Januar 2014, living archive

"A Day’s Pleasure, Behind the Screen" – Eine filmkuratorische Performance von Clemens von Wedemeyer

Die Premiere von Clemens von Wedemeyers Spielfilm MUSTER (D 2012, 18.1. im Kino Arsenal) haben wir zum Anlass genommen, ihn einzuladen, sich in der Sammlung des Arsenal umzusehen und haben ihm für einen Tag unsere beiden Kinos inklusive Foyer zur Verfügung gestellt. Entstanden ist das Programm A DAY’S PLEASURE, BEHIND THE SCREEN, das wir am 19. Januar präsentieren. "Wie wäre es, wenn man in einem Multiplex-Kino die Wände zerschlagen würde, wenn sich die Besucher ganz unterschiedlicher Filme vermischen würden, um gemeinsam getrennte Filme zu sehen? Das Experiment: Zwei komplementäre Programme werden parallel gezeigt, und der Besucher darf mit demselben Ticket zwischen ihnen frei wählen und flanieren. Das heimliche Herausgehen aus dem Kino, das störende Türenschlagen wird hier zu einem Teil der gemeinsamen zerstreuten Performance. Das kuratierte Marathon-Programm kann an diesem Tag, wie bei einem Filmfestival, nur zu einem Teil gesehen werden. Ein anderer Teil wird immer verpasst. Die Inspiration gaben zwei Filme von Charlie Chaplin: A DAY’S PLEASURE und BEHIND THE SCREEN." (Clemens von Wedemeyer)

Kino 1: A DAY’S PLEASURE Das Programm A DAY’S PLEASURE, benannt nach dem Film von Chaplin, in dem eine Familie einen Ausflug auf einem schwankenden Schiff macht, zeigt Filme, die das Kino als Raum begreifen und den Zuschauer zu einem Schwindelgefühl anregen und Taumel evozieren. Der Betrachter wird durch die filmischen Körpereffekte betört, beherrscht und in ein unbekanntes Gebiet entführt. Zentraler Film ist dabei Michael Snows LA REGION CENTRALE, in dem sich eine Kamera alleine auf einem Berg drei Stunden lang um sich selbst dreht, bis der Zuschauer das Kino als Körper und eigenen Kosmos fühlt. Aber auch narrative Filme wie Cassavetes’ A WOMAN UNDER THE INFLUENCE, die den psychischen, sozialen Taumel beschreiben, sind Teil des Programms.

A DAY’S PLEASURE, Charlie Chaplin, USA 1919, 25 min
INSTRUCTIONS FOR A LIGHT AND SOUND MACHINE, Peter Tscherkassky, Österreich 2005, 17 min
DISORIENT EXPRESS, Ken Jacobs, USA 1995, 30 min
A STUDY IN CHOREOGRAPHY FOR CAMERA, Maya Deren, USA 1945, 4 min
LA REGION CENTRALE, Michael Snow, Kanada 1974, 191 min
BRUCE LEE IN THE LAND OF BALZAC, Maria Thereza Alves, Frankreich 2007, 3 min
A WOMAN UNDER THE INFLUENCE, John Cassavetes, USA 1974, 147 min
MOTHLIGHT, Stan Brakhage, USA 1961, 4 min
CONTRE-JOUR, Matthias Müller, Christoph Girardet, Deutschland 2009, 11 min
RITUAL IN TRANSFIGURED TIME, Maya Deren, USA 1946, 15 min
LOOKING FOR MUSHROOMS, Bruce Connor, USA 1967, 13 min
ALLES DREHT SICH, ALLES BEWEGT SICH!, Hans Richter, Deutschland 1929, 8 min
VERTIGO RUSH, Johann Lurf, Österreich 2007, 19 min
KARAGOEZ – CATALOGO 9,5, Yervant Gianikian, Angela Ricci Lucchi, Italien 1979, 48 min

INSTRUCTIONS FOR A LIGHT AND SOUND MACHINE: Ein Versuch, einen Western in eine griechische Tragödie zu verwandeln; DISORIENT EXPRESS: die Neugestaltung einer Sequenz einer Zugreise von 1906, indem das ursprüngliche Filmmaterial umgestaltet wurde; A STUDY IN CHOREOGRAPHY FOR CAMERA: Ein Mann, der in einem Wald tanzt und in ein Haus teleportiert wird, so durchgängig sind seine Bewegungen; BRUCE LEE IN THE LAND OF BALZAC: Bruce Lee in einer französischen Landschaft und es gibt kein Zurück; MOTHLIGHT: Der Film zeigt, was eine Motte sehen würde, wenn schwarz weiß und weiß schwarz wäre; CONTRE-JOUR: Dieser Film scheint direkt von der Leinwand in die Retina zu flimmern; RITUAL IN TRANSFIGURED TIME: Ein soziales Event mit Tanz-Choreografie; LOOKING FOR MUSHROOMS: Eine 3-Minuten lange farbenfrohe Fahrt mit der Musik der Beatles; ALLES DREHT SICH, ALLES BEWEGT SICH!: Alles löst sich in einer lebhaften Kollage des Berliner Straßenkarnevals auf; VERTIGO RUSH: Variationen von sich nähernden und zurückziehenden Bewegungen – mit hypnotischem Effekt; KARAGOEZ – CATALOGO 9,5: langsam, komplett stumm und sorgfältig eingefärbt, einer der schönsten Found-Footage-Filme.

Kino 2: BEHIND THE SCREEN Im entgegengesetzten Programm BEHIND THE SCREEN, ebenfalls benannt nach einem Film von Charlie Chaplin, in dem dieser als Bühnenarbeiter von Problem zu Problem rauscht, werden Filme vorgeführt, die die Medienproduktion in der Gesellschaft und ihre Bedingungen analysieren. Die Protagonisten, meist Schauspielerinnen und andere Filmarbeiter, werden bei der Arbeit gezeigt, oder sind im Making-of auf sich selbst zurückgeworfen, schließlich hinter der Leinwand oder auf der Bühne, in der Reflektion gefangen. Zentraler Film ist hier LA MACCHINA CINEMA über die Einsamkeit der Arbeit und den italienischen Kino-Traum, aber auch Samuel Becketts FILM, eine Reflexion über Wahrnehmen und Wahrgenommen-werden im Film, mit Buster Keaton.

BEHIND THE SCREEN, Charlie Chaplin, USA 1916, 28 min
PROJECTION INSTRUCTIONS, Morgan Fisher, USA 1976, 4 min
FILM, Alan Schneider, Samuel Beckett, USA 1965, 21 min
LA MACCHINA CINEMA, Silvano Agosti, Marco Bellocchio, Sandro Petraglia, Stefano Rulli, Italien 1978, 268 min
A VISIT TO HANS RICHTER, Jonas Mekas, USA 2003, 9 min
CINEMA VERITE, FILMSTIL UND FILMTECHNIK (Teil 6), Ulrich Gregor, Michael Strauven, BRD 1968, 31 min
A & B IN ONTARIO, Joyce Wieland, Hollis Frampton, USA 1984, 15 min
EH JOE, Samuel Beckett, USA 1966, 30 min
ELLE A PASSE TANT D’HEURES SOUS LES SUNLIGHTS, Philippe Garrel, Frankreich 1984, 138 min

PROJECTION INSTRUCTIONS: Ein Film, der den Vorführer ins Zentrum stellt und mit ihm alle Anweisungen (”Turn sound off”), die es zu beachten gilt; A VISIT TO HANS RICHTER: Eine Kompilation aller Auftritte von Hans Richter in den Filmen von Jonas Mekas; A & B IN ONTARIO: Ein Porträt, bei dem Joyce Wieland und Hollis Frampton eine visuelle Kommunikation aus der Perspektive ihrer Kameras führen; CINEMA VERITE, FILMSTIL UND FILMTECHNIK (Teil 6): Der Film als ein Medium, das unterhält, erzieht und informiert im Kino wie im Fernsehen; EH JOE: Joe denkt, er sei sicher, aber er hört die Stimme einer Frau, die sich ihm nähert; ELLE A PASSE TANT D’HEURES SOUS LES SUNLIGHTS: Ein junger Filmemacher dreht mit seiner Freundin Christa einen Film über zwei Paare, ein wirkliches und ein imaginiertes.

Zugang zu allen Filmen mit Tagesticket (9,50 €).

Das Programm zum Download (PDF)