Hinsicht atemberaubend: als Dokumentation der britischen Landschaft, wie sie heute teilweise nicht mehr erhalten ist, und als Zeugnis eines frühen, selten zu sehenden Farbverfahrens, das vom British Film Institute sorgfältig rekonstruiert wurde. (25.3.)

Eine etwas andere Art von "Britishness" begegnet uns in der Shakespeare-Verfilmung HENRY V. (GB 1943) von Laurence Olivier. Oliviers wortgetreue Adaption des klassischen Theaterstoffs galt seinerzeit als hochgradig ambitionierte Produktion. Er nahm der Vorlage seine Bühnenhaftigkeit, nicht zuletzt in der überwältigend inszenierten Schlacht von Agincourt. Ein Literaturklassiker in strahlendem Technicolor. (16.3.)

Die Graham Greene-Verfilmung THE FALLEN IDOL (Carol Reed, GB 1948) stand lange Jahre zu Unrecht im Schatten von Carol Reeds berühmterer Greene-Adaption The Third Man. Er bewies mit seinem Film jedoch ein feines Gespür für Schauspielerführung: Bobby Henrey liefert als Diplomatensohn Felipe das zurückhaltende Portrait eines Jungen im Ringen mit den Widersprüchen der Erwachsenenwelt. Auch Greene hielt THE FALLEN IDOL für die beste Verfilmung einer seiner Geschichten. (14.3.)

Der Spionagefilm THE SPY IN BLACK (Michael Powell, GB 1939) markierte die erste Zusammenarbeit des legendären Gespanns Michael Powell und Emeric Pressburger (Red Shoes, Black Narcissus). Für THE SPY IN BLACK konnten sie zudem Conrad Veidt, den Powell in seinen Memoiren ehrfurchtsvoll als "magnificient animal" beschrieb, für die Rolle eines U-Boot-Kommandeurs gewinnen. Veidt ist es auch, der dem Film durch seine schiere Präsenz seinen Stempel aufdrückt. Ein selten gesehener Powell-Pressburger-Film, der im filmischen Kanon des Duos allzu oft unterschlagen wird. (11. & 13.3.)

Nicht britisch, aber ein schönes Beispiel für die internationale Ausrichtung des British Film Institute ist Jean Renoirs The River (USA/F/Indien 1951), den wir in einer restaurierten Fassung aufführen. Renoirs letzte amerikanische (Co-)Produktion ist ein Meisterwerk des Technicolor-Films. Seine sorgfältige Farbregie, abgestimmt auf die Lichtverhältnisse des indischen Subkontinents, unterstreicht auf beeindruckende Weise die Bedeutung der Malerei im Werk Renoirs. (19. & 21.3.)

"Quota Quickies" war der Name einer Reihe schnell heruntergedrehter Billigfilme, die ab Mitte der 30er Jahre speziell für den britischen Kinomarkt produziert wurden. Regisseuren wie Michael Powell oder David Lean dienten diese Produktionen als Sprungbrett für ihre Karrieren. Wir zeigen als Doppel-Feature zwei Filme dieser Ära: die Edgar Allen Poe-Verfilmung THE TELL TALE HEART (Desmond Hurst, GB 1934), das verstörende Portrait eines psychisch kranken Einzelgängers, sowie TIGER BAY (J. Elder Willis, GB 1934), ein Gangsterfilm angesiedelt im Londoner Limehouse District, mit der hinreißenden Anna Mae Wong in der Hauptrolle (für den Schnitt zeichnete sich David Lean verantwortlich). Unsere "Quota Quickies" sind gelungene Beispiele für eine genuin britische B-Movie-Kultur. (17.3.)

Natürlich möchten wir unserem Publikum auch nicht einen Film jenes Regisseurs vorenthalten, der wie kein anderer für die sozialrealistische Schule des englischen Kinos steht: Ken Loach. FAMILY LIFE (GB 1971) ist ein relativ unbekanntes Frühwerk, das noch ganz unter dem Eindruck seiner semi-dokumentarischen Fernsehfilme aus den 60er Jahren steht. Loach erzählt die Geschichte eines Mädchens, das sich den gesellschaftlichen Normen nicht beugen will, und darum von seinen Eltern in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Loachs Film zeichnet ein schockierendes Bild der englischen Gesellschaft und des britischen Gesundheitswesens. (30.3.)

Wenn es um den britischen Dokumentarfilm geht, fällt einem natürlich sofort die einflussreiche „"Free Cinema"-Bewegung ein. MOMMA DON'T ALLOW (GB 1956) und WE ARE THE LAMBETH BOYS (GB 1959), beide von Karel Reisz inszeniert, zählen zu den Meilensteinen des Dokumentarfilms. Sie stehen auch für einen unvoreingenommen Umgang mit Jugendkultur, wie es damals in den Medien kaum zu sehen war. Der Kurzfilm MOMMA DON'T ALLOW schildert die Subkultur der Teddy Boys in einem angesagten Jazzclub, WE ARE THE LAMBETH BOYS beschreibt den Alltag Londoner Jugendlicher. (26. & 31.3.)

Die Zusammenstellung HOW TO SURVIVE THE 1940s dagegen liefert einen mitunter bizarren Einblick in die Befindlichkeiten der englischen Gesellschaft der 40er Jahre. 1946 startete das Central Office of Information eine öffentliche Kampagne zur Erziehung der Bevölkerung. Die Instruktionsfilme, die im Zuge dessen entstanden und so unterschiedliche Themen wie Wohlfahrt, Sicherheit und Ernährung adressierten (Nimm nie Süßigkeiten von Fremden, lautete eine der Botschaften), waren direkt in der britischen Dokumentarfilm-Schule der dreißiger Jahre verwurzelt. HOW TO SURVIVE THE 1940s präsentiert erheiternde wie auch durchaus ernsthafte Beispiele aus der Produktion des britischen Informationsministeriums.(15.3.)

Das thematische Filmprogramm "Freedom in the Streets" versammelt vier Kurzfilme, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem öffentlichen Leben in der Nachkriegszeit beschäftigen. THE FORGOTTEN FACES (Peter Watkins, GB 1961) zum Beispiel stellt den ungarischen Aufstand von 1956 nach und findet darüber zu einer Reflexion über zivilen Ungehorsam und persönliche Eigenverantwortung. THE VANISHING STREET (Robert Vas, GB 1962) dokumentiert das Leben der jüdischen Gemeinschaft im Londoner East End der 60er Jahre. (18.3.)

"British Islands", eine Zusammenstellung von Künstlerfilmen, setzt sich formal mit Englands Selbstverständnis als Inselreich auseinander, indem es das Verhältnis des Sozialen zur britischen Geografie untersucht. Der einminütige Stummfilm ROUGH SEA AT DOVER (Birt Acres, R.W. Paul, GB 1895) ist noch nicht mehr als eine meditative, fast schon romantisch verklärte Sicht auf das Meer, die sich in Filmen wie SUPERNUMERARIES (Anja Kirschner, GB 2003) oder TERRITORIES (Isaac Julien, GB 1984) zu einem kritischen Diskurs öffnet. (22.3.)

Wir freuen uns ganz besonders, einen Film eines alten Bekannten im Arsenal zeigen zu dürfen. David Larcher gehört zu den profiliertesten und eigenwilligsten englischen Experimentalfilmern und war schon oft zu Gast im alten Arsenal in der Welserstraße. Sein bislang letzter Film ICH TANK (1997) schildert den Dialog eines Mannes mit seinem Goldfisch und setzt sich so auf spielerische Weise mit Fragen des Egos, der Repräsentation und der Projektion auseinander. (23.3.)

Seit 1984 liegt auch die Konservierung von englischen Fernsehprogrammen im Verantwortlichkeitsbereich des BFI National Archive. Einen Einblick in die bewegten 60er Jahre, das „Golden Age of British Television“ gewährt dieses Programm. Bahnbrechend war Ende der 50er Jahre die Fernsehspielreihe "The Armchair Theatre", die unter der Ägide des Produzenten Sydney Newman mit sozialkritischen Themen immer wieder für Furore sorgte. Wir präsentieren im Rahmen eines Harold Pinter-Doppelprogramms zwei dieser Fernsehproduktionen: THE NIGHT OUT (Philip Saville, GB 1960), das erfolgreichste Stück der Reihe, und das Gesellschaftsporträt THE LOVER (Joan Kemp-Welsh, GB 1963) über ein sexuell frustriertes Ehepaar in der Londoner Vorstadt. (29.3.)

"Surreal Comedy" ist ganz dem britischen Humor gewidmet, der im Fernsehen der 60er Jahre die seltsamsten Blüten trieb. Wir zeigen je eine Folge von vier Comedy-Sendungen, die Fernsehgeschichte geschrieben haben. Die anarchische A SHOW CALLED FRED (GB 1956) von Richard Lester mit dem jungen Peter Sellers, die psychedelische Kindersendung DO NOT ADJUST YOUR SET (GB 1967–69) des Monty Python-Teams, dessen Nachfolger AT LAST THE 1948 SHOW (1967) und natürlich MONTHY PYTHON’S FLYING CIRCUS (1969–1974), von der wir eine der beiden von Alfred Biolek für das deutsche Fernsehen produzierten Folgen präsentieren. (3.3.) (Andreas Busche)
Mit freundlicher Unterstützung des British Council.