November 2015, living archive

Unser Archiv ist umgezogen

Die analogen Filmkopien des Arsenal-Archivs haben ein neues zu Hause. Seit Anfang November lagern sie im silent green Kulturquartier – einem Ausstellungs- und Veranstaltungsort in den denkmalgeschützten Räumlichkeiten des ehemaligen Krematorium Wedding. Der Umzug – ermöglicht durch ein privates Sponsoring – dient nicht nur der besseren Lagerung des umfangreichen Bestandes von rund 10.000 Kopien. Im Fokus steht die Idee eines lebendigen Archivs, das im Zusammenhang mit Digitaliserung- und Restaurierungsprojekten stets (Wissens-)Produktion und zeitgenössische Rezeption mit im Blick hat. Im silent green Kulturquartier bieten sich dem Arsenal-Archiv neue Möglichkeiten zum Forschen, Arbeiten, Experimentieren und Ausstellen, die die Arbeit in den beiden Kinos am Potsdamer Platz erweitern. Zur offiziellen Eröffnung laden wir im Frühjahr 2016 ein.

In enger Zusammenarbeit mit dem Team des silent green Kulturquartier um die Filmschaffenden Bettina Ellerkamp und Jörg Heitmann ist das konzeptionelle Befragen und Bearbeiten der Produktion, Präsentation und Partizipation von Kunst und Kultur geplant. In diesem Zusammenhang ist auch der Mieterverbund des Hauses zu sehen: Dazu zählen u.a. das in Gründung befindliche Harun-Farocki-Institut, SAVVY Contemporary, das Musicboard Berlin sowie das Label !K7.

Auf 525 m2 lagern Filme, zusätzlich stehen vier Sichtungsstationen mit Schneidetischen und Monitoren zur Verfügung. Filmwissenschaftler_innen, Kurator_innen, Künstler_innen und alle anderen können sich hier stunden-, tage-, wochen- oder monatsweise einmieten. Damit die Kopien keinen Schaden nehmen, steht für die Sichtungen fachliche Betreuung zur Verfügung. Der Umgang mit analogem Filmmaterial soll künftig in Workshops vermittelt werden.

Im Gegensatz zu anderen Archiven wurde im Arsenal niemals ein Sammlungsauftrag definiert. Stattdessen entstand aus der kuratorischen und vermittelnden Praxis heraus die Notwendigkeit, Filme verfügbar zu halten, damit sie eine Öffentlichkeit in Berlin, in Deutschland oder auch weltweit erreichen konnten. So wurden die Filme der Berlinale-Sektion Forum seit 1971 nicht nur für das Festival herangeschafft, sondern es wurden untertitelte Kopien hergestellt, um sie später auch in Deutschland der gewerblichen und nichtgewerblichen Filmarbeit zur Verfügung zu stellen. Hinzu kamen Filmkopien, die im Rahmen anderer Projekte erworben wurden oder die befreundete Filmemacher_innen zur Verfügung stellten. Die Sammlung des Arsenal spiegelt Weltkinematographie anhand der lebendigen Geschichte einer Berliner Institution, die niemals abgeschlossen sein wird.

Filme aus zahlreichen Ländern, darunter Chile, Kuba, Indien, USA, Großbritannien, Argentinien, Algerien, Marokko oder Senegal haben im Arsenal überlebt. In einigen Fällen sind weltweit keine weiteren Kopien mehr auffindbar. Viele Filme sind vergessen oder waren ihrer Zeit voraus und ihre Bedeutung wird erst jetzt erkannt. Ein Moment der Utopie scheint all diesen Filmen innezuwohnen, jeder Film kann als Versuch einer Ästhetik des Kinos gesehen werden, die sich als gesellschaftliche und politische Praxis der Gegenwart versteht und in die Zukunft hineinwirken möchte. Dieses Utopiemoment ist der Schlüssel zu einem lebendigen Archiv. Restaurierung und Zugänglichmachung dienen hier nicht einfach der Erschließung von Filmgeschichte, sondern in gleichem Maße unserer Selbstreflexion und Neuerfindung: Was sonst ist Kino?