Dezember 2013, living archive

Öffentliche Sichtung am 15.12.: "Erosu + Gyakusatsu"

EROSU + GYAKUSATSU, 1969

Die Öffentliche Sichtung eines Films aus dem Archiv des Arsenal wird diesmal vom DFG-Graduiertenkolleg "Sichtbarkeit und Sichtbarmachung. Hybride Formen des Bildwissens" durchgeführt. Im selten aufgeführten Film EROSU + GYAKUSATSU (Eros + Massaker, Yoshishige Yoshida, Japan 1969) trifft japanischer Anarchismus der 20er auf studentisches Leben der späten 60er. Zentral sind die Liebesverhältnisse des vom Militär ermordeten Anarchisten Ōsugi Sakae zu drei Frauen, die verschiedentlich das einfordern, für was Ōsugi steht. Dies wiederum beschäftigt auch eine Studentin und einen Student, die sich beeinflusst durch Ōsugis Lebensentwurf fragen, was es beispielsweise mit der Politik der freien Liebe auf sich hat.

Zu dem Plus im Titel von EROSU + GYAKUSATSU hat der Kritiker Pascal Bonitzer angemerkt, dass es bereits eine Logik der Schleife impliziere, die sich im Film ständig selbst annulliert. Der Regisseur Yoshishige Yoshida fügte dem hinzu, dass die Zeit des Films eine Imaginäre sei, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich befragen. EROSU + GYAKUSATSU soll also eine Konstruktion sein, die ständig dazu aufruft, als Konstruktion ihr habhaft zu werden.

EROSU + GYAKUSATSU spielt dies mit verschiedenen Mitteln der Adressierung und Verfremdung durch. Eine davon ist ein extrem dezentrierender Umgang mit dem Cinemascope. In den Standbildern, die vom Film zu finden sind, weist das breite Bild einen ungenügenden oder obligatorischen Charakter auf. Der Kadrierung entgeht etwas oder gelingt es noch nicht. Zugleich ist alles sehr durchkomponiert – Peripheres wie Verflachungen erscheinen neuralgisch.

In der Sichtung stellt Peter Müller gemeinsam mit Ines Schaber zur Diskussion, welcher Einstieg heute in diese sich de- wie rekonstruierende Imagination politisierter Zeiten möglich ist. Peter Müller hat den Film aufgrund seines Interesses an Bildformaten vorgeschlagen. Er untersucht in seinem Promotionsvorhaben normierende Aspekte in 16:9. Hierbei geht es unter anderem um Raumverfasstheiten und Blickordnungen, die auch EROSU + GYAKUSATSU auf seine Weise destabilisieren möchte. (Peter Müller)